Dienstag, 13. September 2016

Stadttheater Bielefeld: „Hochzeit mit Hindernissen (The Drowsy Chaperone)“

„Hochzeit mit Hindernissen (The Drowsy Chaperone)“ – Musik, Gesangstexte: Lisa Lambert, Greg Morrison; Buch: Bob Martin, Don McKellar; Deutsche Fassung: Roman Hinze; Inszenierung: Thomas Winter; Choreografie: Dominik Büttner; Ausstattung: Beatrice von Bomhard; Licht: Johann Kaiser; Sounddesign: Thomas Noack; Dramaturgie: Daniel Westen; Musikalische Leitung: William Ward Murta. Darsteller: Jens Kipper/Nito Torres (Mann im Sessel), Kerstin Marie Mäkelburg (Die beschwipste Anstandsdame), Maja Sikora (Janet van de Graaff), Gero Wendorff (Robert Martin), Jens Janke (George), Florian Hinxlage/Andreas Wolfram (Aldolpho), Melanie Kreuter (Mrs. Tottendale), Lutz Laible (Underling), Carlos Horacio Rivas (Mr. Feldzieg), Michaela Duhme (Kitty), Carina Sandhaus (Trix), Tobias Berroth (1. Gangster), Arne David (2. Gangster), Stefan Fietzek/Marvin Meinold (Hausmeister, Reporter, Personal). The Drowsy Band: Jörn Brackelsberg, Arndt Hesse, Volker Michaelis, Sven Pollkötter, Detlef Raschke, Sigrid Raschke, Axel Riesenweber, Michael Rossberg, Anahit Ter-Tatshatyan, Thomas Zander. Uraufführung: 1998, The Rivoli, Toronto, Ontario. Broadway-Premiere: 1. Mai 2006, Marquis Theatre, New York City. Deutschsprachige Erstaufführung: 27. April 2013, Theater Hof. Premiere: 4. September 2016, Stadttheater Bielefeld. Besuchte Vorstellung: 11. September 2016.



„Hochzeit mit Hindernissen (The Drowsy Chaperone)“


Die Parodie auf die amerikanische Musical Comedy der 1920er-Jahre am Theater Bielefeld


Eigentlich hatten Don McKellar, Lisa Lambert, Greg Morrison und weitere Freunde des Autors Bob Martin nur eine kleine Musicalparodie zu dessen Hochzeit mit Janet van de Graaff aufführen wollen. Doch Bob Martin war so begeistert, dass er gemeinsam mit seinen Freunden begann, das Stück weiterzuentwickeln. Wenig später wurde daraus ein komplettes Bühnenwerk – mit überwältigendem Erfolg: Nach Aufführungen beim Toronto Fringe Festival (1999), am Theatre Passe Muraille (1999) und Winter Garden Theatre (2001) in Toronto und am Ahmanson Theatre in Los Angeles (Premiere 10. November 2005) feierte „The Drowsy Chaperone“ am 1. Mai 2006 Broadwaypremiere und gewann gleich fünf Tony Awards (Best Book of a Musical, Best Original Score, Best Performance by a Featured Actress in a Musical für Beth Leavel (The Drowsy Chaperone), Best Scenic Design für David Gallo sowie Best Costume Design für Gregg Barnes). Das Musical feiert seitdem auch im internationalen Raum große Erfolge. Das Theater Hof zeigte am 27. April 2013 die Deutschsprachige Erstaufführung in einer Inszenierung von Reinhardt Friese, die Konservatorium Wien Privatuniversität – heute Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien – zeigte am 25. Januar 2014 die Österreichische Erstaufführung in einer Inszenierung von Isabella Fritdum. Am Theater Bielfeld wurde „Hochzeit mit Hindernissen (The Drowsy Chaperone)“ am 4. September 2016 als erste Musicalpremiere der Spielzeit 2016/17 in der Inszenierung von Folkwang-Alumnus Thomas Winter gezeigt.

