Mittwoch, 1. Juni 2016

Entdecke die Kunst – erlebe die Veränderung

Emscherkunst 2016 zwischen Holzwickede und Herne

Die internationale Ausstellung Emscherkunst 2016 zeigt vom 4. Juni bis 18. September 2016 zeitgenössische Positionen der Kunst in Natur und Stadt mitten im Ruhrgebiet. Dabei rückt der Landschaftsraum zwischen Holzwickede, Dortmund, Castrop-Rauxel, Recklinghausen und Herne in den Fokus – verbunden durch einen 50 Kilometer langen Ausstellungsparcours entlang der Emscher. Zum ersten Mal wird mit „Dortmund Urban“ – einem der sieben Ausstellungsräume – auch ein Schwerpunkt mitten in der Stadt gesetzt. KünstlerInnen u. a. aus Deutschland, Frankreich, der Schweiz, Kanada und den Niederlanden zeigen ihren Blick auf eine Landschaft im Wandel: Die Verandlung des ehemaligen Abwasserflusses Emscher hin zu einem naturnahen Fluss – eines der größten Infrastrukturprojekte Europas. Reizvolles Projektionsfeld für die zur Emscherkunst 2016 eingeladenen KünstlerInnen wie atelier le balto, Benjamin Bergmann (* 1968 in Würzburg), Massimo Bertolini (* 1962 in Cecina, Italien), Henrik Håkansson (* 1968 in Helsingborg, Schweden), Studio Orta (Lucy (* 1966 in Sutton Coldfield, UK) und Jorge Orta (* 1953 in Rosario, Argentinien)), Roman Signer (* 1938 in Appenzell, Schweiz), Superflex oder Tobias Zielony (* 1973 in Wuppertal). Mit 30 Studierenden der Kunstakademie Münster gibt es erneut eine Einbindung der jungen Kunstszene.

Die Kunstroute der Emscherkunst 2016
© Karte: KoeperHerfurth; Illustration: Daniel Edelmeier

Seit der ersten Emscherkunst im Jahr 2010 zieht sich das Motiv der Zerstörung und Transformation der ehemaligen Industrielandschaft entlang der Emscher wie ein roter Faden durch das Konzept von Kurator Prof. Dr. Florian Matzner. Der Leitsatz der Kulturhauptstadt RUHR.2010 „Wandel durch Kultur – Kultur duch Wandel“ war gleichzeitig auch eine ideale Aufgabenstellung für die erste Schau der Emscherkunst. Für die zweite Edition 2013 setzte Kurator Florian Matzner deutliche Impulse mit den Themen „Ökologie und Klimawandel“ sowie den Fokus auf soziale Spannungsfelder wie in Duisburg-Marxloh.

Die sich wandelnden Ausstellungsräume entlang der Emscher verlagern sich in ihrer West- bzw. Ostausrichtung innerhalb der Ruhrregion. Zudem verändert sich die Akzentsetzung. Das Motto der Emscherkunst 2016 lautet „Entdecke die Kunst – erlebe die Veränderung.“ Die von Florian Matzner gemeinsam mit Katja Aßmann (Urbane Künste Ruhr) und Dr. Simone Timmerhaus (Emschergenossenschaft) als Co-Kuratorinnen eingeladenen KünstlerInnen schaffen einen Dialog mit dem neu entstehenden Ruhrgebiet.

24 aktuelle Positionen der zeitgenössischen Kunst sind 100 Tage lang im Landschafts- und Stadtraum entlang der Emscher zu erleben: Neben neun Arbeiten, die aus den Jahren 2010 und 2013 übernommen wurden, aber teils in einen neuen Kontext gesetzt werden, interpretieren 15 neue Arbeiten die Transformation der Landschaft: Sie stehen teils in der Tradition der Land Art (wie die fast schon brutalistisch anmutende Installation „Wellenbrecher“ von Nevin Aladağ) oder sind überraschende Landschaftseingriffe („Kunstpause“ vom Berliner atelier le balto, „Zur kleinen Weile“ vom Berliner Kollektiv raumlabor).

