Sonntag, 17. Juli 2016

Le Corbusiers Werk ist UNESCO-Welterbe

Zwei Häuser der Stuttgarter Weißenhofsiedlung ausgezeichnet

Das UNESCO-Welterbekomitee hat heute in Istanbul eine Serie von 17 Bauten und Ensembles des schweizerisch-französischen Architekten Le Corbusier (Charles-Édouard Jeanneret-Gris, * 6. Oktober 1887 in La Chaux-de-Fonds, Schweiz, † 27. August 1965 in Roquebrune-Cap-Martin, Frankreich) in die Welterbeliste aufgenommen. Die Bauten in Argentinien, Belgien, Frankreich, Indien, Japan, der Schweiz und Deutschland verdeutlichen die herausragende Rolle Le Corbusiers für die Architektur des 20. Jahrhunderts und sind Zeugnisse der Globalisierung der Moderne. Zwei Häuser der Stuttgarter Weißenhofsiedlung zählen zu dieser transnationalen UNESCO-Welterbestätte. Sie sind die 41. Welterbestätte Deutschlands.

„Gemeinsam mit weiteren Architekten hat Le Corbusier die Architektur der Moderne seinerzeit neu definiert. Seine nun zum Erbe der gesamten Menschheit gehörenden Werke verkörpern typologisch den radikalen Bruch mit vormals verwendeten Stilen, Designs, Methoden, Technologien und Bautechniken“, erklärt Prof. Dr. Hartwig Lüdtke, Vizepräsident der Deutschen UNESCO-Kommission. „Sie stehen symbolisch für die damalige Erfindung einer neuen Architektursprache auf globaler Ebene und geben Aufschluss über unsere Geschichte. Ich freue mich sehr, dass das Welterbekomitee diese einzigartigen Werke in die Welterbeliste aufgenommen hat. Es liegt nun in der Verantwortung der gesamten Staatengemeinschaft, sie zu schützen.“

Die als Welterbe ausgezeichneten Regierungsgebäude von Chandigarh (Indien), das Nationalmuseum für westliche Kunst in Tokio (Japan), das Haus von Dr. Curutchet in La Plata (Argentinien) oder die Unité d’Habitation in Marseille (Frankreich) und weitere Werke Le Corbusiers sind Zeugnisse einer Architektur, die sich an den Bedürfnissen der Menschen des 20. Jahrhunderts ausrichten sollte. Sie belegen die Internationalisierung der Architektur in einer globalen Dimension. Die zwei zu der Welterbestätte gehörenden Häuser der Stuttgarter Weißenhofsiedlung wurden 1927 erbaut. Sie gelten heute als Ikonen der Baugeschichte. Le Corbusier setzte dort seine Fünf Punkte einer neuen Architektur um. Zentrale Merkmale davon sind der Dachgarten, ein verschiebbares Langfenster, eine freie Grundrissgestaltung, Stützen statt massiver Mauern als tragende Konstruktion und eine freie Fassadengestaltung. Funktionelles Wohnen sollte durch eine Flexibilität in der Innenarchitektur ermöglicht werden.

Die in die Welterbeliste aufgenomme Serie von Le Corbusiers Werk umfasst die folgenden 17 Bauten und Ensembles:

1923: Maisons La Roche et Jeanneret, Paris, Frankreich
1923: Petite villa au bord du lac Léman, Corseaux, Schweiz
1924: Cité Frugès, Pessac, Frankreich
1926: Maison Guiette, Antwerpen, Belgien
1927: Zwei Wohnhäuser der Weißenhof-Siedlung von Le Corbusier und Pierre Jeanneret, Stuttgart, Deutschland
1928: Villa Savoy et loge du jardinier, Poissy, Frankreich
1930: Immeuble Clarté, Genf, Schweiz
1931: Immeuble locatif à la Porte Molitor, Paris, Frankreich
1945: Unité d’habitation, Marseille, Frankreich
1946: Manufacture à Saint-Dié, Saint-Dié-des-Voges, Frankreich
1949: Maison du Docteur Curutchet, La Plata, Argentinien
1950: Chapelle Notre-Dame-du-Haut, Ronchamp, Frankreich
1951: Cabanon de Le Corbusier, Roquebrune-Cap-Martin, Frankreich
1952: Complexe du Capitole, Chandigarh, Indien
1953: Couvent Sainte-Marie-de-la-Tourette, Eveux, Frankreich
1954 – 59: National Museum of Western Art, Main Building, Tokio, Japan
1953 – 65: Centre de recréation du corps et de l’esprit de Firminy-Vert, Firminy, Frankreich


