Sonntag, 18. Dezember 2016

„Die lustige Witwe“

„Die lustige Witwe“ – Operette nach Henri Meilhacs Lustspiel „L’attaché d'ambassade“ von 1861. Musik: Franz Lehár; Libretto: Victor Léon, Leo Stein; Regie: Sandra Wissmann; Choreografie: Kati Farkas; Bühne: Britta Tönne; Kostüme: Andreas Meyer; Dramaturgie: Anna Grundmeier; Musikalische Leitung: Rasmus Baumann. Darsteller: Anke Sieloff (Hanna Glawari), Michael Dahmen (Graf Danilo Danilowitsch, Gesandtschaftssekretär, Kavallerieleutnant i. R.), Joachim Gabriel Maaß (Baron Mirko Zeta, pontevedrinischer Gesandter in Paris), Bele Kumberger (Valencienne, seine Frau), Ibrahim Yesilay (Camille de Rosillon), Dirk Weiler (Njegus, Kanzlist bei der pontevedrinischen Gesandtschaft), Piotr Prochera/Marvin Zobel (Vicomte Cascada), Edward Lee (Raoul de Saint-Brioche), Tomas Möwes (Bogdanowitsch, pontevedrinischer Konsul), Katharina Borsch (Sylviane, seine Frau), Lars-Oliver Rühl (Kromow, pontevedrinischer Gesandtschaftsrat), Judith Urban (Olga, seine Frau), Tobias Glagau (Pritschitsch, pontevedrinischer Oberst in Pension), Almuth Herbst/Gudrun Schade (Praškowia, seine Frau), Daniela Günther, Marleen Jakob, Laura Trompetter, Judith Urban, Martina Vinazza, James Atkins, Nico Stank (Grisetten). Uraufführung: 30. Dezember 1905, Theater an der Wien, Wien. Premiere: 16. Dezember 2016, Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen.



„Die lustige Witwe“


Franz Lehárs Welterfolg am Musiktheater im Revier


„Die lustige Witwe“: Ensemble, Opern- und Extrachor. © Pedro Malinowski

Mit der Operette „Die lustige Witwe“ erlangte Franz Lehár (* 30. April 1870 in Komaron, Ungarn, † 24. Oktober 1948 in Bad Ischl, Österreich) nach ersten Erfolgen mit „Wiener Frauen“ (1902), „Der Rastelbinder“ (1902) und „Die Juxheirat“ (1904) Weltruhm, er gilt zusammen mit Oscar Straus (* 6. März 1870 in Wien, Österreich, † 11. Januar 1954 in Bad Ischl, Österreich) und Leo Fall (* 2. Februar 1873 in Olmütz, Tschechien, † 16. September 1925 in Wien, Österreich) als Begründer der Silbernen Wiener Operettenära. Von 1905 bis 1948, dem Todesjahr des Komponisten, wurde „Die lustige Witwe“ weltweit über 300.000 Mal (!) aufgeführt. Sie wurde mehrfach verfilmt, zuletzt 1952 in der Regie von Curtis Bernhardt mit Johnnes Heesters und 1962 in der Regie von Werner Jacobs mit Peter Alexander als Graf Danilo. Regisseurin Sandra Wissmann („Der Zauberer von Oz (The Wizard of Oz)“, „Cabaret“, „Die Comedian Harmonists“) hat die Liebesgeschichte um die emanzipierte Hanna Glawari und den Grafen Danilo am Musiktheater im Revier mit den Gelsenkirchener Publikumslieblingen Anke Sieloff und Michael Dahmen in den Hauptrollen in Szene gesetzt.

„Die lustige Witwe“: Bele Kumberger (Valencienne) und Ibrahim Yesilay (Camille de Rosillon). © Pedro Malinowski

