Mittwoch, 24. August 2016

FilmSchauPlätze NRW 2016: Witten

„Junges Licht“ im LWL-Industriemuseum Zeche Nachtigal

Henschel HS 160 OSL-G (Oberleitungs-Stadt-Linienbus in Gelenk-Bauweise mit Hübner-Faltenbalg) der Arbeitsgemeinschaft Nahverkehrsgeschichte e. V. Bochum, ehemals Stadtwerke Trier, 1971 auf Dieselantrieb umgebaut

Zum Abschluss der Sommerferien in NRW zeigte die Film- und Medienstiftung NRW in Kooperation mit dem LWL-Industrie­museum Zeche Nachtigall in Witten im Rahmen der FilmSchauPlätze NRW am 23. August 2016 den Spielfilm „Junges Licht“ mit Oscar Brose (Julian Collien), Charly Hübner (Walter „Waller“ Collien), Lina Beckmann (Liesel Collien), Peter Lohmeyer (Konrad Gorny), Stephan Kampwirth (Herbert Lippek), Caroline Peters (Frau Morian), Greta Sophie Schmidt (Marusha), Nina Petri (Edeltraud Gorny) und Ludger Pistor (Pfarrer Stürwald) (2016, Regie Adolf Winkelmann), eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Ralf Rothmann (Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2004) über den Zustand des Ruhrgebiets in den 1960er-Jahren aus Sicht des 12-jährigen Arbeitersohns Julian Collien. Der Film wurde erst im Mai diesen Jahres erstmals in den deutschen Lichtspielhäusern gezeigt.

LWL-Industriemuseum Zeche Nachtigall, Eingang zum Besucherbergwerk Nachtigallstollen

FilmSchauPlätze NRW, das bedeutet, dass bei freiem Eintritt an besonderen Orten auf die Location abge­stimmte Filme auf der Open Air-Leinwand gezeigt werden. 2016 findet die Veranstaltungsreihe im 19. Jahr statt, angefangen hat alles 1997, nachdem ein französischer Kollege Anna Fantl, seinerzeit noch beim Filmbüro NW, davon überzeugt hatte, dass man außergewöhnliche Filme an ungewöhnlichen Orten mit einem inhaltlichen Bezug zu selbigen zeigen solle.

LWL-Industriemuseum Zeche Nachtigall, Besucherstollen Nachtigall

Die Zeche Nachtigal hat sich aus der 1714 eingetragenen Mutung „Kohlenbank im Hettberger Holz“ entwickelt. Im Laufe von 150 Jahren hat sie sich von den Anfängen im Stollenbau mit dem Übergang zum Tiefbau zu einem der leistungs­fähigsten Bergwerke der Region entwickelt. Mit der Entstehung der Großschachtanlagen nördlich der Ruhr wurde Zeche Nachtigall im Jahr 1892 stillgelegt. Im gleichen Jahr erwarb der Wittener Bauunternehmer Wilhelm Dünkelberg das Gelände mit dem zugehörigen Hettberg und ließ im Jahr 1897 im Bereich des ehemaligen Schachtes Hercules zwei Ringöfen errichten, in denen bis 1964 Ziegel gebrannt wurden. 1979 übernahm der Landschaftsverband Westfalen-Lippe die Anlage und begann mit der Restaurierung und Erschließung für sein Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur. Das Besucherbergwerk lässt den Besucher mit Führungen durch den Nachtigallstollen und – bei der Großen Bergwerkstour – den Dünkelbergstollen die Atmosphäre eines historischen Abbaubetriebes erleben.

LWL-Industriemuseum Zeche Nachtigall, Besucherstollen Nachtigall

LWL-Industriemuseum Zeche Nachtigall, Besucherstollen Nachtigall

LWL-Industriemuseum Zeche Nachtigall, Besucherstollen Nachtigall

LWL-Industriemuseum Zeche Nachtigall, Besucherstollen Nachtigall

Im Rahmenprogramm in Witten wurden Kurzführungen zum Original-Drehort im Besucherbergwerk des LWL-Industrie­museums Zeche Nachtigall angeboten. Am Gruben­lampen­stand von Wolfgang Dudek gab es an diesem Abend alles rund um das berühmte Licht in der Nacht. Der Lampenexperte aus Marl hat den Winkelmann-Film mit originalen Grubenleuchten aus den 1960er-Jahren ausgestattet. Außerdem fand vor Filmbeginn ein Filmgespräch mit Filmemacher Adolf Winkelmann (u. a. „Contergan“, „Jede Menge Kohle“, „Die Abfahrer“) statt. Nach dem Kurzfilm „Ginko & Kinko“ (2015, Regie Jie Lu), den eine Handvoll Besucher bereits bei den FilmSchauPlätzen NRW in Bottrop im Regen gesehen hatte, wurde schließlich der Spielfilm „Junges Licht“ gezeigt, auf den Anna Fantl von der Film- und Medienstiftung womöglich bei jedem FilmSchauPlatz in diesem Jahr hingewiesen hatte.

