Dienstag, 4. Oktober 2016

Gala zur Spielzeiteröffnung 16.17 im Musiktheater im Revier

Die erste Veranstaltung nach Abschluss der Renovierung im Großen Haus

Am Montag, 3. Oktober 2016, dem Tag der Deutschen Einheit, wurde im Großen Haus des Musiktheaters im Revier die neue Spielzeit 2016/2017 mit der traditionellen Gala eröffnet. Das unter der Federführung des Architekten und Stadtplaners Werner Ruhnau errichtete Musiktheater wurde am 15. Dezember 1959 eröffnet und war in den vergangenen Monaten „letztmalig renoviert“ worden, wie es Generalintendant Michael Schulz in seiner bewährt lockeren Moderation etwas salopp formulierte. Tatsächlich bekam das Große Haus für 2,7 Millionen Euro eine neue Konzertmuschel und einen neuen Bühnenboden spendiert, der Orchestergraben wurde akustisch ertüchtigt, das Bühnenportal wurde in seiner ursprünglichen Funktionalität wiederhergestellt, die Lautsprecheranlage wurde erweitert, und noch die ein oder andere „Kleinigkeit“ wurde gerichtet, was beispielsweise auch den Eisernen Vorhang betrifft. Das alles soll das Theatererlebnis für den Zuschauer steigern, und genau das wollte man den Zuschauern an diesem Abend schmackhaft machen. Ob das Große Haus nun tatsächlich „letztmalig renoviert“ worden ist, darauf wollte sich Michael Schulz bei genauerer Betrachtung dann lieber doch nicht festlegen.

Bis zur letzten Minute hatten die Handwerker das Große Haus in Beschlag genommen, so dass die Generalprobe im Depot der Neuen Philharmonie Westfalen in Recklinghausen stattfinden musste. Die Gala war also eigentlich die Generalprobe für das renovierte Große Haus, voll besetzt mit Zuschauern, die die neue Akustik erstmalig live und hautnah erleben konnten. Dass da nicht gleich auf Anhieb alles passt und durchaus Optimierungsbedarf zu hören war, dürfte sich also von selbst verstehen. Das Dumme an der Sache ist, dass der Tontechniker nicht gleichzeitig auf allen der gut 1.000 Plätzen sitzen kann und für jeden Zuschauer die optimale Tonabmischung vornehmen kann. Daraus resultierte beispielsweise eine schlechte Textverständlichkeit der Solisten im Rang, während sich Zuschauer im Parkett über eine insgesamt zu hohe Lautstärke beklagten. Bei einer Premiere ohne vorherige Generalprobe vor Ort, die es ja in jedem Fall war, sicher nachvollziehbar und zu verbessern. Und davon werden sich die Zuschauer auch bestimmt nicht „abschrecken“ lassen, die Vorstellungen in der kommenden Spielzeit zu besuchen, wenngleich Michael Schulz in seiner Moderation verdächtig häufig dazu aufgefordert hat, sich nicht vom Besuch bestimmter Produktionen abschrecken zu lassen, beispielsweise der Holocaust-Oper „Die Passagierin“ von Mieczyslaw Weinberg, die am 28. Januar 2017 – einen Tag nach dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, der auf den Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee im Jahr 1945 verweist – im Großen Haus Premiere feiern wird und die das MiR wider das Vergessen, wider das Leugnen und wider die Intoleranz in den Spielplan aufgenommen hat. Die hieraus vom Opern- und Extrachor und der Neuen Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Valtteri Rauhalammi im zweiten Teil des Abends zu Gehör gebrachten Kostproben „Konzert“ und „Schwarze Wand“ waren womöglich genau dazu angetan. Der ein oder andere ältere Zuschauer möchte das Thema lieber hinter sich lassen, was man respektieren sollte, und Mieczyslaw Weinbergs Kompositionen sind auch nicht unbedingt als „leichte Kost“ zu bezeichnen.

Doch der Reihe nach: Nach der von der Neuen Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Thomas Rimes gespielten Ouvertüre aus der Oper „Der Forentiner Hut (Il Cappello Di Paglia di Firenze)“ von Nino Rota, die am 19. November 2016 Premiere feiern wird, standen „Notte e giorno faticar“, vorgetragen von Karen Ferguson, die die Partie für die erkrankte Alfia Kamalova übernommen hatte, Urban Malmberg, Piotr Prochera und Dong-Won Seo, „Dalla sua pace“, vorgetragen von Ibrahim Yesilay, und das Duett „Là ci darem la mano“, vorgetragen von Bele Kumberger und Piotr Prochera, aus Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „Don Giovanni“ auf dem Programm, die am 29. April 2017 Premiere feiern wird. Ebenfalls aufgrund der Erkrankung von Alfia Kamalova wurde von Cornel Frey (Peter Quint, ein früherer Diener) und Julius Röttger (Miles) aus dem Knabenchor der Chorakademie Dortmund „At night“ aus der Oper „The turn of the screw“ von Benjamin Britten vorgestellt, die bereits seit 10. September 2016 und noch bis 30. Oktober 2016 am Kleinen Haus zu sehen ist. Große Oper folgte mit der Neuen Philharmonie Westfalen unter der Leitung von GMD Rasmus Baumann und „So starben wir, um ungetrennt, vorgetragen von Yaminar Maamar, Gerhard Siegel und Almuth Herbst, und „Mild und leise“, vorgetragen von Yaminar Maamar, aus der Oper „Tristan und Isolde“ von Richard Wagner, die am 4. März 2017 Premiere feiern wird. Als letztes Stück vor der Pause präsentierten Bele Kumberger, Noriko Ogawe-Yatake, Edward Lee, Joachim Gabriel Maaß sowie der Opern- und Extrachor das Finale des zweiten Aktes aus der Oper „Der Forentiner Hut (Il Cappello Di Paglia di Firenze)“ von Nino Rota.

19. Gelsenkirchener Theaterpreis 2016

Den zweiten Teil des Abend eröffneten Francesca Berruto (Miranda) und Carlos Contreras (Ferdinand) mit ihrem Pas de deux aus dem Ballett „Prosperos Insel“ von Bridget Breiner zur Musik von Frank Martin, Benjamin Rimmer, Pēteris Vasks, Ralph Vaughan Williams u. a., das bereits bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen gezeigt wurde und am kommenden Samstag, 8. Oktober 2016 Premiere im Großen Haus feiern wird. Im Gespräch mit Generalintendant Michael Schulz stellte Ballettdirektorin Bridget Breiner das weitere Ballettprogramm der Spielzeit 2016/2017 vor und ließ erstmalig verlauten, dass sie für den Ballettabend „Der Rest ist Tanz.“ (Premiere 20. Mai 2017) neben Marguerite Donlon und Renato Paroni de Castro den renommierten schwedischen Choreografen Pontus Lidberg gewinnen konnte. Im Anschluss erfolgte die Verleihung des traditionellen von der Sparkasse Gelsenkirchen gestifteten Theaterpreises, der in diesem Jahr zum neunzehnten Mal verliehen wurde und jährlich außergewöhnliche Leistungen mit überregionaler Ausstrahlung in allen Sparten des Musiktheaters im Revier würdigt. Die Preisträger des mit 9.000 € dotierten Gelsenkirchener Theaterpreises 2016 Francesca Berruto, Almuth Herbst sowie das Leitungsteam der Kinderoper „Schaf“ von Sophie Cassies um Kathrin Sedlbauer (Regie), Christiane Rolland (Bühne) und Eva Wasmund (Kostüm) wurden von einer achtköpfige Jury ausgewählt. Die Balletttänzerin Francesca Berruto überzeugte in der zurückliegenden Spielzeit durch ihre innige Darstellung der Alice in Luis Fernando Bongiovannis Produktion „Alice in Wonderland“, Ensemblemitglied Almuth Herbst wurde für ihre herausragende Interpretation der Cieca in Amilcare Ponchiellis „La Gioconda“ geehrt.

19. Gelsenkirchener Theaterpreis 2016

Im Anschluss brachten Preisträgerin Almuth Herbst und Petra Schmidt die bekannte „Barcarole“ aus der Phantastischen Oper „Hoffmanns Erzählungen (Les Contes d’Hoffmann)“ von Jaques Offenbach zu Gehör, die am 10. Juni 2017 Premiere feiern wird. Christa Platzer präsentierte das Chanson „Göttingen“ aus der Musikalischen Lesung mit Texten von Irène Némirovsky und Chansons von Barbara „Parce que je t’aime – Weil ich dich liebe“, die am 15. und 25. Januar 2017 im Kleinen Haus zu erleben sein wird. Nach den bereits erwähnten Ausschnitten aus der Holocaust-Oper „Die Passagierin“ ging es mit drei Songs aus dem größten Erfolg des Berliner Grips-Theaters weiter, „Linie 1“ von Birger Heymann, der Rockband „No ticket“ (Musik) und Volker Ludwig (Texte), Michael Schulz verglich in seiner Moderation die Berliner U-Bahn-Linie 1 mit der KulturLinie 107 zwischen Gelsenkirchen Hauptbahnhof und Essen-Bredeney, den „Wilmersdorfer Witwen“ könne man auch in Bredeney begegnen, einer gehobenen Wohngegend in Essen. Dazu fällt mir ein früherer Slogan der Theater und Philharmonie ein: „Mit Essen spielt man nicht!“ Sebastian Schiller performte „Fahr mal wieder U-Bahn“, unterstützt von Judith Caspari, Almuth Herbst und Anke Sieloff als Background-Sängerinnen, Joachim Gabriel Maaß als Hermann den Song „Es ist herrlich zu leben“, und schließlich waren Jacoub Eisa, Edward Lee, Joachim Gabriel Maaß und Sebastian Schiller als Wilmersdorfer Witwen mit dem gleichnamigen Song zu erleben. „Linie 1“ wird ab 11. März 2017 am Kleinen Haus gespielt. Noch in diesem Jahr, nämlich am 16. Dezember 2016, wird die Operette „Die lustige Witwe“ von Franz Lehár Premiere feiern, woraus Anke Sieloff und Michael Damen das „Lied vom dummen Reiter“ und Michael Damen, Tobias Glagau, Edward Lee, Joachim Gabriel Maaß, Thomas Möves, Piotr Prochera und Marvin Zobel „Das Studium der Weiber“ zu Gehör brachten. Als Zugabe war die Kammercore-Band „Coppelius“ mit „Bitten Danken Petitieren“, „Butterblume“ und einem weiteren Song zu hören, oder sollte man besser sagen, nicht zu überhören, Gehörschutz war nämlich im Vorfeld der beinahe vierstündigen Gala nicht verteilt worden.

Zusammenfassend kann man festhalten, dass das Programm des Musiktheaters im Revier in der Spielzeit 2016/2017 für jeden Geschmack etwas zu bieten hat, die Bandbreite der Produktionen im Spielplan ist beträchtlich.

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