Montag, 25. April 2016

„Amazing Grace“

„Amazing Grace“ – Chormusical nach der Biografie von John Newton; Musik: Tore W. Aas; Libretto: Andreas Melassa; Regie, Choreografie und Kostümdesign: Doris Marlis; Ton: Bertram Zimmermann; Lichtdesign: Michael Grundner; Musikalische Leitung: Hans Werner Scharnowski. Solisten: Arne Stephan (John Newton), Silke Braas (Polly Mary Catlett), Ben Wiedersprecher (John Newton als Kind), Dániel Rákász (William Wilberforce, Captain Swanwick), Stefan Poslovski (Der Hass), Sonja Tièschky (Die Gleichgültigkeit, Mutter), Susanna Panzner (Die Angst), Peti van der Velde, David Michael Johnson, Bonita Niessen und Lana Gordon (Gospel-Quartett), Norman Nowotko (Kneipenprügler, Sklavenhändler, Notar). Das junge orchester NRW. Band: Hanjo Gäbler (Orgel), Sebastian Cuthbert (Schlagzeug), Christoph Terbuyken (Bass), Klaus Bittner, Ingo Hasenstein (Gitarre), Timo Böcking (Piano). Uraufführung: 20. September 2014, Gospelkirchentag, Rothenbach-Halle, Kassel. Besuchte Aufführung: 24. April 2016, MCC Halle Münsterland, Münster.



„Amazing Grace“


Das Chormusical in der MCC Halle Münsterland


„Amazing Grace“ in der MCC Halle Münsterland, Chor

Das geistliche Lied „Amazing Grace” zählt zu den beliebtesten Kirchenliedern ist womöglich sogar der weltweit bekannteste Gospelsong. Am Sonntag nach dem 11. September 2001 sangen es Christen, Muslime und Juden gemeinsam bei der Trauerfeier für die New Yorker Terroropfer. Martin Luther King machte es neben „We shall overcome“ zur Hymne der Bürger­rechts­bewegung. Die berührende Melodie komponierten unbekannte schwarze Farmarbeiter. Den Text schrieb 1773 der britische Sklavenkapitän John Newton (* 24. Juli 1725 in London, † 21. Dezember 1807 in London). Das Chormusical „Amazing Grace“ erzählt seine dramatische Geschichte: Nachdem seine Mutter an Tuberkulose gestorben war, steckt ihn seine Stiefmutter in ein Heim. Im Februar 1744 wird er durch eine Presspatrouille der Admiralität für das britische Kriegsschiff Harwich zwangsrekrutiert. Nach einer Meuterei wird er unehrenhaft aus der Royal Navy entlassen und auf Madeira gegen zwei Handelsmatrosen ausgetauscht. Im späteren Sierra Leone wird John Newton Wachmann in den Sklavenlagern und führt dort ein sündhaftes Leben. Seine geliebte Polly Mary Catlett ahnt, wie sehr John in Afrika verwahrlost und beauftragt einen Kapitän, ihn notfalls gegen seinen Willen nach London zurückzuholen. Unter dem Vorwand, das Erbe eines verstorbenen Onkels antreten zu können, schifft sich John Newton auf der Greyhound ein, doch ein Orkan zerstört das Schiff. Mannschaft und Fracht gehen über Bord, und John Newton steuert das Wrack mit den wenigen Überlebenden nach Irland. Er erfährt, dass das Erbe überhaupt nicht existiert und schickt Polly Mary Catlett einen Abschiedsbrief, doch sie heiratet ihn am 1. Februar 1750 trotzdem. Um ihr etwas bieten zu können und seinen aristokratischen Schwiegereltern Tüchtigkeit zu beweisen, lässt er sich von einem Reeder in Liverpool als Kapitän auf einem Sklaven­schiff anheuern. Nach drei Jahren gibt er angewidert den Sklavenhandel auf und wird Hafenmeister in Liverpool. Er liest die Bibel und will Pfarrer werden, doch bei der „Church of England“ ist er den einen zu wild, den anderen zu fromm. Erst sieben Jahre später, am 29. April 1764 wird er zum Diakon vereidigt und im Juni in Olney (Buckinghamshire) zum anglikanischen Priester ordiniert. Dort nehmen John Newton und seine Frau den seelisch labilen jungen Musiker William Cowper bei sich auf und lassen ihn in ihrem Haus wohnen, woraufhin die Dorfbewohner Polly Bigamie nachsagen und die Fensterscheiben des Pfarrhauses einwerfen. In der Silvesternacht 1972 schneidet sich William Cowper die Pulsadern auf, wird aber gerettet. Statt einer Neujahrsansprache liest Pfarrer John Newton der Gemeinde die Zeilen von „Amazing Grace“ vor, die er gerade getextet hat. Er freundet sich mit dem jungen Adligen William Wilberforce an, dem die Sitzungen im Oberhaus des Parlaments zu langweilig sind und der stattdessen lieber Pfarrer werden möchte. Doch John sagt: „Nutzen Sie Ihren Adelsstand und kämpfen Sie gegen den Sklavenhandel. Dort ist Ihre Kanzel.“ Am 15. Dezember 1790 stirbt Polly Mary Newton an Krebs. 1807, nach 18 Jahren Kampagnen und Kampf gegen die Sklaverei, hat William Wilberforce schließlich Erfolg: Am 24. Februar 1807 um vier Uhr morgens wird das Gesetz gegen den Sklavenhandel nach einer zehnstündigen Debatte im Parlament mehrheitlich angenommen. 10 Monate später, am 21. Dezember 1807 stirbt John Newton.