Die Handlung der Operette wurde auch mehr als 100 Jahre nach der Uraufführung für die Gelsenkirchener Produktion unverändert übernommen und nicht etwa an Ereignisse wie die letzte große Wirtschaftskrise in Argentinien zwischen 1998 und 2002 oder die aktuelle Finanzkrise in Griechenland angepasst. „Die lustige Witwe“ handelt dementsprechend vor dem Hintergrund der Finanzkrise in Pontevedro, wobei das Fürstenhaus um Fürst Nikola I. Franz Lehár offensichtlich zu seiner Operette inspirierte, auch wenn der Name Montenegro im Originallibretto aus Zensurgründen in den Namen der ähnlich klingenden spanischen Stadt Pontevedro umbenannt wurde. Um das Land vor dem drohenden Staatsbankrott zu bewahren, versucht der pontevedrinische Gesandte in Paris Baron Mirko Zeta die reiche Witwe Hanna Glawari mit einem Pontevedriner zu verkuppeln, da ihr Vermögen im Falle einer Neuvermählung so der maroden Staatskasse zufließen würde. Dafür hat er Gesandtschaftssekretär Graf Danilo Danilowitsch im Sinn, wobei sich herausstellt, dass Danilo und Hanna vor ihrer Ehe mit dem Bankier Glawari ineinander verliebt waren, aber sein Onkel unterband die Romanze mit dem einfachen Bauernmädchen. Obwohl sich die beiden immer noch lieben, weigert sich Danilo, Hanna wegen ihres Vermögens zu umwerben, und Hanna verspricht, dass sie ihn nicht heiraten werde, bis er „Ich liebe dich“ sagt. Wäre die Situation nicht so schon schwierig genug, macht auch noch Camille de Rosillon der jungen Frau des pontevedrinischen Gesandten Valencienne eindeutige Avancen und schreibt „Ich liebe dich“ auf ihren Fächer, den der pontevedrinische Gesandtschaftsrat Kromow später findet und prompt als den vermeintlichen Fächer seiner Frau Olga Baron Zeta übergibt, der natürlich niemals von der stürmischen Amour Fou seiner Frau erfahren sollte… Da bedarf es einer Menge Aufklärungsarbeit, um alle Probleme und Missverständnisse zu lösen, damit sich Hanna und Danilo schließlich ihre Liebe zueinander gestehen und in die Arme fallen können und auch Baron Zeta davon zu überzeugen, dass Valencienne eine anständige Frau ist.

„Die lustige Witwe“: Michael Dahmen (Graf Danilo Danilowitsch) und Anke Sieloff (Hanna Glawari). © Pedro Malinowski

Sandra Wissmann siedelt das Geschehen Anfang der 1960er-Jahre an und hat dafür gemeinsam mit Dirk Weiler die Texte behutsam adaptiert. Britta Tönne hat mit ihrem Bühnenbild mit einer Reihe von aus dem Schnürboden erscheinenden Säulen und der lt. Njegus für Operetten obligatorischen Treppe für die pontevedrinische Botschaft in Paris, Hanna Glawaris Anwesen sowie den zum berühmten „Maxim’s“ umgestalteten Keller von Hannas Palais, der von der Untermaschinerie auf Bühnenniveau angehoben wird, das passende Ambiente für „Die lustige Witwe“ geschaffen, in dem die Darsteller in den von Andreas Meyer entworfenen Kostümen agieren. Apropos Njegus, dem Sandra Wissmann auch gleich die Rolle des Conférenciers zugedacht hat, „Cabaret“ lässt grüßen: Folkwang-Alumnus Dirk Weiler wusste mit seinen humorvollen Erläuterungen die Pointen gekonnt zu setzten, allerdings sorgen diese schlussendlich auch für eine Aufführungsdauer von knapp drei Stunden. Dagegen erwies sich die Entscheidung, das von Franz Lehár für die Londoner Premiere am 8. Juni 1907 im Daly’s Theatre für Nisch komponierte Couplet „Quite Parisian“ für die Gelsenkirchener Produktion zu übernehmen, als goldrichtig: Der Preisträger des Lotte Lenya Wettbewerbs 1999 konnte in „Wär’ ich ein Operettenstar“ eindrucksvoll unter Beweis stellen, dass er auch Gesang und Stepptanz ebenfalls perfekt beherrscht, was vom Publikum heftigst akklamiert wurde. Bedauerlicherweise hatte man sich in Gelsenkirchen entschieden, den Darstellern zwar Mikroports mit auf den Weg zu geben, damit von den Sprechtexten etwas zu verstehen ist, auch wenn sich die Darsteller vom Publikum abwenden, den Gesang aber unverstärkt zu belassen, im Sinne einer originären Aufführungspraxis. Dies hatte zur Folge, dass die Hauptdarstellerinnen Anke Sieloff (Hanna Glawari) und Bele Kumberger (Valencienne) insbesondere im ersten Akt in ihren Gesangsparts beinahe nicht zu verstehen waren. Dies war anscheinend unabhängig vom Sitzplatz im Auditorium der Fall, wie sich in Gesprächen mit diversen Zuschauern herausgestellt hat, die hierfür teilweise die Tontechnik im Verdacht hatten. Dem dürfte IMHO recht einfach abzuhelfen sein, wenn die Zuschauer aufgrund der vorhandenen Mikroports ohnehin den Eindruck haben, auch der Gesang werde verstärkt. Die Neue Philharmonie Westfalen weiß sich unter der Musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Rasmus Baumann, der „Die lustige Witwe“ zur „Chefsache“ gemacht hatte, in jedem Fall gekonnt zurückzunehmen, ohne Virtuosität vermissen zu lassen, hier kann wirklich niemand behaupten, der Klangkörper habe die Gesangssolisten einfach übertönt.

