Montag, 19. September 2016

„Die unendliche Geschichte – Phantásien in Not“

„Die unendliche Geschichte – Phantásien in Not“ – Fantasy-Märchen nach dem Roman von Michael Ende in der Bühnenfassung von Henry Mason; Regie: Michael Schachermaier; Bühne und Kostüme: Julia Beyer, Jan Meier; Figurenbau und –design: Rebekah Wild, Ewan Hunter, Jan Zalund; Musik: Parviz Mir-Ali; Dramaturgie: Simone Kranz. Mit Susanne Burkhard (Blubb, ein Irrlicht/Urgl, eine Gnomin u. a.), Angela Falkenhan (Die kindliche Kaiserin u. a.), Anna Polke (Bastians Mutter/Die uralte Morla u. a.), Torsten Bauer (Bastians Vater/Caíron, ein Arzt und Schwarzzentaur u. a.), Thieß Brammer (Bastian Balthasar Bux), Henry Meyer (Ein Hausmeister/Der Werwolf Gmork u. a.), Moritz Peschke (Atréju u. a.), Hartmut Stanke (Karl Konrad Koreander/Der Alte vom Wandernden Berg u. a.), Peter Waros (Fuchur, ein Glücksdrache u. a.), Eike Weinreich (Wuschwusul, ein Nachtalb/Artax, Atréjus Pferd), Klaus Zwick (Ückück, ein Winzling/Engywuck, ein Gnom). Uraufführung: 8. Oktober 2013, Renaissancetheater, Wien. Premiere: 17. September 2016, Theater Oberhausen, Großes Haus. Besuchte Vorstellung: 18. September 2016.



„Die unendliche Geschichte – Phantásien in Not“


Das Fantasy-Märchen nach dem Roman von Michael Ende am Theater Oberhausen


Michael Ende (* 12. November 1929 in Garmisch, † 28. August 1995 in Filderstadt) zählt mit Jugendbüchern wie „Die unendliche Geschichte“, „Momo“ und „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ zu den erfolgreichsten deutschen Jugendbuchautoren. „Die unendliche Geschichte“ erschien erstmals im September 1979 im K. Thienemanns Verlag in einer Auflage von lediglich 20.000 Exemplaren. Unvorstellbar, denn in den kommenden drei Jahren folgten 15 Neuauflagen mit nahezu einer Million Exemplaren. 1983 verfilmte Regisseur Wolfgang Petersen („Das Boot“), der auch für das Drehbuch mitverantwortlich zeichnete, die erste Hälfte des Romans, mit einem Budget von über 50 Millionen DM die bis dahin teuerste deutsche Nachkriegsproduktion, die am 6. April 1984 in die deutschen Lichtspielhäuser kam. Da computeranimierte Effekte zu der Zeit noch in den Anfängen steckten, mussten alle Fantasiewesen des Film tatsächlich real gebaut und von Puppenspielern bewegt werden. Michael Ende war mit dem Film jedoch nicht zufrieden, versuchte sogar, ihn gerichtlich verbieten zu lassen, und ließ seinen Namen aus dem Vorspann streichen. 1990 folgte „Die unendliche Geschichte II – Auf der Suche nach Phantásien“, in dem die zweite Hälfte des Buches in stark geänderter Version präsentiert wurde.

In der Spielzeit 2013/2014 brachte das Wiener Theater der Jugend die Uraufführung des ersten Teils „Die unendliche Geschichte – Phantásien in Not“ des Märchenkultbuches von Michael Ende in einer Fassung von Henry Mason am Renaissancetheater auf die Bühne, Premiere war am 8. Oktober 2013. Regisseur Michael Schachermaier hat diese Inszenierung des Bestsellers nun zur Eröffnung der Spielzeit 2016/2017 am Theater Oberhausen mit dessem Ensemble und beeindruckenden Puppen neu einstudiert, Premiere war am 17. September 2016. Eine im Musical gängige Praxis, dort lassen die Rechteinhaber mitunter gar keine andere Vorgehensweise zu, im Schauspiel dagegen eher ungewöhnlich. Im Mai 2014 folgte am Wiener Renaissancetheater der zweite Teil „Die unendliche Geschichte – Die Schlacht um den Elfenbeinturm“, Premiere war am 20. Mai 2014. Dieser steht am Theater Oberhausen nicht auf dem Spielplan, zumindest nicht mehr in der Intendanz von Peter Carp, der zur Spielzeit 2017/2018 an das Theater Freiburg wechselt.