Ein eingefleischter Musical-Fan der Marke „Früher-war-alles-besser!“ sitzt in seinem New Yorker Apartment und versucht dieser Tristesse durch das Auflegen der Schallplatte seines Lieblingsmusicals „The Drowsy Chaperone“ aus dem Jahre 1928 zu entkommen. Unerwartet manifestiert sich das Stück vor seinen Augen. Das Wohnzimmer wird zur Bühne, die überzeichneten Figuren, die musikalischen Nummern mit ihren ins Bein gehenden Rhythmen und die Hits der alten Zeit erwecken den Glanz der 1920er-Jahre zu neuem Leben: Die Broadway-Darstellerin Janet van de Graaff, Star der „Feldzieg Follies“, möchte ihre Karriere an den Nagel hängen, um Robert Martin, den Sohn eines Öl-Magnaten, zu heiraten. Doch ihre Hochzeit steht unter keinem guten Stern. Janets verschlagener Produzent Feldzieg versucht, die Eheschließung zu sabotieren, da er von einem stümperhaften Gangster-Duo bedroht wird, deren Boss in die „Feldzieg Follies“ investiert hat und sicherstellen möchte, dass die Show ein finanzieller Erfolg wird. Janets Anstandsdame sagt der Alkohol mehr zu als ihre nominelle Aufgabe, und die naive Hupfdohle Kitty möchte Janets Position im Ensemble der „Feldzieg Follies“ übernehmen. Und dann sind da auch noch Roberts Trauzeuge George, der schmierige Latin-Lover Aldolpho sowie Mrs. Tottendale und ihr Diener Underling, die die Hochzeit von Robert Martin und Janet van de Graaff ausrichten. Als Janet an ihrer Entscheidung gegen ihre Karriere und für die Ehe mit Robert Zweifel kommen, erhält sie von ihrer beschwipsten Anstandsdame den Rat, Robert noch schnell zu fragen, ob er sie wirklich liebe. Kaum ist Janet weg, macht Aldolpho, der im Auftrag von Mr. Feldzieg die Braut verführen soll, um die Hochzeit zu verhindern, Janets Anstandsdame in der irrigen Annahme Avancen, es handele sich um Janet, und prompt landen beide gemeinsam im Bett. Robert rollt auf Rollschuhen und mit verbunden Augen durch Mrs. Tottendales Garten, als er auf Janet trifft, die vorgibt, „Mimi“ aus Frankreich zu sein, und sie küsst, woraufhin sie außer sich fortrennt, da Robert ein fremdes französisches Mädchen geküsst habe und dementsprechend nicht treu sei. Der Mann im Stuhl legt statt der zweiten Platte des Doppel-Albums „The Drowsy Chaperone“ versehentlich „Die verzauberte Nachtigall“ auf und sein Wohnzimmer/die Bühne verwandelt sich in einen orientalischen Palast. Von der Toilette zurückgekehrt korrigiert er seinen Fehler und die richtige Show kann fortfahren. Alle Missverständnisse klären sich schließlich auf, und am Ende gibt es sogar vier Brautpaare: Mrs. Tottendale möchte ihren Diener Underling heiraten, Janets Anstandsdame und Aldolpho wollen nach der leidenschaftlichen Nacht heiraten, Kitty liest Mr. Feldziegs Gedanken und verkündet, dass er sie um die Ehe bitten werde, und Robert gesteht Janet seine Liebe, die zugibt, das französische Mädchen „Mimi“ gespielt zu haben und ihm verzeiht. Als George bemerkt, dass er vergessen hat, den Pfarrer zu besorgen, landet Trix mit ihrem Flugzeug in Mrs. Tottendales Garten. Schnell ist eine Lösung für den fehlenden Pfarrer gefunden: Da der Kapitän an Bord eines Schiffes Trauungen vollziehen kann, soll Trix die Paare an Bord ihres Flugzeugs trauen und in die Flitterwochen nach Rio fliegen.

