Freitag, 30. September 2016

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“

Sonderausstellung im LVR-Industriemuseum Gesenkschmiede Hendrichs

Das LVR-Industriemuseum Gesenkschmiede Hendrichs widmet sich ab dem 30. September 2016 in seiner neuen Sonder­aus­stellung „Die Welt im Kleinen“ der Geschichte des Baukastens im 20. Jahrhundert. Im Mittel­punkt der Ausstellung stehen neben Holz-, Stein- und Kunststoff­bau­kästen vor allem die faszinierenden Metall­bau­kästen und Modelle namhafter Hersteller wie Märklin, Trix, Stabil oder Meccano aus der Sammlung der Kölner Familie Griebel.

Eckfassade der Gesenkschmiede Hendrichs. Allein dieser Teil der Außenansicht wurde einst mit ästhetischem Anspruch gestaltet.


„Träume aus Blech“

Imposante Modelle technischer Ikonen wie die legendäre Schweizer Bergbahn – das Schweizer Krokodil oder SBB-Krokodil (Baureihen SBB Ce 6/8II und SBB Ce 6/8III der Schweizerischen Bundesbahnen) – oder der fast zwei Meter hohe Eiffelturm machen den Auftakt in der Ausstellung, die darüber hinaus den Blick auf die ganz persönliche Welt des Sammlers richtet und die Geschichte des Baukastens, die seiner Hersteller und seines Vertriebes erläutert. Die Modelle überzeugen durch den Charme der Miniatur, gleichzeitig beeindrucken sie durch ihre Größe. Hier sieht man kein Kinderspielzeug, sondern in vielen Stunden Arbeit zusammen­ge­setzte Werke von Tüftlern. Faszinierend ist die präzise Abbildung des originalen Vorbildes.

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“, Cabrio mit Wohnwagen, Meccano, um 1920

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“, Eiffelturm, Märklin, 1989

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“, „Adler“ Lokomotive mit Tender, Märklin, 1980

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“, Schweizer Krokodil, Märklin, 1980

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“, Windmühle, Mekanik, 1960er-Jahre

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“, Riesenrad im Wiener Prater, Märklin, o. J., und „Hau den Lukas“, Märklin, 1985


Die Welt des Sammlers

Sein Sofa und ein stilisierter Flohmarkttisch entführen in die persönliche Welt von Jürgen Griebel, Köln, aus dessen umfangreicher Sammlung die historischen Metallbaukästen der Ausstellung stammen. Jürgen Griebel (* 1. Mai 1934, † 7. Februar 1997) bekam 1940 den ersten Metallbaukasten den Märklin Nr. 1 - von seinem Großvater geschenkt. Der sechsjährige Junge baute alle Modelle aus dem Vorlagenheft. Nach dem Krieg wurde sein geliebter Baukasten im Tausch gegen Lebensmittel geopfert, die Baukästen gerieten in Vergessenheit. Ende der 1960er-Jahre, als seine beiden Söhne geboren wurden, erwachte die Leidenschaft aus Kindertagen erneut. Jürgen Griebel begann zu sammeln: Metallbaukästen und -modelle, insbesondere Lokomotiven. Die Söhne bekamen Matchbox-Autos zum Spielen. Als Jürgen Griebel später aufgrund einer chronischen Erkrankung aus dem Berufsleben ausschied, wurde die Sammlung zu einem zentralen Lebensinhalt. Der Bau der Modelle, die Restaurierung oder die originalgetreue Herstellung der Kästen selbst machte ihm Freude. Mehrach hat er in Museen ausgestellt. Märklin blieb sein Favorit, doch im Hinblick auf die Ausstellungsaktivitäten erweiterte er die beeindruckende Sammlung. Sie umfasst nich nur Baukästen der Marken Walther, Trix oder Meccano, sondern auch Produkte aus der ehemaligen DDR oder solche aus verschiedensten Materialien von Holz über Kunststoff bis zu Stein oder Aluminium.

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“, Konstruktionsbaukasten in Streicholzschachtel, Clou, o. J.


Die Hersteller

Die Geschichte des Baukastens und die seiner bekannten Hersteller werden in der Ausstellung ebenfalls thematisiert. Während die frühen Baukästen des 19. Jahrhunderts aus Holz oder aus Stein und ohne feste Verbindungselemente waren, erfand Frank Hornby aus Liverpool 1901 das entscheidende Bauteil für die Welt im Kleinen aus Blech: Genormte Metallstreifen mit Löchern in regelmäßigen Abständen. Mit Schrauben und Muttern, Rädern und Achsen ließen sich erstmals bewegliche Modelle wie Kräne, Maschinen oder Wagen aller Art bauen. Der Metallbaukasten konnte seinen Siegeszug in die Welt antreten. 1908 gründete Hornby die Firma Meccano Ltd., die sich rasch zur größten Spielwarenfabrik Großbritanniens entwickeln sollte. In vielen Ländern fanden sich Nachahmer. Zu den bekannten deutschen Herstellern gehören die Berliner Firma Walther mit ihren Stabilbaukästen (ab 1905) oder die in Göppingen ansässige Fa. Märklin, die seit 1914 eigene Metallbaukästen produzierte. Ihre Entwicklung greift die Ausstellung ebenso auf, wie sie in einem Exkurs auf die Blechspielzeuge und Metallbaukasten eingeht, die von Solinger Firmen hergestellt worden sind.

