Samstag, 13. August 2016

FilmSchauPlätze NRW 2016: Bocholt

„We want Sex“ am TextilWerk Bocholt

Liegende 1 Zylinder Dampfmaschine der Firma Otto Recke aus Rheydt, Zylinder mit Kolbenschubstange, Kurbel und Schwungrad (Ø 4,40 m)

Liegende 1 Zylinder Dampfmaschine der Firma Otto Recke aus Rheydt, Zylinder mit Kolbenschubstange, Kurbel und Schwungrad (Ø 4,40 m)

TextilWerk Bocholt, Spinnerei (April 2013)

1887 entstand an der Industriestraße in Bocholt eine Weberei, die aus der am 1. April 1870 von Heinrich Schüring (* 20. Mai 1838 in Rees, †4. Dezember 1886 in Bocholt) und Max Herding (* 7. April 1844 in Bocholt, † 11. Dezember 1911 in Bocholt) gegründeten Handweberei Schüring & Herding hervorging, nachdem Max Herding Alleininhaber des Textilbetriebs geworden war. Das viergeschossige Spinnereigebäude wurde vom Schweizer Architekturbüro Sequin & Knobel aus Rüti bei Zürich in Zusammenarbeit mit der Elsässischen Maschinen­bau­gesellschaft in Mülhausen geplant, die die Spinnerei lieferte. Um 1950 hatte die Spinnerei & Weberei Herding AG 520 Beschäftigte, doch bereits 1963 wurde nach einem Vergleichs­antrag die Produktion eingestellt. Als Kamm­garn­spinnerei und Weberei konnte die Produktion unter den neuen Eigentümern Josef und Bernhard Vogt aus Düsseldorf noch bis 1973 in reduzierter Form aufrecht erhalten werden, doch danach wurden die Hallen geräumt und die Maschinen verkauft oder verschrottet.

TextilWerk Bocholt, Foyer der Spinnerei (April 2013)

2004 konnte der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) mit Unterstützung des Landes, des Kreises Borken, der Stadt Bocholt und der Sparkasse Bocholt das Industriedenkmal in der Industriestraße 5 erwerben, 2009 begann der Umbau unter Leitung des Stuttgarter ATELIER BRÜCKNER mit Mitteln aus dem Konjunkturpaket II. Am 2. September 2011 eröffnete der LWL in der historischen Spinnerei nach dessen Umbau den zweiten Teil seines Textilmuseums mit Ausstellungs- und Veranstaltungsräumen und einer spektakulären Gastronomie hoch über der Stadt, seither tragen die Weberei in der Uhlandstraße 50 und die Spinnerei in der Industriestraße 5 den gemeinsamen Namen TextilWerk Bocholt. Seit 12. Juli 2012 ist das LWL-Industriemuseum TextilWerk Bocholt Ankerpunkt der „European Route of Industrial Heritage“ (ERIH), die sich die touristische Vermarktung von Industriekultur in Europa zur Aufgabe gemacht hat. Die Spinnerei ist aufgrund von Umbaumaßnahmen erst ab 2. Oktober 2016 wieder geöffnet.

TextilWerk Bocholt, Stahltreppe im Seilgang

TextilWerk Bocholt, Blick von der Dachterrasse der „SKYLounge“ auf das „KuBAaI“-Gelände, Weberei H. Beckmann/Ibena von 1929, Industriestraße 7, dahinter Verwaltungsgebäude Ibena, Industriestraße 9

Die Fotos von der Dachterasse der „SKYLounge“ sind mit freundlicher und zuvorkommender Unterstützung einer Mitarbeiterin der ABH Event- & Gastroservice e. K. entstanden, die an dieser Stelle lobend erwähnt werden soll. (Die „SKYLounge“ war entgegen der ursprünglichen Ankündigung bei der Veranstaltung geschlossen.)

TextilWerk Bocholt, Blick von der Dachterasse der „SKYLounge“ auf das „KuBAaI“-Gelände, Weberei H. Beckmann/Ibena von 1929, Industriestraße 7, im Hintergrund TextilWerk Bocholt, Weberei in der Uhlandstraße 50

