Dienstag, 22. November 2016

Symbolische Schlüsselübergabe am „Koepchenwerk“

RWE Power AG übergibt das ehemalige Pump­speicher­kraft­werk an die Stiftung Industrie­denkmal­pflege und Geschichts­kultur

Stauwehr des Laufwasserkraftwerks Hengstey

Wie berichtet übernimmt die Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichts­kultur das Pumpspeicherkraftwerk „Koepchenwerk“ am Hengsteysee in ihre Obhut. Dies wurde bei der 21. Sitzung des Kuratoriums der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichts­kultur unter dem Vorsitz von Michael Groschek, Minister für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen, auf der Kokerei Hansa in Dortmund beschlossen.

Symbolische Schlüsselübergabe in der Maschinenhalle des Koepchenwerks: Regina Schrader, Großnichte von Arthur Koepchen und 1. Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Koepchenwerk e. V., Horst Heinrich, Geschäftsführer der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, Dr. Katja Strauss-Köster, Bürgermeisterin der Stadt Herdecke, Ursula Mehrfeld, Geschäftsführerin der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, Ludwig Kons, Leiter der Sparte Wasserkraftwerke der RWE Power AG, Ulrich Heckmann, Leiter des Referats Industriekultur des Regionalverbands Ruhr und Kathrin Schmelter, RWE Power AG

Heute wurde das „Koepchenwerk“ – Landmarke par excellence und Denkmal der Energiewirtschaft von nationalem Rang – in eine neue Ära überführt. Ludwig Kons, Leiter der Sparte Wasserkraftwerke der RWE Power AG, übergab symbolisch den Schlüssel an Ursula Mehrfeld, Geschäftsführerin der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur. „Wenn“, so Ursula Mehrfeld, „das Koepchenwerk nun – nach fast 90 Jahren – den Eigentümer wechselt, ist das ein historischer Augenblick. Ich bin mir der Verantwortung gegenüber dem großartigen Denkmal, aber auch gegenüber all den Menschen, die sich in den letzten Jahren für die Bewahrung des Koepchenwerks eingesetzt haben, sehr bewusst. Ihr Engagement hat uns bestärkt, diese immense Aufgabe zu schultern. Ermutigt haben uns aber auch die große Kooperationsbereitschaft und Unterstützung von Seiten der RWE Power AG. Das gemeinschaftliche Engagement können wir gar nicht hoch genug bewerten!“

Pumpspeicherkraftwerk Herdecke (links) und Koepchenwerk am Nordufer des Hengsteysees

Auch Ludwig Kons weiß die erfolgreichen Verhandlungen mit dem Ergebnis der Zustiftung zu schätzen: „Wir freuen uns, dass wir zur Bewahrung dieses so bedeutenden Bauwerks und damit zugleich auch unserer eigenen Firmenhistorie beitragen können und wünschen der Stiftung für ihre Arbeit hier vor Ort viel Erfolg. Wir sind jetzt nicht mehr alleiniger Eigentümer am Standort und betreten damit Neuland. Doch nach den vielen vertrauensvollen Gesprächen mit der Industriedenkmalstiftung sind wir überzeugt, dass wir alle von dieser partner­schaft­lichen Zusammenarbeit profitieren werden. Und angesichts unseres Vorhabens, den Standort weiter zu entwickeln und durch den Bau eines 6 MW-Batteriespeichers im Jahr 2017 zukunftsfähig zu machen, können wir hier gemeinsam einen großen Bogen der Energiegeschichte vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute spannen.“

Koepchenwerk am Nordufer des Hengsteysees

Auch die Stadt Herdecke und allen voran die Bürgermeisterin, Dr. Katja Strauss-Köster, wird die Industriedenkmalstiftung nach Kräften unterstützen: „Die Entscheidung des Stiftungskuratoriums zeigt, dass die Industriedenkmalpflege in Nordrhein-Westfalen einen hohen Stellenwert genießt. Für Herdecke bedeutet der Erhalt des Koepchenwerkes eine große Chance. In den vergangenen Monaten haben ganz viele Menschen für die Bewahrung der Landmarke und des Denkmals zugleich gekämpft. All denen gilt mein besonderer Dank. Gleichzeitig habe ich die Hoffnung, dass nun – wo die eigentliche Arbeit erst losgeht – genau so viel Elan in die Entwicklung von Nutzungsideen eingebracht wird, damit das Koepchenwerk und seine Geschichte wieder erlebbar werden.“

Die Südfassade der Maschinenhalle ist mit Netzen gegen herabfallenden Verputz gesichert

Die Erschließung des Koepchenwerks für Besucher würde die Region und insbesondere den RuhrtalRadweg touristisch um ein Vielfaches aufwerten. Davon ist Ulrich Heckmann, Leiter der Route der Industriekultur des Regionalverbandes Ruhr (RVR) überzeugt. „Das Koepchenwerk ist eine herausragende Landmarke im Ruhrtal. Als Denkmal von hoher architektur- und industriegeschichtlicher Bedeutung prägt es die industrielle Kulturlandschaft in diesem Teil des Ruhrgebiets in ganz besonderem Maße. Das Koepchenwerk steht für die große Innovationskraft der Region und ist auf der Route der Industriekultur schon jetzt ein wichtiger Standort der Themenroute „Geschichte und Gegenwart der Ruhr“.

