Mittwoch, 27. April 2016

Vom Klärwerk zum Kraftwerk

Besichtigung im Rahmen der KLIMAWOCHEN RUHR 2016

Als eines der Leitprojekte der InnovationCity Ruhr/Modellstadt Bottrop baut die Emscher­genossen­schaft das Klärwerk in Bottrop zum Klärwerk der Zukunft um. Wie der Umbau des Emschersystems, der 1992 begann und 2020 abgeschlossen sein soll, war auch die Besichtigung der Kläranlage im Stadtteil Welheim ein längerfristiges Projekt: Auf die Möglichkeit, an der Besichtigung im Rahmen der Klima­wochen Ruhr 2016 teilzunehmen zu können, habe ich seit der Veranstaltung „Künstler vor Ort in der Welheimer Mark“ im Rahmen der EMSCHERKUNST.2010 beinahe sechs Jahre gewartet. Am 3. September 2010 war ich im Rahmen des Abend­spazier­gangs mit Florian Neuner auf die Anlage aufmerksam geworden, aber die Emscher­genossen­schaft bietet nur Gruppenführungen an. Wer also als Einzelperson die Anlage besichtigen möchte, muss sich entweder weitere Interessenten suchen und eine Gruppe zusammenstellen oder aber auf eine „offene“ Führung warten.

Kläranlage in Bottrop, im Vordergrund die Nachklärbecken

Das Emscherklärwerk in Bottrop ist eines von vier zentralen Klärwerken im Emschergebiet und gleichzeitig eine der größten Kläranlagen Deutschlands. Es wurde 1991 bis 1996 auf dem Gelände der früheren Emscherflußkläranlage errichtet, ist auf eine Kapazität von 1,34 Mio. so genannten Ein­wohner­gleich­werten ausgerichtet und reinigt bis zu 8.500 Liter Wasser pro Sekunde. Das Einzugsgebiet der Kläranlage umfasst 240 km² im Gebiet der Städte Bottrop, Bochum, Essen, Gelsenkirchen und Gladbeck. Der jährliche Strombedarf von über 30 Mio. kWh entspricht dem Bedarf einer Kleinstadt mit mehr als 20.000 Einwohnern. Im Klärwerk werden heute schon über 60 Prozent der benötigten elektrischen Energie an Ort und Stelle klimafreundlich erzeugt. Die Faulbehälter des Klärwerks werden zur Behandlung und Aufbereitung des Klärschlamms genutzt. Die typische Eiform eignet sich besonders gut für die Umwälzung des Klärschlamms, durch die eine gleichmäßige Temperaturverteilung gewährleistet und die Ablagerung des Klärschlamms verhindert wird. Die 190.000 Tonnen Klärschlamm, die am Standort Bottrop anfallen und die mehr als 25 Mio. Kubikmeter Klärgas, die entlang der Emscher entstehen, entsprechen hunderten von Millionen Kilowattstunden zur Wärmegewinnung und Stromerzeugung. Das methanhaltige Klärgas wird weiter genutzt, um über das eigene Block­heiz­kraft­werk Strom zu erzeugen. Teilmengen des Gases werden zudem weiter veredelt und für den Betrieb der hauseigenen Erdgasfahrzeuge verwendet. Die Stromerzeugung soll bis Mitte 2017 zu 100 Prozent durch die fünf verschiedenen erneuerbaren Energie­träger Solarenergie, Windkraft, Klärgas, Wasserkraft und Klärschlamm erfolgen.

Kläranlage in Bottrop, Nachklärbecken

Vor kurzem hat die Emschergenossenschaft einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zu einer energieautarken Kläranlage erreicht: Die neue Windenergieanlage an der Emscher, die zukünftig das benachbarte Klärwerk mit Strom versorgen wird, ist offiziell in Betrieb genommen worden. Die Anlage leistet einen wichtigen Beitrag zu einer umweltgerechten und nachhaltigen Energieversorgung. Der Standort der Wind­energie­anlage befindet sich südlich der Emscher in einem sanierten Teilbereich eines ehemaligen Klärschlammbeckens. Die Anlage hat eine Turmhöhe von rund 100 Metern und einen Rotordurchmesser von rund 120 Metern. Der Generator hat eine Leistung von ca. 3.000 kW. Der durch die Anlage erzeugte Strom wird vollständig über eine rund 450 Meter lange Kabeltrasse in das interne Netz der benachbarten Kläranlage in der Welheimer Mark geleitet. Mitsamt der Windenergie werden sich im Schnitt 90 Prozent des Energiebedarfs decken lassen. Mit solarer Klär­schlamm­trocknung, der Erneuerung der Blockheizkraftwerke und einer Wasserkraftanlage am Auslauf der Kläranlage sollen später 100 Prozent des Energiebedarfs gedeckt werden.

