Freitag, 30. September 2016

Vorschau: „Sunset Boulevard“

Probenbesuch im Opernhaus Dortmund

„Sunset Boulevard“ – basierend auf dem gleichnamigen Billy Wilder-Film von 1950; Musik: Andrew Lloyd Webber; Lyrics und Buch: Don Black, Christopher Hampton; Buch: Ken Ludwig; Deutsche Bearbeitung: Michael Kunze; Regie: Gil Mehmert; Choreografie: Melissa King; Ausstattung: Heike Meixner; Tontechnische Einrichtung: Marc Schneider-Handrup; Dramaturgie: Wiebke Hetmanek; Musikalischer Leiter: Ingo Martin Stadtmüller. Darsteller: u. a. Pia Douwes (Norma Desmond), Oliver Arno (Joe Gillis), KS Hannes Brock (Max von Mayerling), Wietske van Tongeren (Betty Schaefer), Hans Werner Bramer (Cecil B. DeMille), Morgan Moody (Artie Green), Daniel Berger (Sheldrake), Joshua Whitener (Manfred), Sarah Wilken (Heather), Esther Conter/Charlotte Katzer/Susanne W. Nixel (Mary), Anneke Brunekreeft (Ursula), Yara Hassan (Jean, Dance Captain), Martina Vorsthove (Joanna), Natascha Valentin (Katherine), Tomas Stitilis/Florian Minnerop/Pascal Cremer (Cliff), Marvin Schütt (John), Anton Schweizer (Sammy), Tomas Stitilis/Florian Minnerop/Pascal Cremer (Wunderkind), Henry Lankester (Jonesy), Alexander Sasanowitsch (Schuldeneintreiber). Uraufführung: 12. Juli 1993, Adelphi Theatre, London. Deutschsprachige Erstaufführung: 8. Dezember 1995, Rhein-Main-Theater, Niedernhausen. Premiere: 8. Oktober 2016, Theater Dortmund. 14 Vorstellungen bis 22. Januar 2017

„Sunset Boulevard“ ist ein amerikanisches Filmdrama von Billy Wilder aus dem Jahr 1950, das die Geschichte der fatalen Begegnung zwischen der alternden Stummfilmdiva Norma Desmond und dem jungen Drehbuchautor Joe Gillis erzählt, der auf der Flucht vor Geldeintreibern zufällig in Normas Villa am Sunset Blvd. landet. Gloria Swanson und William Holden verkörperten die Rollen von Norma Desmond und Joe Gillis, Gloria Swansons Karriere weist starke Ähnlichkeit zu der der Filmfigur Norma Desmond auf. Norma Desmond engagiert Joe Gillis als Ghostwriter für ihr Skript zu „Salome“, das ihr zu einem Comeback im Tonfilm verhelfen soll. Joe willigt nach anfänglichen Bedenken ein und läßt sich bald auch von Norma aushalten, er ersetzt quasi den Schimpansen, den er bei seiner Ankunft beerdigen sollte. Von der eigens von Norma nur für sich und Joe inszenierten Sylvesterparty flüchtet er zu seinen Freunden und der jungen Autorin Betty Schaefer, um abermals zu Norma zurückzukehren, als er von ihrem Selbstmordversuch erfährt. Die Vorkommnisse spitzen sich zu, als Norma Desmond von Joes Sympathie zu Betty Schaefer erfährt und ihn bei ihr als Gigolo denunziert. Als Joe Norma verlassen will, erschießt ihn die völlig konfuse Filmdiva, um sich schließlich, als Reporter eintreffen und ihre Kameras aufstellen, um über den Vorfall zu berichten, in Dreharbeiten zu „Salome“ zu wähnen. „Sunset Boulevard“ ist gleichzeitig eine sarkastische Parodie auf die Traumfabrik Hollywood, was besonders in der absurden Schlussszene deutlich wird. Andrew Lloyd Webber rekonstruierte den Film beinahe akribisch, Joes sarkastische Abrechnung mit der verlogenen Traumwelt Hollywoods ist als Titelsong der Höhepunkt des Musicals.

Nachdem Theater- und Filmregisseur Gil Mehmert („Das Wunder von Bern“, Uraufführung 23. November 2014, Theater an der Elbe, Hamburg) „Sunset Boulevard“ erstmals bei den Bad Hersfelder Festspielen 2011 (Premiere 21. Juni 2011, Stiftsruine, Bad Hersfeld) mit Helen Schneider als alternde Stummfilmdiva und Wietske van Tongeren (Betty Schaefer) sowie 2014 in einer Koproduktion mit dem Euro-Studio Landgraf am Stadttheater Fürth (Premiere 17. Oktober 2014) mit Helen Schneider (Norma Desmond), Cornelia Drese (Norma Desmond alternierend) und Oliver Arno (Joe Gillis) in Szene gesetzt hat, konnte das Theater Dortmund für seine Neuinszenierung dieser Produktion Pia Douwes für die Rolle der Norma Desmond gewinnen, die sie bereits 2008/2009 bei der Tournee durch die Niederlande und Belgien gespielt hat (Premiere 10. Oktober 2008, Koninklijk Theater Carré Amsterdam). Weiterhin sind Oliver Arno (Joe Gillis) und Wietske van Tongeren (Betty Schaefer) erneut mit von der Partie. In weiteren Rollen stehen KS Hannes Brock (Max von Mayerling), Morgan Moody (Artie Green) und Joshua Whitener (Manfred) aus dem Ensemble des Theaters Dortmund sowie Hans Werner Bramer (Cecil B. DeMille) aus dem Opernchor auf der Bühne, Studierende des zweiten und dritten Jahrgangs des Studiengangs Musical an der Folkwang Universität der Künste können im Ensemble Erfahrungen im professionellen Theaterbetrieb sammeln. In Dortmund soll die seit 2015 neben der kleiner orchestrierten Standardversion (25 Musiker) verfügbare „Symphonic Version“ mit den Dortmunder Philharmonikern (42 Musiker) unter der Musikalischen Leitung von Ingo Martin Stadtmüller (Kapellmeister und musikalischer Leiter der Jungen Oper) gespielt werden, die womöglich auch eine besondere Herausforderung für die Tontechnik im Hause darstellen könnte.

Bei der öffentlichen Probe am 29. September 2016 bestand für das Publikum die Gelegenheit, einen ersten Blick auf die Vorbereitungen zur Premiere am 8. Oktober 2016 zu werfen. Das Interesse an der Produktion scheint enorm zu sein, zumindest saßen die Besucher bei der Einführung von Dramaturgin Wiebke Hetmanek in Scharen auf dem Boden im Foyer bzw. auf der Treppe zum Rang. Der Herr mit „Gipsbein“, der ebenfalls auf der Treppe Platz nehmen musste, war nicht zu beneiden. Gezeigt wurde schließlich die Probe des zweiten Aktes von Beginn bis zum Song „Viel zu sehr“, in dem sich Betty Schaefer und Joe Gillis ihre Liebe gestehen, auch wenn Wiebke Hetmanek das in ihrer Einführung doch gar nicht verraten wollte und damit aber bereits alles verraten hatte. Statt der Dortmunder Philharmoniker war bei Probe Korrrepetitorin Tatiana Prushinskaya am Flügel aus dem Orchestergraben zu hören, demenstprechend konnten sich die Besucher noch keinen Eindruck von der „Symphonic Version“ verschaffen.

Zur Ausstattung ist an dieser Stelle nicht viel zu sagen, das Bühnenbild erinnert ziemlich stark an die Tournee-Version von 2014, geprobt wurde bei „Arbeitslicht“ ohne Kostüme. Der „Isotta Fraschini“, mit dem Max von Mayerling Norma Desmond und Joe Gillis zu den Paramount Studios chauffiert, ist noch derselbe wie bei der Tournee, „hatte der nicht auch eine Windschutzscheibe?“, war von der Regie aus dem Hintergrund zu hören. Wer schon einmal bei einer Probe mit Gil Mehmert als Regisseur dabei gewesen ist, dem dürfte bekannt sein, dass ihm kein noch so kleines Detail entgeht, selbst wenn viele Darsteller gleichzeitig auf der Bühne agieren, sei es eine nicht deutlich genug herausgearbeitete Pointe oder eine verdrehte Wortabfolge im Text. Insofern kann man später als Zuschauer sicher sein, eine aus Sicht des Regisseurs perfekte Vorstellung geboten zu bekommen. Ob diese dann auch den persönlichen Geschmack des Zuschauers perfekt trifft, ist bekanntlich eine ganz andere Sache. Gil Mehmert hatte sich bereits im Interview recht ausführlich zur Dortmunder Inszenierung geäußert. Wer eine seiner früheren Inszenierungen von „Sunset Boulevard“ gesehen hat, bekommt damit eine gute Vorstellung davon, was ihn/sie in Dortmund erwarten wird.

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