Montag, 5. September 2016

„Evita“ am Theater Bonn

„Evita“ – nach der Lebensgeschichte von Eva Perón; Musik: Andrew Lloyd Webber, Lyrics, Buch: Tim Rice; Deutsche Bearbeitung: Michael Kunze; Inszenierung: Gil Mehmert; Choreografie: Kati Farkas; Ausstattung: Beatrice von Bomhard; Licht: Thomas Roscher; Sounddesign: Stephan Mauel; Regieassistenz: Sandra Wissmann; Musikalische Leitung: Jürgen Grimm. Darsteller: David Jakobs (Che), Bettina Mönch (Eva Perón), Mark Weigel (Juan Perón), Eva Löser (Mistress, Peróns Geliebte vor Eva), Johannes Mertes (Agustín Magaldi), Brigitte Jung/Christina Kallergis (Mutter), Jon Runar Arason/Taras Ivaniv (Präsident, Offizier, Arbeiter), Enrico Döring, Josef Michael Linnek, Johannes Marx, Christian Specht (Offiziere, Arbeiter), Yoko El Edrisi (Dance Captain), Lara de Toscano, Shaw Coleman, Roberto Junior, Adriano Sanzo, Judit Szoboszlay, Hayato Yamaguchi, Chor des Theater Bonn, Kinder- und Jugendchor des Theater Bonn. Uraufführung: 21. Juni 1978, Prince Edward Theatre, London. Broadway Premiere: 25. September 1979, Broadway Theatre, New York City. Deutschsprachige Erstaufführung: 20. Januar 1981, Theater an der Wien, Wien. Deutsche Erstaufführung: 19. Mai 1986, Theater Oberhausen. Premiere: 4. September 2016, Opernhaus Bonn.



„Evita“


Eva Peróns Biographie als Rock-Oper


Schon zu Lebzeiten eine schillernde Legende, erlangte María Eva Duarte de Perón (* 7. Mai 1919 in Los Toldos, Argentinien, † 26. Juli 1952 in Buenos Aires) nach ihrem tragisch frühen Ende Kultstatus. Aus ärmlichsten Verhältnissen arbeitete sie sich durch die Hochzeit mit Juan Domingo Perón (* 8. Oktober 1895 in Lobos, † 1. Juli 1974 in Olivos, Buenos Aires) in märchenhafter, aber ebenso rücksichtloser Art und Weise zur Primera Dama („First Lady“) Argentiniens empor. Als Kämpferin für die Rechte des einfachen Volkes wurde sie verehrt wie eine Heilige. Retrospektiv ab ihrem Sterbetag am 26. Juli 1952 betrachtet der junge Student Che Evitas Leben: Nach einer ärmlichen Kindheit in Junín überredet die 15-jährige Eva Duarte den Tangosänger Agustín Magaldi (* 1. Dezember 1898 in Casilda, Provinz Santa Fe, † 8. September 1928 in Buenos Aires), sie mit nach Buenos Aires zu nehmen. Dort angekommen wirft sich die schöne junge Frau ins Stadtleben und verfolgt beharrlich ihr Ziel, Schauspielerin zu werden. Ihre zahlreichen Liebhaber ermöglichen ihr den gesellschaftlichen Aufstieg, bis sie am 22. Januar 1944 bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung auf General Juan Perón trifft. Schnell erkennen die beiden, dass sie sich in vielerlei Hinsicht ideal ergänzen. Eva wirft Peróns junge Geliebte aus seinem Haus und verlegt ihre Ambitionen von der Bühne auf die Politik, was von Militär und Feudalaristokratie höchst misstrauisch beobachtet wird. Nach der Hochzeit überzeugt Eva ihren Mann, dass nur er die sozialen Probleme des Landes lösen kann, und damit der ideale Regierungschef ist. Durch die Unterstützung von Arbeitern, Bauern und Gewerkschaften gelingt Perón am 4. Juni 1946 der Wahlsieg und Eva ist am Ziel ihrer Wünsche. Auf ihrer Goodwill-Tour durch Europa (der berühmten „Rainbow Tour“) lässt sie sich als argentinische First Lady feiern und gründet nach ihrer Rückkehr in Argentinien am 8. Juli 1948 die „Fundación María Eva Duarte de Perón“. Von den Armen wird sie als Engel der Nation gefeiert, die Spendengelder fließen reichlich für die Wünsche mittelloser Bittsteller – aber auch dubiose Kanäle. Im Militär wächst der Widerstand gegen Eva, wirtschaftliche und soziale Spannungen verursachen Kritik an Peróns Politik und Aufruhr im Land, und Eva erfährt, dass sie unheilbar an Krebs erkrankt ist. Trotzdem ist sie entschlossen, als Vizepräsidentin zu kandidieren, doch letztendlich zwingt die Krankheit sie zum Verzicht. In einer Rundfunkansprache verkündet sie ihre Entscheidung und erringt damit einen letzten Triumph. Sterbend schwört Eva ewige Liebe zu Argentinien.