Manche spielen mit althergebrachten Traditionen (augenzwinkernd wie Benjamin Bergmanns „Chiosco“ oder fatalistisch wie Massimo Bartolinis „Black Circle Square“, übrigens auch eine Remineszenz an Kasimir Malevitchs „Schwarzer Kreis“). Oder sie setzen sich mit soziokulturellen Entwicklungen der sich radikal verändernden Lebensräume auseinander (Henrik Håkanssons „The Insect Societies (Part 1)“, Erik van Lieshouts „Die Insel“). Auch dem deutschen Fotograf und Filmer Tobias Zielony geht es in seinem Film „Tamil Stars“ über eine tamilische Fußballmannschaft darum, die „beiläufige Form des Sozialen“ einzufangen.

Einen partizipativen Ansatz verfolgt das Studio Orta mit seiner dreiteiligen Skulpturenserie „Spirits of the Emscher Valley“, die bei der Ideenfindung auf die Mitwirkung von Anwohnern setzten. Auch das Künstlerinnenduo Stracke & Seibt (Verena Seibt, * 1980 in Dachau, und Clea Stracke, * 1982 in Berlin) realisieren ihre Arbeit „ARCA“ unter Teilnahme der BesucherInnen, wenn sie Brüche der Landschaft u. a. malerisch dokumentieren. Einen Blick in die Zukunft wirft Natalie Jeremijenko (* 1966 in Mackay, Australien) mit ihrer „Urban Space Station“, mit der sie einem Raumschiff gleich Szenarien künftigen nachhaltigen Wohnens skizziert.

Die dänische Gruppe Superflex installiert mitten in der Emscher einen Brunnen aus Abwasser, der Schweizer Konzeptkünstler Roman Signer – mit 78 Jahren der erfahrenste Teilnehmer – lässt mit seiner Installtion „Analyse“ an der Emscher in Recklinghausen/Herne täglich die Zusammensetzung des Abwassers kommentieren. Janet Cardiffs und Georg Bures Millers Soundinstallation „Forest (for a thousand years)“ ist die einzige Arbeit, die nicht explizit für die Emscherkunst entstanden ist und bereits einmal gezeigt wurde (dOCUMENTA (13) 2012 in Kassel). Sie wird durch das Künstlerduo dem Landschaftsraum entlang der Emscher angepasst.

Unter der Leitung von Prof. Ferdinand Ullrich realisieren 30 Studierende der Kunstakedemie Münster im Umfeld des Dortmunder Unionviertels Performances und Interventionen. Mit „STADT – RAUM – BEWEGUNG“ kreieren die Studierenden für die Dauer der Ausstellung Eingriffe in den Stadtraum, um so eine Bewusstseinsänderung bei den AnwohnerInnen und BesucherInnen gleichermaßen zu bewirken. Unter anderem entlang der dicht besiedelten Rheinischen Straße im Dortmunder Unionviertel. Die Kunstakademie Münster und Prof. Ullrich waren bereits an der Emscherkunst 2010 beteiligt: künstlerich gestaltete Bauwagen, die zu einem „Goldenen Dorf“ in Recklinghausen gruppiert waren, wurden zu einem Treffpunkt für junge Kreative.

Die verborgenen Schatzkammern des öffentlichen Raumes sind unauffällig und versteckt, manchmal sogar mit Stacheldraht und Verbotsschildern versehen. Die so genannten No-Go-Areas sind wichtiger Austragungsort für die Kunst geworden. Bei der Emscherkunst sind es ehemalige Kläranlagen, aufgelassene Brachen oder ein verwilderter Haselnusshain entlang des Radweges: Hier stolpern die BetrachterInnen über die Kunst, werden damit konfrontiert und zur Auseinandersetzung aufgefordert. Erst durch die Partizipation wird das Kunstwerk vollendet. Damit entsteht ein öffentlicher Raum als Erzählraum für die KünstlerInnen. Dieser Dirty Space der Stadt/Landschaft als Austragungsort der Kunst steht dem Ausstellungsort des Museums (White Cube) gegenüber. KünstlerInnen, Werk und Publikum treten damit in ein neues Verhältnis – und eine neue Situation, die nicht immer klar kalkulierbar ist. Genau das möchte Emscherkunst – künstlerische Impulse geben zur Zukunftsgestaltung einer ganzen Region im Wandel.