Grubenlampenbörse

FilmSchauPlatz LWL-Industriemuseum Zeche Nachtigall

Adolf Winkelmann

BMW

Meredes-Benz L 3500, Baujahr 1954

Grubenlampenbörse

FilmSchauPlatz LWL-Industriemuseum Zeche Nachtigall

FilmSchauPlatz LWL-Industriemuseum Zeche Nachtigall

Ein Redakteur der Funke Mediengruppe will an diesem Abend 1.000 Zuschauer gesichtet haben, die Film- und Medienstiftung NRW sogar über 1.100 Zuschauer. Greift nicht ab 1.000 Besuchern die SBauVO? Dabei wäre es diesmal so einfach gewesen, eine realistische Besucherzahl festzustellen, denn alle Besucher mussten durch den Eingang zum Gelände an der Nachtigallstraße. Man hätte lediglich jemandem einen Personenzähler in die Hand drücken müssen… So hat man zu Propagandazwecken einen Rekord generiert, der im Nachhinein in keinster Weise verifizierbar ist, aber was soll’s. Der „ausgefallene“ FilmSchauPlatz in Eupen korrigiert die durchschnittlichen Zuschauerzahlen wieder auf realistische Werte.

FilmSchauPlatz LWL-Industriemuseum Zeche Nachtigall


Zum Inhalt:
Der 12-jährige Arbeitersohn Julian Collien (Oscar Brose) wächst im Bergarbeitermilieu der 1960er-Jahre in Dortmund auf. Julians Vater Walter, genannt Waller (Charly Hübner), sorgt in kräftezehrender Nachtschicht für den Lebens­unter­halt der Familie, Mutter Liesel (Lina Beckmann) erledigt die typischen Arbeiten einer Hausfrau und kümmert sich um ihr jüngstes Kind, die kleine Sophie (Magdalena Matz). Im Umgang mit Julian wirkt Liesel überfordert, regelmäßig schlägt sie ihn mit dem Kochlöffel und demütigt ihn. Der Vermieter, Konrad Gorny (Peter Lohmeyer), zeigt pädophile Züge und stellt den Jungen in der Siedlung nach. Nach einem Nervenzusammenbruch der an ihren rollenspezifischen Aufgaben verzweifelnden Mutter Liesel wird ihr nach einer ärztlichen Untersuchung strikte Ruhe verordnet. Zusammen mit Töchterchen Sophie verbringt sie daher die Sommerferien bei der Großmutter am Meer, während Julian bei seinem Vater bleibt. An einem Sonntag besuchen Julian, Waller und Marusha (Greta Sophie Schmidt), die 15-jährige Stieftochter Konrad Gornys, Zechenkumpel Herbert Lippek (Stephan Kampwirth), der angeblich an einem Diamantenraub beteiligt war und damit das besondere Interesse Julians und vor allem Marushas weckt. Trotz Wallers Hinweis, der noch minderjährigen Marusha keinen Alkohol einzuschenken, gießt Lippek ihr während des Besuchs weiter Schnaps nach. Marusha genießt diese scheinbare Freiheit der Erwachsenen und provoziert mit ihrem Auftreten beide Männer, was Lippek sichtlich erregt. Wieder zu Hause angekommen, bedankt sich Marusha für den schönen Ausflug und verspricht, sich später bei Waller zu revanchieren.

Film-Still „Junges Licht“, Oscar Brose (Julian Collien). Foto: David Slama/Winkelmann Produktion

Als dieser sich bald darauf vor verschlossener Haustür findet, öffnet ihm Marusha ihre Zimmertür. Nach dem Beischlaf steigt Waller halbnackt aus Marushas Fenster und wird dabei von Julian und Konrad Gorny beobachtet. Julian ist verstört, Konrad Gorny über alle Maßen empört und kündigt der Familie Collien die Wohnung zum Monatsende. Als Mutter und Tochter aus dem Urlaub zurückkommen, scheint Liesels Verzweiflung noch größer zu sein als vor der Abreise. Nach einer Konfrontation mit Marusha auf dem Balkon will Liesel beim Frühstück ihren Frust wieder an Julian auslassen und droht mit dem Kochlöffel, doch er kann sie entschlossen davon abhalten. Anschließend packt er einige persönliche Gegenstände und etwas Proviant zusammen und verlässt die Wohnung. Zunächst eilt er zu Pfarrer Stürwald (Ludger Pistor) in die Kirche, um zu beichten. Doch dieser bewertet Julians Sünden als alterstypisch und harmlos. Julians Wunsch, für jemand anderen zu beichten, schlägt Pfarrer Stürwald energisch mit dem Hinweis ab, Julian könne unmöglich für jemand anderen bereuen. Später hört Julian ein Alarmsignal von der naheliegenden Zeche. Sofort rennt er besorgt dorthin, um nach seinem Vater Ausschau zu halten. Dieser hat gerade seine Schicht beendet, entdeckt Julian am Fabrikzaun und erklärt ihm, dass es im Bergwerk einen Zwischenfall gegeben hat, bei dem aber niemand verletzt wurde. Waller erfährt, dass Julian weglaufen will. Resigniert stellt er fest: „Abhauen gibt´s nicht, wäre schön, aber geht nicht“.

Film-Still „Junges Licht“, Oscar Brose (Julian Collien) und Charly Hübner (Walter „Waller“ Collien). Foto: David Slama/Winkelmann Produktion

Als Filmkulissen dienten die Zeche Auguste Victoria in Marl, die Zeche Hannover in Bochum, das Bergwerk Ibbenbüren in Ibbenbüren, die Zeche Nachtigall in Witten-Bommern, sowie die Zechen Graf Wittekind in Dortmund-Syburg und Zollern II/IV in Dortmund-Bövinghausen. Weitere Drehorte waren die Straße Am Remberg in Dortmund-Hörde, das Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop sowie die Magic Media Company (MMC) Studios in Köln. Vom Fenster aus dem Haus in Dortmund-Hörde schaut man auf den digitalen Balkon und die Kokerei Prosper in Bottrop, das geht nur im Film… in der Realität schaut man heute auf die Neubauten am Phoenix-See und früher auf die Hermannshütte.

„Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden“, forderte Willy Brandt bei seiner Rede am 28. April 1961 in der Bonner Beethovenhalle. Anfang der 1960er-Jahre war die Luftverschmutzung im Revier förmlich sichtbar: Millionen Tonnen von Staub, Asche und Ruß aus Hochöfen, Stahlkonvertern und Kokereien sanken alljährlich auf Stadtteile hernieder. Heute ist der Himmel über der Ruhr längst wieder blau, das Bergwerk Prosper-Haniel ist seit der Schließung der Zeche Auguste Victoria am 18. Dezember 2015 das letzte aktive Steinkohlen-Bergwerk im Ruhrgebiet, da lässt „Junges Licht“ die alten Zeiten beinahe wehmütig noch einmal Revue passieren. Wenn man den Film anschaut, meint man fast, den Kohlenstaub riechen zu können.

Wer „Junges Licht“ bei den FilmSchauPlätzen NRW im LWL-Industriemuseum Zeche Nachtigal verpasst hat, hat am heutigen Abend (24. August 2016, 21 Uhr) nochmals die Gelegenheit, den Film im Rahmen der vom Kulturbetrieb der Stadt Mülheim an der Ruhr veranstalteten Ruhrsommers auf der Drehscheibe des Ringlokschuppens „umsonst und draußen“ zu erleben. Und wer gar nicht genug vom Open Air Sommerkino bekommen kann, an gleicher Stelle wird am 25. August 2016 „Learning to Drive – Fahrstunden fürs Leben“ mit Ben Kingsley, Patricia Clarkson, Jake Weber, Sarita Choudhury (2014, Regie Isabel Coixet) und am 26. August 2016 „Heute bin ich Samba“ mit Omar Sy, Charlotte Gainsbourg, Tahar Rahim (2014, Regie Éric Toledano und Olivier Nakache) vorgeführt, der auch bei den FilmSchauPlätzen NRW 2015 auf dem Altmarkt in Oberhausen zu sehen war.

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