Donnerstag, 31. März 2016

Glanz und Grauen – Mode im „Dritten Reich“

Sonderausstellung im LVR-Industriemuseum Kraftwerk Ermen & Engels offenbart Kleidungsverhalten in der Zeit des Nationalsozialismus

Trug die typische Frau in der Zeit des Nationalsozialismus Dirndl, am besten mit Gretchenzopf? Oder kleidete sie sich elegant wie Zarah Leander? Wie sah die Kleidung der 1930er- und 1940er-Jahre aus? Die NS-Zeit ist so gut wie keine andere historische Epoche erforscht, aber mit der Frage nach der Kleidung hat sich bislang kaum jemand befasst. Aus diesem Grund sind viele Mythen entstanden: Trachten und jede Menge Uniformen gelten als typisch. Dass dies aber lange nicht alles war, zeigt die Ausstellung Glanz und Grauen – Mode im ‚Dritten Reich‘, die bereits in der Textilfabrik Cromford und der Tuchfabrik Müller des LVR-Industriemuseums sowie im LWL-Industriemuseum TextilWerk Bocholt ein großer Erfolg war, vom 3. April bis zum 30. Oktober 2016 im LVR-Industriemuseum Kraftwerk Ermen & Engels in Engelskirchen.

Elegantes Abendkleid im Schrägschnitt, 1930er-Jahre, Kleid mit Blütenmotiv, 1930er-Jahre und Gesellschaftsrock eines Rittmeister der Kavallerie, 1939

Die Ausstellung präsentiert auf über 400 Quadratmetern über 100 Originalkostüme und Fotos, Modegrafiken, Zeitschriften, Kinderbücher und Spielzeug. Zu sehen sind die Kleidung im Alltagsleben, die Uniformen des Bundes Deutscher Mädel (BDM) und der Hitlerjugend (HJ), aber auch die „Kluft“ der widerspenstigen Jugendlichen, der Swings und der Edelweiß-Piraten. Die Spannweite der Exponate ist groß: So stehen in der Ausstellung seidene Abendroben und raffiniert garnierte Kleider neben einfacher Alltags- und Berufsgarderobe, Kleidern aus Ersatzstoffen und solchen der Notkultur. Die Schau reicht bis hin zu kurzen Cordhosen, karierten Hemden, Pullundern, bestickten Kleidern, Kitteln und Spielhöschen für die Kleinen.

Lila-schwarz kariertes Kostüm mit Brosche, Hut und Tasche, 1930er-Jahre, graues Kostüm mit Hut, 1940er-Jahre

Arbeiterfamilie: Rotes Kleid mit schwarzem Mantel und dunkelblauer Handtasche, 1930er-Jahre, Kinderanzug mit kurzer Hose, Schuhe, 1930er-Jahre, Dunkelblaue Herrenjacke, graue Hose im Fischgratmuster und Schuhe, 1930er-Jahre, elegates rot-braunes Kostüm mit Filzhut und Schuhen, 1930er-Jahre

Mohnblumenanstecker vom Winterhilfswerk (WHW). Diese Anstecker wurden auf der Straße verkauft und den Kunden häufig unter massivem Druck aufgedrängt.

Trugen die Menschen, was ihnen gefiel oder beeinflusste das Regime die Auswahl und die Art der Kleidung? Einerseits unterlag Mode auch während des Nationalsozialismus internationalen Einflüssen: Die Filmstars glänzten mit langen Kleidern, edlen Stoffen und aufwendigen Schnitten. Andererseits waren Rohstoffe knapp und Textilien Mangelware; das nationalsozialistische Regime verordnete Spinnstoffsammlungen und Kleiderkarten. Schließlich diente Kleidung auch der Ideologie von „Volksgemeinschaft“ und Rassismus: Die Uniformen für Parteiorganisationen, aber auch Parteiabzeichen oder die Plaketten für Winterhilfsdienst-Spender schufen eine sichtbare Einheit und demonstrierten: Wir gehören zur „Volksgemeinschaft“. Die Regierung diktierte anderseits „Judensterne“ als textile Kennzeichen für eine ganze Bevölkerungsgruppe, die sie ausgrenzte.

Ab 1941 mussten Juden den „Judenstern“ deutlich sichtbar auf der Kleidung tragen. Dies war einer der letzten Schritte der rassistischen Ausgrenzung vor dem Beginn der Deportation der Juden in die Konzentrations- und Vernichtungslager.

Das nationalsozialistische Regime versuchte, die Materialknappheit auch durch Enteignung der Juden zu lindern. Die beschlagnahmte Kleidung wurde – als „Kleidersammlung“ getarnt – regimetreuen „Volksgenossen“ zur Verfügung gestellt. Deutsche Soldaten beuteten die besetzten Gebiete aus und sandten Kleidung in großen Mengen nach Hause. Im Zusammenhang mit der Materialknappheit stand auch die Schuhlaufstrecke im Konzentrationslager achsenhausen: Deren Häftlinge mussten den ganzen Tag in unpassendem Schuhwerk im Kreis laufen, um neue Materialien für Schuhsohlen zu testen – und wurden dabei häufig gesundheitlich zu Grunde gerichtet.

