Mittwoch, 9. März 2016

Die Spielzeit 2016/2017 am Theater Bielefeld

Musiktheaterproduktionen für das „musicalaffine“ Publikum

Heute hat das Theater Bielefeld sein Programm für die kommende Spielzeit 2016/2017 vorgestellt, das unter dem Motto „Diesen Kuss der ganzen Welt!“ steht. Für das „musicalaffine“ Publikum stehen wiederum zwei neue Musical-Produktionen auf dem Spielplan, die im folgenden chronologisch aufgeführt sind.


„Hochzeit mit Hindernissen (The Drowsy Chaperone)“ (Premiere: 4. September 2016, Stadttheater)

„Hochzeit mit Hindernissen (The Drowsy Chaperone)“ – Musik, Gesangstexte: Lisa Lambert, Greg Morrison; Buch: Bob Martin, Don McKellar; Deutsche Fassung: Roman Hinze; Inszenierung: Thomas Winter; Choreografie: Dominik Büttner; Ausstattung: Beatrice von Bomhard; Dramaturgie: Daniel Westen; Musikalische Leitung: William Ward Murta. Darsteller: Jens Kipper/Nito Torres (Mann im Sessel), Kerstin Marie Mäkelburg (Die beschwipste Anstandsdame), Maja Sikora (Janet van de Graaff), Gero Wendorff (Robert Martin), Jens Janke (George), Florian Hinxlage//Andreas Wolfram (Aldolpho), Melanie Kreuter (Mrs. Tottendale), Lutz Laible (Underling), Carlos H. Rivas (Feldzieg), Michaela Duhme (Kitty), Abla Alaoui/Ulrike Figgener/Navina Heyne/Bettina Meske/Brigitte Oelke/Lucy Scherer/Karin Seyfried/Katharina Solzbacher/Carolin Soyka/Roberta Valentini (Trix), Tobias Berroth (1. Gangster), Arne David (2. Gangster), Stefan Fietzek/Marvin Meinold (Superintendent), N. N. (Staff/Reporter/Monkey/Clouds) u. a. Uraufführung: 1998, The Rivoli, Toronto, Ontario. Broadway-Premiere: 1. Mai 2006, Marquis Theatre, New York City. Deutschsprachige Erstaufführung: 27. April 2013, Theater Hof. Premiere: 4. September 2016, Stadttheater Bielefeld.

Was für ein Schlamassel! Ob am Ende alles gut ausgeht? Natürlich! Das ist nicht die Wirklichkeit, sondern ein Musical. In Musicals geht am Ende alles gut aus. In der Wirklichkeit geht nichts gut aus, und die einzigen Menschen, die unvermittelt anfangen zu singen, sind die hoffnungslos Verwirrten. (Mann im Sessel)

Ein eingefleischter Musical-Fan der Marke „Früher-war-alles-besser!“ sitzt in seinem New Yorker Apartment und versucht dieser Tristesse durch das Auflegen der Schallplatte seines Lieblingsmusicals „The Drowsy Chaperone“ zu entkommen. Unerwartet manifestiert sich das Stück vor seinen Augen. Das Wohnzimmer wird zur Bühne, die überzeichneten Figuren, die musikalischen Up-tempo-Nummern mit ihren ins Bein gehenden Rhythmen und die Hits der alten Zeit erwecken den alten Glanz der 1920er-Jahre zu neuem Leben: Die Broadway-Darstellerin Janet van de Graff, Star der »Feldzieg Follies«, möchte ihre Karriere an den Nagel hängen, um Robert, den Sohn eines Öl-Magnaten, zu heiraten. Doch ihre Hochzeit steht unter keinem guten Stern. Janets verschlagener Produzent Feldzieg versucht, die Eheschließung zu sabotieren, ihrer Anstandsdame sagt der Alkohol mehr zu als ihre nominelle Aufgabe und die naive Hupfdohle Kitty hofft auf das baldige Aus Janets, um deren Position im Ensemble übernehmen zu können. Und dann sind da auch noch der schmierige Latin-Lover Adolpho und ein stümperhaftes Gangster-Duo, das sich in die Hochzeitsgesellschaft einzuschleichen versucht. Die Folge sind VerwIrrungen, Irrungen und Irrwitze – und die Augen bleiben so oder so nicht trocken.

Eigentlich hatten die Freunde des Autors Bob Martin nur eine kleine Musicalparodie zu dessen Hochzeit aufführen wollen. Doch Martin war so begeistert, dass er gemeinsam mit seinen Freunden begann, das Stück weiterzuentwickeln. Schon ein Jahr später, 1998, wurde daraus ein komplettes Bühnenwerk – mit überwältigendem Erfolg: Nach der Broadwaypremiere 2006 gewann The Drowsy Chaperone gleich zwei Tony Awards und feiert seitdem auch im internationalen Raum große Erfolge.