„Die lustige Witwe“: Bele Kumberger (Valencienne, Mitte), Grisetten. © Pedro Malinowski

Natürlich ist „Die lustige Witwe“ auch in Gelsenkirchen ein Ensemblestück, allerdings würde ich persönlich in dem Fall nicht konstituieren, dass Anke Sieloff als Hanna Glawari das Ensemble anführe. Ihrer Figur fehlt IMHO ein wenig der blendende, betörende Glanz, sie ist trotz der millionenschweren Erbschaft eher das bodenständige, einfache Bauernmädchen geblieben, das seine magische Anziehungskraft auf Männer gar nicht so richtig zu genießen weiß, sondern von Beginn an nur Augen für ihren Danilo hat. Am Premierenabend hörte sich ihr Gesang in den Höhen ein wenig angestrengt an, ungeachtet dessen erhielt sie für ihre Interpretation des pontevedrinischen Vilja-Liedes („Es lebt’ eine Vilja, ein Waldmägdelein“) viel Beifall. Michael Dahmen verleiht dem Gesandtschaftssekretär Graf Danilo Danilowitsch jugendlichen Charme und lässt womöglich nicht nur Hannas Herz höher schlagen, doch Vorsicht, seine Herzdame war zur Premiere ebenfalls nach Gelsenkirchen gekommen. Sehr gut verständlich, dass Hanna schließlich erneut Danilos Werben nachgibt. Joachim Gabriel Maaß lässt sich als Baron Mirko Zeta von seiner jungen Frau hinters Licht führen und macht in dem Glauben, sie tue alles nur zum Wohl von Pontevedro, gute Miene zum bösen Spiel. Sopranistin Bele Kumberger möchte als seine junge Frau Valencienne auf der einen Seite als anständige Frau gelten, zumindest gegenüber ihrem Mann, auf der anderen Seite im „Maxim’s“ aber als leichte Dame, wobei ihr zusammen mit dem Tanzensemble als Grisetten vor dem heraufgefahren Hubpodium gar kein Platz mehr für einen frivolen Cancan bleibt – den gibt es dementsprechend also nicht zu sehen. Ibrahim Yesilay, der zur Spielzeit 2016/2017 vom Opernstudio der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf an das Musiktheater im Revier gewechselt ist, weiß als Valencienne in Liebe zugetaner französischer Attaché Camille de Rosillon zu überzeugen und macht in der Partie nachhaltig auf sich aufmerksam. Gudrun Schade (Mutter Oberin in „Sister Act – Das Broadway-Musical“, Metronom Theater Oberhausen) weiß in der Rolle von Pritschitschs Frau Praškowia als Vamp ebenfalls ein komödiantisches Highlight zu setzen, wenn sie bei Danilos Versuch, die Besitzerin des Fächers zu kompromittieren, den Spieß einfach umdreht, während Njegus unter dem Bärenfell versteckt die Szene beobachtet.

„Die lustige Witwe“: Anke Sieloff (Hanna Glawari) und Michael Dahmen (Graf Danilo Danilowitsch). © Pedro Malinowski

Das Premierenpublikum war begeistert und bedachte DarstellerInnen und Kreativteam nach knapp dreistündiger Vorstellung mit langanhaltendem Beifall. „Die lustige Witwe“ steht am Musiktheater im Revier bis 5. Juni 2015 mit insgesamt 16 Vorstellungen auf dem Spielplan, die nächsten Vorstellungen sind für 23. und 25. Dezember 2016 sowie am Silvesterabend disponiert.

Weihnachtsbaum hinter der Glasfassade des Musiktheater im Revier
Merry X-mas

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