„Amazing Grace“ in der MCC Halle Münsterland, Sonja Tièschky (Die Gleichgültigkeit), Stefan Poslovski (Der Hass) und Susanna Panzner (Die Angst). © Stiftung Creative Kirche

Am 20. September 2014 feierte das Chormusical des norwegischen Komponisten Tore W. Aas beim Gospel­kirchen­tag in der Rothenbach-Halle in Kassel seine Uraufführung, das Libretto stammt von Andreas Malessa. Bei sieben weiteren bundesweiten Aufführungen begeisterten 3.500 Mitwirkende rund 22.000 Besucher. Dafür bildete sich in jeder Stadt ein Projektchor mit Sängerinnen und Sängern aus der Region, der das Chormusical zusammen mit bekannten Darstellern aus der Musicalszene, einem großen Symphonie­orchester und einer Pop-Band auf die große Bühne brachte.

„Amazing Grace“ in der MCC Halle Münsterland, Sonja Tièschky (Die Gleichgültigkeit), Arne Stephan (John Newton) und Stefan Poslovski (Der Hass). © Stiftung Creative Kirche

Das Chormusical ist Teil der Aktion „Gospel für eine gerechtere Welt“, eine Kampagne von „Brot für die Welt“ und der Stiftung Creative Kirche in Witten. Das Musical soll die Auseinandersetzung mit Ungerechtigkeit und Abhängigkeit in der globalisierten Welt sowie mit moderner Sklaverei anstoßen: Rund 27 Millionen Menschen leben heute als Sklaven, beispielweise durch Menschenhandel, Zwangsheirat und -prostitution oder Schuldknechtschaft. Seit den 1980er-Jahren ist die Sklaverei in jedem Land der Erde verboten, doch niemals gab es mehr Sklaven als heute. Durch eine Spendenaktion im zweiten Teil des Musicals wird ein Projekt von „Brot für die Welt“ in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, unterstützt. Dort leben 300.000 Kinder als Arbeitssklaven in Haushalten. Im „Happy Home“ erhalten 200 Kinder eine Chance auf ein besseres Leben. Durch vergangene Aufführungen des Chormusicals sind für das Projekt bereits über 40.000 Euro zusammengekommen, bei den beiden Aufführungen am 24. April 2016 wurden nochmals 8.966,68 € gespendet.

„Amazing Grace“ in der MCC Halle Münsterland, Bonita Niessen, Peti van der Velde, Arne Stephan (John Newton), David Michael Johnson und Lana Gordon (Gospel-Quartett). © Stiftung Creative Kirche

