Sonntag, 9. Oktober 2016

Opernhaus Dortmund: „Sunset Boulevard“

„Sunset Boulevard“ – basierend auf dem gleichnamigen Billy Wilder-Film von 1950; Musik: Andrew Lloyd Webber; Lyrics und Buch: Don Black, Christopher Hampton; Buch: Ken Ludwig; Deutsche Bearbeitung: Michael Kunze; Regie: Gil Mehmert; Choreografie: Melissa King; Ausstattung: Heike Meixner; Tontechnische Einrichtung: Marc Schneider-Handrup; Licht: Stefan Schmidt; Dramaturgie: Wiebke Hetmanek; Musikalischer Leiter: Ingo Martin Stadtmüller. Darsteller: Pia Douwes (Norma Desmond), Oliver Arno (Joe Gillis), KS Hannes Brock (Max von Mayerling), Wietske van Tongeren (Betty Schaefer), Hans Werner Bramer (Cecil B. DeMille), Morgan Moody (Artie Green), Daniel Berger (Sheldrake/Schuldeneintreiber/Barkeeper), Joshua Whitener (Manfred, Herrenausstatter/Myron), Sarah Wilken (Heather/Masseurin), Esther Conter/Charlotte Katzer/Susanne W. Nixel (Mary/Psychologin), Anneke Brunekreeft (Ursula/Haremsgirl/Ärztin/Reporterin), Yara Hassan (Jean/Haremsgirl, Dance Captain), Martina Vorsthove (Joanna/Kosmetikerin), Natascha Valentin (Katherine/Astrologin), Tomas Stitilis/Florian Minnerop/Pascal Cremer (Cliff/Verkäufer), Marvin Schütt (John/Verkäufer), Anton Schweizer (Sammy/Verkäufer), Tomas Stitilis/Florian Minnerop/Pascal Cremer (Wunderkind/Orlando/Verkäufer), Henry-Ryall Lankester (Jonesy/Hog Eye), Alexander Sasanowitsch (Schulden­ein­treiber/Richard T./Verkäufer). Uraufführung: 12. Juli 1993, Adelphi Theatre, London. Deutschsprachige Erstaufführung: 8. Dezember 1995, Rhein-Main-Theater, Niedernhausen. Premiere: 8. Oktober 2016, Theater Dortmund. 14 Vorstellungen bis 22. Januar 2017



„Sunset Boulevard“


Das Schicksal der Stummfilm-Diva als Musical am Opernhaus Dortmund


„Sunset Boulevard“ (Deutscher Titel: „Boulevard der Dämmerung“) ist zunächst ein amerikanisches Filmdrama von Billy Wilder (* 22. Juni 1906 in Sucha, Galizien, † 27. März 2002 in Los Angeles, Kalifornien) aus dem Jahr 1950, das die Geschichte der fatalen Begegnung zwischen der alternden Stummfilmdiva Norma Desmond und dem jungen Drehbuchautor Joe Gillis erzählt, der auf der Flucht vor Geldeintreibern zufällig in Normas Villa am Sunset Blvd. landet. Das verwilderte Anwesen stand in Wirklichkeit an der Ecke Crenshaw Street und Wilshire Boulevard. Es wurde 1924 für William Oscar Jenkins (* 18. Mai 1878 in Shelbyville, Tennessee, † 4. Juni 1963 in Heróica Puebla de Zaragoza, Mexiko), einen amerikanischen Konsul, gebaut und kostete die stolze Summe von 250.000 Dollar. Der so genannte Zuckerbaron, der der reichste Mann Mexikos war, richtete die 14 Zimmer des Hauses mit allerhand Kostbarkeiten ein, importierte Kacheln aus dem Ausland und beeindruckte seine Gäste mit dem schwarzen Treppenhaus, das in einem drei Meter breiten Vestibül endete. Als Billy Wilder darauf aufmerksam wurde, befand sich das Anwesen im Besitz einer der früheren Ehefrauen des Multimillionärs J. Paul Getty. Sie war einverstanden mit den Dreharbeiten, bestand aber darauf, dass der für den Film in den Erdboden eingelassene Pool nach den Dreharbeiten wieder entfernt werden würde, falls er ihr nicht gefiele. Der Pool blieb und wurde später noch einmal für eine Szene in dem Film „Rebel Without A Cause“ genutzt. Zusätzlich zum Pool wurde das Anwesen noch mit fleckigen Glasfenstern, Palmen, stoffbezogenen Möbeln, staubigen Samtvorhängen und Orgelpfeifen ausstaffiert. Außerdem wurde eine 250.000 Dollar teure, mit Leoparden­fell­polsterung und einem vergoldeten Telefon ausgestattete Isotta Fraschini Tipo 8A-Limousine in der Auffahrt geparkt. Billy Wilder und Charles Brackett versuchten mit ihrem Co-Autor Donald M. Marshman, Jr., die Handlung so lange wie möglich geheim zu halten und versahen ihre Drehbücher sorgsam mit falschen Titeln. Einer der legendären Fake-Titel war „A Can of Beans“, aber nach und nach begannen Details durchzusickern, prekäre Details, denn der Stoff zeigte das schillernde Hollywood in keinem guten Licht. Gloria Swanson und William Holden verkörperten die Rollen von Norma Desmond und Joe Gillis, Swansons Karriere weist starke Ähnlichkeit zu der der Filmfigur Norma Desmond auf. Obwohl der Film bei seiner Premiere am 10. August 1950 in der Radio City Music Hall kein Riesenerfolg war, kam er bei den Kritikern gut weg. Bei der Oscar-Verleihung 1950 wurde „Sunset Boulevard“ als Bester Film, für die Beste Regie, die Beste Hauptdarstellerin, die Beste Nebendarstellerin (Nancy Olson) und die Beste Schwarzweiß-Kamera (John F. Seitz) nominiert und in den Kategorien Bestes Szenenbild (Hans Dreier, John Meehan, Sam Comer und Ray Moyer), Beste Musik (Franz Waxman) und Bestes Originaldrehbuch ausgezeichnet.

