Samstag, 15. Oktober 2016

Nachts im Neanderthal Museum

Die neu gestaltete Dauerausstellung bei freiem Eintritt

Neanderthal Museum, „Eine Reise durch die Zeit“

Die Filmkomödie „Nachts im Museum“ (2006) von Shawn Levy mit Ben Stiller (Larry Daley), Robin Williams (Theodore Roosevelt) u. a. spielt im American Museum of Natural History, eines der größten Naturkundemuseen der Welt. Darin verlassen beinahe sämtliche im Museum ausgestellten Exponate nach Sonnenuntergang ihre Standorte und beginnen, im gesamten Museum herumzuwandern. Ob das auch im Neanderthal Museum so sein könnte, davon konnte man sich am 14. Oktober 2016 während der Museumsnacht bei freiem Eintritt sein eigenes Bild machen. Im Neanderthal Museum wurde nämlich 20 Jahre nach der Eröffnung am 10. Oktober 1996 die Dauerausstellung neu konzipiert, seit 11. Oktober 2016 bevölkern neue Vorfahren die Dauerausstellung. Die Besucher werden Teil der großen Menschenfamilie. Die „Lange Nacht der Museen“ kennt man aus Berlin, wo sie zum ersten Mal 1997 stattfand. Eine solche Gemeinschaftsaktion mehrerer Museen und Kultureinrichtungen gibt es auch im Kreis Mettmann, dort findet die neanderland MUSEUMSNACHT alle zwei Jahre jeweils am letzten Freitag im September statt, die nächste neanderland MUSEUMSNACHT findet am 29. September 2017 statt. Wer also die diesjährige Einzelaktion des Neanderthal Museums verpasst hat, bekommt dann die nächste Gelegenheit, nachzuschauen, ob das Neanderthal Museum nachts zum Leben erwacht.

Neanderthal Museum, „Eine Reise durch die Zeit“, die „Sanduhr“ erläutert die zeitliche Dimension der Menschheitsentwicklung

Im einführenden Teil der Dauerausstellung „Eine Reise durch die Zeit“ erwartet die Besucher eine beeindruckende Inszenierung. Den Auftakt an Neuerungen macht eine raumgreifende Holzkonstruktion aus über 300 verschieden großen Dreiecken. Sie stellt den menschlichen Stammbusch dar, der noch nie in einer solch spektakulären Weise erlebbar wurde. Darauf stehen eindrucksvolle Hominine (Rekonstruktionen unserer Vorfahren) der niederländischen Bildhauer Adrie und Alfons Kennis, darunter so berühmte Funde wie „Lucy“, eine Rekonstruktion nach dem 1974 in Hadar im Afar-Dreieck (Äthiopien) entdeckten Teilskelett eines als weiblich interpretierten Individuums der Art Australopithecus afarensis. Sie erzählen über Audiotexte ihre persönlichen Geschichten aus entscheidenden Etappen der Humanevolution. Die Dermoplastiken stehen gemeinschaftlich im Vordergrund und bekommen eine eindrucksvolle und gleichsam zurückhaltende Kulisse. Die Besucher können durch begehbare Einschnitte in die Landschaftsmodulation eintauchen und werden so ein erfahrbarer Teil der Evolutionsgeschichte.

„Eine Reise durch die Zeit“, der „menschliche Stammbusch“

Um es an dieser Stelle gleich vorwegzunehmen, man konnte bei der Museumsnacht noch so lange warten, selbst als das Neanderthal Museum zu fortgeschrittener Stunde schon beinahe menschernleer war, begann keine der Rekonstruktionen, im Museum umherzulaufen, weder „Lucy“ oder der „Turkana Boy“ noch „Kina“ oder „Mr. 4 %“. Alle blieben an ihren angestammten Plätzen stehen bzw. sitzen. Allerdings musste man an diesem Abend schon sehr viel Geduld aufbringen, um das Museum beinahe menschenleer zu erleben. Viele Besucher wollten sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, die neu gestalteten Ausstellungsbereiche zu erkunden und den Geschichten aus entscheidenden Etappen der Humanevolution zu lauschen, an denen auch schon zahlreiche Kinder Gefallen fanden.