Die Weissenhofsiedlung und das Haus Le Corbusier

Unter der künstlerischen Leitung von Ludwig Mies van der Rohe wurde mit der Weissenhofsiedlung ein mustergültiges Wohnprogramm für den modernen Großstadtmenschen geschaffen. 1927 wurde die Siedlung für die Werkbundausstellung „Die Wohnung“ von 17 Architekten aus fünf europäischen Ländern konzipiert. Darunter Peter Behrens, Le Corbusier, Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe und Hans Scharoun. Ziel der Ausstellung war es, Ideen für ein „Neues Wohnen“ im Hinblick auf Wirtschaftlichkeit, Funktionalität, Konstruktion, technische Ausstattung und Möblierung zu vermitteln. Auf dem Weissenhof finden sich die Häuser der Architekten in unmittelbarer Nachbarschaft – das ist es, was die Siedlung weltweit so einzigartig macht. Von den 21 errichteten Häusern sind heute noch elf erhalten und bewohnt. Im Dritten Reich wurde die Siedlung verfemt, im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört. Danach begegnete man der Siedlung mit Ignoranz. Seit 1958 steht die gesamte Siedlung unter Denkmalschutz und zählt zu den weltweit wichtigsten Architekturdenkmälern der klassischen Moderne.

Zu den bedeutendsten Architekten der Siedlung, und einem der einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts, zählt Le Corbusier, dessen 1927 erbautes Doppelhaus mit seiner einmaligen Ästhetik, den modernen Grundrissen und dekorlosen Inneneinrichtungen exemplarisch für den Baustil der Weissenhofsiedlung steht. Architekturhistoriker bezeichnen es als eine Ikone der modernen Architektur. Nach einer umfassenden Instandsetzung steht das Museum im Haus Le Corbusier seit 2006 zur Besichtigung offen. Architekturinteressierte erhalten hier Einblicke in die Geschichte der Weissenhofsiedlung und in die Architektur Le Corbusiers. Der Rundgang führt die Besucher durch beide Haushälften, denen unterschiedliche Funktionen im Museumskonzept zukommen. In der linken Haushälfte (Haus Nr. 1) informiert eine Ausstellung über die Entstehung der Weissenhofsiedlung, ihre Zielsetzung und Entwicklung sowie über die berühmten Architekten des „Neuen Bauens“. Zu den bedeutenden Originaldokumenten dieser Ausstellung zählen unter anderem der Katalog und die Werbemarke zur damaligen Werkbundausstellung, die von dem Stuttgarter Künstler Willi Baumeister entworfen wurde. Die rechte Haushälfte (Haus Nr. 3) orientiert sich an der Zeit von 1927, als die Werkbundausstellung auf dem Weissenhof eröffnet wurde. Sie wurde gemäß der ursprünglichen Raumaufteilung und dem Farbentwurf Le Corbusiers zu einem originalgetreuen Exponat rekonstruiert. Selbst ein Teil der Einrichtung aus der damaligen Zeit im Stil der Bauhaus-Tradition kann bewundert werden. Besonders beeindruckend ist der Blick auf Stuttgart von der Dachterrasse des Hauses, die Bestandteil der Architekturidee Le Corbusiers ist.

Keine Kommentare: