Donnerstag, 3. März 2016

„I like FORTSCHRITT. German Pop reloaded“

Ausstellung im Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr

Von England ausgehend und über Amerika kommend, erreichte die Pop Art 1963/64 die Kunstszene der Bundesrepublik Deutschland. Die aufstrebende Massen- und Konsum­gesellschaft des Westens lieferte mit ihren Bildangeboten den Humus, auf dem die Pop Art bis zum Ölpreis-Schock 1973 gedeihen konnte.

Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr, Außenansicht

„Massenware und Massengeschmack“, so Winfried Gaul in seinem Aufsatz „Die Welt der Slogans und Phrasen“, zuerst veröffentlich in „Die Welt“ am 18. und 19. Januar 1963, „haben sich als neue Stimulanz erwiesen.“ Nach der Vorherr­schaft von Abstraktion und Informel beförderte die Pop Art die Rückkehr zum Gegenstand, zu allgemein verständlichen Zeichen sowie zu zeitbezogenen Themen. Die fortschreitende Modernisierung und Funktionalisierung der Gesellschaft mit ihren Auswirkungen auf Natur, Landschaft und Menschenbild rückte in den Blick.

Professor Dr. Hartmut Kraft erläutert die Ursprünge seiner privaten Pop Art-Sammlung

Titelgebend für diese Ausstellung ist Winfried Gauls Gemälde „I like Fortschritt“ von 1964, das sich so naiv wie ironisch auf den damaligen Fortschrittsglauben bezieht und somit auch die Spannungsfelder der Ausstellung markiert. Auch wenn die Pop Art in Künstlerkreisen kontrovers diskutiert wurde, so ist ihr Einfluss unbestritten. Begleitet von einem neuen Realismus, bildete sich in den 1960er-Jahren für eine kurze Zeit eine deutsche Variante der Pop Art aus – kurz German Pop genannt.

Ferdinand Kriwet, poem-print 3, 1968
Siebdruck auf Leinwand, 125 × 125 cm
Sammlung Kraft, Köln
© 2016 Ferdinand Kriwet | Foto: © 2016 Eberhard Hahne, Köln

Die Ausstellung „I like FORTSCHRITT. German Pop reloaded“ geht der modifizierenden Aneignung der Pop Art in der Kunst der Bundesrepublik Deutschland nach und stellt mit Thomas Bayrle, Werner Berges, Gernot Bubenik, Winfried Gaul, Fritz Köthe, Ferdinand Kriwet und Gerhard Richter führende Vertreter der deutschen Pop Art vor.

Siegfried Kischko, o. T. („e“), 1968
aus der Mappe „5 Vokale“, Siebdruck, 40 × 40 cm
Sammlung Kraft, Köln
© 2016 Siegfried Kischko | Foto: © 2016 Eberhard Hahne, Köln

Ausgangspunkt für diese Ausstellung ist die private Pop Art-Sammlung von Professor Dr. med. Hartmut Kraft (* 1949 in Ratingen) aus Köln, die erstmals unter diesem Thema öffentlich gezeigt wird. Ausgestellt werden etwa einhundert­zwanzig Arbeiten von bekannten und heute weniger bekannten Künstlern, die in den 1960er- und 1970er-Jahren für Aufsehen sorgten. Gegliedert nach Themen, werden Gemälde, Multiples und Grafiken zueinander in Bezug gesetzt. Ergänzt wird die Ausstellung durch ausgewählte Werke aus der öffentlichen Sammlung des Kunstmuseums.

Siegfried Kischko, Go to those, 1967
Acryl auf Leinwand, 150 × 150 cm
Sammlung Kraft, Köln
© 2016 Siegfried Kischko | Foto: © 2016 Eberhard Hahne, Köln

Der Aufbau der Ausstellung wurde nach den Bildthemen
  • Zeichen, Schrift und Symbole
  • Umwelt, Landschaft und Verkehr
  • Konsumgesellschaft und Körperbild
  • Technik und Alltagsobjekte
  • Politik und Gesellschaft
vorgenommen. Daneben werden als neues Medium die beiden mit dem FBW-Prädikat besonders wertvoll ausgezeichneten Trickfilme „Score“, 1968 und „Storyboard“, 1970, Idee und Grafik von Werner Nöfer, Regie Kurt Rosenthal, gezeigt.

Werner Berges, Verwandte, 1971
Acryl auf Leinwand, 80 × 100 cm
Sammlung Kraft, Köln
© 2016 Werner Berges | Foto: © 2016 Heiko Remmert, Flußbach

Zur Ausstellung ist ein 152-seitiger Katalog mit zahlreichen Abbildungen, herausgegeben von Hartmud Kraft und Beate Reese, im Salon Verlag, Köln erschienen. Er ist im Museumsshop für 24 € erhältlich.