„Hochzeit mit Hindernissen“ definiert sich nicht als reines Musical, vielmehr stehen die Show und der bewusste Rückgriff auf die Form des Vaudevilles im Vordergrund des Stückes, das sich sowohl als Reminiszenz als auch als Parodie auf die großen Show-Zeiten des Jazz-Age in den 1920er-Jahren Amerikas versteht. Mit einer Mischung aus Stereotypen der Zeit – gespickt mit teils authentischen, teils erfundenen Biografien – bedienen die Autoren jenes Vaudeville, überhöhen die Formen von Akrobatik, Slapstick, Comedy, Stepp, Tanz und Gesang und kreieren daraus eine Show, die konsequent im Up-tempo davonbraust, in der scheinbar jede Nummer die vorhergehende an Witz und Skurrilität zu überbieten versucht. „Hochzeit mit Hindernissen“ als Parodie auf die amerikanische Musical Comedy der 1920er-Jahre ist damit das vielleicht verrückteste, schnellste, irrwitzigste und unterhaltsamste Musical überhaupt. Regisseur Thomas Winter hat „Hochzeit mit Hindernissen“ nach „City of Angels“, „Sunset Boulevard“ und „Cyrano“ als temporeiche Show mit viel Witz und Humor inszeniert, nur von den Erklärungen und Kommentaren des namenlosen Mannes im Stuhl als Rahmenhandlung unterbrochen, die nicht minder witzig und humorvoll ausfallen. Um wirklich jeden noch so kleinen Seitenhieb zuordnen zu können, braucht es schon eine fundierte Kenntnis des Musical-Genres. Beatrice von Bomhard lässt in dem New Yorker Appartment des Musical-Fans mit ihrer Ausstattung die „Guten, Alten Zeiten“ der 1920er-Jahre mit zügelloser Vergnügungssucht und grenzenlosem Optimismus wiederauferstehen, für die Szene aus „Die verzauberte Nachtigall“ – eine Parodie auf „The King and I“ – hat Beatrice von Bomhard eine orientalisch anmutende Ausstattung kreiert. Ob den häufigen Auftritten der Akteure aus einem Kühlschrank womöglich auch ein tieferer Sinn innewohnt, mag jeder für sich selbst ergründen. Dominik Büttner hat für „Hochzeit mit Hindernissen“ temporeiche, an die 1920er-Jahre angepasste Choreografien einstudiert, die mit Charleston, Stepptanz und Akrobatik zum hohen Unterhaltungswert der Show beitragen. Die 11-köpfige „Drowsy Band“ unter der Musikalischen Leitung von Musicalkapellmeister William Ward Murta am Piano unterstützt mit den Kompositionen von Lisa Lambert und Greg Morrison und Songs wie „Schlicht“ („Show off“), „Unglück, das einfach passier’n muss“ („Accident waiting to happen“) und der komischen Nummer „Plunder Surprise“ („Toledo Surpise“) die turbulente Handlung wo nur möglich.

