Mittwoch, 5. Oktober 2016

Vorschau: „Luther. 1917 bis heute“

Sonderausstellung im LWL-Landesmuseum für Klosterkultur, Stiftung Kloster Dalheim zeigt die Entwicklung einer historischen Person zu einer Schicksalsfigur der Deutschen

Die Haltung des SED-Regimes in der DDR zu Martin Luther war zwiespältig. Das religionsfeindliche Regime stand dem Theologen Luther zunächst ablehnend gegenüber, zumal er soziale Bewegungen wie die aufständischen Bauern nicht unterstützt hatte – im Gegenteil.

Luther in unserer Zeit, 1983 Zeitz, Museum Schloss Moritzburg Zeitz.
Foto: Museum Schloss Moritzburg Zeitz, Grafiksammlung

Erst die Jubiläen 1967 und 1983 markierten den Wendepunkt der staatlichen Lutherrezeption in der DDR: Luther und die Reformation spielten nun für das SED-Regime und seine Geschichtsschreibung eine zentrale Rolle. Die SED hebt das fortschrittliche Erbe Luthers hervor. Reformation und Bauernkrieg wurden zur Revolution erklärt, Martin Luther zum Revolutionär. Die größtenteils in der DDR gelegenen Lutherstätten wurden zu den Jubiläen renoviert, zogen zahlreiche Touristen an und brachten Devisen ins Land. Im Rahmen des Lutherjubiläums 1983 in der DDR schaffen mehr als 50 Künstler über 150 Kunstwerke. Neben Uwe Pfeifers monumentalem Gemälde „Tischgespräch mit Luther“ zeigt die Sonderausstellung „Luther. 1917 bis heute“ im LWL-Landesmuseum für Klosterkultur, Stiftung Kloster Dalheim (Kreis Paderborn) unter anderem die Grafikmappe „Luther in unserer Zeit“ mit Pfeifers Grafik „Luther mit Fernseher“.


Hollywood-Stoff

Kostüm: Lutherkutte (2003, Stiftung Deutsche Kinemathek, Sammlung Theaterkunst). Foto: Deutsche Kinemathek/Subuddha Kellner

Die Lebensgeschichte des Reformators schaffte es im Jahr 2003 sogar in die internationalen Kinos. Mit Joseph Fiennes („Elizabeth“, „Shakespeare in Love“, „Hercules“) in der Hauptrolle erzielte die US-amerikanisch-deutsch-britische Koproduktion „Luther“ (Regie Eric Till) in Deutschland binnen einer Woche Einnahmen von rund 2,5 Millionen US-Dollar, insgesamt rund 3 Millionen Zuschauer sahen den Film in Deutschland. „Luther“ gilt als einer der erfolgreichsten Filme mit deutscher Beteiligung in den USA. Im Reformationsjahr 2017 soll der Film digital bearbeitet wieder in die Kinos kommen. Die Sonderausstellung „Luther. 1917 bis heute“ im LWL-Landesmuseum für Klosterkultur, Stiftung Kloster Dalheim (Kreis Paderborn) zeigt das Originalkostüm von Joseph Fiennes als Augustinermönch Martin Luther.


Luther im Nationalsozialismus

Die Nationalsozialisten vereinnahmen Martin Luther als Protagonisten ihrer politischen Propaganda. Sie konstruieren Parallelen zwischen dem Reformator und dem Diktator Adolf Hitler. Anhängern des Regimes gilt Hitler als der „neue Luther“.

Luthers antijüdische Schriften – vor allem „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543) – dienen dem NS-Regime als ideologische Anknüpfungspunkte und Legitimierung seiner Judenpolitik. Luthers dort niedergelegte Äußerungen scheinen sich wie eine Anweisung für den 9. November 1938 zu lesen. In einem Maßnahmenkatalog zum Umgang mit den Juden empfiehlt er: „daß man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke [...], ihnen nehme alle ihre Betbüchlein und Talmudisten“. Die Sonderausstellung „Luther. 1917 bis heute“ im LWL-Landesmuseum für Klosterkultur, Stiftung Kloster Dalheim (Kreis Paderborn), zeigt wie der Reformator von den Nationalsozialisten als Protagonist ihrer politischen Propaganda vereinnahmt wurde.

Plakat: Deutscher Luthertag 1933, Deutsches Reich, 1933, Halle (Saale), Stadtarchiv. Foto: Stadtarchiv Halle (Saale)

Ein früher Ausdruck der Verquickung der Figur Luther mit dem Nationalsozialismus sind die Feiern zum 450. Geburtstag des Reformators im Jahr 1933. Der 10. November (Luthers Geburtstag) wird zum zentralen „Deutschen Luthertag“ erklärt. Bei den Feiern in vielen deutschen Städten verbindet sich bürgerlich-protestantische Gedenkkultur mit nationalsozialistischen Symbolen und Inszenierungen.

In der Rückschau wird zwischen Luthers Antijudaismus und dem Antisemitismus der Nationalsozialisten unterschieden: Luther ging es um die religiöse Bekehrung der Juden zum Christentum. Die Antisemiten des 19. und 20. Jahrhunderts lehnten ihre jüdischen Mitbürger dagegen als „Rasse“ ab.


Sonderausstellung „Luther. 1917 bis heute“

Zum Auftakt des 500. Reformationsgedenkens widmet sich die Stiftung Kloster Dalheim mit der Sonderausstellung „Luther. 1917 bis heute“ im LWL-Landesmuseum für Klosterkultur vom 31. Oktober 2016 bis 12. November 2017 der Figur Martin Luther in der jüngeren Geschichte und zeigt, was den Reformator bis heute zu einer Schicksalsfigur der Deutschen macht. Auf rund 800 Quadratmetern Ausstellungsfläche führt die Schau in dem ehemaligen Augustiner-Chorherrenstift Dalheim durch 100 Jahre deutsche Geschichte. Beginnend mit der 400-Jahrfeier der Reformation im Kriegsjahr 1917 über die Zeit des Nationalsozialismus und das geteilte Deutschland bis in die Gegenwart dokumentieren rund 300 Exponate einen steten Wandel des Lutherbildes als Spiegel seiner Zeit. Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Joachim Gauck.

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