Fritz Köthe, Goodyear, 1975
Tempera und Öl auf Leinwand, 90 × 70 cm
Sammlung Kraft, Köln
© 2016 Fritz Köthe | Foto: © 2016 Eberhard Hahne, Köln

Künstler und Künstlerinnen der Ausstellung:
  • Otmar Alt (* 17. Juli 1940 in Wernigerode),
  • Joachim Bandau (* 18. April 1936 in Köln),
  • Thomas Bayrle (* 7. November 1937 in Berlin),
  • Werner Berges (* 7. Dezember 1941 in Cloppenburg),
  • KP Brehmer (* 12. September 1938 in Berlin, † 16. November 1997 in Hamburg),
  • Peter Brüning (* 21. November 1929 in Düsseldorf, † 25. Dezember 1970 in Ratingen),
  • Gernot Bubenik (* 1942 in Troppau),
  • Achim Duchow (* 1948 in Ottendorf, † 1993 in Düsseldorf),
  • Hans Dietrich Froese (* 1937 in Aulenbach/Ostpreußen, † 2006 in New York),
  • Winfried Gaul (* 9. Juli 1928 in Düsseldorf, † 3. Dezember 2003 in Düsseldorf),
  • Rolf Glasmeier (* 28. März 1945 in Pewsum, † 30. März 2003 in Gelsenkirchen),
  • Sine Hansen,
  • Siegfried Kischko (12. Juli 1934 in Rastenburg/Ost­preußen, † 1991 in Berlin),
  • Konrad Klapheck (* 10. Februar 1935 in Düsseldorf),
  • Hans-Jürgen Kleinhammes (* 1937 in Augsburg, † 2008 in Augsburg),
  • Axel Knopp (* 1942 in Bremen),
  • Fritz Köthe (* 26. September 1916 in Berlin, † 22. Oktober 2005 in Berlin),
  • Ferdinand Kriwet (* 3. August 1942 in Düsseldorf),
  • Karl Krüll (* 1936 in Düsseldorf),
  • Jens Lausen (* 18. August 1937 in Hamburg),
  • Arnold Leissler (* 3. Juli 1939 in Hannover, † 27. Dezember 2014),
  • Konrad Lueg (* 11. April 1939 in Düsseldorf, † 24. November 1996 in Düsseldorf),
  • Jobst Meyer (* 1940 in Oberhausen),
  • Rune Mields (* 1935 in Münster, Westfalen),
  • Siegfried Neuenhausen (* 30. November 1931 in Dormagen),
  • Werner Nöfer (* 1937 in Essen),
  • Wolfgang Oppermann (* 19. September 1937 in Hamburg, † 11. März 2001 in Hamburg),
  • Sigmar Polke (* 13. Februar 1941 in Oels, Niederschlesien, † 10. Juni 2010 in Köln),
  • Gerhard Richter (* 9. Februar 1932 in Dresden),
  • Rissa (* 22. Juni 1938 in Rabenstein bei Chemnitz),
  • HA Schult (* 24. Juni 1939 in Parchim),
  • Peter Sorge (* 14. April 1937 in Berlin, † 17. Januar 2000 in Berlin),
  • Klaus Staeck (* 28. Februar 1938 in Pulsnitz),
  • Wolf Vostell (* 14. Oktober 1932 in Leverkusen, † 3. April 1998 in Berlin),
  • Hannsjörg Voth (* 6. Februar 1940 in Bad Harzburg),
  • Lambert Maria Wintersberger (* 23. April 1941 in München, † 28. Oktober 2013 in Walbourg) und
  • Josef Wittlich (* 26. Februar 1903 in Gladbach im Rheinland, † 21. September 1982 in Höhr-Grenzhausen).

Im Begleitprogramm zur Ausstellung wird am Sonntag, 20. März 2016 um 11.30 Uhr ein Gespräch und Führung mit dem Sammler Prof. Dr. Hartmut Kraft und Museumsleiterin Dr. Beate Reese angeboten, öffentliche Führungen am Sonntag, 6. und 28. März, 10. und 17. April sowie 8. Mai 2016 jeweils um 11.30 Uhr.

Professor Dr. Hartmut Kraft und Dr. Beate Reese erläutern die Objektgrafik mit aufgeklebten Lippenstiften „B 52 Lippenstiftbomber“ von Wolf Vostell, 1969

Die Ausstellung „I like FORTSCHRITT. German Pop reloaded“ ist vom 6. März bis 8. Mai 2016 Dienstag bis Sonntag sowie am 27. und 28. März (Ostern) und 5. Mai (Christi Himmelfahrt) von 11 bis 18 Uhr geöffnet, der Eintritt beträgt regulär 4 Euro, ermäßigt 2 Euro. Das Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr ist montags sowie am 25. März (Karfreitag) und 1. Mai (Maifeiertag) geschlossen. In Kooperation der RuhrKunstMuseen wird vom 24. Januar bis 16. Mai 2016 die Ausstellung „American Pop Art“, Meisterwerke massenhaft von Robert Rauschenberg bis Andy Warhol aus der Sammlung Heinz Beck in der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen gezeigt. Bei Vorlage der jeweiligen Pop Art-Eintrittskarte des anderen Hauses wird ein Rabatt von 50 % auf den regulären Eintrittspreis gewährt. Das Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr ist „Eintritt frei“-Partner der RUHR.TOPCARD 2016 und bietet den Inhabern der Erlebnis­karte für das Ruhrgebiet einmalig freien Eintritt in eine der Wechselausstellungen.

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