Im Rahmen der Regionale 2016, einem Strukturförderprogramm des Landes Nordrhein-Westfalen für das Westmünsterland, wird in Bocholt, der einwohnerstärksten Stadt im westlichen Münsterland, im Projekt „KuBAaI“ (Kulturquartier Bocholter Aa und Industriestraße) ein rund 25 ha großes Industrieareal zwischen Innenstadt und Aasee zu einen neuen Kultur- und Wohnquartier umgebaut. Die Stadt will auf der Industriebrache neue Wohn-, Bildungs-, Kultur- und Dienstleistungsangebote schaffen. Neben der Ansiedlung von klassischen Kultur- und Bildungseinrichtungen wie Musikschule, VHS und Stadtarchiv soll sich die freie Kunst- und Kulturszene entfalten können. Dafür soll eine alte Spinnereihalle zu einem „Lernwerk“ umgebaut werden. Darüber hinaus soll eine Podiumsbrücke die Aa-Ufer zwischen den Museumsteilen Weberei und Spinnerei verbinden. Der Fluss selbst wird an verschiedenen Stellen aufgewertet. Das Projekt „KuBAaI“ wurde mit Mitteln aus dem Städtebauförderprogramm 2014 in Höhe von 10,4 Mio. Euro gefördert, die höchste Fördersumme, die jemals in die Bocholter Stadtentwicklung geflossen ist. Die Stadt selbst will 12,7 Mio Euro investieren. Außerdem erhält Bocholt 4,69 Mio. Euro aus dem NRW-Programm „Lebendige Gewässer“ für die ökologische Aufwertung der Bocholter Aa. Die Realisierungen der gesamten „KuBAaI“-Ideen erstrecken sich über einen geschätzten Zeitraum von 10 bis 15 Jahren.

TextilWerk Bocholt, Blick von der Dachterasse der „SKYLounge“ auf das „KuBAaI“-Gelände, Staubturm der Weberei H. Beckmann/Ibena von 1929, Industriestraße 7, im Hintergrund TextilWerk Bocholt, Weberei in der Uhlandstraße 50

TextilWerk Bocholt, Blick von der Dachterasse der „SKYLounge“ in den Innenhof mit der „aufblasbaren Leinwand“

TextilWerk Bocholt, Blick von der Dachterasse der „SKYLounge“ auf das Spinnereigebäude


„Cross-Tour“ über das „KuBAaI“-Gelände

Spinnereigebäude Herding von 1897, Industriestraße 1, ehemaliger Spinnsaal

Im Rahmenprogramm der FilmSchauPlätze NRW in Bocholt wurden von der Wirtschaftsförderungs- und Stadtmarketing Gesellschaft Bocholt ursprünglich eine Führung durch die Weberei und eine „Cross-Tour“ über das „KuBAaI“-Gelände angeboten, für beide Führungen war eine vorherige Anmeldung erforderlich. Ich war mir selbst lange Zeit nicht schlüssig, für welche der beiden Führungen ich mich denn anmelden möchte, aber bereits drei Tage vor der Veranstaltung war auf der Homepage der Stadt Bocholt von der Absage der Führung durch die Weberei zu lesen, da diese „mangels Anmeldungen leider nicht zustande gekommen“ sei. Die „Cross-Tour“ über das „KuBAaI“-Gelände war zu diesem Zeitpunkt bereits ausgebucht, und die Führung durch die Weberei abgesagt, für Kurzentschlossene eine „alternativlose“ Entscheidung.

Spinnereigebäude Herding von 1897, Industriestraße 1, ehemaliger Spinnsaal

Zur „Cross-Tour“ über das „KuBAaI“-Gelände waren allerdings 50 bis 60 Teilnehmer angemeldet, so dass die Gruppe geteilt wurde, wobei ich wieder einmal die Arschkarte gezogen hatte, denn anfänglich wurde in „meiner“ Gruppe versucht, Fotos mit der Begründung zu unterbinden, dafür sei bei der Führung keine Zeit. Dislike!

Spinnereigebäude Herding von 1897, Industriestraße 1, ehemaliger Spinnsaal

Spinnereigebäude Herding von 1897, Industriestraße 1, auf dem Dach

Spinnereigebäude Herding von 1897, Industriestraße 1, Blick über die Spinnerei Herding, Industriestraße 3, Richtung TextilWerk Bocholt, Industriestraße 5

Eisenbahn-Brückenbauwerk über die Bocholter Aa

Die kläglichen Überreste der Weberei H. Beckmann/Ibena von 1929, Industriestraße 7

Weberei H. Beckmann/Ibena von 1929, Industriestraße 7

Weberei H. Beckmann/Ibena von 1929, Industriestraße 7

Staubturm der Weberei H. Beckmann/Ibena von 1929, Industriestraße 7

Der historische Staubturm, einer der letzten im Westmünsterland, soll ebenso erhalten bleiben wie die angrenzende Fassade mit den für die Textilindustrie typischen Sheddächern. Offensichtlich hat bisher kein Baggerführer ganz aus Versehen die im Bauschutt verloren wirkenden Gebäudeteile abenfalls abgeräumt.

