Freitag, 8. Juli 2016

Buchbesprechung: „Weites Revier“

Auf zwölf rauen Routen zu Fuß durchs Ruhrgebiet

„Das Ruhrgebiet offenbart sich im faszinierenden Neben­einander aus riesigen Industrie-Brachen, bunt leuchtenden Erlebnistempeln und pittoresken Arbeitersiedlungen, durchzogen von einem allgegenwärtigen Netz aus Straßen, Schienen und Kanälen. Asphaltgrau wechselt sich ab mit Haldengrün, und unter den „Kathedralen der Industriekultur“ wachsen im Schrebergarten immer noch Stielmus und Lauch. Die spannende Vielfalt dieser Stadtlandschaft erlebt am besten, wer die alltäglichen Wege verlässt und sich zu Fuß auf Erkundungstouren begibt. Weites Revier spürt solche Touren auf. Die detailliert beschriebenen Routen führen entlang der Rohre und Dämme, über Autobahnen, durch Wälder und Parks hinein in den prallen Revier-Alltag. Sie zeigen bedeutende Siedlungen, verbinden zentrale Punkte der „Route der Industriekultur“, besuchen Landmarken, geben Beispiele des Strukturwandels und erkunden auch fast vergessene Orte aus der Zeit, bevor die Industrie Einzug hielt. Weites Revier bietet damit Einsteigern wie Revier-Kennern eine einzigartige Grundlage, das Ruhrgebiet jenseits seiner Mythen neu zu entdecken.“

Umschlagtext „Weites Revier“

Autor Thomas Machoczek, Foto: Kathrin Rothhaas

Thomas Machoczek, der Autor von „Weites Revier“, stammt aus Oberhausen. Er arbeitete für PR-Agenturen, schrieb Reportagen aus verschiedenen Ecken der Welt und blieb doch dem Ruhrgebiet nicht nur in zahlreichen Veröffentlichungen treu. Wenn er nicht zwischen Halden, Brachen und Kanälen wandert, betreut er die Öffentlichkeitsarbeit für eines der großen Industriedenkmäler der Region.

2006 ist die erste Auflage von „Weites Revier“ von Thomas Machoczek mit dem Untertitel „12 Wanderungen durch das Ruhrgebiet“ erschienen, seither hat sich einiges verändert. Im Zuge der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 sind neue Landmarken bzw. Hochpunkte wie „Tiger and Turtle – Magic Mountain“ von Heike Mutter und Ulrich Genth auf der Heinrich-Hildebrand-Höhe in Duisburg-Angerhausen oder der Nord­stern­turm „NT2“ mit dem „Herkules“ von Markus Lüpertz entstanden, der ökologische Umbau des Emschersystems schreitet voran, so dass es nach 10 Jahren durchaus sinnvoll erscheint, den Wanderführer der etwas anderen Art durch das alte und neue Ruhrgebiet in einer aktualisierten und überarbeiteten Auflage herauszugeben.