Zwei der vier alten Druckrohre des Koepchenwerks

Ursula Mehrfeld zufolge wird sich die Industriedenkmalstiftung dem Denkmal nun zunächst operativ nähern. „Wir, das heißt unser gesamtes Team, müssen den Standort erst einmal richtig kennenlernen, um dann die weiteren Schritte zu planen.“ Doch eins steht schon jetzt fest: Wenn es darum geht, den wertvollen Schatz der Erinnerungen, den das Denkmal in sich birgt, zu heben, kann die Stiftung auf die Arbeitsgemeinschaft Koepchenwerk e. V. setzen. Diese sieht sich mit der Übergabe des Denkmals an die Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur in ihren jahrelangen Anstrengungen zum Erhalt des Monuments bestätigt und freut sich sehr über den Erfolg der Bewahrung und auf eine lebendige Zukunft für das Denkmal.

Schieber­haus mit dem markanten RWE-Schriftzug

Die Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur besitzt damit aktuell 14 Denkmale:
  • Kokerei Hansa, Dortmund-Huckarde
  • Zeche Zweckel Schacht 1/2, Gladbeck
  • Zeche Consolidation Schacht 9, Gelsenkirchen-Bismarck
  • Zeche Gneisenau Schacht 2/4, Dortmund-Derne
  • Zeche Sterkrade Schacht 1, Oberhausen-Sterkrade
  • Zeche Prosper II Schacht 2, Bottrop
  • Zeche Radbod Schacht 1/2, Hamm Bockum-Hövel
  • Zeche Pattberg Schacht 1, Moers-Repelen
  • Zeche Schlägel und Eisen Schacht 3 & 4, Herten-Langenbochum
  • Zeche Fürst Leopold, Dorsten-Hervest
  • Zeche Sophia Jacoba Schacht 3, Hückelhoven
  • Ahehammer, Herscheid
  • Zeche Hansa Schacht 3, Dortmund-Huckarde
  • Bergwerk Monopol, Zeche Grillo Schacht 1, Kamen (formale Eigentumsübertragung noch nicht erfolgt)
  • Pumpspeicherkraftwerk Koepchenwerk, Herdecke

Hintergrundinformation

Das Pumpspeicherkraftwerk „Koepchenwerk“ am Ruhrstausee Hengsteysee bei Herdecke wurde in den Jahren 1927 bis 1930 von dem Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk (RWE AG), Essen, nach der Idee des damaligen Technischen Vorstandes im RWE, Arthur Koepchen (* 30. August 1878 in Velbert, † 27. Mai 1954 in Essen), gebaut und nach ihm benannt und ging am 28. Januar 1930 vollständig mit 132 MW in Betrieb. Im Maschinenhaus sind auf einer Grundfläche von 160 × 20 Meter vier Maschinensätze, bestehend aus einem Generator bzw. Motor mit festgekuppelter Wasserturbine und gekuppelter Pumpe, installiert. Die Kupplung ermöglichte eine Trennung der Pumpe von den übrigen Aggregaten. Mit Ausnahme von zwei Unterbrechungen nach der Bombardierung der Möhnetalsperre in der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943 bzw. der Bombardierung des Hengsteysees am 12. März 1945 arbeitete das Koepchenwerk bis 1980 ohne größere Störungen im steten Wechsel von Pump- und Turbinenbetrieb. Am 12. Dezember 1980 riss das Spiralgehäuse der Pumpe Nr. 1 beim Anfahren auf, der Anfang vom Ende des Koepchenwerks. 1981 entschied der RWE-Vorstand, dass unmittelbar neben dem Koepchenwerk ein neues Pumpspeicherkraftwerk entstehen sollte. So entstand zwischen 1985 und 1989 ein neues Schachtkraftwerk mit einer reversiblen Pumpturbine mit 153 Megawatt Leistung. Im Unterschied zu der alten Anlage ist das neue Kraftwerk in einen Schacht gebaut, der rund 50 Meter tief ist. Grund für diese aufwendigere Bauweise ist, die Material­be­anspruchung der Pump­turbine während des Betriebs zu verringern. Das Koepchenwerk wurde mit Bescheid vom 11. Juni 1986 gem. § 3 DSchG NRW in die Denkmalliste der Stadt Herdecke eingetragen und nach 64 Jahren Betriebszeit am 1. August 1994 von RWE stillgelegt.