Verschiedene Kunstareale: „ARCA“ von Stracke & Seibt

„ARCA“ von Stracke & Seibt

Stracke & Seibt bespielt mit seinem Projekt „ARCA“ alle sieben Kunstareale der Emscherkunst 2016. Ein Expeditionsschiff dient als mobile Forschungs­station, die sich alle zwei Wochen in einem anderen Ausstellungsareal aufhält und von der aus die Besucher (unter Anleitung der Künstlerinnen) die umliegende Gegend in Form von „klassischen“ Aquarellkursen in den Blick nehmen und unmittelbar erforschen. Die Streifzüge der Malkurse untersuchen unter Bezugnahme von heroischer Land­schafts­malerei, naturwissenschaftlicher Zeichnung sowie Sonntagsmalerei das Emscher-Areal auf unübersehbare Brüche im idealisierten Bild-Sujet der ungestörten Landschaft.

Verena Seibt


Kunstareal Phoenix See: „Urban Space Station“ von Natalie Jeremijenko

„Urban Space Station“ von Natalie Jeremijenko

„Urban Space Station“ von Natalie Jeremijenko


Kunstareal Phoenix See: „Spirits of the Emscher Valley“ von Lucy + Jorge Orta

„Spirits of the Emscher Valley“, „Vogelfrau“ von Lucy + Jorge Orta

„Spirits of the Emscher Valley“, „Vogelfrau“ von Lucy + Jorge Orta

Kanadagänse

„Spirits of the Emscher Valley“, „Totem mit Elster“ von Lucy + Jorge Orta

„Spirits of the Emscher Valley“, „Totem mit Elster“ von Lucy + Jorge Orta

Lucy Orta


Kunstareal Phoenix See: „Chiosco“ von Benjamin Bergmann

„Chiosco“ von Benjamin Bergmann

„Chiosco“ von Benjamin Bergmann

„Chiosco“ von Benjamin Bergmann

„Chiosco“ von Benjamin Bergmann

„Chiosco“ von Benjamin Bergmann

Benjamin Bergmann und Danilo Bastione


Kunstareal Kokerei Hansa: „Zur kleinen Weile“ vom Berliner Kollektiv raumlabor

renaturierte Emscher

„Zur kleinen Weile“ vom Berliner Kollektiv raumlabor

„Zur kleinen Weile“ vom Berliner Kollektiv raumlabor

„Zur kleinen Weile“ vom Berliner Kollektiv raumlabor

„Zur kleinen Weile“ vom Berliner Kollektiv raumlabor

Markus Bader


Kunstareal Kokerei Hansa: „Kunstpause“ vom Berliner atelier le balto

„Kunstpause“ vom Berliner atelier le balto

„Kunstpause“ vom Berliner atelier le balto

„Kunstpause“ vom Berliner atelier le balto

„Kunstpause“ vom Berliner atelier le balto

„Kunstpause“ vom Berliner atelier le balto

Véronique Faucheur und Marc Pouzol


Kunstareal Hochwasserrückhaltebecken: „Wellenbrecher“ von Nevin Aladağ

Hochwasserrückhaltebecken Dortmund-Mengede/Castrop-Rauxel-Ickern

Nevin Aladağ (* 1972 in Van, Türkei) hat auf dem Gelände des Hochwasserrückhaltebecken mit 60 über zwei Meter großen Wellenbrechern in Form von Beton-Tetrapoden metaphorisch den Abdruck der Arche Noah nachgezeichnet, über deren vermeintlichen Fund in einer Höhe von etwa 2150 Metern auf dem Gebirge des Ararat – etwa 20 Meilen südlich vom eigentlichen Berg Ararat – am 5. September 1960 im Life Magazine mit Luftaufnahmen berichtet wurde. Es handelt sich dabei um die geologische Formation Durupınar, die nach dem türkischen Luftwaffen-Kapitän İlhan Durupınar benannt ist, der sie 1959 entdeckte. Während der Emscherkunst 2016 ist der Turm des Drosselbauwerkes am Hochwasserückhaltebecken in unmittelbarer Nähe geöffnet, von dem aus man einen schönen Überblick über die Arbeit bekommt.

„Wellenbrecher“ von Nevin Aladağ

„Wellenbrecher“ von Nevin Aladağ

„Wellenbrecher“ von Nevin Aladağ

Katja Aßmann, Urbana Künste Ruhr, Dr. Simone_Timmerhaus, Emschergenossenschaft, und Prof. Dr. Florian Matzner

„Wellenbrecher“ von Nevin Aladağ

„Wellenbrecher“ von Nevin Aladağ


Kunstareal Hochwasserrückhaltebecken: „Gesellschaft der Amateur-Ornithologen“ von Mark Dion

„Gesellschaft der Amateur-Ornithologen“ von Mark Dion

„Gesellschaft der Amateur-Ornithologen“ von Mark Dion


Kunstareal Hochwasserrückhaltebecken: „Black Circle Square“ von Massimo Bartolini

Baustelle „Black Circle Square“ von Massimo Bartolini

Massimo Bartolini und Prof. Dr. Florian Matzner


Kunstareal Wasserkreuz: „Warten auf den Fluss“ von der niederländischen Künstlergruppe Observatorium

„Warten auf den Fluss“ von der niederländischen Künstlergruppe Observatorium

„Warten auf den Fluss“ von der niederländischen Künstlergruppe Observatorium

„Warten auf den Fluss“ von der niederländischen Künstlergruppe Observatorium

Die Ausstellung ist Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet, Montag ist sie geschlossen. Der Eintritt ist frei, auch zu den Arbeiten „Spirits of the Emscher Valley“ von Lucy + Jorge Orta und „Schlagende Wetter“ von M + M, die „Schutzhelme“ von Sujin Do im Kohlebunker der ehemaligen Kokerei Hansa sind nur im Rahmen einer Führung über die Kokerei zu sehen, Anmeldungen hierfür unter (0231) 93 11 22 33. Für die Führung sind 8 € pro Person bei der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur zu berappen, womit die Emscherkunst 2016 nicht vollständig „umsonst und draußen“ stattfindet. Eine umfangreiche Kunst- und Radkarte erleichtert die Navigation im Ausstellungsgparcours und bietet zudem Hintergrundinformationen zu den Kunstwerken der Emscherkunst 2016. Die Kunst- und Radkarte kann in den vier Besucherzentren der Emscherkunst 2016 am Emscherquellhof in Holzwickede, am Dortmunder U und an der Kokerei Hansa in Dortmund sowie im Museum Strom und Leben in Recklinghausen zum Preis von 9 € erworben werden.


Eröffnungsfest der Emscherkunst 2016 in Dortmund

Mit einem großen Open-Air-Fest für alle Bürger eröffnet die Ausstellung Emscherkunst 2016 am 4. Juni 2016 an der Hörder Burg in Dortmund. Direkt am Kunstareal Phoenix See beginnt um 14 Uhr der Auftakt zum Kunstsommer an der Emscher. NRWs Kulturministerin Christina Kampmann wird um 16 Uhr die Emscherkunst 2016 offiziell eröffnen. Auf dem familienfreundlichen Programm stehen Führungen zu den Kunstwerken am Phoenix See, ein Bühnenprogramm am Hörder Burgplatz, Musik und gastronomische Angebote. Der Eintritt ist frei, das Fest dauert bis 19 Uhr.

Ab 14 Uhr starten die Führungen zu den Kunstwerken rund um den Phoenix See durch Gästeführer, zeitgleich stehen die an der TU Dortmund ausgebildeten Kunstscouts an den Kunstwerken. Darüber hinaus wird es eine Kunstrallye für Kinder geben. Ab 16 Uhr startet auf dem Hörder Burgplatz das offizielle Programm auf der Bühne mit der Eröffnung durch die nordrhein-westfälische Kulturministerin Christina Kampmann, gefolgt von Talks der Veranstalter und der Künstler: So werden der Schwede Henrik Håkansson, der Däne Rasmus Nielsen von Superflex und die Französin Véronique Faucheur von atelier le balto mit dem Kuratorenteam plaudern. Musikalisch unterhalten die Bands „Culture Pool“ und „No Escape“. Auf dem frei zugänglichen Areal des Hörder Burgplatzes sind außerdem gastronomische Angebote zu familienfreundlichen Preisen geplant.

Weitere Informationen unter www.emscherkunst.de.

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