„Das Molekül“ (Uraufführung: 19. Mai 2017, Stadttheater)

„Das Molekül“ – Musik: William Ward Murta; Gesangstexte: Constanze Grohmann; Buch und Inszenierung: Thomas Winter; Choreografie: Frank Wöhrmann; Ausstattung: Ulv Jakobsen; Dramaturgie: Jón Philipp von Linden; Musikalische Leitung: William Ward Murta. Darsteller: Roberta Valentini (Rosalind Franklin/Claire M. Fraser/Beatrice Bateson/Phoebe (Phoebus Levene)/Carol), Carolin Soyka (Odile Crick/Bernadine Healy/Emma Darwin/Florence Durham/Alice), Veit Schäfermeier (Francis Crick/Francis Sellers Collins/William Bateson/Sir William Lawrence Bragg), Carlos Horacio Rivas (James Watson/Jose Raul Rodriguez/Charles Darwin/Carl Wilhelm von Nägeli/Cecile), Alexander Franzen (Maurice Wilkins/Michael W. Hunkapiller/Gregor Mendel/Erwin Chargaff/Bob), Thomas Klotz (Linus Pauling/John Craig Venter). Uraufführung: 19. Mai 2017, Stadttheater Bielefeld.

Sie suchen nach einem Molekül. Aber ein Molekül, wie es keiner vorher gesehen hat. Einzigartig auf dem Planeten und vielleicht sogar im ganzen Universum. Und wenn sie das finden, und verstehen was es ist, wird alles anders sein. (Craig Venter)

Ein prägnantes Kürzel beherrscht seit einigen Jahren nahezu alle TV-Serien, die sich mit menschlichen Abgründen befassen: DNA. Seit dieses Zauberwort in der Welt ist, haben Kriminalkommissare das Nachsehen, denn plötzlich sind die Gerichtsmediziner die eigentlichen Helden im Krimi.

London 1951. Eine junge Biochemikerin, Rosalind Franklin (* 25. Juli 1920 in London, † 16. April 1958 in London), kehrt aus Frankreich an das Laboratorium des King’s College zurück, um beim renommierten Physiker Maurice Wilkins (* 15. Dezember 1916 in Pongaroa, Neuseeland, † 5. Oktober 2004 in London) zu forschen. Er betrachtet sie als seine Assistentin, sie sieht sich jedoch als Wissenschaftlerin auf Augenhöhe – ein Missverständnis, das tragische Konsequenzen haben sollte. Zusammen mit zwei weiteren Wissenschaftlern (James Dewey Watson (* 6. April 1928 in Chicago, Illinois) und Francis Crick (* 8. Juni 1916 in Northampton, England, † 28. Juli 2004 in San Diego, USA)) machen sich die Kontrahenten fieberhaft daran, die Struktur der DNA zu entschlüsseln, eine Entdeckung, die seinerzeit gewissermaßen in der Luft lag. Kein Wunder, dass in den USA ein anderer großer Wissenschaftler (Linus Pauling (* 28. Februar 1901 in Portland, Oregon, † 19. August 1994 in Big Sur, Kalifornien) am California Institute of Technology) dasselbe Ziel verfolgt, allerdings mit dem Rückenwind luxuriöser staatlicher Förderung. Wer wird als erstes Team die richtige Theorie aufstellen und womöglich den begehrten Nobelpreis erhalten?

Tatsächlich erhielten Francis Crick, James Dewey Watson und Maurice Wilkins 1962 den Nobelpreis für Medizin. Rosalind Franklin, deren Röntgenbeugungsdiagramme wesentlich zur Entschlüsselung der DNA-Struktur beigetragen hatten, war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben und konnte daher nicht mehr nominiert werden. Allerdings gilt die Forschungsgeschichte von James Dewey Watson und Francis Crick heutzutage als negatives Musterbeispiel für Gute Wissenschaftliche Praxis, da die Veröffentlichung in Nature am 25. April 1953 ohne die nicht autorisierte Übernahme unpublizierter Forschungsergebnisse anderer Forscher, vor allem Rosalind Franklins, niemals zustande gekommen wäre. Bezeichnenderweise erwähnten James Watson und Francis Crick in ihren Nobelpreisreden die nur vier Jahre zuvor verstorbene Rosalind Franklin und die Schlüsselrolle ihrer Daten bei der Aufklärung der DNA-Struktur mit keinem Wort.

William Ward Murta, der nach „Starry Messenger“ und „The Birds of Alfred Hitchcock“ bereits das dritte große Musical für das Theater Bielefeld schreibt, verknüpft darin den wissenschaftlichen Wettlauf um das DNA-Geheimnis in den Fünfzigern mit einem der ganz heißen Eisen unserer Zeit: der Entwicklung der Gentechnologie. Was vordergründig wie eine vertonte Wikipedia-Seite klingt, entpuppt sich als ein brisantes Aufeinandertreffen außergewöhnlicher Menschen in zwei Generationen, die an der Schwelle zu je einer Jahrhundertentdeckung stehen: „Was ist Leben?“ heißt die zentrale Frage im Prolog. Sie setzt eine Handlung in Gang, die mit biografischen Schlaglichtern um das Molekül als Gravitationszentrum kreist – und nach bester Broadway-Manier in Musik gesetzt ist.

Für den ein oder anderen an dieser Stelle vielleicht interessant, dass das Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg ab 19. Januar 2017 die deutschsprachige Erstaufführung von „Foto 51“ (Originaltitel „Photograph 51“) der Dramatikerin Anna Ziegler zeigt, das Regisseur Michael Grandage mit Nicole Kidman in der Hauptrolle verfilmen möchte. „Photo 51“ hatte fundamentale Bedeutung für die spätere Entdeckung der DNA-Doppelhelixstruktur durch James Watson und Francis Crick und entstand während Rosalind Franklins Zeit am King’s College.

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