Neben den 756 Sängerinnen und Sängern konnte – wie bereits bei der Uraufführung – eine Reihe von (Musical-) Darstellern verpflichtet werden, die als Gesangssolisten das Geschehen auf der Bühne vor dem Chor darstellerisch umsetzen: Arne Stephan („Cats“, diverse Spielorte; „Moulin Rouge Story“, Altes Schauspielhaus Stuttgart; „West Side Story“, Theater Hagen) als John Newton, Silke Braas („Evita“, Ronacher, Wien; „Pop-Oratorium Luther – Das Projekt der tausend Stimmen“, Westfalenhalle Dortmund; „Rocky – Das Musical“, Operettenhaus Hamburg, Palladium Theater, Stuttgart; „We Will Rock You“, diverse Spielorte; „Rudolf – Affaire Mayerling“, Raimund Theater, Wien) als Polly Mary Catlett, Dániel Rákász (Danny Zuko in „Grease – Das Musical“, diverse Spielorte; Großmeister Chad/Dewey/Kyle in „Natürlich Blond – Das Musical“, Ronacher, Wien; Johnny Castle in „Dirty Dancing – Das Original live on Stage“, Metronom Theater Oberhausen) als William Wilberforce und Captain Swanwick, Stefan Poslovski (Fridolin Weber, Thorwart in „Mozart! Das Musical“, Raimund Theater, Wien; „Pop-Oratorium Luther – Das Projekt der tausend Stimmen“, Westfalenhalle Dortmund; Der Teufel in „LUTHER! Rebell wider Willen“, Landestheater Eisenach; Annas in „Jesus Christ Superstar“, Freilichtspiele Tecklenburg; Pharao im Pop-Oratorium „Die 10 Gebote“, diverse Spielorte; „Wicked – Die Hexen von Oz“, Palladium Theater, Stuttgart; „3 Musketiere“, Apollo Theater, Stuttgart) als Dämon Hass, Sonja Tièschky (Emma Goldman in „Ragtime – Das Musical“, Staatstheater Braunschweig; Maria Valdez in „Z – The Musical of Zorro“, Clingenburg Festspiele) als Dämon Gleichgültigkeit und Mutter, Susanna Panzner („Mozart! Das Musical“, Raimund Theater, Wien; „Mamma Mia“, Raimund Theater, Wien; Frau Alteisen in „Ich war noch niemals in New York“, Metronom Theater, Oberhausen) als Dämon Angst, Peti van der Velde („Dirty Dancing – Das Original live on Stage“, Neue Flora, Hamburg; „We Will Rock You“, Köln; Disneys Musical „Tarzan“, Neue Flora, Hamburg; Joanne Jefferson in „Rent“, Capitol Theater, Düsseldorf), David-Michael Johnson (Moses im Pop-Oratorium „Die 10 Gebote“, diverse Spielorte; „Miss Saigon“, Stuttgart; Tom Collins in „Rent“, Capitol Theater, Düsseldorf; „We Will Rock You“), Bonita Niessen („Pop-Oratorium Luther – Das Projekt der tausend Stimmen“, Westfalenhalle Dortmund; „Kennst du den Mythos…?“, Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen; Pop-Oratorium „Die 10 Gebote“, diverse Spielorte) und Lana Gordon (Velma Kelly in „Chicago“, Stuttgart; „Sister Act“, Stuttgart; Carmen in „Carmen Cubana“, Deutsches Theater München, Musical Sommer Amstetten) als Gospel-Quartett, Norman Nowotko als Kneipenprügler, Sklavenhändler und Notar sowie Ben Wiedersprecher als John Newton als Kind. Das Ensemble hinterlässt einen geschlossenen, überzeugenden Eindruck, wobei man betonen sollte, dass der Schwerpunkt bei dieser Aufführung ganz klar auf dem 756-köpfigen Chor liegt und eben nicht auf einzelnen Solisten, auch wenn diese vor dem Chor und dem Orchester auf der Bühne agieren. Welche andere Musical-Aufführung kann schon mit einem Chor von vielen hundert Sängern aufwarten?! So ist es dann auch das Gospel-Quartett mit eben jenem stimmgewaltigen Chor, die das Publikum bei „Glad to be in the Service“ im zweiten Teil in den Reihen feiern lassen.

„Amazing Grace“ in der MCC Halle Münsterland, Silke Braas (Polly Mary Catlett) und Arne Stephan (John Newton). © Stiftung Creative Kirche

Während Musicals häufig mit bildgewaltigen Inszenierungen aufwarten, verzichtet Doris Marlis, die für Regie, Choreografie und Kostümdesign verantwortlich zeichnet, mit ganz wenigen Ausnahmen auf Requisiten und vertraut vollkommen auf die sangesgewaltige Umsetzung. Die Kostüme der Darsteller, welche reale Personen verkörpern, sind ein wenig der historischen Kleidung nachempfunden, die Dämonen Hass, Gleichgültigkeit und Angst sind dagegen eher phantasievoll originell gekleidet. Bertram Zimmermann sorgte als Tonmeister für den für die Verhältnisse einer Multifunktionshalle mit einem Fassungsvermögen von 6.500 Besuchern (bei unbestuhltem Innenraum) guten Ton, zwei große Leinwände, auf die das Signal verschiedener Kameras mitsamt Einblendung der Liedtexte live übertragen wurde, ermöglichten auch weit entfernt sitzenden Zuschauern, das Geschehen auf der Bühne gut verfolgen zu können. Unter der Musikalischen Gesamtleitung von Hans Werner Schavernoch, seit Mai 2015 Popkantor des Evangelischen Kirchenkreises Münster, geben das junge orchester NRW und die 756 Sänger und Sängerinnen eine beeindruckende Vorstellung davon, was ein Chormusical auszeichnet. Die Partitur von Tore W. Aas reicht von moderner, eingängiger Popmusik über Gospel bis hin zu klassischen Klängen von Georg Friedrich Händel und spricht sowohl Besucher als auch Chorsänger aller Alterklassen gleichermaßen an. Die beiden Aufführungen des Chormusicals „Amazing Grace“ wurden am 24. April 2014 von rund 4.500 Zuschauern begeistert verfolgt, von Beginn an sprang der Funke auf das Publikum über. Langanhaltender Stehapplaus war der verdiente Lohn für die 800 Akteure auf der Bühne.