1989 begann Andrew Lloyd Webber an der Partitur für das Musical zu arbeiten, das im September 1992 beim Sydmonton Festival mit Patti LuPone (Norma Desmond) und Kevin Anderson (Joe Gillis) erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde und am 12. Juli 1993 im Adelphi Theatre in London mit Patti LuPone (Norma Desmond), Kevin Anderson (Joe Gillis), Meredith Braun (Betty Schaefer) und Daniel Benzali (Max von Mayerling) West End Premiere feierte. In Amerika wurde eine überarbeitete Fassung erstmals am 9. Dezember 1993 am Shubert Theatre in Los Angeles mit Glenn Close (Norma Desmond) und Alan Campbell (Joe Gillis) gezeigt, die ihre Rollen auch in der Broadway-Pemiere am 17. November 1994 am Minskoff Theatre spielten. 1995 wurde „Sunset Boulevard“ mit sieben Tony Awards ausgezeichnet, u. a. als bestes Musical, für die beste Originalmusik und das beste Musicallibretto. Am 8. Dezember 1995 fand im Rhein-Main-Theater in Niedernhausen die deutschsprachige Erstaufführung mit Helen Schneider (Norma Desmond), Uwe Kröger (Joe Gillis), Norbert Lamla (Max von Mayerling) und Barbara Wallner (Betty Schaefer) statt, nachdem sich „The Really Useful Group“ von den vermeintlichen Vorteilen eines Theaters mit eigener Autobahnanschlussstelle irgendwo im Nirgendwo hatte überzeugen lassen. Das Ende am 5. Mai 1998 nach 992 Aufführungen war eher unrühmlich, nach dem letzten Vorhang begannen die Gläubiger bereits mit dem Ausbau der Beleuchtungsanlage, im September 2001 wurde schließlich der Fundus öffentlich und meistbietend versteigert. Seit 2010 darf das Musical auch an Stadttheatern gespielt werden, das Theater Magdeburg zeigte am 13. November 2010 die Premiere einer Inszenierung von Stefan Huber mit Marianne Larsen (Norma Desmond), Nikolaj Alexander Brucker (Joe Gillis), Milica Jovanović (Betty Schaefer) und Norbert Lamla (Max von Mayerling). Regisseur Gil Mehmert hat das Musical bereits bei den Bad Hersfelder Festspielen 2011 (Premiere 21. Juni 2011) mit Helen Schneider (Norma Desmond), Rasmus Borkowski (Joe Gillis), Wietske van Tongeren (Betty Schaefer) und Helmut Baumann (Max von Mayerling) inszeniert, wie bei der neuerlichen Produktion des Theaters Dortmund (Premiere 8. Oktober 2016, Opernhaus Dortmund) gehörten auch schon 2011 Melissa King (Choreografie) und Heike Meixner (Ausstattung) zum Kreativteam.


