Freitag, 9. Dezember 2016

„Ich bin eine Kämpferin“: Frauenbilder der Niki de Saint Phalle

Ausstellung im Museum Ostwall im Dortmunder U

„Statt Terroristin zu werden, wurde ich Terroristin der Kunst.“
Niki de Saint Phalle

Das Museum Ostwall im Dortmunder U widmet der international bekannten franko-amerikanischen Künstlerin Niki de Saint Phalle (* 29. Oktober 1930 in Neuilly-sur-Seine, † 21. Mai 2002 in San Diego) eine umfangreiche Ausstellung. Die Schau „Ich bin eine Kämpferin“: Frauenbilder der Niki de Saint Phalle wirft mit 110 Werken einen fokussierten Blick auf die Künstlerin und ihre facettenreichen Frauenbilder. Auf einer Ausstellungsfläche von 1.000 m² in der 6. Etage des Dortmunder U veranschaulichen Skulpturen, Lithographien, Zeichnungen sowie Foto- und Filmmaterial den Besuchern die verschiedenen Facetten ihres Lebens und Werks.

Gezeigt wird die Entwicklung von den frühen Frauenbildern über Assemblagen und Schießbilder (Tirs) bis hin zu den Bräuten, Gebärenden, Nanas und den Verschlingenden Müttern. Bekannt wurde Niki de Saint Phalle in den 1960er-Jahren durch ihre bunten, erotischen Nana-Figuren, die in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen Lebensfreude und ein utopisches Gegenbild weiblicher Identität ausdrücken.

„Nana“ von Niki de Saint Phalle in Hamburg

In einer Zeit, in der die Diskussion um Selbstbestimmung der Frau und Überwindung tradierter Rollenmodelle gerade erst begann, wurde Niki de Saint Phalle zur Vorläuferin einer Generation von Künstlerinnen, die sich dem Thema des emanzipierten Frauseins zuwandten. Bereits in ihren frühen Arbeiten beschäftigte sich die Künstlerin mit politischen Konflikten und dem überlieferten Rollenverständnis ihrer Zeit und erweiterte dieses um ihren künstlerischen Blick auf die Frau in der Gesellschaft.


Gliederung der Ausstellung

Die Ausstellung ist chronologisch-thematisch geordnet und verteilt sich auf zehn Räume. Im Eingangsbereich der Ausstellung spiegelt Niki de Saint Phalles einziges Selbstportrait, Autoportrait (um 1958/59), in Selbstreflexion eigene Erfahrungen und Prägungen wider und verweist gleichermaßen auf ihre künstlerische, materialorientierte Ästhetik. Die folgenden Kabinette der Galerie zeigen frühe Familienbilder, Assemblagen, Schießbilder und Briefe.

Martyr nécessaire / Saint Sébastien / Portrait de mon amour / Portrait of myself
März/April 1961
Farbe, Zielscheibe, Wurfpfeile, Oberhemd, Krawatte, Zigarettenschachtel, Gewehr auf Holz
Privatsammlung, Paris / Courtesy Galerie GP & N Vallois, Paris
Foto: André Morin
© 2016 Niki Charitable Art Foundation, All rights reserved.

Noch unter dem Namen Niki Mathews entschied sie sich nach ihrem Umzug von Amerika nach Europa Anfang der 1950er-Jahre und nach einem Nervenzusammenbruch, Künstlerin zu werden. Während ihrer erste Ehejahre mit Harry Mathews (* 14. Februar 1930 in New York City) und ihrer neuen Rolle als Mutter entstanden frühe Gemälde wie Asseyez-vous madame (um 1952 – 1954), La fête (um 1953), Family Portrait (um 1954/55), Pink Nude in Landscape (1959) oder Autoportrait (um 1958/59).

Nach den figürlichen Bildern der frühen 1950er-Jahre zeigen Niki Mathews Assemblagen wie Broken Plates (1958), Paysage de la mort ou Collage de la mort (1960) oder Two Boxes (1960) den Beginn einer neuesn Schaffensperiode an, in der sie weitgehend auf die Darstellung von Gegenständlichkeit verzichtet.

Tir avion
1961
Objekte, Gips, Farbe auf Holz
Niki Charitable Art Foundation, Santee
© 2016 Niki Charitable Art Foundation, All rights reserved.

Anfang der 1960er-Jahre entwickelte Niki de Saint Phalle mit ihren Tirs (Schießbildern) eine neue und innovative Kunstform. Mit der bewussten Geste des Abfeuerns einer Waffe auf ihre Arbeiten bemächtigte sie sich der den Männern vorbehaltenen Machtrolle des Schießenden. Als Initialzündung für die Tirs können die Dartportraits der Künstlerin gesehen werden, in der Ausstellung durch das Werk Martyr nécessaire / Saint Sébastien / Portrait de mon amour / Portrait of myself (1961) vertreten.

„Ich bin eine Kämpferin“: Frauenbilder der Niki de Saint Phalle, Blick in die Ausstellung

In ihren zahlreiche illustrierten Briefen reflektiert Niki de Saint Phalle anschaulich ihr Leben, ihr Lieben und ihre Umwelt. Fragen, die in Titeln wie Could We Have Loved? (1968), Why Don’t You Love Me? (1968), My Love What Shall I Do If You Die? (1968) aufgeworfen werden, oder Gedanken in Dear Diana (1968), Californian Diary (Black is Different) (1964) und Californian Diary (My Men) (1968) spiegeln ihre Emotionen, aber auch ihre Selbstzweifel wider, die sie Zeit ihres Lebens beschäftigt haben.

