Montag, 27. Juni 2016

ExtraSchicht 2016 – Die Nacht der Industriekultur

„Mutta hol mich vonne Zeche, ich kann datt Schwatte nich mehr sehn!“

200.000 Besucher kamen lt. Pressemitteilung der Ruhr Tourismus GmbH am 25. Juni 2016 zur 16. ExtraSchicht und erlebten an 48 ausgewählten Spielorten Industriekultur von ihrer angeblich „schönsten“ Seite. Dies entspricht einem Besucherrückgang von 11 % gegenüber dem Vorjahr, ob dies tatsächlich „nur“ auf das schlechte Wetter zurückzuführen ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Mehr als 2.000 Künstler sorgten trotz der Schauer am Anfang des Abends mit einem spannenden Programm aus Theater, Musik, Comedy, Illusionen und Workshops für Begeisterung und gute Stimmung. Mich hat niemand nach meiner Stimmung gefragt, was mich nicht davon abhält, meine Erfahrungen an dieser Stelle kund zu tun. Vor allem die vier neuen Spielorte erfuhren in der Nacht der Industriekultur großen Publikums-Zuspruch. Und das, obwohl die Besucher zu Beginn noch mit Schirm und Regenjacke in den Warteschlagen stehen mussten. Besonders begehrt: die Bustouren über das Duisburger Werksgelände von thyssenkrupp Steel Europe. Auch vor dem Deutschen Fußballmuseum in Dortmund und am Bergwerk Ost in Hamm bildeten sich schon vor Beginn der Veranstaltung um 18 Uhr lange Schlangen. Im Bergwerk Ost einte das Angebot Klassik-Fans und Bergbau-Interessierte, die gemeinsam der Eröffnung des KlassikSommers lauschten. Erstmals für Besucher geöffnet und besonders charmant: die Zeche Schlägel & Eisen in Herten. Neben dem ehrenamtlich organisierten Kultur- und Musikprogramm sorgte hier insbesondere die Turmbegehung für großen Besucherandrang. Warum man dort dennoch das Programm vorzeitig beendet hat, entzieht sich ebenfalls meiner Kenntnis.


Zeche Heinrich-Robert in Hamm

Ich hatte mich in diesem Jahr zu einer „Zechentour“ entschieden, eine ganz und gar falsche Entscheidung, wie sich bereits am ersten ausgewählten Spielort, der Zeche Heinrich-Robert in Hamm, herausgestellt hat. Die Zeche Heinrich-Robert war das letzte fördernde Steinkohlen-Bergwerk in Hamm und gehörte ab 1998 zum Verbundbergwerk Ost, das am 30. September 2010 die Steinkohlenförderung eingestellt hat. Damals arbeiteten auf der Zeche noch rund 1800 Mitarbeiter, die im Zuge der Stilllegung auf andere Bergwerke der RAG wechselten. Die Hauptschachtanlage der Zeche Heinrich-Robert zwischen den Stadtteilen Wiescherhöfen und Herringen an der Kamener Straße ist bis heute noch komplett vorhanden, die Kohlenwäsche wurde 2011 nach China verkauft.

Zeche Heinrich-Robert, Zufahrt von der Kamener Straße

Die Zeche Heinrich-Robert war an diesem Abend einer der am weitesten im Osten gelegenen Spielorte, lediglich der Maximilianpark in Hamm lag noch weiter östlich. Und darin liegt auch bereits die Crux dieses Spielorts: Es dauert mit öffentlichen Verkehrsmitteln bzw. den ExtraSchicht-Shuttle-Bussen relativ lange, den Spielort zu erreichen, und er ist mit dem ExtraSchicht-Shuttle ES 29 auch nur an den Maximilianpark und die Lindenbrauerei in Unna angebunden. Um also von hier zum Zukunftsstandort Ewald oder zur Zeche Schlägel & Eisen in Herten zu gelangen, das wäre wahrhaftig eine „Himmelfahrt“ geworden. Dementsprechend hatte ich mich beizeiten mit dem eigenen PKW auf den Weg Richtung Zeche Heinrich-Robert begeben, um bei den ersten Besuchern zu sein, die zum Beginn der ExtraSchicht um 18 Uhr an einer Führung über das Zechengelände teilnehmen könnten, doch das Kassen- und Einlasspersonal wusste mich ganz entscheidend auszubremsen…

Zeche Heinrich-Robert, Pförtnerhäuschen an der Zufahrt von der Kamener Straße

In Anbetracht fehlender Ortskenntnisse im Bereich der Zeche Heinrich-Robert habe ich mich – mit dem Auto aus Westen kommend – auf das erste Schild „Parkplatz ExtraSchicht“ an der Kamener Straße verlassen, was sich als Fehler herausstellte, denn dieser Parkplatz war in Wirklichkeit ein „VIP Parkplatz“, aber das erfuhr man erst von der Security, die die Zufahrt für gewöhnliche Besucher unterbunden hat. Selbige muss wohl irgendwann so genervt gewesen sein, dass auf dem Wegweiser zum Parkplatz mit rotem Klebeband zusätzlich die Bezeichnung „VIP“ aufgeklebt wurde, was aber gegen 17.20 Uhr noch nicht der Fall gewesen ist. Kein Problem, dachte ich mir, noch genügend Zeit bis zum Beginn um 18 Uhr, das Auto an der Kamener Straße abgestellt und von hier zu Fuß auf den Weg zum Eingang an der Straße „Zum Bergwerk“ gemacht.

Elefant an der Kamener Straße

Hier standen bereits die ersten Besucher im Regen vor der Schranke, noch war deren Anzahl überschaubar, was sich allerdings bis 18 Uhr ändern sollte. An der Kasse wollte ich pflichtbewusst mein Ticket gegen ein Eintrittsband tauschen, auf dem von der RTG ausgegebenen, nummerierten Ticket stand schließlich fett gedruckt „Das Ticket wird am ersten Spielort gegen ein Eintrittsband getauscht.“ Doch das Kassenpersonal verweigerte den Umtausch des Tickets gegen ein Eintrittsband, mit der Begründung, sie hätten die Anweisung, blaue Tickets nicht umzutauschen, diese würden beim Einlass direkt entwertet und bräuchten daher nicht umgetauscht zu werden. Da half auch der Hinweis auf das aufgedruckte Reglement nichts, man habe seine Weisung, und daran habe man sich zu halten. Leider konnte ich nicht ergründen, wer diese Weisung erteilt hatte und damit für den Schlamassel verantwortlich war. Womöglich wäre es besser gewesen, gleich an dieser Stelle nach der verantwortlichen Person zu verlangen und sich nicht abspeisen zu lassen…

Zeche Heinrich-Robert, Zugang an der Straße „Zum Bergwerk“

Als das Security-Personal selbst um 18 Uhr den Besuchern den Einlass auf das Gelände verweigerte und sich langsam Unmut bei den geduldig im Regen ausharrenden Besuchern breitmachte, wurden Sprüche wie „Wir sind hier das Gesetz“ vom Stapel gelassen, und zwar nicht im Scherz… Man kann sich bereits denken, dass man mir auch nach Öffnung des Geländes den Einlass verweigerte, man habe schließlich die Weisung, Besucher nur mit Eintrittsband auf das Gelände zu lassen („Wir sind hier das Gesetz“)… Also zurück zur Kasse, wo man sich erneute weigerte, das Ticket wie vorgesehen gegen ein Eintrittsband zu tauschen, man habe schließlich seine Weisung… Langsam aber wurde ich ungehalten, weshalb ich im Pförtnerhäuschen nach dem Verantwortlichen verlangte und zur Antwort bekam, hier sei niemand verantwortlich… Am Ende hat es mich beinahe eine geschlagene Viertelstunde gekostet, überhaupt auf das Betriebsgelände der Zeche Heinrich-Robert eingelassen zu werden, ohne Eintrittsband, dafür war aber meine Laune bereits jetzt am absoluten Tiefpunkt angelangt, in der Zwischenzeit hatten sich nämlich bereits so viele Besucher in der Warteschlange für die Führungen über das Zechengelände angestellt, dass es mich weitere anderthalb Stunden Anstehen im Regen gekostet hätte, endlich etwas auf dem Gelände zu sehen zu bekommen. Ich merke selbst zwei Tage später noch immer, wie mich die Wut packt, wenn ich nur daran denke, und aus diesem Grunde vergebe ich hierfür die wirklich rare Auszeichnung „Ärgernisse“.

Zeche Heinrich-Robert, Verwaltungsgebäude

Das Ende vom Lied war dann, dass ich nichts von alledem, was mich wirklich interessiert hätte, auch zu sehen bekommen habe, weder die um 1904 erbaute Maschinenhalle noch das Gebäude der Fördermaschine Heinrich, das die Maschinenhalle zusammen mit dem Grubenmagazin an der zentralen Achse einrahmt, geschweige denn die Fördermaschine im Hammerkopfturm, die war nämlich selbst im Rahmen der Führungen über das Gelände nicht zu sehen. Wenn man dann aber vom Aufsichtspersonal auf Fragen mehrfach die Antwort bekommt, man könne keine Auskunft geben, man sei nicht von hier, so drängt sich einem geradezu der Eindruck auf, man ist an diesem Spielort der ExtraSchicht im völlig falschen Film gelandet. Fazit: völlig vergebens stundenlang mit dem Auto durch die halbe Metropole Ruhr gefahren…

Zeche Heinrich-Robert, Verwaltungsgebäude

Zeche Heinrich-Robert, Verwaltungsgebäude

Zeche Heinrich-Robert, Verwaltungsgebäude

Zeche Heinrich-Robert, Tanzperformance in der Steigerstube

Zeche Heinrich-Robert, Steigerstube

Zeche Heinrich-Robert, Lichthof

Zeche Heinrich-Robert, Lichthof

Zeche Heinrich-Robert, Obergeschoss Mannschaftskaue

Zeche Heinrich-Robert, Obergeschoss Mannschaftskaue

Zeche Heinrich-Robert, Obergeschoss Mannschaftskaue

Zeche Heinrich-Robert, Obergeschoss Mannschaftskaue

Zeche Heinrich-Robert, Erdgeschoss Mannschaftskaue

Zeche Heinrich-Robert, Erdgeschoss Mannschaftskaue

Zeche Heinrich-Robert, Erdgeschoss Mannschaftskaue

Zeche Heinrich-Robert, Lampenstube

Zeche Heinrich-Robert, Lampenstube

Zeche Heinrich-Robert, Verwaltungsgebäude

Zeche Heinrich-Robert, Verwaltungsgebäude

Zeche Heinrich-Robert, Hauptförderschacht Robert, Hammerkopfturm, 1955

Zeche Heinrich-Robert, Hauptförderschacht Robert, Hammerkopfturm, 1955


Zukunftsstandort Ewald in Herten

Zeche Ewald, Doppelbock-Fördergerüst über Zentralförderschacht 7

Zum Zukunftsstandort Ewald in Herten als Spielort der ExtraSchicht ist eigentlich nicht viel zu sagen, der Veranstaltungsort hat sich bereits in vielen Jahren bewährt, und wenn es dem Volk nach panem et circenses gelüstet, so soll es eben Brot und Spiele bekommen, von mir aus auch Gas, das Motto der ExtraSchicht auf Ewald lautete nämlich „Ewald gibt Gas“, obwohl etwas weniger Dampf und Qualm beim Musik-Feuerwerk an diesem Abend mehr gewesen wäre. Bedingt durch die Wetterlage zog selbiger nämlich überhaupt nicht ab und verwandelte das Gelände um den Doncasterplatz in kürzester Zeit in eine „Waschküche“ mit Sichtweiten von wenigen Metern.

Zeche Ewald, Doppelbock-Fördergerüst über Zentralförderschacht 7 und Malakowturm über Schacht 1

Zeche Ewald, Schwarzkaue

Zeche Ewald, Schwarzkaue, „Mona Lisas Töchter“ („Rohling“)

Im Rahmen des Programms „30 Jahre Frauenkulturtage Herten“ bot das Kulturbüro gemeinsam mit der Künstlerin Kerstin Cizmowski eine große Frauenkunstaktion zur Gestaltung einer Gipsbüste an. Dabei sollte ein Abguss aus Alabastergips kunstvoll und nach eigenem Empfinden gestaltet werden, die Auflage der Abgüsse war auf 750 Stück limitiert. Der Optionsschein für eine Gipsbüste war für 25 € zu haben, und eine große Anzahl von ausgestellten „Rohlingen“ zeugte davon, dass sich offensichtlich keine 750 Interessentinnen für diese Kunstaktion gefunden hatten. Egal, die Vielfalt der ausgestellten Arbeiten war dennoch beeindruckend.

Zeche Ewald, Schwarzkaue, „Mona Lisas Töchter“

Zeche Ewald, Schwarzkaue, „Mona Lisas Töchter“

Zeche Ewald, Schwarzkaue, „Mona Lisas Töchter“

Zeche Ewald, Schwarzkaue, „Mona Lisas Töchter“

Zeche Ewald, Schacht 7, Rasenhängebank

Zeche Ewald, Schacht 7, Magazin

Zeche Ewald, Schacht 7, Maschinenhaus Nord

Zeche Ewald, Schacht 7, Maschinenhaus Nord

Zeche Ewald, Schacht 7, Maschinenhaus Nord

Zeche Ewald, Schacht 7, Maschinenhaus Nord

Zeche Ewald, Schacht 7, Maschinenhaus Nord

Zeche Ewald, Feuerwerk

Zeche Ewald, Feuerwerk


Zeche Schlägel & Eisen in Herten

Zeche Schlägel & Eisen, Schachtanlage 3/4/7, Fördergerüst Schacht 3 und 4 und zugehöriger Grubenlüfter Schacht 3/4

Seit der Stilllegung des Verbundbergwerkes Ewald/Hugo am 30. April 2000 ruhen auch auf Zeche Schlägel & Eisen alle bergbaulichen Aktivitäten, bereits am 30. Juni 1990 fand die letzte Förderung auf Schlägel & Eisen statt. Viele Gebäude der Schachtanlage 3/4/7 in Herten-Langenbochum sind erhalten geblieben, 2013 begannen die Umbauarbeiten am ehemaligen Zechenstandort durch die Entwicklungs­gesell­schaft Schlägel & Eisen, die in diesem Jahr beendet wurden und in deren Verlauf auch die Schachthalle und das dazugehörige Fördergerüst über Schacht 7 abgerissen wurden. Inzwischen ist das umstrukturierte Zechengelände wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Mit der Schlusssteinlegung Ende April wurde das revitalisierte Zechengelände feierlich eröffnet, rund um die denkmal­ge­schützten Zechengebäude sind ein Stadtteilpark und eine Parkouranlage entstanden. Gewerbeansiedlungen sollen folgen.

Zeche Schlägel & Eisen, Schachtanlage 3/4/7, Fördergerüst Schacht 3 und 4 und zugehöriger Grubenlüfter Schacht 3/4

Der mittelständische Unternehmer Andreas Weidner hat das Unter- und Erdgeschoss des ehemaligen Verwaltungs- und Kauen-Gebäudes zum Firmensitz seines Wasseraufbereitungs-Unternehmens umgebaut. Da er hierfür nicht das gesamte erworbene Areal nutzen konnte, kooperiert er mit der Kunstpädagogin Kathi Schmidt, um ein kulturelles, sportliches und gastronomisches Nutzungskonzept zu entwickeln.

Zeche Schlägel & Eisen, Schachtanlage 3/4/7, Fördergerüst Schacht 4 und zugehöriger Grubenlüfter Schacht 3/4

Für das Programm zur ExtraSchicht 2016 auf der Zeche Schlägel & Eisen zeichnete im wesentlichen der Klub Schlägel & Eisen e. V. verantwortlich, der ehrenamtlich das Ziel verfolgt, dem leerstehenden Zechengelände mit kulturellen Angeboten neues Leben einzuhauchen. Im von der Stadt Herten herausgegeben Programmheft war für viele Programmpunkte als Veranstaltungszeit von 18 bis 2 Uhr angegeben, aber bereits gegen 1.30 Uhr war eine Besteigung des Fördergerüstes Schacht 4 nicht mehr möglich, Silvia Winefoets Lichtinstallation „Ich sehe was, was du nicht siehst“ bereits ausgeschaltet, die Buden auf dem Außengelände sogar schon abgebaut usw. Natürlich erfolgen die Angaben im Programmheft vorbehaltlich kurzfristiger Änderungen, aber warum gibt man dann nicht gleich im Programmheft an, Feierabend zu machen, wann es einem gefällt? Dann kann man sich nämlich als Besucher darauf einstellen und auf den Besuch eines dritten Spielorts bei der ExtraSchicht verzichten. Dislike!

Zeche Schlägel & Eisen, Schachtanlage 3/4/7, „Ich sehe was, was du nicht siehst“, Lampengang-Außenwand

Zeche Schlägel & Eisen, Schachtanlage 3/4/7, Treppenhaus

Zeche Schlägel & Eisen, Schachtanlage 3/4/7, Kaue

Zeche Schlägel & Eisen, Schachtanlage 3/4/7, Lampengang

Zeche Schlägel & Eisen, Schachtanlage 3/4/7, Magazin

Zeche Schlägel & Eisen, Schachtanlage 3/4/7, Magazin

Zeche Schlägel & Eisen, Schachtanlage 3/4/7, Magazin

Zeche Schlägel & Eisen, Schachtanlage 3/4/7, Magazin

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