Zum Inhalt:
Der junge Drehbuchautor Joe Gillis landet auf der Flucht vor Geldeintreibern zufällig in Normas Villa am Sunset Boulevard. Norma Desmond engagiert Joe Gillis als Ghostwriter für ihr Skript zu „Salome“, das ihr zu einem Comeback im Tonfilm verhelfen soll. Joe willigt nach anfänglichen Bedenken ein und läßt sich bald auch von Norma aushalten, er ersetzt quasi den Schimpansen, den er bei seiner Ankunft beerdigen sollte. Von der eigens von Norma nur für sich und Joe inszenierten Sylvesterparty flüchtet er zu seinen Freunden und der jungen Autorin Betty Schaefer, um abermals zu Norma zurückzukehren, als er von ihrem Selbstmordversuch erfährt. Die Vorkommnisse spitzen sich zu, als Norma Desmond von Joes Sympathie zu Betty Schaefer erfährt und ihn bei ihr als Gigolo denunziert. Als Joe Norma verlassen will, erschießt ihn die völlig konfuse Filmdiva, um sich schließlich, als Reporter eintreffen und ihre Kameras aufstellen, um über den Vorfall zu berichten, in Dreharbeiten zu „Salome“ zu wähnen. „Sunset Boulevard“ ist gleichzeitig eine sarkastische Parodie auf die Traumfabrik Hollywood, was besonders in der absurden Schlussszene deutlich wird. Andrew Lloyd Webber rekonstruierte den Filmklassiker beinahe akribisch, Joes sarkastische Abrechnung mit der verlogenen Traumwelt Hollywoods ist als Titelsong der Höhepunkt des Musicals.

Wer „Sunset Boulevard“ bei den Bad Hersfelder Festspielen 2011 in der Inszenierung von Gil Mehmert gesehen hat, wird sich bei der neuerlichen Produktion des Theaters Dortmund auf Anhieb „zu Hause“ fühlen, auch wenn Helen Schneider diesmal nicht die alternden Stummfilmdiva spielt. Stattdessen konnte das Theater Dortmund für seine Neuinszenierung dieser Produktion Pia Douwes (Mrs. Wilkinson in „Billy Elliot“, Diana Goodman in „Next to normal“) für die Rolle der Norma Desmond gewinnen, die sie bereits 2008/2009 bei der Tournee durch die Niederlande und Belgien gespielt hat (Premiere 10. Oktober 2008, Koninklijk Theater Carré Amsterdam). Glaubhaft zeichnet sie das vehemente Bemühen des exzentrischen Stummfilmstars um ein Comeback nach, das in der Schlussszene des zweiten Aktes seinen Höhepunkt findet, in der Norma gänzlich dem Wahnsinn verfallen zu sein scheint und sich wie in einer bizarren Stummfilmszene in Filmaufnahmen zu „Salome“ wähnt. Mit Mimik und Gestik zieht sie alle Blicke auf sich, gesanglich gestaltet die Sopranistin „Nur ein Blick“ und „Als hätten wir uns nie Goodbye gesagt“ zu ihren Höhepunkten. Ihr zur Seite steht ein hervorragendes Ensemble: Oliver Arno (Werther in „Lotte – Ein Wetzlarer Musical“) ist als erfolgloser Drehbuchautor Joe Gillis zu sehen, der allmählich Gefallen am Leben in Reichtum findet und sich von Norma Desmond aushalten lässt. Gesanglich meistert der Bariton seinen Part mit Bravour, selbstredend den Titelsong „Sunset Boulevard“ zu Beginn des zweites Akts, harmonisch gerät auch sein Duett „Viel zu sehr“ mit Wietske van Tongeren (Adrian in „Rocky – Das Musical“) als Produktionsassistentin Betty Schaefer, in dem sich die aus der erfolgreichen Zusammenarbeit an dem Drehbuch zu „Das blinde Fenster“ erwachende Liebe Bahn bricht. Leider lässt die Rolle der Produktionsassistentin Wietske van Tongeren nicht übermäßig großen Entfaltungsspielraum, aber sie macht das Beste daraus und es ist schön, sie nach der Bad Hersfelder Produktion 2011 erneut in dieser Rolle erleben zu können. Publikumsliebling KS Hannes Brock aus dem Ensemble des Theaters Dortmund stellt den gegenwärtig treu ergebenen Butler, früheren Regisseur und Normas ersten Ehemann Max von Mayerling als ebenfalls gealterten Mann dar, der jederzeit um Normas Wohlergehen besorgt ist. Bewegend bringt er seine Ergebenheit gegenüber Norma in seinem Song „Kein Star wird jemals größer sein“ zum Ausdruck. Den „Strippenzieher“, der im Hintergrund Aktionen plant, sie aber bewusst von anderen ausführen lässt, um unerkannt zu bleiben, und als der er mehrfach in Dortmund bezeichnet wurde, kann ich in ihm nicht erkennen. Max von Mayerling ist es schließlich selbst, der Norma die vielen fingierten Verehrerbriefe schreibt und aus Liebe alles tut, um Normas Traumwelt aufrecht zu erhalten. In weiteren Rollen sind Hans Werner Bramer aus dem Opernchor als Regisseur Cecil B. DeMille (* 12. August 1881 in Ashfield, Massachusetts, † 21. Januar 1959 in Hollywood) sowie Morgan Moody (Artie Green) und Joshua Whitener (Manfred/Myron) aus dem Ensemble des Theaters Dortmund zu sehen. Daniel Berger (Sheldrake/Schuldeneintreiber) hat bereits in der Produktion der Bad Hersfelder Festspiele 2011 als Paramount Pictures Produzent Sheldrake mitgewirkt. Studierende des zweiten und dritten Jahrgangs des Studiengangs Musical an der Folkwang Universität der Künste können im Ensemble Erfahrungen im professionellen Theaterbetrieb sammeln und sind mit sichtbar großer Spielfreude bei der Sache.