Die Maschinenhalle des Koepchenwerks mit den vier Maschinensätzen

Beim Koepchenwerk handelt es sich um eines der beiden ersten Pumpspeicherkraftwerke in Deutschland. Die zweite, zeitgleich errichtete Anlage „Niederwartha“ befindet sich in Dresden, ist heute Eigentum von Vattenfall und steht ebenfalls unter Denkmalschutz. Das Koepchenwerk verblieb bis heute in einem authentischen Bauzustand. Es ist ein hochrangiges, national bedeutsames Denkmal der Energie­wirtschaft und ist zugleich ein Monument, das die Kulturlandschaft an der Ruhr und dem Hengsteysee in erheblichem Maße seit fast 90 Jahren prägt.

Die Maschinenhalle des Koepchenwerks mit den vier Maschinensätzen

RWE will auch in Zukunft weiter in den Standort investieren und 2017 einen 6 MW-Batterie­speicher errichten und in Betrieb nehmen.

Turbinenlaufrad und Turbine in der Maschinenhalle des Koepchenwerks

Generator und Kupplung in der Maschinenhalle des Koepchenwerks

Kugelschieber in der Maschinenhalle des Koepchenwerks



Funktionsweise des Pumpspeicherkraftwerks

Wenn im Stromnetz mehr Strom zur Verfügung steht als verbraucht wird, treibt dieser überschüssige Strom Pumpen an, die Wasser aus dem Hengsteysee in ein 160 Meter höher gelegenes Speicherbecken (Inhalt im Oberbecken: 1.533.000 m³) pumpen. Wenn mehr Strom benötigt wird, als die konventionellen Kraftwerke und erneuerbare Energien hergeben, wird das im Oberbecken gespeicherte Wasser (Energieinhalt im Oberbecken: Koepchenwerk 540 MWh, PSW Herdecke 590 MWh) wieder abgelassen, rauscht durch die Druckrohrleitungen am Hang herunter und treibt die Turbine(n) (Leistung im Turbinenbetrieb: Koepchenwerk 132 MW, PSW Herdecke 153 MW) in der Maschinenhalle an. Der hier gewonnene Strom kann dann kurzfristig (Anfahrzeit zum Turbinenbetrieb: Koepchenwerk 100 s, PSW Herdecke 75 s) ins Netz eingespeist werden. Mit der Erfindung des Pumpspeicherkraftwerks konnte das Hauptproblem der Elektrizitätswirtschaft, nämlich die Bereitstellung elektrischer Spitzenenergie, gelöst werden. Heute sind die Pump­speicher­kraft­werke unverzichtbarer Partner der Energiewende und gleichen die Schwankungen der Sonnen- und Windeinspeisung aus.

Speicherbecken auf der Bergkuppe des „Kleff“

Nun wird sich womöglich der ein oder andere Leser fragen, „was habe ich davon, dass die Stiftung Industrie­denk­mal­pflege und Geschichts­kultur das „Koepchenwerk“ am Hengsteysee übernommen hat? Kann ich das Pump­speicher­kraft­werk bei meinem nächsten Besuch selbst besichtigen?“ Aufgabe der Industriedenkmalstiftung ist es zunächst, gefährdete hochrangige Industriedenkmäler in ihr Eigentum zu übernehmen, sofern sich keine andere Lösung findet. Die Denkmäler werden damit aus dem Veränderungs­druck genommen und ihnen wird die erforderliche Zeit gegeben, mittel- bis langfristig ein Nutzungs- und Finanzierungskonzept zu entwickeln. Wer also seinen nächsten Besuch am Hengsteysee mittel- bis langfristig plant, der wird das „Koepchenwerk“ womöglich auch selbst besichtigen können. Auf einen Termin, ab wenn denn Besichtigungen möglich seien, wollte man sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht festlegen. Zumindest ist mit der Übernahme durch die Stiftung Industrie­denk­mal­pflege und Geschichts­kultur der Antrag der RWE Power AG an die Stadt Herdecke vom 12. Januar 2015 auf Aufhebung des Denkmalschutzes zwecks Abriss der Maschinenhalle endgültig vom Tisch.

Speicherbecken auf der Bergkuppe des „Kleff“

Wer nicht völlig blind durch die Weltgeschichte läuft, wird an allen Ecken und Enden Nachholbedarf bei der Instandhaltung entdecken. Die Hohensyburg ist Panorama der Route der Industriekultur. Von der Aussichtsterrasse des Kaiser-Wilhelm-Denkmals bietet sich dem Besucher ein weiter Blick auf das Ruhrtal, die Mündung der Lenne in die Ruhr und den Hengsteysee am Fuß des Sybergs. Der Aussichtspunkt am Speicherbecken auf der Bergkuppe des „Kleff“, den man über den Ruhrhöhenweg zu Fuß erreichen kann, dürfte ebenfalls einen reizvollen Blick über das Ruhrtal bieten, wäre er nicht gänzlich zugewachsen. Aber die meisten Besucher am Hengsteysee werden diesen Aussichtspunkt womöglich auch noch nie gesehen haben.

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