Sonntag, 6. März 2016

Opernhaus Dortmund: „Next to Normal (Fast normal)“

„Next to Normal (Fast normal)“ – Musik: Tom Kitt; Buch/Songtexte: Brian Yorkey; Deutsche Bearbeitung: Titus Hoffmann; Regie: Stefan Huber; Choreografie: Danny Costello; Bühne: Timo Dentler, Okarina Peter; Kostüme: Susanne Hubrich; Licht: Florian Franzen; Sound-Design: Marc Schneider-Handrup; Dramaturgie: Wiebke Hetmanek; Musikalische Leitung: Kai Tietje. Darsteller: Maya Hakvoort (Diana Goodman), Rob Fowler (Dan Goodman), Eve Rades (Natalie Goodman), Johannes Huth (Gabriel „Gabe“ Goodman), Dustin Smailes (Henry), Jörg Neubauer (Dr. Fine/Dr. Madden). Off-Broadway Premiere: 16. Januar 2008, Second Stage Theatre, New York City. Broadway-Premiere: 15. April 2009, Booth Theatre, New York City. Deutsch­sprachige Erstaufführung: 11. Oktober 2013, Stadttheater Fürth. Premiere: 5. März 2016, Theater Dortmund.



„Next to Normal (Fast normal)“


Das „feel everything musical“ am Opernhaus Dortmund


Die Geschichte des Musicals „next to normal“ begann 1998 im Rahmen des renommierten BMI Lehman Engel Musical Theatre Workshops, als Brian Yorkey (Lyrics) und Tom Kitt (Musik) ein zehnminütiges Mini-Musical mit dem Titel „Feeling Electric“ über eine Frau schrieben, die sich einer Elektrokrampftherapie unterzieht. Erste Readings verliefen ermutigend, so dass sie weiter an dem Thema arbeiteten und das Stück in verschiedenen Workshops immer wieder überarbeiteten, bis das Rock-Musical „next to normal“ erstmals Off-Broadway vom 16. Januar bis 16. März 2008 am Second Stage Theatre gezeigt wurde. Es wurde erfolgreich an den Broadway transferiert, wo es am 15. April 2009 am Booth Theatre Premiere feierte und bis 16. Januar 2011 in 733 regulären Vorstellungen gezeigt wurde. Es war 2009 für 11 Tony Awards nominiert und wurde mit drei Preisen (Best Original Score, Best Orchestrations und Alice Ripley (Diana Goodman) für Best Performance by a Leading Actress in a Musical) ausgezeichnet, die übrigen 8 Preise gingen mit zwei weiteren an „Billy Elliot the Musical“. 2010 gewann „next to normal“ den Pulitzer Prize for Drama als „powerful rock musical that grapples with mental illness in a suburban family and expands the scope of subject matter for musicals“. Erst acht Mal wurde der begehrte amerikanische Literaturpreis für ein Musical vergeben: George S. Kaufman, Morrie Ryskind und Ira Gershwin für „Of Thee I Sing“ (1932), Richard Rodgers, Oscar Hammerstein II und Joshua Logan für „South Pacific“ (1950), Jerome Weidman, George Abbott, Jerry Bock und Sheldon Harnick für „Fiorello!“ (1960), Frank Loesser und Abe Burrows für „How to Succeed in Business Without Really Trying“ (1962), Michael Bennett für „A Chorus Line“ (1976), Stephen Sondheim und James Lapine für „Sunday in the Park With George“ (1985), Jonathan Larson für „Rent“ (1996) sowie Tom Kitt und Brian Yorkey für „next to normal“ (2010). Seither hat „next to normal“ seinen Siegeszug um die ganze Welt angetreten. Internationale Produktion waren bereits in Oslo (Norwegen), Helsinki (Finnland), Makati (Philippinen), Lima (Peru), Vancouver, Winnipeg, Montreal, Toronto, Calgary & Edmonton (Kanada), Seoul (Süd-Korea), Buenos Aires (Argentinien), Amsterdam (Niederlande), Karlstad, Vaasa & Tampere (Schweden), Kopenhagen (Dänemark), Tel Aviv (Israel), Melbourne & Brisbane (Australien), Rio de Janeiro (Brasilien), Panama City (Panama) sowie in den USA zu sehen. Erst am 11. Oktober 2013 war die deutschsprachige Erstaufführung des Musicals unter dem Titel „fast normal – next to normal“ am Stadttheater Fürth in der Übersetzung von Titus Hoffmann zu sehen. Nach Produktionen am Landestheater Linz (Premiere 18. Januar 2014, Regie Matthias Davids), Theater für Niedersachsen (Premiere 12. April 2014, Regie Craig Simmons), Renaissance-Theater Berlin (Premiere 10. Juni 2015, Regie Torsten Fischer) und Theater Lüneburg (Premiere 30. Oktober 2015, Regie Friedrich von Mansberg) zeigt das Theater Dortmund das Musical in einer Inszenierung von Stefan Huber („Funny Girl“, Premiere 16. Januar 2016, Oper Graz, Premiere 21. Oktober 2012, Theater Dortmund) im Opernhaus mit 1.160 Plätzen.

Zum Inhalt:
Diana Goodman ist seit 16 Jahren an einer bipolaren Störung mit gelegentlichen Wahnvorstellungen erkrankt und führt mit Ehemann Dan und ihrer ehrgeizigen, überambitionierten Tochter Natalie ein Leben fernab des „normalen“ Familien­lebens. Und dann gibt es auch noch ihren Sohn Gabriel, mit dem sie spricht, der aber von den anderen nicht wahr­ge­nommen wird. Natalie leidet besonders unter der Situation, dass sie von ihrer Mutter vernachlässigt wird, und flüchtet sich in der Schule ins Musikzimmer, wo sie von ihrem Schulfreund Henry unterbrochen wird, der ihr gern beim Klavier­spielen zuhört und an ihr interessiert ist. Diana leidet zur Zeit an einer manischen Episode mit Wahnvorstellungen und gesteigerter sexueller Aktivität, ihr Ehemann Dan gibt sich alle erdenkliche Mühe, ihr zu helfen, fragt sich aber, wie er mit seinen eigenen Depressionen zurechtkommen soll. In den folgenden Wochen begibt sich Diana wiederholt zu ihrem Arzt Doktor Fine, der ihre Medikation immer wieder anpasst, bis Diana schließlich konstatiert, dass sie gar nichts mehr spüre und Doktor Fine sie für stabil erklärt. Diana beobachtet, wie Natalie und Henry sich das erste Mal küssen, und wird an ihre eigene Jugend erinnert. Sie vermisst das Gefühl ihrer Höhen und Tiefen und spült ihre Medikamente in der Toilette weg. Nach ein paar Wochen beginnt Diana eine Behandlung bei Doktor Madden, der mit Gesprächstherapie und Hypnose versucht, den Ursprung ihres Traumas zu ergründen. Die Konfrontation führt aber letzten Endes zu einem Suizid­ver­such, woraufhin Doktor Madden eine Elektro­krampf­therapie vorschlägt, um der Gefahr weiterer Suizidversuche vorzubeugen. Nach zwei Wochen regelmäßiger EKT-Behandlungen wird Diana aus dem Krankenhaus entlassen, hat allerdings einen schweren Gedächtnisverlust erlitten und erkennt nicht einmal ihre Tochter Natalie, die sich in der Zwischenzeit in Nachtclubs herumgetrieben und mit Psychopharmaka (Tabletten­miss­brauch) experimentiert hat. In der Schule konfrontiert Henry Natalie damit, dass sie ihm ausweiche und lädt sie zum Schulball ein. Doktor Madden versichert Dan und Diana, dass Gedächtnisschwund als unerwünschte Wirkung der EKT häufig vorkomme und empfiehlt, gemeinsam Fotos und Erinnerungsstücke anzuschauen, damit Diana ihr Gedächtnis zurückerlangt, was sich als ausgesprochen schwieriges Unterfangen herausstellt. Im Laufe eines Streits fragt Diana Dan, warum er immer noch bei ihr bleibe, obwohl sie ihm so viel Kummer bereitet, während Natalie Henry im Obergeschoss die gleiche Frage stellt. Dan und Henry geloben beide, immer bei ihnen zu bleiben. In einem weiteren Gespräch drängt Doktor Madden Diana, die Behandlung gegen ihre chronische und im schlimmsten Fall tödliche Krankheit fortzusetzen, doch sie verweigert die Behandlung. Sie rechtfertigt sich und öffnet sich ihrer Tochter Natalie das erste Mal, die verzweifelt ist, dass ihre Mutter die Behandlung verweigert hat. Schließlich sieht Diana nur einen Weg, dem ganzen Wahnsinn zu entgehen: Sie verlässt Dan, damit dieser ohne sie glücklich werden kann. Als Dan sich wundert, wie sie ihn verlassen kann, obwohl er immer für sie da war, erscheint sein Sohn Gabriel und versichert ihm, dass er ihn niemals loslassen werde. Dan besucht Doktor Madden in der Hoffnung, mit ihm über Diana reden zu können, bekommt von ihm jedoch letztendlich den Namen eines anderen Therapeuten, um über seine eigenen Probleme zu sprechen.

