Sonntag, 19. Juni 2016

„Zwischen Ungewissheit und Zuversicht“ – Kunst, Kultur und Alltag polnischer Displaced Persons

Sonderausstellung im LWL-Industriemuseum Zeche Hannover

Knapp eine Million ehemalige polnische Zwangsarbeiter, Häftlinge und Kriegsgefangene lebten nach Ende des Zweiten Weltkriegs als so genannte „Displaced Persons“ in Sammel­unterkünften in den westlichen Besatzungszonen. Ihnen widmet der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) unter dem Titel „Zwischen Ungewissheit und Zuversicht. Polnische Displaced Persons in Deutschland 1945 – 1955“ eine neue Ausstellung. Die zweisprachige Schau ist vom 17. Juni bis 30. Oktober 2016 im LWL-Industriemuseum Zeche Hannover in Bochum zu sehen.

„Zwischen Ungewissheit und Zuversicht“, Eingangsbereich

„Die Geschichte der Displaced Persons ist ein bisher wenig beachtetes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte. Unsere Ausstellung gibt erstmals einen umfassenden Einblick in den Alltag, die Kunst und die Kultur dieser 'heimatlosen Ausländer‘, wie sie später genannt wurden. Sie haben trotz der herrschenden Knappheit und Ungewissheit über ihr weiteres Schicksal ein bemerkenswertes und vielfältiges Kulturleben in den Camps und Lagern entwickelt“, sagte LWL-Direktor Matthias Löb am vergangenen Dienstag, 14. Juni 2016 in Bochum.

„Zwischen Ungewissheit und Zuversicht“, Blick in die Ausstellung

Mit Dokumenten, Fotos und Videointerviews wirft die Ausstellung ein Licht auf dieses kaum bekannte Stück deutsch-polnischer Geschichte. Matthias Löb: „Wir stellen die Menschen nicht als passive Opfer der Geschichte, sondern als aktive Menschen, die in den vorgegebenen Grenzen ihr Leben gestalteten, in den Vordergrund.“ Die Ausstellung des LWL-Industriemuseums nimmt genau diesen Blick ein: „Es ist beachtlich, mit welcher Energie, Effizienz und Kreativität die in den Camps und Lagern festsitzenden Menschen ihren Alltag organisierten, Komitees, Organisationen und Netzwerke ins Leben riefen und ihr Leben mit allen Mitteln der Kunst gestalteten“, sagte der LWL-Direktor. So fanden bereits 1945 erste Kunstausstellungen statt, die von der Land­schafts­malerei bis zur Verarbeitung des Schreckens der Konzentrationslager eine beachtliche Bandbreite zeigten.

„Zwischen Ungewissheit und Zuversicht“, Lageralltag

„Die Ausstellung ist äußerst aktuell: Viele Deutsche standen den Displaced Persons damals distanziert gegenüber. Überkommene Stereotype und Bewertungen als 'minderwertige Menschen‘ hielten sich auch nach Kriegsende hartnäckig. Berichte über Kriminalität verstärkten die Ablehnung", erklärte Matthias Löb weiter. "Diese beunruhigende Entwicklung kennen wir aus der aktuellen Flüchtlingsdiskussion. Hier kann jeder Besucher aktuelle Bezüge entdecken.“

„Zwischen Ungewissheit und Zuversicht“, Seelsorge

Dirk Zache, Direktor des LWL-Industriemuseums, hob die Zusammenarbeit mit ehemaligen polnischen Displaced Persons hervor: „Dem Ausstellungsteam ist es gelungen, Zeitzeugen zu finden, die mit ihren Erlebnissen, Erinnerungen und Leihgaben die Präsentation mitgestaltet haben.“ Dabei spannt sich der Bogen über mehrere Generationen und zeigt damit auch die unterschiedlichen Formen von Erinnerung und Tradition.

„Zwischen Ungewissheit und Zuversicht“, Halazontabletten zur Wasseraufarbeitung, Chicago 1945

Bereichert wurde das Projekt auch durch die Kooperation mit der „Porta Polonica“, der beim LWL-Industriemuseum angesiedelten und vom Bund finanzierten Dokumentations­stelle zur Geschichte und Kultur der Polen in Deutschland. Dirk Zache: „So konnten die vielfältigen und verschlungenen Migrationswege in den Blick genommen und die Perspektive auf ganz Deutschland gerichtet werden. Auch Bezüge nach Polen und in die Auswanderungsländer stellte unsere Dokumentationsstelle her.“

„Zwischen Ungewissheit und Zuversicht“, Schule und Universität


Hintergrund

Schätzungsweise elf Millionen Männer und Frauen, die unter Zwang nach Deutschland gebracht worden waren, hielten sich bei Kriegsende in Deutschland auf. Innerhalb von nur fünf Monaten kehrten rund neun Millionen von ihnen in ihre Heimat zurück, darunter fast alle Menschen aus der Sowjetunion. So waren es im Oktober 1945 vor allem Menschen aus Polen und den baltischen Staaten, die noch in den Sammellagern in Deutschland festsaßen. Nicht nur der einsetzende Winter verhinderte die Rückführung. „Viele von ihnen scheuten die Rückkehr, da ihre Heimatländer von der Sowjetunion besetzt waren oder von kommunistischen Regierungen beherrscht wurden, die ihre politischen Gegner mit Gewalt unterdrückten“, erklärt Ausstellungskurator und LWL-Museumsleiter Dietmar Osses.

„Zwischen Ungewissheit und Zuversicht“, Kunst

Über zehn Jahre lang haben Militärbehörden, Hilfsorganisationen und Verwaltungen nach Kriegsende versucht, in einem Wechsel von Fürsorge und Druck Perspektiven für die Menschen zu entwickeln. Zunächst stand die Unterbringung und Versorgung im Mittelpunkt: In einzelnen Fällen wurden Häuser, Straßenzüge oder wie in Haltern ganze Stadtteile von den Alliierten requiriert, um Displaced Persons darin unterzubringen. Dietmar Osses: „Die Kleinstadt Haren im Emsland ließ man komplett räumen. Sie wurde für drei Jahre eine polnische Stadt und bildete das Zentrum der polnischen Besatzungszone in Deutschland.“

„Zwischen Ungewissheit und Zuversicht“, Erinnerungskultur

Trotz vielfältiger und aufwendiger Programme lebten Mitte der 1950er Jahre noch gut 100.000 der ehemals eine Millionen polnischen Displaced Persons in Deutschland. Für sie schufen die Landesregierungen, allen voran Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, in großen Bauprogrammen eine dauerhafte Bleibe, um die Jahre des Lagerlebens zu beenden. „Manche dieser Siedlungen tragen heute noch lebendige Spuren des polnischen Lebens in sich“, weiß Museumsleiter Dietmar Osses.

„Zwischen Ungewissheit und Zuversicht“, „Geopfertes Volk. Der Untergang des polnischen Judentums“, Mieczysław Chersztein, Stuttgart 1946

„Zwischen Ungewissheit und Zuversicht“, Werbeblatt für das Handbuch „Budowa i obsługa samochodu“ (Bau und Bedienung des Autos), Eigenverlag W. Murawski, Rheinland 1946

„Zwischen Ungewissheit und Zuversicht“, Programmheft „Polish Concert Party presents Night of Songs, Dances and Music“, Chór Radiana (Radian-Chor), 1946

„Zwischen Ungewissheit und Zuversicht“, „Halterner Schreckenstage“, Philipp Schaefer, Haltern 1948

„Zwischen Ungewissheit und Zuversicht“, Zigarre von Franciszek Kellner mit Widmung. Deutschland/Polen 1947/49

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