Sonntag, 13. November 2016

„Pop-Oratorium Luther“ in der Maschinenhalle Zweckel

„Pop-Oratorium Luther“ – Musik: Dieter Falk; Text: Michael Kunze; Regie: Carolanne Weidle; Chorleiter: Matthias Uphoff; Musikalische Leitung: Wolfgang Flunkert. Solisten: Philipp Nowicki (Martin Luther), Vera Weichel (Lara, eine Marketenderin), Stephan Grzesiak (Johannes Faber, Dominikanermönch/Berater/Ensemble), Max Aldick (Johann Froben, Verleger/Anton Fugger, Bankier/Friedrich III., Kurfürst von Sachsen), Florian Caspar Minnerop (Kaiser Karl V.), Alexander Möller (Ablassprediger/Gesandter/Zweifel), Michael Schulte (Herold/Hans Luther, Martins Vater/Apostel Paulus/Philipp Melanchthon), Charlotte Katzer (Engel der Schrift/Gospel-Solistin/Beraterin), Karen Müller (Gesandte/Zweifel/Gospel-Solistin), Elisa Dubina (Beraterin/Ablassverkäuferin/Ensemble), Nina Isemann (Engel der Schrift/Bankerin/Ensemble), Carolanne Weidle (Ensemble), Kai Lauenstein/Nico Lauenstein (Martin Luther als Kind). Uraufführung: 31. Oktober 2015, Westfalenhalle 1, Dortmund. Regionale Aufführung: 12. und 13. November 2016, Maschinenhalle Zweckel, Gladbeck.



„Pop-Oratorium Luther“


Regionale Aufführung in der Maschinenhalle Zweckel


Am 31. Oktober 1517 soll Martin Luther (* 10. November 1483 in Eisleben, † 18. Februar 1546 in Eisleben) seine 95 Thesen gegen den Missbrauch des Ablasses am Hauptportal der Schlosskirche in Wittenberg angeschlagen haben. Der Tag gilt bis heute als der Beginn der Reformation. Am 31. Oktober 2017 jährt sich der Thesenanschlag zum 500. Mal. Aus dem Grund wird von 2008 bis 2017 die Lutherdekade „Luther2017 – 500 Jahre Reformation“ begangen. Am 15. Juni 2013 feierte bereits das Musical „LUTHER! Rebell wider Willen“ von Erich Adalbert Radke (Musik) und Tatjana Rese (Libretto) am Landestheater Eisenach seine Uraufführung, am Reformationstag 2015 schickte die Stiftung Creative Kirche aus Witten das „Pop-Oratorium Luther – Das Projekt der tausend Stimmen“ von Dieter Falk (Musik) und Michael Kunze (Libretto) an den Start. 2010 haben die beiden zur Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 bereits das Pop-Oratorium „Die 10 Gebote“ entwickelt (Uraufführung 17. Januar 2010, Westfalenhalle Dortmund), woraus später das Bühnen-Musical „Moses“ (Uraufführung 23. Februar 2013, Theater St. Gallen, Regie Martin Duncan) entstanden ist.

Maschinenhalle Zweckel

Im Rahmen des umfangreichen kulturellen und wissenschaftlichen Veranstaltungsprogramms mit dem Titel „Der geteilte Himmel. Reformation und religiöse Vielfalt an Rhein und Ruhr“ (www.der-geteilte-himmel.de) führt das Martin Luther Forum Ruhr in Kooperation mit dem Evangelischen Kirchenkreis Gladbeck-Bottrop-Dorsten das „Pop-Oratorium Luther“ am 12. und 13. November 2016 mit einem Projektchor von 170 Sängerinnen und Sängern sowie mit 13 Solisten, einem Orchester mit 26 Mitgliedern und einer 6-köpfigen Band in der Maschinenhalle der Zeche Zweckel in Gladbeck-Zweckel auf. 1963 wurde die Steinkohlen-Förderung auf Zweckel eingestellt, 1988 wurden die Maschinenhalle sowie die beiden Fördergerüste unter Denkmalschutz gestellt. Seit 2002 zählt die Maschinenhalle zu den Hauptspielorten der Ruhrtriennale. Die besondere Atmosphäre der Maschinenhalle Zweckel, darauf abgestimmte Bühnen- sowie Licht- und Tontechnik machen das „Pop-Oratorium Luther“ an diesem Ort einzigartig. Für das Martin Luther Forum Ruhr ist es das größte Projekt in der gesamten Lutherdekade und ein Höhepunkt im Reformationsjahr Luther 2017, das am 30. Oktober 2016 von Bundestagspräsident Norbert Lammert im Martin Luther Forum Ruhr eingeläutet wurde.

Maschinenhalle Zweckel

Im Mittelpunkt des „Pop-Oratoriums Luther“ steht das Geschehen beim Reichstag zu Worms 1521, bei dem Martin Luther aufgefordert ist, sich vor Kaiser Karl V. zu verantworten und seine zuvor in seinen Büchern geäußerten Ansichten zu widerrufen. Mit Rückblenden und Ausblicken rund um das dortige Geschehen erzählt das Pop-Oratorium von Luthers Ringen um die biblische Wahrheit und von seinem Kampf gegen Obrigkeit und Kirche – eine spannende Geschichte um Politik und Religion. Luther weigerte sich unter Berufung auf die Bibel, seine kirchenkritischen Aussagen zu widerrufen, woraufhin im Wormser Edikt über Martin Luther die Reichsacht verhängt wurde. Der Geächtete wurde auf dem Heimweg heimlich entführt, um ihn der Gefahr zu entziehen, und verbrachte die nächsten Monate inkognito als „Junker Jörg“ auf der Wartburg, wo er das Neue Testament ins Deutsche übersetzte, um jedermann Zugang zu Gottes Wort zu verschaffen. Eine Kernaussage des Werks besteht darin, ‚selber zu denken‘, wie Martin Luther gegen eine übermächtige Autorität, gegen alle Widerstände und unabhängig davon, was die Mehrheit denkt. Ohne diese Umwandlung im Denken wäre die Reformation überhaupt nicht vorstellbar gewesen.

„Pop-Oratorium Luther“ in der Maschinenhalle Zweckel: Ensemble

Das „Pop-Oratorium Luther“ ist kein Musical, man könnte es am ehesten mit einer konzertanten Musical-Aufführung vergleichen, sondern ein Singspiel mit wechselnden Solisten und Chor. Bei der Uraufführung in der Dortmunder Westfalenhalle trug das Projekt den Untertitel „Das Projekt der tausend Stimmen“, der übermächtige Chor bestand aus 3.023 Sängerinnen und Sängern, im direkten Vergleich kann man die erste regionale Aufführung im Ruhrgebiet beinahe als intime Aufführung bezeichnen. Wer von anderen Konzerten einige wenige Background-Sänger gewohnt ist, der wird den 170-köpfigen Projektchor womöglich bereits als „übermächtig“ empfinden, alles eine Frage des Standpunktes. Meines Wissens ist die Maschinenhalle Zweckel als Veranstaltungsort für maximal 900 Personen zugelassen, so gesehen machen 170 Sängerinnen und Sänger in dieser Location schon etwas her.

„Pop-Oratorium Luther“ in der Maschinenhalle Zweckel: Vera Weichel (Lara, links), Ensemble

Mit seinem Pop-Oratorium überschreitet Komponist Dieter Falk die Grenzen zwischen traditioneller und moderner Chormusik. Neben der Stilistik von Rock, Pop und Gospel finden sich auch Kirchen-Choräle und teilweise neu arrangierte Originalchoräle von Martin Luther wie „Ein feste Burg ist unser Gott“ oder „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ bei den Songs wieder. Die eingängigen Melodien gehen ins Ohr, insofern liegt Dieter Falk mit seiner Ansicht, Popmusik könne den Zugang zu religiösen Themen erleichtern, offensichtlich nicht verkehrt.

