Freitag, 30. September 2016

Die Spinnerei des LWL-Industriemuseum TextilWerk Bocholt geht wieder ans Netz

Neue Ausstellungen und Ganzjahresbetrieb im LWL-Industriemuseum

1887 entstand an der Industriestraße in Bocholt eine Weberei, die aus der am 1. April 1870 von Heinrich Schüring (* 20. Mai 1838 in Rees, †4. Dezember 1886 in Bocholt) und Max Herding (* 7. April 1844 in Bocholt, † 11. Dezember 1911 in Bocholt) gegründeten Handweberei Schüring & Herding hervorging, nachdem Max Herding Alleininhaber des Textilbetriebs geworden war. Das viergeschossige Spinnereigebäude wurde vom Schweizer Architekturbüro Sequin & Knobel aus Rüti bei Zürich in Zusammenarbeit mit der Elsässischen Maschinen­bau­gesellschaft in Mülhausen geplant, die die Spinnerei lieferte. Um 1950 hatte die Spinnerei & Weberei Herding AG 520 Beschäftigte, doch bereits 1963 wurde nach einem Vergleichs­antrag die Produktion eingestellt. Als Kamm­garn­spinnerei und Weberei konnte die Produktion unter den neuen Eigentümern Josef und Bernhard Vogt aus Düsseldorf noch bis 1973 in reduzierter Form aufrecht erhalten werden, doch danach wurden die Hallen geräumt und die Maschinen verkauft oder verschrottet.

TextilWerk Bocholt, Spinnerei

2004 konnte der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) mit Unterstützung des Landes, des Kreises Borken, der Stadt Bocholt und der Sparkasse Bocholt das Industriedenkmal erwerben, 2009 begann der Umbau unter Leitung des Stuttgarter ATELIER BRÜCKNER mit Mitteln aus dem Konjunkturpaket II. Am 2. September 2011 eröffnete der LWL in der historischen Spinnerei nach dessen Umbau den zweiten Teil seines Textilmuseums, seither tragen die Weberei in der Uhlandstraße 50 und die Spinnerei in der Industriestraße 5 den gemeinsamen Namen TextilWerk Bocholt. Seit 12. Juli 2012 ist das LWL-Industriemuseum TextilWerk Bocholt Ankerpunkt der „European Route of Industrial Heritage“ (ERIH), die sich die touristische Vermarktung von Industriekultur in Europa zur Aufgabe gemacht hat.

TextilWerk Bocholt, Foyer der Spinnerei mit der Stahltreppe im Seilgang

Am Sonntag, 2. Oktober 2016 eröffnet der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) den neuen Ausstellungsbereich „Die Macher und die Spinnerei“. Auf zwei Ebenen präsentiert das LWL-Industriemuseum in der ehemaligen Spinnerei Herding Geschichte und Wirken der Textilunternehmer in Westfalen. Das Spektrum der Exponate reicht vom Füllhalter über Möbel und Gemälde bis zu Mode aus verschiedenen Jahrzehnten und funktionstüchtigen Maschinen. Parallel zieht hochkarätige zeitgenössische Kunst in das mehr als 100 Jahre alte Gebäude ein: Unter dem Titel „Textile Erinnerungen“ zeigen Gali Cnaani aus Israel und Kaoru Hirano aus Japan textile Objekte und Installationen.

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Kardensaal, der „parcours de la mode“ zeigt Kleider und Accessoires aus 120 Jahren. Davor sind Musterbücher aus der umfangreichen Sammlung des Museums ausgestellt.

Für LWL-Direktor Matthias Löb markiert die Eröffnung einen wichtigen Schritt in der Entwicklung des Bocholter Industriemuseums. Bei der Vorstellung der Ausstellungen am Donnerstag (29.9.) in Bocholt skizzierte er die weiteren Planungen des LWL, der im Rahmen des Regionale 2016-Projektes „kubaai“ (Kulturquartier Bocholter Aa und Industriestraße) kräftig in seinen Standort investieren will: „Wenn Weberei und Spinnerei im nächsten Jahr durch eine Brücke über die Aa miteinander verbunden sind, wollen wir im wörtlichen Sinn Zäune einreißen und die bisherigen Hinterhöfe unserer Häuser zu einladenden, öffentlichen Plätzen gestalten. Wir wollen an der Weberei ein sogenanntes „Family-Lab“ bauen – einen Mix aus Themenspielplatz, Experimentierstationen, überbetrieblicher Ausbildung und Forscherlaboren. Und wir wollen ein Archiv der Textilmuster einrichten, das zum Treffpunkt für die Designszene werden könnte“, so Matthias Löb. Damit werde das Textilwerk zum Herzstück des neuen Stadtquartiers. Um das Archiv aufnehmen zu können, müssen die Dachkonstruktion und -aufbauten der ehemaligen Schlichterei ebenso saniert werden wie die Tragkonstruktion und die Entwässerung. Dabei soll die technische Einrichtung wie die Geräte zur Wasseraufbereitung oder die Gleise der Lorenbahn erhalten bleiben. Außerdem soll die Schlichterei als rückwärtiges Eingangsgebäude der Spinnerei genutzt werden. Dazu soll eine langgezogene Stahlrampe einen barrierefreien Zugang zum Foyer ermöglichen. Im Bereich der Rampe will das LWL-Museum Großmaschinen der Textilindustrie zeigen und die Schlichterei so zur begehbaren Großvitrine machen. Das Projekt mit einem Investitionsvolumen von rund 3,1 Millionen Euro soll aber nur umgesetzt werden, wenn das Land Nordrhein-Westfalen maßgeblich dabei hilft.