„Amazing Grace“ in der MCC Halle Münsterland, Arne Stephan (John Newton). © Stiftung Creative Kirche

Bereits im vergangenen Jahr ist die Gesamtaufnahme des Chormusicals „Amazing Grace“ auf Doppel-CD erschienen, auf der neben allen Songs der Aufführung die Live Version von „John John“ als Bonustrack enthalten ist. Bei den übrigen 26 Tracks handelt es sich um eine Studioaufnahme mit dem Oslo Gospel Choir and Friends unter der Leitung von Thore W. Aas, die Solisten sind mit Ausnahme von Lucy Scherer (Polly Mary Catlett) anstelle von Silke Braas und Nyassa Alberta anstelle von Lana Gordon im Gospel-Quartett identisch mit der Aufführung in der MMC Halle Münsterland. Die Doppel-CD ist zum Preis von 18,95 € im Onlineshop der Creativen Kirche Medien GmbH erhältlich. Die Studioaufnahme kann zwar nicht die Atmosphäre einer Live-Aufführung vermitteln, gibt aber dennoch einen guten Einblick in die Stilistik und lässt anhand des 18-seitigen Booklets die Handlung lückenlos nachvollziehen.

Während die Live-Aufführung einen bombastischen Eindruck mit zahlreichen Lichteffekten und riesigem Chor hinterlässt, wirkt die Studioaufnahme insgesamt klanglich transparenter. Die Solisten singen durchweg erfreulich textdeutlich und bleiben stets im Vordergrund. Für den mitreißenden Eindruck, der sich bei einer Aufführung von „Amazing Grace“ ergibt, kann die CD jedoch kein Ersatz sein. Stehen doch bei der Aufführung mehrere hundert Chorsänger und ein mehr als doppelt so großes Orchester hier einem 120-köpfigen Studiochor und einem kleineren Klangkörper gegenüber. Die Gospelsongs bekommen erst Format, wenn die Akteure auf der Bühne gemeinsam mit dem Publikum singen und tanzen. Das Gospel-Quartett vermittelt zwar schon hier einen Eindruck davon, was es live – mit noch mehr Dreck und Druck in der Stimme – zu leisten imstande ist, und warum am Ende mehr als tausend Zuschauer aufspringen und sich im Takt der Musik bewegen.

Die CD-Aufnahme bringt vor allem die individuellen Musicalstimmen der hochkarätigen Solisten klar zur Geltung und erfreulicherweise ist die Aufnahme zu 100 % text­ver­ständlich! Mit klarer wohlklingender Stimme erzählen die Hauptfiguren die Biografie John Newtons. Oft enthalten Andreas Melassas Texte viele handlungsrelevante Details, sind zuweilen ähnlich wie eine in Musik gefasste Unterhaltung angelegt. Drei Figuren verkörpern zudem prägende Eigen­schaften Newtons, die ihm ermöglichen, Kapitän von Sklaven­schiffen zu sein. Schließlich vollzieht sich in ihm ein innerer Wandel und es gelingt ihm der Sieg über die ihn begleitenden Wesen Hass, Angst und Gleichgültigkeit.

Die stimmliche Qualität aller Akteure ist durchweg herausragend, Lucy Scherers Polly klingt frisch und jung – es wäre schön gewesen, sie auch bei der rezensierten Aufführung sehen und hören zu dürfen. Abwechslung kommt durch die musikalische Mischung zustande: traditionelle Gospelsongs – allen voran natürlich der titelgebende Song „Amazing Grace“, aber auch „Nobody Knows“ oder „Motherless Child“ – mischen sich mit neu hinzukomponierter Musik aus der Feder des Skandinaviers Tore W. Aas, hinzu kommt ein von ihm neu arrangierter Auszug „Denn wer kann ertragen“ aus dem Oratorium „Messiah“ von Georg Friedrich Händel.

Um das Chormusical „Amazing Grace“ aber wirklich zu erleben, empfiehlt sich unbedingt ein Aufführungsbesuch. Die CD-Einspielung ist eher ein Stück „Amazing Grace“ für das heimische CD-Regal.

„Amazing Grace“ in der MCC Halle Münsterland, Silke Braas (Polly Mary Catlett). © Stiftung Creative Kirche

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