Andrew Lloyd Webber und Tim Rice machten Eva Perón in ihrem Musical mit Nummern wie „Don´t cry for me, Argentina“, „Buenos Aires“ oder „High flying, adored“ unsterblich. 1974 begannen der Komponist und sein Librettist, die schon 1971 mit „Jesus Christ Superstar“ einen Welterfolg erzielt hatten, mit der Arbeit an dem Musical. Bereits vor der Londoner Premiere präsentierten sie 1976 die durchkomponierte, moderne Rockoper zunächst als Konzeptalbum der Öffentlichkeit. Am 21. Juni 1978 feierte „Evita“ mit Elaine Paige in der Titelrolle und David Essex als Che in der Regie von Herold Prince seine umjubelte Uraufführung am Prince Edward Theatre in London, und nur ein Jahr später am 8. Mai 1979 folgte die amerikanische Erstaufführung im Dorothy Chandler Pavilion des Los Angeles Music Center, am 25. September 1979 die Broadway Premiere am Broadway Theatre mit Patti LuPone als Eva und Mandy Patinkin als Che. Die Produktion wurde 1980 mit sieben Tony Awards ausgezeichnet, unter anderem als erste britische Produktion als bestes Musical. Am 20. Januar 1981 folgte die deutschsprachige Erstaufführung in der assoziationsgetreuen Bearbeitung von Michael Kunze mit Isabel Weicken in der Titelrolle und Alexander Goebel als Che in der Regie von George Martin am Theater an der Wien, und die erste deutsche Produktion ging am 19. Mai 1986 am Theater Oberhausen mit Olivia Molina als Eva Perón in der Inszenierung von Fritzdieter Gerhards über die Bühne. Der grandiose Kunstgriff, die Figur des international bekannten Revolutionärs Ernesto „Che“ Guevara (* 14. Mai 1928 in Rosario, Argentinien, † 9. Oktober 1967 in La Higuera, Bolivien) als Erzähler einzubauen, der Evas Leben und Sterben subjektiv und kritisch kommentiert, obwohl sich die beiden im realen Leben niemals begegnet sind, schafft den perfekten dramaturgischen Rahmen um die Biographie der argentinischen Polit-Legende Eva Perón. Che verleiht dem demokratischen Widerspruch einer gesichtslosen Masse als Vertreter des Volkes ein konkretes Gesicht.

Nach der erfolgreichen Produktion von „Jesus Christ Superstar“ (Premiere 13. Oktober 2013) in Kooperation mit dem Theater Dortmund (Premiere 19. Oktober 2014) hat das Theater Bonn erneut Musical-Spezialist Gil Mehmert („Das Wunder von Bern“, Uraufführung 23. November 2014, Theater an der Elbe, Hamburg) mit der Inszenierung des Musicalklassikers „Evita“ betraut und zeigt diesen als erste Produktion in der neuen Spielzeit 2016/17 erstmals am Opernhaus. Ohne extremen Aufwand lässt Gil Mehmert die einzelnen Stationen von Eva Peróns Biographie bildgewaltig Revue passieren, hervorragend unterstützt durch die Ausstattung von Beatrice von Bomhard, die mit vielen kleinen Details wie etwa dem Nachdruck einer Ausgabe des von Editorial Haynes in Buenos Aires herausgegebenen Magazins „Mundo Radial“ aus dem Jahr 1944, auf dessen Titelblatt Bettina Mönch als Eva Duarte de Perón abgebildet ist und in der lt. Ankündigung auf dem Deckblatt über die neue Frühlingsmode berichtet wird, beeindrucken kann. Als Bühnenhintergrund dient häufig der von diversen „Evita“-Castalben bekannte halbe Strahlenkranz, der zum Ende des zweiten Aktes mit dem stilisierten Konterfei von Evita zu dem bekannten Piktogramm vervollständigt wird. Gil Mehmert greift in seiner Inszenierung zwar mitunter auf Bewährtes wie die „Reise nach Jerusalem“ bei „Das Handwerk des Möglichen“ zurück, auf der anderen Seite lassen viele neue Details nie Langeweile aufkommen. So wird beispielsweise Juan Peróns junge Geliebte mitsamt ihrem Koffer bei „Du nimmst den Koffer wieder in die Hand“ auf einer Sackkarre von Che von der Bühne befördert. Kati Farkas unterstützt mit der von ihr einstudierten Choreografie den Fortgang der Handlung vortrefflich: Während Eva Duarte und Juan Perón bei ihrem Rendezvous nach dem Wohltätigkeitskonzert erkennen, dass sie sich gegenseitig von Nutzen sein können („Ich wäre wirklich gut für dich“), tanzen Yoko El Edrisi und Adriano Sanzo einen sinnlichen Tango, den man damals eindeutig mit dem Rotlichtmilieu verband. Am Theater Bonn hat man sich bei der musikalischen Umsetzung für eine neunköpfige Band mit drei Keyboards entschieden, die unter der Musikalischen Leitung von Jürgen Grimm Andrew Lloyd Webbers Kompositionen mit einer Mischung aus Rock, Pop, Oper und lateinamerikanischen Rhythmen adäquat zu Gehör bringt. Ohne an dieser Stelle die leidige Diskussion lostreten zu wollen, würde ich persönlich den opulenten Klang des 18-köpfigen Orchesters bevorzugen, für das man ebenfalls eine Lizenz von der Musik und Bühne Verlagsgesellschaft, Wiesbaden in Vertretung von The Really Useful Group, London erwerben kann. Doch das ist wirklich Geschmacksache, und dazu sollte sich jeder seine eigene Meinung bilden.