Obwohl Bipolarität, Trauerverarbeitung, Selbstmord, Tablettenmissbrauch und Ethik in der modernen Psychiatrie als Themen für ein Broadway-Musical nicht unbedingt naheliegend erscheinen, wurde doch genau „next to normal“ – womöglich wegen der Ernsthaftigkeit des Stoffes – sowohl in New York als auch international sehr erfolgreich gezeigt und in 12 Sprachen übersetzt. Die eindringliche Geschichte, für die Brian Yorkey als Buch- und Textautor verantwortlich zeichnet, birgt ein Geheimnis, das allerdings schon in der ersten halben Stunde enthüllt wird, dennoch reagiert man als Zuschauer überrascht. Glücklicherweise hat das Stück aber auch viele lustige Momente, die den Zugang erleichtern, auch wenn man dies im ersten Augenblick angesichts der Dramatik nicht für möglich hält. Tom Kitt hat die Handlung in einer nahezu durchkomponierten, modernen Partitur vertont, bei der sich Balladen mit komplexen Ensemble-Nummern und Up-Tempo-Songs abwechseln, wobei es zwar starke Rock-Einflüsse gibt, die aber zu vereinzelt erklingen, als dass man „next to normal“ als ausgesprochenes Rockmusical wie „Tommy“ oder „Rent“ bezeichnen könnte. Eine sechsköpfige Band unter der Musikalischen Leitung von Kai Tietje am Piano sorgt im hinteren Teil der Bühne für den nötigen Drive, wobei der Sound (Sound-Design Marc Schneider-Handrup) am Premierenabend noch Luft nach oben hatte. Dies ist aber häufig bei Premieren zu beobachten, von daher sollte sich das in den Folgevorstellungen mit Leichtigkeit verbessern lassen. Bühnen- und Kostümbildner Timo Dentler und Okarina Peter haben für „Next to Normal (Fast normal)“ für das Haus der Familie Goodman einen Schnitt durch ein zweistöckiges Fertighaus auf die Bühne gestellt, das auf den ersten Blick recht einfach wirkt, aber dessen hinterer Teil lässt sich seitlich verschieben, so dass dort wiederkehrend neue Räume wie das Musikzimmer, Natalies Zimmer mit dem – im Original von Eero Aarnio gestalteten – Ball Chair oder die Toilette im Haus der Familie Goodman auftauchen. Der vordere Teil der Bühne über dem Orchestergraben mit einem weißen Sofa auf der linken Seite und einem Tisch mit vier Stühlen auf der rechten Seite wird ebenfalls bespielt. Das ansprechende Bühnenbild bietet natürlich auch die Möglichkeit, zwei Handlungsstränge parallel an verschiedenen Orten spielen zu lassen, die durch die Beleuchtung (Licht Florian Franzen) entsprechend akzentuiert werden. Auch die Kostümgestaltung von Susanne Hubrich orientiert sich deutlich an alltäglicher Kleidung, womit der Fokus des Publikums auf das Schauspiel der Akteure gelenkt wird. Das Musical Staging von Danny Costello verleiht dem Geschehen auf der Bühne an den richtigen Stellen zusätzlichen Schwung, die gewollte Choreografie bei dem Song „Wer spinnt hier“/„Mein Arzt, die Psychopharmaka und ich“ wirkt auf mich allerdings ein wenig gekünstelt bzw. albern.

