Freitag, 12. August 2016

Ruhrtriennale 2016: „Manifesto“

13-kanalige Filminstallation in der Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord

Julian Rosefeldts neue Arbeit „Manifesto“ ist eine Hommage an die bewegte Tradition und literarische Schönheit von Künstlermanifesten. Gefragt wird nach der Rolle des Künstlers in der heutigen Gesellschaft.

Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord

Das Manifest ist ursprünglich eine meist schriftlich geäußerte Grundsatzerklärung. Julian Rosefeldt zeigt es als lebendigen Aufruf in bewegten Bildern. Manifeste sollen Absichten, Motive oder Ansichten einer Einzelperson oder Gruppierung deutlich werden lassen. Künstlermanifeste sprechen in oft umstürzlerischer Rhetorik auch über die Kunst hinausgehende, gesellschaftliche Themen an. Julian Rosefeldt macht den performativen Anteil und die politische Bedeutung dieser häufig in jugendlicher Rage geschriebenen Deklarationen sichtbar.

„Manifesto“ von Julian Rosefeldt in der Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord

Für 13 parallel gezeigte Filmszenen hat Julian Rosefeldt historische Originaltexte zahlreicher Manifeste u. a. aus Futurismus (Filippo Tommaso Marinetti, The Foundation and Manifesto of Futurism (1909), Giacomo Umberto Boccioni/Carlo Carrà/Luigi Russolo/Gino Severini, Manifesto of the Futurist Painters (1910), Guillaume Appollinaire, The Futurist Antitradition (1913), Dziga Vertov, WE: Variant of a Manifesto (1922)), Dadaismus (Tristan Tzara, Dada Manifesto 1918 (1918), Tristan Tzara, Manifesto of Monsieur Aa the Antiphilosopher (1920), Francis Picabia, Dada Cannibalistic Manifesto (1920), Georges Ribemont-Dessaignes, The Pleasures of Dada (1920), Georges Ribemont-Dessaignes, To the Public (1920), Paul Éluard, Five Ways to Dada Shortage or two Words of Explanation (1920), Louis Aragon, Dada Manifesto (1920), Richard Huelsenbeck, First German Dada Manifesto (1918)), Situationismus (Lucio Fontana, White Manifesto (1946), John Reed Club of New York, Draft Manifesto (1932), Constant Nieuwenhuys, Manifesto (1948), Alexander Rodtschenko, Manifesto of Suprematists and Non-Objective Painters (1919), Guy Debord, Situationist Manifesto (1960)), Suprematismus (Naum Gabo/Anton Pevzner, The Realistic Manifesto (1920), Kasimir Malewitsch, Suprematist Manifesto (1916), Olga Rozanova, Cubism, Futurism, Suprematism (1917), Alexander Rodtschenko, Manifesto of Suprematists and Non-Objective Painters (1919)), Fluxus (Yvonne Rainer, No Manifesto (1965), Emmett Williams, Philip Corner, John Cage, Dick Higgins, Allen Bukoff, Larry Miller, Eric Andersen, Tomas Schmit, Ben Vautier (1963 – 1978), George Maciunas, Fluxus Manifesto (1963), Mierle Laderman Ukeles, Maintenance Art Manifesto (1969), Kurt Schwitters, The Merz Stage (1919)), Pop Art (Claes Oldenburg, I am for an Art… (1961)), Konzeptkunst (Sol LeWitt, Paragraphs on Conceptual Art (1967), Sol LeWitt, Sentences on Conceptual Art (1969), Sturtevant, Shifting Mental Structures (1999), Sturtevant, Man is Double Man is Copy Man is Clone (2004), Adrian Piper, Idea, Form, Context (1969)) oder etwa von Dogma 95 (Lars von Trier/Thomas Vinterberg, 1995) collagiert. Darunter sind Proklamationen von Filippo Tommaso Marinetti, Tristan Tzara, Kasimir Malewitsch, André Breton, Claes Oldenburg, Yvonne Rainer, Sturtevant, Bruno Taut, Sol LeWitt, Jim Jarmusch und von weiteren Künstlern, Architekten, Choreographen und Filmemachern. In ihren Manifesten geht es immer auch um die Freiheit des Ausdrucks und um die Forderung nach einem tiefgreifenden Wandel von Haltungen oder der Gesellschaft.

„Manifesto“ von Julian Rosefeldt in der Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord

Die durch Kürzungen und Kombination der historischen Schriften entstandenen poetischen Textcollagen spricht und verkörpert die australische Schauspielerin Cate Blanchett (* 1969 in Melbourne) in 13 unterschiedlichen Rollen: ob als Choreographin eines Tanzensembles, als Grundschullehrerin, als Trauerrednerin, Fabrikarbeiterin, Börsenmaklerin oder als obdachloser Mann – immer holen diese Charaktere die historischen Manifest-Texte in die heutige Alltagswelt. Die Formulierungen und Forderungen müssen sich in diesen neuen Umgebungen behaupten und erweisen sich häufig als überraschend aktuell. Worte und Bilder überlagern sich in „Manifesto“, sie kämpfen gegeneinander um Aufmerksamkeit – und doch vergegenwärtigt sich ein allen gemeinsamer drängender Tonfall in den von Rosefeldt thematisch zusammengefassten Verlautbarungen. Besonders „manifest“ wird dies in einem Moment der Filminstallation, in dem der Künstler die Stimmen der Charaktere in allen Filmen gleichzeitig zu einem orchestralen Zusammenklang aller Botschaften vereint.

„Manifesto“ von Julian Rosefeldt in der Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord

Julian Rosefeldt (* 1965 in München, lebt und arbeitet seit 1999 in Berlin) ist durch visuell opulent und sorgfältig choreographierte Filminstallationen international bekannt geworden. In seinen filmischen und fotografischen Werken werden gesellschaftliche Themen, kulturelle Identitäten und Mythen in vielschichtigen Erzählformen ausgelotet. Julian Rosefeldts Arbeit vereint Einflüsse aus bildender Kunst, Architektur, Popkultur und Film und entführt die Betrachter häufig humorvoll durch bekannte filmische Stilfiguren in surreale und absurde Weltmodelle.

„Manifesto“ von Julian Rosefeldt in der Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord

„Manifesto“ ist vom 13. August bis 24. September 2016 Dienstag bis Sonntag von 13 bis 20 Uhr in der Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord zu sehen, am 16. und 17. September 2016 von 13 bis 17.30 Uhr. Am 6., 7. und 12. bis 15. September 2015 bleibt die Kraftzentrale geschlossen. Der Eintritt beträgt 5 Euro. Ein wenig Zeit sollte man schon mitbringen, jede der 13 Filminstallationen mit Ausnahme des Prologs hat eine Länge von 10 Minuten 30 Sekunden, der Prolog dauert 4 Minuten, so dass sich eine Gesamtspieldauer von 130 Minuten ergibt.

„Manifesto“ von Julian Rosefeldt in der Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord

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