„Ich bin eine Kämpferin“: Frauenbilder der Niki de Saint Phalle, Blick in die Ausstellung

Der Oberlichtsaal widmet sich verstärkt der Beschäftigung Niki de Saint Phalles mit den verschiedenen Rollen der Frau. Im ersten Raum ist ihre zunehmend provokative Ausarbeitung der gesellschafts- und politikkritischen Geste ihrer Schießarbeiten zu sehen. Sie schoss nun auf Orte und Symbole der männlichen Gewalt, so auf den die Kirche verkörpernden Altar Autel noir et blanc (1962).

Lili ou Tony
1965
Polyesterharz, bemalt, Stoff, Maschendraht und Papier
Courtesy Galerie GP & N Vallois, Paris
Foto: Aurélien Mole
© 2016 Niki Charitable Art Foundation, All rights reserved.

In Figurenassemblagen und Skulpturen gestaltete sie nun verschiedene Frauenfiguren wie Bräute (Tir avion, 1961) und Gebärende (Femme éclatée, 1963). Ein deutlich feministischer Blick auf die Geschlechtsverhältnisse äußert sich in diesen Werken.

„Ich bin eine Kämpferin“: Frauenbilder der Niki de Saint Phalle, Blick in die Ausstellung

Die folgenden Räume zeigen erste Nanas wie Lili ou Tony (1965) oder Louise (1965), noch aus Wolle und geklebten Papieren, und ihre Ausformung als Symbole der Black-Power-Bewegung in The Lady Sings the Blues (1965) oder Rosy or My Heart Belongs to Rosy (1965).

Autel des femmes
1964
Fundstücke, Farbe, Gips, Kaninchendraht auf Holz (Triptychon)
Sprengel Museum, Hannover
Foto: Michael Herling
© 2016 Niki Charitable Art Foundation, All rights reserved.

Zeitgleich mit den lebensbejahenden Nanas entstanden um 1970 Darstellungen von voluminösen, vom Leben gesättigten älteren Frauen. Niki de Saint Phalle bezeichnete die Werkgruppe als Verschlingende Mütter (Bon appétit (robe mauve) (1980)).

Bon appétit (robe mauve)
1980
Polyester, bemalt, 3-teilig
Sprengel Museum, Hannover
Foto: Michael Herling
© 2016 Niki Charitable Art Foundation, All rights reserved.

Im Zentrum ihrer Auseinandersetzung mit den Identitäten der Frau steht der große Altar, der Autel de femmes (1964), der die Frau in verschiedenen Rollen und Lebensaltern in einer apokalyptischen Welt voller Bedrohung zeigt.

„Ich bin eine Kämpferin“: Frauenbilder der Niki de Saint Phalle, Blick in die Ausstellung

Der abschließende Ausstellungsraum stellt mit Werken wie Le pendu und L’illumination (beide 1988) einen Bezug zu den öffentlichen Projekten wie dem Tarotgarten (Giardino dei Tarocchi in Capalbio, Italien (1978 – 1998)) oder den Kooperationen Niki de Saint Phalles mit ihrem Partner und Freund Jean Tinguely (* 22. Mai 1925 in Freiburg/Fribourg, † 30. August 1991 in Bern) her und würdigt die Künstlerin als Kämpferin für die Frauen, für ihr eigenes künstlerisches Schaffen und als Kämpferin für ihre monumentalen Großprojekte im Außenraum.

Dolorès
1966-1995
Polyester, bemalt, auf Maschendraht, 7-teilig
Sprengel Museum, Hannover
Foto: Michael Herling
© 2016 Niki Charitable Art Foundation, All rights reserved.

Mit der großformatigen Frauenskulptur Dolorés (1966 – 1995) und der Figurengruppe Les furnérailles du père (1971) und der Grafik Le mort n’existe pas – Life is Eternal (1991) wird der Besucher aus der Ausstellung verabschiedet. „Ich bin eine Kämpferin“: Frauenbilder der Niki de Saint Phalle ist vom 10. Dezember 2016 bis 23. April 2017 im Museum Ostwall im Dortmunder U zu sehen. Das Museum ist Dienstag und Mittwoch von 11 bis 18 Uhr, Donnerstag und Freitag von 11 bis 20 Uhr sowie Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Heiligabend, am ersten Weihnachtstag, Silvester und Neijahr bleibt das Museum geschlossen. Weitere Informationen unter www.museumostwall.dortmund.de.


Begleitprogramm

Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm mit Vorträgen, Lesungen, Führungen, Aktionen und Kunstworkshops für Kinder und Jugendliche. Das Filmprogramm läuft in Kooperation mit dem RWE-Forum/Kino im U und dem Internationalen Frauenfilmfestival.


Katalog

Zur Ausstellung erscheint im Hatje Cantz Verlag, Berlin ein zweisprachiger Katalog (deutsch/englisch) mit Texten von Ulrich Krempel („Ich bin eine Kämpferin – Niki de Saint Phalle, ihre Zeit, ihr weiblicher Blick, ihre Partnerschaft“), Regina Selter („Wandel von Identitäten – Die Frauenbilder von Niki de Saint Phalle“), Karoline Sieg („Von der Assemblage zur Performance – Partizipation und Inszenierung bei den Schießbildern von Niki de Saint Phalle“) und Naja Rasmussen („Formlose Stärke“). Grafische Gestaltung und Satz: Frank Georgy, Kopfsprung, Köln. ISBN 978-3-7757-4243-6. Die Museumsausgabe ist zum Preis von 19,90 Euro erhältlich.

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