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Kardensaal, der „parcours de la mode“ zeigt Kleider und Accessoires aus 120 Jahren. Davor sind Musterbücher aus der umfangreichen Sammlung des Museums ausgestellt.

Einen Teil aus dem großen Fundus textiler Musterbücher präsentiert das LWL-Industriemuseum bereits jetzt in einer über 20 Meter langen Glasvitrine. Als Laufsteg aufgebaut, lädt der „Parcours de la Mode“ im Erdgeschoss der Spinnerei mit Originalkleidung aus der Zeit zwischen 1880 und 2000 zu einem Streifzug durch die Geschichte der Mode ein. „Diesen Bereich der Ausstellung werden wir regelmäßig erneuern“, kündigte Museumsdirektor Dirk Zache an. Eine Etage höher lernen Besucher auf einer Fläche von 900 Quadratmetern die Welt der westfälischen Textilunternehmer kennen. „Die Macher, die heute wie vor 150 Jahren Entscheidungen treffen, Produkte entwickeln oder neue Vertriebswege aufbauen, rücken mit dieser Ausstellung erstmals ins Zentrum“, so Dirk Zache.

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Kardensaal, der „parcours de la mode“ zeigt Kleider und Accessoires aus 120 Jahren. Davor sind Musterbücher aus der umfangreichen Sammlung des Museums ausgestellt.


„Die Macher und die Spinnerei“

Über 500 Exponate haben die Ausstellungsmacher für die Schau in Szene gesetzt. Zu sehen ist beispielsweise der Schreibtisch des Textilunternehmers Carl Herding, den er Anfang des 20. Jahrhunderts gekauft hat und über viele Jahrzehnte hinweg benutzte. Eine Quittung für einen gebrauchten Konzertflügel und ein preisgünstiges Modell eines Füllhalters verweisen darauf, dass die Firmenbosse der Region zwar auf globalen Märkten agierten, in der Heimat jedoch eher bescheiden lebten. Auch die ausgestellten Porträts zeugen weniger von Prunk, als viel mehr von der Verpflichtung gegenüber der Familientradition. Die Ausstellung bleibt aber nicht in der Vergangenheit stehen: An einem Medientisch kommen 14 Unternehmer aus der Region zu Wort. Besucher können ihren Antworten auf Fragen zu Motiven, Entscheidungen und Einschätzungen zuhören.

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Kardensaal, der „parcours de la mode“ zeigt Kleider und Accessoires aus 120 Jahren. Davor sind Musterbücher aus der umfangreichen Sammlung des Museums ausgestellt.

Der neue Teil des Museums verzahnt die Lebens- und Geschäftswelt der Unternehmer mit der Produktion. Deshalb präsentiert das LWL-Industriemuseum teils gewaltige Maschinen aus seiner Sammlung, die in ihrem Umfang und der Bandbreite als einmalig in Europa gilt. Einige der Relikte aus der historischen Textilproduktion wurden in den vergangenen Jahren aufwändig restauriert und wieder funktionstüchtig gemacht. Die bis zu knapp 20 Meter langen Maschinen – vom „Öffnerzug“ aus dem Jahr 1910 bis zur „OE-Feinspinnmaschine“ von 1986 – dienten alle der Herstellung von Baumwollgarnen. Medienterminals zeigen historische Aufnahmen und erklären die Funktionsweise der Spinnmaschinen. „Einige dieser Maschinen werden wir unseren Besuchern regelmäßig vorführen“, kündigt LWL-Museumsleiter Dr. Hermann Josef Stenkamp an.

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Kardensaal, der „parcours de la mode“ zeigt Kleider und Accessoires aus 120 Jahren. Davor sind Musterbücher aus der umfangreichen Sammlung des Museums ausgestellt.

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Flyersaal 2, „Die Macher und die Spinnerei“

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Flyersaal 2, „Die Macher und die Spinnerei“, an einem modernen Medientisch kommen 14 Unternehmer aus der Region zu Wort

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Flyersaal 2, „Öffnerzug“, Hersteller Howard & Bullough Ltd., Accrington, Lancashire, England, 1910

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Flyersaal 2, „Öffnerzug“, Hersteller Howard & Bullough Ltd., Accrington, Lancashire, England, 1910

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Flyersaal 2, Krempel/Kardiermaschine/Karde, Hersteller Howard & Bullough Ltd., Accrington, Lancashire, England, 1907

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Flyersaal 2, Flügelspinnmaschine/Flyer (Vorspinnmaschine) mit vorgelegtem Streckband, 1961

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Flyersaal 2, Flügelspinnmaschine/Flyer (Vorspinnmaschine), 1961

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Flyersaal 2, Ringspinnmaschine

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Flyersaal 2, Rotorspinnmaschine, 1980


„Textile Erinnerungen – Remembering Textiles“

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Drosselsaal 2, „Textile Erinnerungen – Remembering Textiles“, „Berliner Familie“ nennt die japanische Künstlerin Kaoru Hirano diese Dreiergruppe

In einem weiteren Spinnsaal im zweiten Obergeschoss, dem sogenannten „Atelier Industrie“, ist vom 2. Oktober 2016 bis 29. Januar 2017 die Sonderausstellung „Textile Erinnerungen – Remembering Textiles“ mit Werken der Künstlerinnen Gali Cnaani (* 1968) aus Israel und Kaoru Hirano (* 1975) aus Japan zu sehen. Beide verbindet ihr radikaler Ansatz, Kleider bis auf die Fäden aufzulösen und mit den offengelegten Strukturen Neues zu schaffen.

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Drosselsaal 2, „Textile Erinnerungen – Remembering Textiles“

Die beiden Künstlerinnen gehen beide von Second-Hand-Kleidung aus, die sie auf unterschiedliche Art auflösen und weiterverarbeiten. Die Präsentation in Bocholt ist so aufgebaut, dass die künstlerischen Positionen in einen Dialog treten. Die Ausstellung gliedert sich inhaltlich in vier Bereiche, die jeweils einem Thema der Kunst von Gali Cnaani und Kaoru Hirano gewidmet sind.

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Drosselsaal 2, „Textile Erinnerungen – Remembering Textiles“

Zunächst werden verschiedene Dimensionen von Dekonstruktion vor Augen geführt. Was motiviert beide Künstlerinnen dazu, in einem äußerst zeitraubenden und monotonen Prozess vorhandene Kleidungsstücke aufzulösen? Gefragt wird auch nach den Strukturen, die durch die Dekonstruktion freigelegt wurden. Im Falle von Gali Cnaani sind sie vor allem formaler Natur. Denn die israelische Künstlerin interessiert sich für die „Bauprinzipien“ des Textilen. Hirano hingegen erzeugt mit ihren Objekten Assoziationsräume. Sie beziehen sich auf die Menschen, die einst die nun umgearbeitete Kleidung getragen haben.

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Drosselsaal 2, „Textile Erinnerungen – Remembering Textiles“

Ein weiterer Bereich steht im Zeichen der Rekonstruktion. Denn die beiden Künstlerinnen bilden auf unterschiedliche Art und Weise die ursprünglichen Kleidungsstücke nach und schaffen dabei gleichzeitig schöpferische Neuinterpretationen. „Schließlich werden die gezeigten Werke als Akte der Erinnerung gedeutet, die formal, experimentell, forschend, existenziell oder psychologisch ausfallen können“, erklärt Kurator Martin Schmidt vom LWL-Industriemuseum.

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Drosselsaal 2, „Textile Erinnerungen – Remembering Textiles“

„Die Ausstellung präsentiert zwei Spielarten moderner Kunst, die in ihrer Suche nach Form und Sinn eine eindrucksvolle technische Finesse mit höchster ästhetischer Ausdruckskraft verbindet“, so Martin Schmidt. „Beide Künstlerinnen nehmen Maß am Menschen, dessen konkrete Kleidung sie in abstrakte Kunst verwandeln. Diese lädt den Betrachter ein, die reiche Ikonographie zu entdecken, die der so sinnlichen Materialität des Textilen eigen ist.“

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Drosselsaal 2, „Textile Erinnerungen – Remembering Textiles“, Kaoru Hirano

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Drosselsaal 2

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