Mehr als 600 Darsteller haben sich für die sechs Rollen in „Next to Normal (Fast normal)“ in Dortmund beworben, und mit Maya Hakvoort und Rob Fowler konnte das Theater Dortmund zwei renommierte Künstler als Diana und Dan Goodman gewinnen. „Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt“ (Johann Wolfgang von Goethe, „Egmont“, 1788), Manie bis hin zum Größenwahn und Depression bis hin zur Suizidalität, das sind die beiden Extreme, die es in der zentralen Rolle der Diana Goodman auszuloten gilt, deren bipolare affektive Störung ihre Familie auf eine harte Geduldsprobe stellt. Maya Hakvoort gelingt dies insbesondere im zweiten Akt recht gut, in dessen Verlauf sie in einem eher unauffälligen Normalzustand zu der Erkenntnis gelangt, dass es für ihre Familie das Beste sei, Dan zu verlassen. Ihr zur Seite steht Rob Fowler (Frank´n´Furter in Richard O´Brien´s „The Rocky Horror Show“ auf Tournee) als verständnisvoller und verlässlicher Ehemann Dan, der seine Frau über alles liebt und treusorgend nur das Beste für sie will. Im Laufe des Stückes lässt Rob Fowler den Zuschauer immer deutlicher erkennen, wie belastend und kräftezehrend die Krankheit seiner Frau auch für Dan ist, der schließlich selbst die Hilfe des Psychiaters in Anspruch nehmen muss. Johannes Huth (Steve bei „Hinterm Horizont“, Hänschen bei „Frühlings Erwachen“ am Ronacher in Wien) verleiht ihrem gemeinsamem Sohn Gabriel als athletischem Jungen Gestalt, der allen Wunschvorstellungen einer Mutter entspricht, obwohl er auch ganz schön neckisch sein kann. Als Schauspieler gibt er in seinem eingängigen Song „Ich lebe“ mit Enthusiasmus zu verstehen, dass auch er Teil der Familie Goodman ist. Da bleibt es fast nicht aus, dass sich die gemeinsame Tochter Natalie, glaubhaft gespielt von Eve Rades (Jessy alternierend bei „Hinterm Horizont“), vernachlässigt fühlt und sich genervt in schulischen Ehrgeiz und Perfektionismus am Klavier flüchtet, was aber auch nicht so richtig funktioniert. Mal durch Tablettenmissbrauch völlig überdreht, dann wieder von der Welt völlig enttäuscht, werden ihre Probleme durch das Verhalten der Mutter nur noch weiter verstärkt. Dustin Smailes (Dr. Frankenstein jr. in „Frankenstein Junior“ am Theater Hof, Jimmy in „Flashdance“ in St. Gallen sowie José/Innere Göttin bei „49½ Shades! Die Musical Parodie“) bemüht sich als ihr Schulfreund Henry mit einer Engelsgeduld um Natalie, wie gut, dass er immer cool bleibt, selbst als er bei einer unvorhergesehenen Einladung zum Abendessen bei den Goodmans schlagartig deren komplettes Gefühlschaos gewahr wird. Jörg Neubauer (Dieter in „Io Senza Te“ am Theater 11 in Zürich, Emmett Forrest in „Natürlich Blond – Das Musical“ am Ronacher in Wien, Frank Crawley in „Rebecca“ am Palladium Theater Stuttgart) verleiht den beiden Therapeuten Dr. Fine und Dr. Madden Stimme und Gestalt, wobei mich seine Darstellung des selbstbewussten, seriösen Psychiaters Doktor Madden, der Diana unverhofft als Rockstar erscheint, deutlich mehr überzeugt hat.

Das Theater Dortmund hat mit „Next to Normal (Fast normal)“ den Mut bewiesen, ein Stück in den Spielplan aufzunehmen, das definitiv kein „Feel-Good-Musical“ ist, sondern nach Meinung von Ben Brantley von der New York Times ein „feel everything musical“. Darsteller und Kreative wurden am Premierenabend im Anschluss an die etwa zweieinhalbstündige, stimmig überzeugende Vorstellung enthusiastisch gefeiert. „Next to Normal (Fast normal)“ steht am Theater Dortmund bis 11. Juni 2016 mit insgesamt 14 Vorstellungen auf dem Spielplan. Meines Erachtens kommt „next to normal“ im kleineren Rahmen besser zur Geltung, das Stadttheater Fürth verfügt über 740 Plätze im Auditorium, unabhängig davon wollen gut 16.000 Zuschauer für die Vorstellungen in Dortmund auch erst einmal gefunden werden. Vom 26. April bis 1. Mai 2016 ist nochmals die Produktion aus Fürth in der Besetzung der deutschsprachigen Erstaufführung mit Ausnahme von Thomas Borchert – der zu der Zeit Juan Perón in „Evita“ am Ronacher verkörpert – im Museumsquartier in Wien zu sehen, Felix Martin wird bei diesen Vorstellungen die Rolle des Dan Goodman übernehmen.

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