Schauspieler Nito Torres verleiht in der Rahmenhandlung dem grantelnden Mann im Stuhl als ewigem Nostalgiker überzeugend Gestalt, der seine Schallplattensammlung hegt und pflegt, natürlich zu jeder Szene seines Lieblingsmusicals „The Drowsy Chaperone“ den passenden Kommentar abgibt und sich auch sonst mit Seitenhieben auf störende Telefonanrufe oder zwanghafte Pausengespräche nicht zurückhalten kann, weshalb die etwa 110-minütige Vorstellung ohne Pause gespielt wird. Gero Wendorff und Maja Sikora sind als das leibhaftige Brautpaar Robert Martin und Janet van de Graaff zu sehen, für dessen Trauung das Musical ursprünglich geschrieben wurde. Gero Wendorff macht nicht nur optisch mit einem blendend weißen Zahnpastalächeln etwas her, sondern liefert sich auch zusammen mit Jens Janke („Chess – Das Musical“) als seinem Trauzeugen George eine grandiose Stepptanzeinlage zu „Kalte Füsse“ („Cold Feet“), und selbst mit verbunden Augen – damit er die Braut nicht aus Versehen vor der Trauung zu sehen bekommt – rollt er auf Rollschuhen zielsicher seiner Janet als französisches Mädchen „Mimi“ in die Arme. Maja Sikora überzeugt als langbeiniges, leicht bekleidetes Showgirl der „Feldzieg Follies“ mit Gesang, Tanz und akrobatischen Einlagen, da will der Inhalt ihres Songs „Schlicht“ („Show off“), in dem sie dem Show-Business den Rücken kehrt, so gar nicht zu dem äußeren Eindruck passen. Kerstin Marie Mäkelburg („Company“) widmet sich als beschwipste Anstandsdame, die dem Theaterstück im englischsprachigen Original seinen Namen verleiht, eher dem ein oder anderen Glas Champagner als ihrer eigentlichen Verpflichtung, mit ihrem Solo „Strauchelnd geht es voran“ („As we stumble along“) gibt sie – ganz Diva – in Zeiten der Prohibition einen mitreißenden Lobgesang auf den Alkoholismus zum Besten. Melanie Kreuter und Lutz Laible aus dem festem Gesangsensemble bzw. dem Opernchor des Theater Bielefeld geben als Mrs. Tottendale und ihr Diener Underling ein vollkommen gegensätzliches Komikerduo ab, während sie der Verwechslung von Eiswasser und Wodka unterliegen und Mrs. Tottendale ihrem Diener Underling beständig den Wodka ins Gesicht prustet. Carlos Horacio Rivas möchte als Broadway Produzent Mr. Feldzieg die Hochzeit seines Showstars Janet van de Graaff mit Robert Martin verhindern, der Bezug zum realen Broadway Impressario Florenz Edward Ziegfeld Jr. (* 21 März 1867 in Chicago, Illinois, † 22. Juli 1932 in Hollywood, Kalifornien), namentlich durch seine Revuen unter dem Namen „Ziegfeld Follies“ bekannt, ist unverkennbar. Andreas Wolfram erliegt als selbsternannter Latin Lover Aldolpho, der vom früheren Filmstar und Alkoholiker Roman Bartelli gespielt wird, zur Freude des Publikums prompt dem Irrtum, es handele sich bei der beschwipsten Anstandsdame um die Braut. Michaela Duhme hat als naive Hupfdohle Kitty nicht unbedingt die Starqualitäten von Janet van de Graaff, immerhin gelingt es ihr aber schließlich, Mr. Feldzieg durch Gedankenlesen von einer Hochzeit mir ihr zu überzeugen. Tobias Berroth und Arne David machen als Zuckerbäcker verkleidetes, wenig furchteinflößendes Gangsterduo den Song „Plunder Surprise“ („Toledo Surprise“) mit ihren Slapstick- und Tanzeinlagen zu einem Highlight des Abends. In der Rolle der Fliegerin Trix, die das große Finale anstimmt, werden die „großen“ Ladies zu sehen sein, die in den letzten Jahren das Publikum am Theater Bielefeld begeistert haben: Abla Alaoui („Bonnie & Clyde“), Ulrike Figgener („Die Hexen von Eastwick“, „Sunset Boulevard“), Navina Heyne („A Little Night Music (Das Lächeln einer Sommernacht)“, „Bonnie & Clyde“), Bettina Meske („Die Hexen von Eastwick“), Brigitte Oelke („Sunset Boulevard“, The Who´s „Tommy“, „City of Angels“), Carina Sandhaus („Die Hexen von Eastwick“, The Who´s „Tommy“), Lucy Scherer („Cyrano“), Karin Seyfried („Company“, „Songs for a New World“), Katharina Solzbacher („Die Hexen von Eastwick“, „A Little Night Music (Das Lächeln einer Sommernacht)“), Carolin Soyka („Company“, „The Birds of Alfred Hitchcock“) und Roberta Valentini („Die Hexen von Eastwick“, „City of Angels“, „Company“, „Chess – Das Musical“). Die Besetzungen werden jeweils kurz vor den Vorstellungen vom Theater bekanntgegeben. In der besuchten Vorstellung am 11. September 2016 hat Carina Sandhaus die Rolle gesungen, am 18. September und 6. Oktober 2016 wird nach der Premiere erneut Roberta Valentini die Rolle singen, am 24. September und 15. Oktober 2016 Lucy Scherer, und am 29. September, 1. und 8. Oktober 2016 Navina Heyne. Stefan Fietzek sorgt am Ende als Hausmeister dafür, dass in dem New Yorker Appartment/auf der Bühne das Licht ausgeht, indem er die Sicherungen wechselt. Wäre der Mann im Stuhl doch nur ans Telefon gegangen, so wäre er vorher darüber informiert gewesen…

„Ich hasse das Theater!“, sagt der Mann im Stuhl zu Beginn der Aufführung, der jedes Mal für eine gute Show betet, wenn das Licht im Saal ausgeht. Am Theater Bielefeld wurden seine Gebete einmal mehr erhört, „Hochzeit mit Hindernissen“ ist wirklich gute Unterhaltung und eine grandiose Hommage an die „Guten, Alten Zeiten“ der amerikanischen Musical Comedy der 1920er-Jahre. Nicht nur Nostalgiker werden ihre Freude an der Aufführung haben, der Besuch in Bielefeld lohnt sich, zumal das Stück nicht so häufig auf den Spielplänen der Theater im deutschsprachigen Raum zu finden ist. Weitere Folgevorstellungen sind bis 31. Dezember 2016 disponiert.

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