Thieß Brammer (Bastian Balthasar Bux). Foto: Axel J. Scherer

Der Fünftklässler Bastian Balthasar Bux (Thieß Brammer), überaltert, ein Sonderling, kürzlich Halbweise geworden, kommt mit seinem Leben nicht klar, verweigert sich der Realität und läuft buchstäblich vor ihr davon. Ein Buchladen wird ganz durch Zufall sein Zufluchtsort. Er trifft dort auf den Inhaber Karl Konrad Koreander (Hartmund Stanke), der vertieft in einen dicken roten Wälzer, Bastians stürmisches Eintreten als Störfaktor empfindet und sich daher wenig erfreut zeigt. Gerade das zieht Bastian magisch an. In einem unbewachten Moment nimmt er das große rote Buch an sich und versteckt sich mit ihm auf dem Dachboden seiner Schule. Schon bald vertieft er sich in die Lektüre und kommt nicht mehr von ihr los: Der Vater (Torsten Bauer) in eigener Trauer versunken, die Mutter (Anna Polke) zwei Monate zuvor auf tragische Weise ums Leben gekommen, die schikanierenden Klassenkameraden, die rigide Lehrerin, der mürrische Hausmeister (Henry Meyer): Sie alle sind noch irgendwie vorhanden, mischen sich in Bastians Fantasien, durch sie werden die Figuren, den Jungen vollkommen einnehmend und fesselnd, zu Fabelwesen, die ihn umgeben.

Moritz Peschke (Atréju). Foto: Axel J. Scherer

Dies wird möglich, da die Darsteller rund um Bastian in immer neue Rollen schlüpfen. Mal führen sie Puppen oder treten in schlichter schwarzer Kleidung in den Hintergrund, mal verkörpern sie selbst ein eine Figur aus Bastians Buch. Aber immer sind sie zu sehen, stets wird der Zuschauer daran erinnert, dass hinter den Wesen aus der Welt Phantásien wahre Menschen stecken. Kein Fabelwesen existiert allein durch das Buch, lebendig werden sie erst durch die Menschen aus Bastians realer Lebenswelt.

Torsten Bauer, Eike Weinreich, Hartmut Stanke, Anna Polke, Henry Meyer, Susanne Burkhard, Peter Waros (Fuchur), Klaus Zwick. Foto: Axel J. Scherer

Streckenweise geht es auf der Bühne temporeich, geradezu hektisch zu. Die Darsteller – mit Ausnahme des Jungen Bastian Balthasar Bux (Thieß Brammer) sowie der Grünhaut Atréju (Moritz Peschke) als Bastians Alter Ego und Identifikationsfigur – schlüpfen fortwährend in neue Rollen, wechseln Kostüme im Sekundentakt. In schwindelerregendem Tempo flirren die Fabelwesen über die Bühne, Puppen und Menschen treiben nimmermüde die Handlung voran. So werden große Schirme in Tarnfarben zu einem perfekt anmutenden Panzer der Riesenschildkröte Morla. Das Gerümpel auf dem Schuldachboden dekoriert nicht nur die Bühne, jeder Gegenstand – sei es ein Turnmattenwagen oder ein verblichener Spiegel – fließt wie selbstverständlich mit in das Geschehen ein (Bühne und Kostüme: Julia Beyer, Jan Meier). Gegen Ende dreht sich auf der fast leeren Bühne ein Gerüst rastlos und fortwährend im Kreis. Die agierenden Schauspieler, fragmentarisch kostümiert, scheinen gefangen in diesem nicht zu durchbrechendem Kreislauf der Unendlichkeit.

Moritz Peschke (Atréju). Foto: Axel J. Scherer

Hier heißt es dann auch für Bastian: Soll sich etwas ändern? Die Geschichte erscheint aussichtslos wie sein Leben: Alles dreht sich (auch für ihn) im Kreis, es gibt kein Entkommen. Stets von Neuem beginnt die Geschichte, wenn sie erzählt oder gelesen wird, die Geschichte steckt in der Geschichte… Schließlich fasst der Junge Mut, greift in diesen Kreislauf ein und erfährt dafür, dass es in seinen Händen liegt, zu tun, was immer er will.

Angela Falkenhan (Die kindliche Kaiserin) und Thieß Brammer (Bastian Balthasar Bux). Foto: Axel J. Scherer

Verwöhnte das Publikum die Darsteller am Premierenabend Berichten der lokalen Presse zufolge mit einhelligem Stehapplaus, so blieben einen Tag später bei der besuchten ersten Folgevorstellung nach der Pause doch einige Plätze unbesetzt, nachdem die Zuschauer das Theater bereits in der Pause verlassen hatten. Weitere Aufführungen sind bis zum 28. Dezember 2016 disponiert.

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