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“, „Es ist und beibt Stabil des Knaben bestes Spiel“, Metallbaukaster der Fa. Walther & Co.

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“, E-Lok, Märklin, um 1950, Tenderlok, Meccano, o. J., E-Lokomotive, Stokys (Schweiz), 1980, Meccano-Lok, 1935

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“, Flugzeug aus Märklin-Bauteilen, o. J.


Der Vertrieb

Die Baukästen wurden seit den 1920er-Jahren für eine breitere Käuferschicht erschwinglich, da eine stärkere Mechanisierung der Produktion die Preise sinken ließ. Ein großes Schaufenster mit Modellen und Baukästen aller Art erinnert in der Ausstellung an die Vertriebsformen, mit denen die Hersteller für ihre Produkte warben. Eingängige Werbesprüche wie „Es ist und bleibt Stabil des Knaben liebstes Spiel“ gehörten ebenso zu den umfangreichen Werbestrategien wie Anzeigen und Plakate. Insbesondere die Spielzeugkataloge ließen die Kinderherzen höher schlagen. Doch die größte Überzeugungskraft traute man den gebauten Modellen zu, die den Einzelhändlern für ihre Schaufenster angeboten wurden. Besonders in der Weihnachtszeit bestaunten die Kinder die prächtig dekorierten Auslagen.

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“

Der Baukasten als technisches Spielzeug und seine Rolle für Erziehung und Spielwelt von Kindern seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bildet einen weiteren wichtigen Aspekt. Er sollte Kinder anregen, kreative Lösungen zu finden. Gleichzeitig lehrte er planvolles Handeln, Geschicklichkeit, Konzentrationsfähigkeit und Ordnung.


Kindheit und Spiel

Ein letzter Bereich der Ausstellung beschäftigt sich mit Kindheit und Spiel. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert zeigt das technische Spielzeug: Was im Großen die Welt bestimmt, findet man im Kleinen als Spielzeug wieder. Gerade Metallbaukästen eigneten sich hervorragend, um Bauwerke, Fahrzeuge und Maschinen oder auch Phantasieobjekte, die die Arbeits-, Lebens- und Vorstellungswelt der jeweiligen Zeit prägten, nachzubauen. Sie galten als pädagogisches Spielzeug, das Kinder anregen sollte, kreative Lösungen zu finden. Gleichzeitig lehrten sie planvolles Handeln, Geschicklichkeit, Konzentrationsfähigkeit und nicht zuletzt auch Ordnung. Gedacht waren sie nahezu ausschließlich für Jungen. Die Titelbilder oder Namen wie „Der kleine Architekt“ oder „Der kleine Ingenieur“ zeugen von dem Anspruch, Jungen schon früh auf eine technikbestimmte Berufswelt vorzubereiten. Der Mitmachbereich mit vielen verschiedenen Baumaterialien lädt die kleinen Besucherinnen und Besucher ein, auszuprobieren, wie aktuell das Spielzeug Baukasten heute noch ist.

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“, Spannende Arbeitswelt: Fahrzeuge, Abschleppwagen, Mekanik, 1960, KD-Plastik-Tankstelle, 1955

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“, Spannende Arbeitswelt: Fahrzeuge, Traktor, Trix, 1969, Oranger Traktor, Märklin, 1980, Traktor, Märklin, o. J.

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“, Fröbel-Bauschule, doppellagig, Architektur, 1900, Holz


Neue Materialien und Techniken

Ende der 1950er-Jahre ließ das Interesse an den Metallbaukästen nach. Mit Fischer-Technik entstand ein Kunststoff-Baukasten-System, das den Metallbaukästen in vielerlei Hinsicht überlegen war und auch speziell für den Werkunterricht vermarktet wurde. Die Erfindung von Lego im Jahr 1958 ermöglichte das einfache und spielerische Bauen mit bunten Kunststoffbauteilen. Der Anteil an Kunststoffspielzeug erreichte 1968 bereits 40 Prozent. Der Metallbaukasten wurde zu einem Nischenprodukt und allmählich zum Sammelobjekt.

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“

Ein großer Mitmachbereich mit vielen verschiedenen Baumaterialien lädt zum Spielen ein.

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“ ist vom 30. September 2016 bis 25. Juni 2017 im LVR-Industriemuseum Gesenkschmiede Hendrichs zu sehen. Das Museum ist Dienstag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr geöffnet, Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Die Ausstellung wird ergänzt durch ein Begleitprogramm mit Führungen und Kreativ-Workshops für Kinder. Weitere Informationen unter www.industriemuseum.lvr.de.

Keine Kommentare: