Samstag, 24. September 2016

„24 h Stahl live“ bei thyssenkrupp Steel Europe

Werkführungen im Rahmen der „Woche der Industrie“

Vom 17. bis 25. September 2016 findet erstmals bundesweit die „Woche der Industrie“ statt, die von Gewerkschaften und Industrie- und Arbeitgeberverbänden wie der Wirtschafts­ver­einigung Stahl ausgerufen wurde. An der Aktion beteiligen sich Unternehmen aus allen Industriebranchen sowie regionale Wirtschaftsinitiativen. Die „Woche der Industrie“, die unter der Schirmherrschaft von Bundes­wirtschafts­minister Sigmar Gabriel steht, soll einem breiten Publikum insbesondere die Leistungs- und Zukunftsfähigkeit der deutschen Industrie deutlich machen. Verbände und Gewerkschaften haben dazu unter dem Motto „Wir haben noch viel vor. Ihre Industrie“ eine Industrie-Kampagne gestartet, die mit zahlreichen Aktivitäten in den kommenden Jahren den Nutzen der Industrie für die Gesellschaft der Bevölkerung näherbringen soll. In der „Woche der Industrie“ waren rund 300 Veranstaltungen in ganz Deutschland geplant. Die Bandbreite der möglichen Aktivitäten reicht dabei von Vorträgen über Tage der offenen Tür und Werkführungen bis hin zu öffentlichen Infoveranstaltungen.

Alte Thyssen-Hauptverwaltung, 1903/04 nach einem Entwurf des Architekten Carl Bern errichtet

Die womöglich interessanteste Aktion im Ruhrgebiet im Rahmen der „Woche der Industrie“ dürfte „24 h Stahl live – Werktouren bei Tag und Nacht“ im Hüttenwerk der thyssenkrupp Steel Europe gewesen sein. Rund um die Uhr bot die Stahlsparte von thyssenkrupp am 24. September 2016 Besichtigungen auf dem Werkgelände an. Für dieses kosten­lose Angebot konnte sich jeder Interessierte ab 16 Jahren anmelden, die Teilnehmerzahl war auf 30 Personen pro Tour begrenzt. Nun gelten für die Teilnahme an den Werkführungen die üblichen Bestimmungen wie körper­bedeckende Kleidung auch bei spätsommerlichen Temperaturen und natürlich auch ein Fotografierverbot. Auf der anderen Seite gilt in Deutsch­land die Panoramafreiheit und die Meinungs­äußerungs­freiheit, die es natürlich erlauben, über solche Veranstaltungen zu berichten, solange hierdurch keine anderen Grundrechte verletzt werden. (Sämtliche hier gezeigten Fotos sind von öffentlichen Standorten ohne weitere Hilfsmittel auf­ge­nommen, sämtliche Informationen sind auch anderweitig im Netz verfügbar!)

thyssenkrupp Steel Europe, Dieselhydraulische Lokomotive

Bei der knapp zweistündigen Werkführung wurde mit einem beinahe als historisch zu bezeichnenden Reisebus zunächst vom Besuchercentrum zur Hochofenanlage Schwelgern 1 gefahren, aufgrund der anfänglichen Emissionen auch unter dem Namen „Schwarzer Riese“ bekannt. Am 13. Februar 1973 blies die August-Thyssen-Hütte den damals größten Hochofen der westlichen Welt an, täglich produziert er 10.000 Tonnen Roheisen. Der benachbarte Hochofen Schwelgern 2, mit einem Gestelldurchmesser von 14,9 Metern der größte Hochofen Europas, erschmilzt täglich rund 12.000 Tonnen Roheisen. Er wurde 2014, nachdem er nach 21 Jahren seine erste Ofenreise beendet hat, mit einem Investitionsvolumen von 200 Millionen Euro neuzugestellt. Auf dem Weg zur Hochofenanlage Schwelgern I wurde darauf hingewiesen, dass der zur Sinteranlage gehörige Kamin mit einer Höhe von 254 Metern 100 Meter höher sei als der Kölner Dom (Höhe des Nordturmes 157,38 m). Da stellt sich mir allerdings die Frage, welche Stoffe auf diese Art und Weise „entsorgt“ werden sollen. Würde man diese Stoffe durch geeignete Filter vollständig zurückhalten, so bräuchte man schließlich keinen so hohen Kamin, sondern könnte die Abluft auch in geringerer Höhe an die Umwelt abgeben.

Neue Hauptverwaltung, 1958 – 63 nach Plänen des Bauhaus-Schülers Gerhard Weber errichtet

In der Gießhalle des Hochofens Schwelgern 1 war der Hochofenabstich zu beobachten, bei dem das flüssige Roheisen sowie die leichtere Schlacke über das Abstichloch in abgedeckten Rinnen aus dem Hochofen abfließen. Vom flüssigen Roheisen ist dementsprechend nicht viel zu sehen. Roheisen und Schlacke werden aufgrund unterschiedlicher Dichte im so genannten „Fuchs“ voneinander getrennt, das Roheisen läuft über ein Loch im Boden zum Transport in einen Torpedowagen. Die abgetrennte Schlacke wird als Rohstoff beispielsweise als Hüttensand weiter verwendet.

thyssenkrupp Steel Europe, Tor 1

Das flüssige Roheisen wird zur Stahlerzeugung zu einem der beiden Stahlwerke transportiert, dementsprechend wurde als zweiter Teil der Werkbesichtigung das Oxygenstahlwerk 2 Beeckerwerth angefahren. Das 1962 mit zwei Konvertern in Betrieb genommene Oxygenstahlwerk 2 verfügt heute über 3 Konverter mit je 265 Tonnen Fassungsvermögen, in denen unerwünschte Begleitelemente des Roheisens aus der Schmelze entfernt werden, indem diese durch Aufblasen von Sauerstoff über eine Lanze oxidiert werden. In einem vorgeschalteten Prozess wird dem flüssigen Roheisen der Schwefel entzogen. Hier konnte das Befüllen eines Konverters mit Schrott und dem flüssigen Roheisen mitverfolgt werden, was der ein oder andere sicher als Höhepunkt der Werkbesichtigung empfunden haben wird, der noch niemals flüssiges Roheisen in „greifbarer“ Nähe vor sich hatte. Im nicht besichtigten Oxygenstahlwerk 1 in Bruckhausen werden in zwei Konvertern mit je 400 Tonnen Fassungsvermögen rund fünf Millionen Tonnen flüssiger Stahl pro Jahr erzeugt. Erst 2013 bzw. 2014 wurden die beiden Konverter gegen größere Gefäße ausgetauscht, die die Prozess-Sicherheit erhöhen. Damit war die Werkführung auch schon beendet, die nachfolgende Sekundärmetallurgie, das Vergießen des Stahls und die Formgebung wurde demtsprechend aus Zeitgründen nicht gezeigt.

Matenatunnel unter dem Gelände von thyssenkrupp Steel Europe. Die Tunnelanlage wurde unter anderem als Drehort einiger Folgen der ARD-Fernsehreihe „Tatort“ mit Horst Schimanski bekannt.

Üblicherweise werden bei einer Werkführung natürlich keine kritischen Stimmen laut. Die Bemerkung, dass das Eisenerz über Rotterdam auf dem Rhein bevorzugt aus Brasillien angeliefert werde, führt einen aber dennoch zu einem kritischen Punkt: Wenn das Eisenerz aus Brasilien angeliefert wird, warum verlagert man die Stahlproduktion dann nicht nach dort? Diese Frage führte bei thyssenkrupp 2005 womöglich zu dem Entschluss, ein integriertes Hüttenwerk in Brasilien zu errichten. Doch beim Bau des Werks wurden die prognostizierten Kosten weit übertroffen, zwischenzeitlich wollte man das Werk sogar verkaufen. Und eine dauerhafte Betriebserlaubnis scheint es bis heute nicht zu geben. Auch in Duisburg wurde unlängst für den Erhalt von Arbeitsplätzen vor dem Hintergrund von Kostensenkungen demonstriert. Aber das ist natürlich kein Thema für eine Werkführung, auch wenn am Rande bemerkt wurde, dass Tor 1 ja schon häufiger in der Presse zu sehen gewesen sei.

thyssenkrupp Steel Europe, Hochofen 8 in Duisburg-Bruckhausen, die unterschiedlichen Rottöne sollen die unterschiedlichen Temperaturen im Inneren des Hochofens visualisieren

thyssenkrupp Steel Europe, Hochofenanlagen Schwelgern 1 und Schwelgern 2

thyssenkrupp Steel Europe, Hochofenanlage Schwelgern 1 („Schwarzer Riese“)

Blick vom Alsumer Berg auf die Hochofenanlagen Schwelgern 2 und Schwelgern 1

Blick vom Alsumer Berg auf die Kokerei Schwelgern

Blick vom Alsumer Berg auf die Kokerei Schwelgern

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