„Volksgenossen“ auf der Straße: Kunststoffmantel für Herren „Klepper“, 1940er-Jahre, Hellgrüner Wollmantel aus Mischgewebe mit grauer Herrenhose und schwarzem Filzhut, 1940er-Jahre, Ledermantel, darunter Anzug, 1930er- bis 1940er-Jahre, dunkelblauer Mantel und Filzhut mit Handtasche, 1930er-Jahre, grünes Kleid mit beigem Staubmantel und Einkaufsnetz, 1930er-Jahre

Jugendliche im Stil des „Swings“: Junger Mann in hellem Anzug mit Hut und Regenschirm, 1930er-Jahre, junger Mann im dunkelblauen Nadelstreifen-Anzug, 1930er-Jahre; Jugendliche in der „Kluft“ der Bündischen Jugend: Jugendlicher in Lederhose mit Hemd und Pullunder, 1930er-Jahre, Junge in kurzer Manchesterhose mit weißem Hemd, 1930er-Jahre

Grafik: Dienstkleidung der Jungmädel, aus: Die Uniformen der HJ, 1934

Uniform vom BDM

Sporttrikot der HJ mit Hakenkreuzraute, 1930er-Jahre

Blauer Pullover mit Blütenanstecker und beigefarbener Rock, 1930er-Jahre, Braunes Kleid mit eingearbeitetem Traubenmuster, 1940er-Jahre, Arbeitskleid mit Schürze, 1930er-Jahre, Junge mit Überfallhose und Pullunder, 1930er-/1940er-Jahre, Mädchen und rosa Kleid mit Schürze, 1930er-/1940er-Jahre, rotes Kleid mit beigem Einsatz, 1930er-Jahre, kleiner Junge im Matrosenanzug, 1. Hälfte 1930er-Jahre

Graublauer Nadelstreifenanzug, 1940er-Jahre, rotes Kleid mit Blumenbrosche, 1930er-Jahre, tragbare Typen-Schreibmaschine, 1940er-Jahre, Kleid mit Schürze, 1930er-Jahre, Kleid mit Schürze, 1930er-Jahre

Strandanzug mit Leinenschuhen und braun-orangem Strohhut, 1930er-Jahre, Kleid für den KDF Urlaub, 1940er-Jahre, Berufsbekleidung einer Kindergärtnerin: Bestickte Bluse und blaukarierter Rock mit weißer Schürze, 1930er-Jahre, hellblaues Kinderkleid mit Blümchenmuster, späte 1940er-Jahre, Kinderkleid mit grün-rotem Blumenmuster und weiß-roter Schürze, späte 1940er-Jahre, Kinderkleid mit blau-weiß gestreifter Schürze und roten Paspeln, 1940er-Jahre

Rot-weiß kariertes zweiteiliges Kleid, 1940 bis 1945, Kleiderensemble mit Trachtenelementen

Elegantes korallenrotes Abendkleid, 1930er-Jahre, geblümtes Abendkleid mit großer Schleife und kleiner Fischschwanzschleppe, 1930er-Jahre

Nähmaschine, unfertiges helles Kostüm, 1930er-Jahre, Knopfkarte, 1930er-Jahre, rotes Häkelkleid, auf der Schneiderbürste: rot kariertes Kleid, 1930er-Jahre

Feldbluse des Oberleutnants

Feldbluse des Oberleutnants, Hoheitszeichen

Glanz und Grauen – Mode im „Dritten Reich“

Die Ausstellung Glanz und Grauen – Mode im „Dritten Reich“ entstand aus einer Kooperation des LVR-Industriemuseums Textilfabrik Cromford in Ratingen mit dem Institut für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft der Philipps-Universität Marburg. Innerhalb des zugrunde liegenden Forschungsprojektes „Soziokulturelle Untersuchungen zur Bekleidungsgeschichte der 1930er/40er Jahre“ wurden Zeitzeugen befragt, Quellen gesichtet und textile Objekte untersucht. Viele Menschen aus dem Rheinland kamen der Aufforderung nach, Kleidung aus der Zeit zur Verfügung zu stellen. Zahlreiche private Spenden bereicherten die umfangreiche Sammlung des LVR-Industrie­museums zur Mode- und Kostümgeschichte der 1930er- und 1940er-Jahre. Die früheren Besitzer brachten mit den Kleidern Fotos, Erfahrungen und Geschichten mit ins Museum, durch die nicht nur die Politik des Regimes, sondern auch die vielfältige Perspektive der ‚kleinen Leute‘, der Beherrschten, dokumentiert und sichtbar gemacht werden konnte. Die Ausstellung markiert zudem das Ende einer Ära, denn zukünftig wird die Geschichtsschreibung im Dialog mit den Zeitzeugen kaum noch möglich sein.

Glanz und Grauen – Mode im „Dritten Reich“

Glanz und Grauen – Mode im „Dritten Reich“ im LVR-Industriemuseum Kraftwerk Ermen & Engels ist vom 3. April bis 30. Oktober 2016 dienstags bis freitags von 10 bis 17 Uhr und samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintrittspreis beträgt für Erwachsene 6 €, ermäßigt 5,50 € (Kombikarte mit Denkmalpfad), Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre haben freien Eintritt. Zur Sonderausstellung ist eine Begleitbroschüre erschienen, die für 9,95 € im Museumsshop erhältlich ist. Weitere Informationen unter www.glanz-und-grauen.lvr.de.

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