Kläranlage in Bottrop, Schlammfaulung

Windenergieanlage an der Emscher

Die Klimawochen Ruhr 2016 sind ein Format des Regionalverbandes Ruhr (RVR). Es befasst sich als regionaler Kooperationspartner der Landesinitiative KlimaExpo.NRW mit Klimaschutz und Klimaanpassung. Die Klimametropole Ruhr 2022 soll die Mitmachkultur fördern, neue Impulse für Projekte setzen und als „regionales Schaufenster“ fungieren. Die Klimawochen Ruhr 2016 demonstrieren die Vielfalt und Breite des Engagements in der Metropole Ruhr. Sie lenken den Blick auf lokale und regionale Strategien, Projekte und Lösungsvorschläge. Es geht um neue Technologien, ressourcenschonende Produktionsweisen, aber auch um Lebensstile, gesellschaftliche Werte und kulturelle Impulse.

Kläranlage in Bottrop, Faultürme bei Nacht

Wer selbst an der Besichtigung der Kläranlage am 27. April 2016 teilgenommen hat, dem wird natürlich längst aufgefallen sein, dass die „Schönwetterfotos“ ganz offensichtlich an einem anderen Tag aufgenommen sein müssen, denn an diesem Mittwochnachmittag konnte man glücklich sein, wenn es einmal eine Stunde am Stück nicht geregnet hat. Aber bekanntlich gibt es kein schlechtes Wetter, sondern nur falsche Kleidung… Ein wenig ärgerlich ist es natürlich schon, da wartet man beinahe sechs Jahre auf die Möglichkeit, die Kläranlage zu besichtigen, und dann das. Unabhängig davon vermittelte die Führung einen guten Einblick, wie die Emschergenossenschaft mit dem Abwasser klarkommt, und einen guten Ausblick, wie dies zukünftig energieautark möglich sein wird.

Kläranlage in Bottrop, Wasserproben aus unterschiedlichen Stadien der Klärung

Kläranlage in Bottrop, Schneckenpumpe (archimedische Schraube)

Kläranlage in Bottrop

Kläranlage in Bottrop

Kläranlage in Bottrop, vollautomatische Überwachung der Wasserqualität

Kläranlage in Bottrop, Schlammfaulung

Kläranlage in Bottrop, Flammendurchschlagsicherung auf den Faultürmen

Kläranlage in Bottrop, Blick von den Faultürmen Richtung Müllheizkraftwerk Essen-Karnap

Kläranlage in Bottrop, Blick von den Faultürmen Richtung Müllheizkraftwerk Essen-Karnap

Kläranlage in Bottrop, Pilotprojekt EuWaK – Erdgas und Wasserstoff aus Kläranlagen

Kläranlage in Bottrop, Kunst im Bau

Blick von den Faultürmen Richtung Kokerei Prosper

Fast nur einen Steinwurf von der Kläranlage entfernt befindet sich die Kokerei Prosper, die seit Juni 2011 vom Stahlkonzern ArcelorMittal betrieben wird und dementsprechend nicht mit der Schließung des Bergwerks Prosper-Haniel ihren Betrieb einstellen wird. Bei schönem Wetter wirkt die Kulisse der Kokerei natürlich gleich ganz anders, und wer ein Faible für den herben Charme einer durch die Montanindustrie geprägten Landschaft hat, dem sei ein Spaziergang durch die Welheimer Mark und die Gartenstadt Welheim empfohlen.

Kokerei Prosper

Kokerei Prosper, Löschturm

EMD JT42CWR, DE 61 der Häfen und Güterverkehr Köln AG vor der Kokerei Prosper

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