Natürlich gibt es bei der Produktion des Theaters Dortmund keine pompöse Ausstattung wie beispielsweise in Niedernhausen zu sehen, dennoch hat Heike Meixner – wie schon in Bad Hersfeld und bei der Produktion des Stadttheaters Fürth/EURO-STUDIO Landgraf – ein überzeugendes Bühnenbild geschaffen: Links die obligatorische Treppe in Normas Villa, rechts ein drehbares Gerüst, das mal als Beleuchtungsturm im Filmstudio fungiert, dann als Joes Zimmer über der Garage, oder aber als Orgel in Normas Villa. In der Mitte befindet sich ein Podest, das wiederum vielseitig als Swimmingpool, geflieste Tanzfläche oder mit ausklappbaren Polstern auch als Sitzgelegenheit genutzt wird. Besonders einfallsreich setzen die Mitglieder des Ensembles auf diesem Podest auch in Windeseile aus Einzelteilen Normas „Isotta Fraschini“ zusammen, um sie nach der Vorfahrt bei Paramount Pictures als Kulissenteile durch das Studio wieder hinauszutragen. Ebenso einfallsreich hat Gil Mehmert Joes Flucht vor seinen Gläubigern im erst Akt inszeniert, bei der Joe und die Schuldeneintreiber lediglich eine Stange mit zwei daran befestigten Scheinwerfern durch den Bühnennebel vor sich her tragen, wodurch die Illusion einer wilden Autoverfolgungsjagd über den Sunset Blvd. entsteht. Ein weiteres Highlight ist Mehmerts Interpretation der Szene, als Norma ins Paramount Studio zurückkehrt und vollkommen den Blick für die Realität aus den Augen verloren hat („Als hätten wir uns nie Goodbye gesagt“), verdeutlicht durch die zeitlupenartigen Bewegungsabläufe der Filmcrew. In Dortmund wird die seit 2015 neben der kleiner orchestrierten Standardversion (25 Musiker) verfügbare „Symphonic Version“ gespielt, die Dortmunder Philharmoniker (42 Musiker) unter der Musikalischen Leitung von Ingo Martin Stadtmüller (Kapellmeister und musikalischer Leiter der Jungen Oper) bringen Andrew Lloyd Webbers Partitur fulminant zu Gehör, so dass das Ensemble auf der Bühne mitunter Probleme hat, gegen einen derartig großen Klangkörper anzusingen. Hier wäre vielleicht ein wenig mehr Unterstützung von Seiten der Tontechnischen Einrichtung vonnöten, allerdings mag dieser Eindruck auch vom Platz des Zuschauers im Auditorium abhängen, die Tontechnik kann unter schwierigen akustischen Verhältnissen unmöglich für alle Zuschauer gleichzeitig eine ausgewogene Tonabmischung vornehmen. Glücklicherweise sind die Solisten allesamt einwandfrei zu verstehen.

Die Produktion wurde vom Publikum im Opernhaus Dortmund ausgesprochen positiv aufgenommen, es bedankte sich begeistert bei Darstellern und Kreativen mit Stehapplaus für einen kurzweiligen, unterhaltsamen Musiktheaterabend auf höchstem Niveau. „Sunset Boulevard“ steht noch bis zum bis 22. Januar 2017 mit insgesamt 14 Vorstellungen auf dem Spielplan. Wer sich noch ein wenig für die Hintergründe dieser Produktion interessiert, sei an dieser Stelle auf das Interview mit Gil Mehmert und Pia Douwes verwiesen, welches im Vorfeld geführt wurde.

Castpräsentation im Anschluss an die Premiere. Vordere Reihe v. l. n. r. Wietske van Tongeren, Regisseur Gil Mehmert, Pia Douwes, Oliver Arno

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