Für die Hauptrolle der Eva Duarte de Perón konnte Bettina Mönch verpflichtet werden, die in der Spielzeit 2015/16 bereits als Audrey in „Der kleine Horrorladen (Little Shop of Horrors)“ (Premiere 30. August 2015, Regie Erik Petersen) am Theater Bonn zu sehen war, die Titelpartie der Eva Perón bereits an der Oper Graz (Premiere 2. Oktober 2014, Regie Marcel Keller) gespielt hat und parallel zur Bonner Produktion im Oktober und November 2016 in der Produktion der Vereinigten Bühnen Wien am Ronacher (Premiere 9. März 2016, Regie Vincent Paterson) übernehmen wird. Bettina Mönch beeindruckt insbesondere mit ihrer Darstellung der eiskalten Berechnung, mit der Eva Duarte zahlreiche Liebhaber zur Förderung ihrer Kariere benutzte und schließlich den machtbesessenen Offizier Juan Perón auf sich aufmerksam machte. Gesanglich meistert sie selbst hohe Lagen problemlos, allerdings dürften nicht so textsichere Zuhörer in den in einigen Fällen extrem schnellen Passagen Probleme mit der Textverständlichkeit haben, was allerdings teilweise auch an der Tonabmischung zwischen Band und Gesangssolisten liegen mag. Mit ihrer Größe von 1,78 Metern überragt sie David Jakobs (Che) mit seiner Größe von 1,74 Metern körperlich mit Leichtigkeit, weshalb sie den „Walzer für Evita und Che“ jedenfalls ohne Schuhe auf’s Parkett legt. David Jakobs, der in der erwähnten Inszenierung von „Jesus Christ Superstar“ von Gil Mehmert in der Rolle des Judas Ischariot zu sehen war, ist in der Rolle des Che als Kommentator und Chronist beinahe ständig auf der Bühne zu sehen und liefert sowohl gesanglich als auch darstellerisch eine hervorragende, durchweg überzeugende Leistung ab, mit seinen teilweise sarkastischen Kommentaren rückt er das Bild der glorifizierten Polit-Legende Eva Perón zurecht. Johannes Mertes kann sich als Tangosänger Agustín Magaldi mit „On This Night of a Thousand Stars“ gleich im ersten Akt gesanglich ins Blickfeld der Zuschauer rücken, während Mark Weigel als General und späterer Präsident Juan Perón dazu erst im zweiten Akt mit „Wie ein Diamant“ die Gelegenheit erhält. Eva Löser, augenblicklich noch im vierten Jahrgang des Studiengangs Musical der Folkwang Universität der Künste, kann in ihrem Auftritt als Juan Peróns junge Geliebte mit „Du nimmst den Koffer wieder in die Hand“ nachhaltig auf sich aufmerksam machen. Chor sowie Kinder- und Jugendchor des Theater Bonn stellen das zahlenmäßig starke Ensemble.

Das Premierenpublikum im Opernhaus war nach zweieinhalbstündiger Vorstellung begeistert und bedachte die Leistung von Darstellern, Musikern und Kreativen mit langanhaltendem, teilweise sogar euphorischem Applaus. Bis 14. Juli 2017 stehen 24 Folge­vor­stellungen auf dem Spielplan.

Wer sich ein wenig für die Hintergründe der Produktion interessiert, dem sei das Interview mit Gil Mehmert und Bettina Mönch empfohlen.

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