Weberei H. Beckmann/Ibena von 1929, Industriestraße 7

Weberei H. Beckmann/Ibena von 1929, Industriestraße 7

Staubturm der Weberei H. Beckmann/Ibena von 1929, Industriestraße 7

Staubturm der Weberei H. Beckmann/Ibena von 1929, Industriestraße 7

Spinnerei Herding, Industriestraße 3

Spinnerei Herding, Industriestraße 3

Spinnerei Herding, Industriestraße 5

Spinnerei Herding, Industriestraße 5

Überreste einer Transmission

Erst bei der „Zugabe“, der Besichtigung des Maschinenhauses der Spinnerei Herding, Industriestraße 3, zeigte sich, warum man diese Führung als „Cross-Tour“ bezeichnet hatte: Durch einen „Urwald“ musste man sich den Weg zum Eingang des Gebäudes bahnen.

„Cross-Tour“ durch den „Urwald“

Spinnerei/Weberei Herding, Industriestraße 3

Maschinenhaus der Spinnerei Herding, Industriestraße 3


Filmvorführung im Innenhof des TextilWerks Bocholt

FilmSchauPlatz Bocholt

„Der Film startet mit Anbruch der Dunkelheit gegen 21.00 Uhr.“ (www.bocholt.de, 09.08.2016, 12.55 Uhr) Da die Sonne in Bocholt am 12. August erst um 21.03 Uhr untergehen würde, macht eine Terminierung des Filmbeginns auf 21.00 Uhr natürlich überhaupt keinen Sinn, fördert sie doch nur die Unzufriedenheit des Publikums, wenn der Film mangels Dunkelheit nicht zur angegebenen Zeit beginnt! Ich kann mich an einen ähnlichen Fall bei den FimSchauPlätzen NRW in Hamminkeln-Dingden erinnern, dort hatte man 2014 ebenfalls den Filmbeginn vor Sonnenuntergang angekündigt. Es scheint sich offensichtlich um ein lokales Phänomen zu handeln, Hamminkeln-Dingden liegt quasi am Weg nach Bocholt. Es macht einfach keinen Sinn, sich bei der Anfangszeit für die Filmvorführung am Sonnenuntergang zu orientieren, das Ende der bürgerlichen Dämmerung ist das weitaus bessere Maß für genügenden Kontrast auf der Leinwand!

FilmSchauPlatz Bocholt

FilmSchauPlätze NRW, das bedeutet, dass bei freiem Eintritt an besonderen Orten auf die Location abge­stimmte Filme auf der Open Air-Leinwand gezeigt werden. 2016 findet die Veranstaltungsreihe im 19. Jahr statt, angefangen hat alles 1997, nachdem ein französischer Kollege Anna Fantl, seinerzeit noch beim Filmbüro NW, davon überzeugt hatte, dass man außergewöhnliche Filme an ungewöhnlichen Orten mit einem inhaltlichen Bezug zu selbigen zeigen solle. Nach dem Kurzfilm „Lilith“ (2014, Regie Aleksandra Szymanska) über Weiblichkeit im hohen Alter stand der britische Spielfilm „We want Sex“ (Originaltitel: „Made in Dagenham“, 2010, Regie Nigel Cole) mit Sally Hawkins, Bob Hoskins, Miranda Richardson, Geraldine James, Rosamund Pike, Andrea Riseborough und Daniel Mays auf dem Programm. Wie der Originaltitel bereits vermuten lässt, geht es in dem weitgehend auf Tatsachen beruhenden Film nicht um die sexuelle Revolution, sondern um den Kampf um bessere Arbeitsbedingungen und gleichen Lohn für gleiche Arbeit im britischen Ford-Werk Dagenham Ende der 1960er-Jahre. Tatsächlich handelt es sich bei dem Titel „We want Sex“ nämlich um die Aufschrift auf einem Spruchband „We want sex equality!“, welches nicht vollständig ausgebreitet ist und dementsprechend nur der Teil „We want sex“ zu sehen ist. Barbara Anne Castle, Labour-Politikerin und zu der Zeit Secretary of State for Employment and Productivity, erstellte in der Nachfolge des dreiwöchigen Streiks der Nähmaschinen-Arbeiterinnen der Ford-Werke in Dagenham im Juni 1968 den Equal Pay Act 1970 („An Act to prevent discrimination, as regards terms and conditions of employment, between men and women“).

FilmSchauPlatz Bocholt


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