„Pop-Oratorium Luther“ in der Maschinenhalle Zweckel: Vera Weichel (Lara, Mitte), Ensemble

Wie bereits Andreas Gergen bei der Uraufführung verzichtet auch Regisseurin Carolanne Weidle mit Ausnahme von ein paar schwarzen Stühlen, die u. a. für die „Reise nach Jerusalem“ benutzt werden, auf Kulissen und vertraut auf die sangesgewaltige Umsetzung, die an die Aufführung in der Westfalenhalle Dortmund angelehnt ist. Gegenüber dieser sind die Kostüme reduziert, so dass der Zuschauer, der die Aufführung zum ersten Mal sieht, womöglich leichte Schwierigkeiten haben könnte, die jeweils dargestellten Personen und Charaktere zweifelsfrei zu identifizieren: der größte Teil der Gesangssolisten, die das Geschehen auf der Bühne vor dem Chor darstellerisch umsetzen, ist in mehreren Rollen zu sehen. Beispielsweise verkörpert Michael Schulte einen Herold, Hans Luther, Martins Vater, den Apostel Paulus und Philipp Melanchthon.

„Pop-Oratorium Luther“ in der Maschinenhalle Zweckel: Florian Caspar Minnenrop, Stephan Grzesiak, Max Aldick, Ensemble

Die 13 Gesangssolisten hinterlassen einen geschlossenen, überzeugenden Eindruck, auch wenn man leichte Nuancen zwischen ausgebildeten bzw. aktuell noch im Studium befindlichen Musical-Darstellern und den übrigen Solisten feststellen kann. Wem die Namen der Gesangssolisten nicht so geläufig sind, Vera Anna Marie Weichel hat ihr Studium im Studiengang Musical der Folkwang Universität der Künste in Essen 2015 abgeschlossen, Karen Müller und Philipp Nowicki studieren ebenda im vierten Jahrgang, und Charlotte Katzer und Florian Caspar Minnerop im zweiten Jahrgang. Ungeachtet dessen kann man aber ausnahmslos allen Solisten intensive Spielfreude bestätigen, und auch der Projektchor unter der Leitung von Matthias Uphoff, Kantor des Kirchenkreises Gladbeck-Bottrop-Dorsten vermittelt eine beeindruckende Vorstellung davon, was das Genre des Pop-Oratoriums als Singspiel mit wechselnden Solisten und Chor auszeichnet.

„Pop-Oratorium Luther“ in der Maschinenhalle Zweckel: Philipp Nowicki (Martin Luther), Stephan Grzesiak (Johannes Faber), Ensemble

Das historische Ambiete der Maschinenhalle Zweckel tut ein übriges, die Veranstaltung zu einem besonderen Erlebnis werden zu lassen, schließich handelt es sich nicht um eine moderne Multifunktionshalle, sondern um ein repräsenatives, 1909 errichtetes Industriebauwerk, das an die Montangeschichte des Ruhrgebiets erinnert und an dem die Zeit ihre unübersehbaren Spuren hinterlassen hat.

„Pop-Oratorium Luther“ in der Maschinenhalle Zweckel: Alexander Möller und Max Aldick (Mitte), Ensemble

„Pop-Oratorium Luther“ in der Maschinenhalle Zweckel: Nina Isemann, Charlotte Katzer, Carolanne Weidle, Vera Weichel, Karen Müller, Elisa Dubina, Max Aldick, Florian Caspar Minnerop, Stephan Grzesiak, Philipp Nowicki, Alexander Müller und Michael Schulte

„Pop-Oratorium Luther“ in der Maschinenhalle Zweckel: Philipp Nowicki (Martin Luther), Ensemble

„Pop-Oratorium Luther“ in der Maschinenhalle Zweckel: Vera Weichel (Lara)

„Pop-Oratorium Luther“ in der Maschinenhalle Zweckel: Stephan Grzesiak (Johannes Faber), Philipp Nowicki (Martin Luther), Florian Caspar Minnerop (Kaiser Karl V.)

„Pop-Oratorium Luther“ in der Maschinenhalle Zweckel: Ensemble

„Pop-Oratorium Luther“ in der Maschinenhalle Zweckel: Ensemble

Das Publikum bei der ersten Aufführung in der Maschinenhalle Zweckel am Samstagabend war von den Leistungen der Gesangssolisten, Sangerinnen und Sängern sowie den Musikern des Orchesters und der Band sichtlich angetan. Langanhaltender Stehapplaus war der verdiente Lohn für die Akteure vor und hinter den Kulissen.

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