„Geleucht“ von Otto Piene auf der Halde Rheinpreußen, Foto: Thomas Machoczek

Die zwölf beschriebenen Routen geben einen guten Einblick in das Ruhrgebiet im Wandel. Jeder Routenbeschreibung gehen Angaben über die Streckenlänge, den Ausgangspunkt mit GPS-Koordinaten und die Anreise mit ÖPNV oder eigenem Auto sowie eine kurze Beschreibung der Landschaft voran. Am Ende des jeweiligen Kapitels geben klar gestaltete Karten einen guten Überblick über den beschriebenen Strecken­verlauf, die natürlich keine Wanderkarte o. ä. ersetzen können. Auf jeweils drei Infoseiten werden Höhepunkte am Wegesrand genauer vorgestellt. Warum dabei beispielsweise die Halde Rheinpreußen in Moers oder die Kokerei Prosper in Bottrop nicht beim Namen genannt werden, oder das Wohnungsunternehmen Vivawest, in dem die THS zum 1. Januar 2012 aufgegangen ist, noch als THS bezeichnet wird, es sind sicherlich Kleinigkeiten, die lediglich dem aufmerk­samen und gut informierten Leser auffallen und letzten Endes für die zwölf beschriebenen Routen ohne Bedeutung sind. 149 ansprechende, teilweise gangseitig abgedruckte Fotos vermitteln bereits einen guten Eindruck davon, was es auf den jeweiligen Routen zu sehen gibt. Dabei handelt es sich nicht nur um typische „Postkartenansichten“ oder „Schönwetter Fotos“, sondern es ist beispielsweise auch Schrott als „Stilleben am Wegesrand“ zu sehen. Die erste und siebte Route sind mit einer Streckenlänge von sieben bzw. neun Kilometer durchaus auch für Einsteiger/Spaziergänger geeignet, die übrigen Routen mit einer Streckenlänge von 11 bis 18 Kilometer benötigen dagegen schon etwas mehr Zeit und Kondition.
  • Windmühle, Hüttenwerk und Grubenlampe – Am Niederrhein zwischen Baerl und Moers
  • Stahlküchen und Emscherläufe – Vom Landschaftspark aus durch Duisburgs Norden
  • Durch Flussauen und ein Autobahnkreuz – Die Ruhr am Kaiserberg
  • Ritterburg und Konsumtempel – Oberhausens alte Mitte
  • Industrie schafft Kulisse – Nordsternpark, Schurenbachhalde und die Welheimer Mark
  • Himmelstreppe und Götterberg – Im Städtedreieck Essen, Bochum, Gelsenkirchen
  • Erzbahnbrücken, Gartenstadt und ein Bergwerk für die Kleinen – Rund um Zeche Hannover
  • Zechensumpf und Haldenland – Durch den Emscherbruch
  • Französischer Aufbrauch und irische Kargheit – Im Hügelland zwischen Mont-Cenis und Erin
  • Schlösser und Fluchttürme – Zwischen Haus Bodelschwingh und Kokerei Hansa
  • Zeche, Ufo, Wasserschloss – Von Waltrop nach Brambauer und zurück
  • Plattenbau und Öko-Diplom – Einmal rund um Scharnhorst
Kokerei Prosper in Bottrop

In der Einleitung „Auf rauen Routen“ beschreibt Thomas Machoczek, dass die vorgestellten Routen Kompromisse zwischen Wünschenswertem und Machbaren darstellen, und das Ruhrgebiet seiner Meinung nach kein Wanderrevier klassischer Lesart sei. Tatsächlich gibt es – im vorliegenden Buch „Weites Revier“ nicht vorgestellte – „klassische“ Wanderwege wie den Ruhrhöhenweg (XR), den Volme-Höhenring, den Emscherpark-Wanderweg (XE) oder in der Haard, in der Elfringhauser Schweiz, im Muttental, um nur einige Beispiele zu nennen, die nur meistenteils bereits durch die grünen Randgebiete des Ruhrgebiets führen und damit nicht das typische Flair der ehemaligen Montanregion erlebbar machen. Und genau dies leisten die von Thomas Machoczek vorgestellten „rauen Routen“. So kommt er am Ende des Kapitels auch zu dem Schluss, dass es sich auf alle Fälle lohnt, das Ruhrgebiet mit allen Sinnen zu entdecken, dem man sich tatsächlich vorbehaltlos anschließen kann.

Das Lanstroper Ei in Dortmund, Foto: Thomas Machoczek

In Kapitel „Hinweise“ gibt Thomas Machoczek ein paar praktische Tipps, wie er die Wanderungen im Ruhrgebiet angehen würde, unter anderem mit festem Schuhwerk und einer Navigations-App, wobei ich bezweifeln möchte, dass jeder Wanderer tatsächlich über ein Smartphone verfügt, ich selbst besitze auch keines. Weiterhin empfiehlt er, genügend Zeit und ausreichend Proviant einzuplanen, dementsprechend gibt es bei den Routenbeschreibungen auch keine Einkehr­empfehlungen.

Cover „Weites Revier“, 2. komplett aktualisierte und überarbeitete Auflage. © Klartext Verlag

„Weites Revier“ ist sicher kein Wanderführer zu allen Sehenswürdigkeiten der Metropole Ruhr, das kann keine Publikation leisten, aber „Weites Revier“ ist ein Wanderführer für Entdecker und solche, die es noch werden wollen, die das Ruhrgebiet zu Fuß fernab der allseits bekannten touristischen Pfade kennenlernen wollen und auch neugierig genug sind, dabei ihnen bisher unbekannte Seiten der ehemaligen Montanregion zu erkunden, die nach und nach immer mehr verschwinden.

Thomas Machoczek
„Weites Revier“
Auf zwölf rauen Routen zu Fuß durchs Ruhrgebiet
2. komplett aktualisierte und überarbeitete Auflage
144 Seiten, zahlreiche farbige Abbildungen, Broschur
Erschienen im Klartext Verlag
ISBN 978-3-8375-1596-1
13,95 €

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