„Eine Reise durch die Zeit“, der „menschliche Stammbusch“

1.600.000 Jahre, Homo erectus/ergaster, „Turkana Boy“, Rekonstruktion nach Funden am Nariokotome-Fluss, rund 5 km westlich des Turkana-Sees, Kenia, Adrie und Alfons Kennis, Arnheim, 2016

7.000.000 Jahre, Sahelanthropus tchadensis, „Toumai“, Toros-Menalla in der Djurab-Wüste im Norden des Tschad, ältester Hominine

3.200.000 Jahre, Australopithecus afarensis, „Lucy“, Rekonstruktion nach Funden aus Hadar, Äthiopien, Adrie und Alfons Kennis, Arnheim, 2016

3.200.000 Jahre, Australopithecus afarensis, „Lucy“, Rekonstruktion nach Funden aus Hadar, Äthiopien, Adrie und Alfons Kennis, Arnheim, 2016

„Forscherbox“

Wer in den Forscherboxen stöbert, kann weitere Hintergrundinfos entdecken. Die Boxen wurden 2006 eingeführt und haben zum 20-jährige Bestehen des Museums eine neue Struktur erhalten, neue Objekte und vor allem eine spezielle Kinderebene mit spielerischen Elementen und Knochen zum Anfassen.

„Forscherbox“

Die neuen Ausgrabungs- und Labormodelle im ArchäoWunderland illustrieren, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Archäologie und anderen Disziplinen unsere Vergangenheit rekonstruieren. Wir sehen eine große Ausgrabungsfläche sowie eine Höhlengrabung, auf denen fleißig gearbeitet wird und können den Weg eines Knochenfundes durch verschiedene Labore verfolgen.

ArchäoWunderland, „Flächengrabung“

Das neue Spiegelkabinett im Bereich „Leben und Überleben“ soll unsere genetische Verwandtschaft mit dem Neanderthaler verdeutlichen. Die Realität sieht ein wenig anders aus: Im besten Fall muss die Rekonstruktion des Neanderthalers aus der „Feldhofer Grotte“ für Selfies herhalten, im ungünstigsten Fall fingern kleine und große Besucher im Gesicht herum, kneifen in die Nase, zupfen an den Haaren… Der Hinweis, die Rekonstruktion nicht zu berühren, ist womöglich zu unauffällig am Eingang des Spiegelkabinetts angebracht.

Rekonstruktion des Neanderthalers aus der „Feldhofer Grotte“, Adrie und Alfons Kennis, Arnheim, 2006, im neuen Spiegelkabinett

„Mr. 4 %“, realistisch wirkende Rekonstruktion des Neanderthalers aus der „Feldhofer Grotte“, Adrie und Alfons Kennis, Arnheim, 2012

Natürlich sind auch noch „Mr. 4 %“ und das Neanderthaler-Mädchen „Kina“ in der neu konzipierten Dauerausstellung zu sehen. Hintergrund für die Idee zur realistisch wirkenden Rekonstruktion des Neanderthalers aus der „Feldhofer Grotte“ ist, dass Forscher 2010 entdeckten, dass alle Menschen außerhalb Afrikas bis zu 4 % Neandertaler-DNS in sich tragen.

Neanderthal Museum, zentrales Treppenhaus

Der Bühnenbildner Heinrich Wendel war fasziniert von eiszeitlicher Höhlenmalerei. Er fotografierte in den 1960er- und 1970er-Jahren in annähernd 50 Höhlen in Frankreich und Spanien. Mit knapp 3.000 Fotos ist die Sammlung eines der größten Bildarchive der Eiszeitkunst und im Besitz der Stiftung Neamderthal Museum.

„Die Sammlung Wendel“

„Kina“ sitzt im Themenbereich „Kommunikation und Gesellschaft“ und wurde 2015 von Adrie und Alfons Kennis nach dem Schädelfund eines etwa siebenjährigen Mädchens von der Fundstelle La Quina in Frankreich rekonstruiert. Seine Körpergröße beträgt etwa 120 cm. Das Mädchen wurde nach seinem Tod unter dem Felsschutzdach La Quina niedergelegt, vielleicht bestattet. Sie starb vor etwa 65.000 Jahren.

Homo sapiens neanderthalensis, Rekonstruktion nach einem Schädelfund aus La Quina, Frankreich, Adrie und Alfons Kennis, Arnheim, 2015

Noch bis zum 30. Oktober 2016 ist auch die Sonderausstellung „DUCKOMENTA“ zu sehen, die bei der Museumsnacht ebenfalls bei freiem Eintritt besucht werden konnte.

„DUCKOMENTA“: Erste verworfene Ölskizze der Cherubini der Sixtinischen Madonna, Öl auf Leinwand

Wie viele andere Skizzen, in denen Raffael Engel ohne Flügel gezeichnet hatte, war auch dieser Entwurf nicht für die Öffentlichkeit gedacht. Während im Mittelalter Engel meist als erwachsene Männer dargestellt wurden, zeigte Raffael diese Engelsfiguren wie er sie wirklich sah: als gefiederte, fliegende Lausebengel.

Das Neanderthal Museum ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, es ist „Eintritt frei“-Partner der RUHR.TOPCARD 2016 und bietet den Inhabern der Erlebniskarte für das Ruhrgebiet ganzjährig einmalig freien Eintritt in die Dauerausstellung. Gilt nicht bei Sonder­veranstaltungen.

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