Samstag, 24. Dezember 2016

Buchbesprechung: „Im Hause Krupp. Die Bediensteten der Villa Hügel“

Der Arbeitsalltag der Bediensteten auf dem Hügel vom späten 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts

Das Weihnachtsgeschäft ist zwar für dieses Jahr gelaufen, aber an den Tagen zwischen den Jahren wird der ein oder andere das unliebsame Präsent umtauschen wollen, andere haben gleich einen Gutschein unter dem Christbaum gefunden, der nun eingelöst werden soll. Da wird sich der ein oder andere Kruppianer oder anderweitig an der Geschichte und den Geschichten rund um die Industriellenfamilie Krupp Interessierte sicher freuen, dass vor kurzem der vierte Band der „Kleinen Reihe Villa Hügel“ mit dem Titel „Im Hause Krupp. Die Bediensteten der Villa Hügel“ erschienen ist, in dem sich die Autoren auf die Spuren der Bediensteten auf dem Hügel begeben und die Arbeits- und Lebenbedingungen über einen Zeitraum von rund 70 Jahren beleuchten.

Villa Hügel, Außenansicht

Nachdem die von seinem Vater Friedrich Krupp (* 17. Juli 1787 in Essen, † 8. Oktober 1826 in Essen) aufgebaute Gussstahlfabrik durch die Erfindung des nahtlosen Radreifens und verbesserte Methoden zur Massenproduktion von Stahl zum größten Industrieunternehmen Europas geworden war, plante Alfred Krupp (* 26. April 1812 in Essen, † 14. Juli 1887 in Essen) auch privat seine Zukunft und ließ in Bredeney zwischen 1870 und 1873 nach eigenen Entwürfen einen großzügigen Wohnsitz mit Wohnhaus („Großes Haus“) und dem damit verbundenen Logierhaus für Gäste („Kleines Haus“) errichten. Zudem wurde ein hochherrschaftlicher Park angelegt, 1908 umfasste der Grundbesitz 243,5 Hektar. Dass ein solches Anwesen weniger wie ein Haushalt und eher wie ein Wirtschaftunternehmen geführt werden musste und eine Vielzahl von Mitarbeitern erforderte, liegt auf der Hand. Drei Jahre nach dem Einzug der Familie Krupp in das neu erbaute Wohnhaus waren erst 66 Menschen dauerhaft auf dem Anwesen beschäftigt, aber schon 1902 wurden 570 Mitarbeiter für die Bewirtschaftung benötigt, und zu Beginn des Ersten Weltkriegs waren es sogar 648 Beschäftigte. Doch wie arbeiteten und lebten die Kindermädchen, Kammerzofen, Gärtner, Stallknechte, Chauffeure oder Feuerwehrleute, die bei der Familie Krupp in Lohn und Brot standen? Alfried Krupp von Bohlen und Halbach nutzte als letzter Krupp das Anwesen als Wohnsitz, bis er im April 1945 von amerikanischen Truppen verhaftet und das Anwesen beschlagnahmt wurde. Die Familie erhielt es erst 1952 zurück und öffnete ein Jahr später Haus und Park für die Öffentlichkeit.

Villa Hügel, Bibliothek

Zahllose Dokumente und Fotos im Historischen Archiv Krupp berichten darüber, wie die Bediensteten der Familie Krupp in den rund 70 Jahren zwischen der Fertigstellung der Villa Hügel 1873 und dem Ende des Zweiten Weltkriegs gelebt und zusammengelebt haben, wieviel sie verdienten, ob sie zufrieden waren oder Konflikte erlebten, wie sich die Beziehungen zur „Herrschaft“ gestalteten und wie sie im Vergleich mit anderen Angestellten und Arbeitern ihrer Zeit dastanden. Die beiden Autoren des Buches, der Historiker Stephen Pielhoff und die Journalistin Waltraud Murauer-Ziebach, konnten aus diesen reichhaltigen Überlieferungen schöpfen und über den Arbeitsalltag der Bediensteten in dem großbürgerlichen, äußerst vermögenden Unternehmerhaushalt faktenreich und fachlich fundiert berichten.

Villa Hügel, Saal im ersten Stock

Beziehungsgeschichten zwischen Herrschaft und Dienerschaft sind als literarischer Stoff schon immer interessant gewesen, nach Klatsch und Tratsch such man in „Im Hause Krupp. Die Bediensteten der Villa Hügel“ jedoch vergeblich: Diskretion galt als wichtigste Eigenschaft guten Hauspersonals, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass sich im Historischen Archiv Krupp keine Indiskretionen finden lassen. Im Kapitel „Der Hügel – Arbeitswelt und Lebenswelt“ geht es um den Arbeitsalltag der Beschäftigten und um das Gemeinwesen auf dem Hügel, aber auch um die Wohnsituation der Menschen und deren Freizeitgestaltung. Der folgende Teil „Arbeitsbeziehungen“ widmet sich dem vielschichtigen Beziehungsgeflecht zwischen der Familie Krupp und den Bediensteten. Der letzte Teil des Buches, „Die Kunst der Repräsentation“, fragt nach der Bedeutung der Bediensteten für die glanzvolle Krupp’sche Repräsentationskultur, die ohne die Bediensteten undenkbar gewesen wäre. Gespickt mit zahlreichen Fotos aus dem Historischen Archiv Krupp dürfte „Im Hause Krupp. Die Bediensteten der Villa Hügel“ für alle an der Geschichte und den Geschichten rund um die Industriellenfamilie Krupp Interessierte ganz sicher eine bemerkenswerte Bereicherung darstellen.

Cover „Im Hause Krupp. Die Bediensteten der Villa Hügel“
© Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung
Deutscher Kunstverlag Berlin München
Umschlagabbildung: Kindermädchen Anna Lackmann (links) mit Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, dessen Cousine Ursula mit Kindermädchen, 1910

Stephen Pielhoff, Waltraud Muracher-Ziebach
„Im Hause Krupp. Die Bediensteten der Villa Hügel“
Herausgegeben in der „Kleinen Reihe Villa Hügel“ von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung.
224 Seiten, 216 Abbildungen, Broschur
Deutscher Kunstverlag Berlin München
1. Auflage, Dezember 2016
ISBN 978-3-422-02438-0
12,90 €

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