Montag, 14. März 2016

„Anatevka“

„Anatevka“ – nach dem jiddischen Roman „Tewje, der Milchmann“ von Scholem Alejchem; Musik: Jerry Bock; Liedtexte: Sheldon Harnick; Buch: Joseph Stein; Deutsche Bearbeitung: Rolf Merz, Gerhard Hagen; Regie: Karl Absenger; Choreografie: Vladimir Snizek; Ausstattung: Karin Fritz; Sounddesign: Stephan Mauel; Musikalische Leitung: Stephan Zilias. Darsteller: Gerhard Ernst (Tevje, ein Milchmann), Anjara I. Bartz (Golde, seine Frau), Sarah Laminger (Zeitel), Maria Ladurner (Hodel), Lisenka Kirkcaldy (Chava), Hannah Schiller/Victoria Telegina (Shprintze), Sierra Douglas/Lola Eulitz (Bielke), Maria Mallé (Jente, eine Heiratsvermittlerin), Christian Georg (Mottel Kamzoil, ein Schneider), Barbara Teuber (Schandel, seine Mutter/Oma Zeitel, Goldes verstorbene Großmutter), Dennis Laubenthal (Perchik, ein Student), Martin Tzonev (Lazar Wolf, ein Metzger), Michael Seeboth (Motschach, ein Gastwirt), Boris Beletskiy/Algis Lunskis (Rabbi), Nicholas Probst/Sven Bakin (Mendel, sein Sohn), Josef Michael Linnek/Christian Specht (Awram, ein Buchhändler), Georg Zingerle/Eduard Katz (Nachum, ein Bettler), Daniela Päch (Fruma-Sara, Lazar Wolfs erste Frau), Stefan Viering (Wachtmeister), Jeremias Koschorz (Fedja, ein junger Russe), Johannes Ipfelkofer (Sasha, sein Freund), Johannes Mertes (Russischer Vorsänger), N. N. (Solo-Violine), Niklas Schurz (Jussel), Hayato Yamaguchi, Salim Ben Mammar, Abet Gino, James Atkins, Tim Čečatka, Erik Constantin (Tänzer). Broadway-Premiere: 22. September 1964, Imperial Theatre, New York City. Deutsche Erstaufführung: 1. Februar 1968, Operettenhaus, Hamburg. Premiere: 13. März 2016, Theater Bonn, Opernhaus.



„Anatevka“


Der Publikumsrenner in einer Neuinszenierung an der Oper Bonn


Im Gewand jüdischer und russischer Volksklänge, Klezmermusik und einem unverwechselbaren Broadway-Sound – die typische Broadway-Nummer „Now I have everything“/„Nun hab´ ich, was ich will“ wurde allerdings erst später zur Partitur hinzugefügt – erzählen Jerry Bock und Joseph Stein in „Anatevka“ (Originaltitel „Fiddler on the Roof“) eine große jiddische Familiensaga in unsteter Zeit am Ende des Zarenreichs und kurz vor der Revolution 1905. Die Uraufführung von „Fiddler on the Roof“ fand am 22. September 1964 am Imperial Theatre in New York statt, Zero Mostel spielte die Rolle des Milchmanns Tevje. 1965 wurde das Stück für 10 Tony Awards nominiert, wovon es 9 Auszeichnungen tatsächlich gewonnen hat. Es wurde bis 2. Juli 1972 in 3.242 Aufführungen gezeigt, und erreichte damit als erstes Broadway-Musical mehr als 3.000 Vorstellungen, wofür Harold Prince als Produzent 1972 mit einem Special Tony Award für die bis dahin längste Laufzeit in der Broadway Geschichte ausgezeichnet wurde. Bis heute wurde es allein am Broadway viermal wiederaufgenommen. Mehr als 10 Jahre nach der letzten Inszenierung von Kirsten Harms (Premiere 2. November 2003) kehrt eines der populärsten Musicals auf die Bühne der Oper Bonn zurück. Als Regisseur wurde Karl Absenger verpflichtet, der „Anatevka“ zuletzt bei den Mörbischer Seefestspielen 2014 (Premiere 10. Juli 2014) inszeniert hat.

Tradition ist das Zauberwort in Anatevka, einem kleinen jüdischen Dorf in der Ukraine. Der gutherzige Milchmann Tevje ist stolzer wie geplagter Vater von fünf Töchtern, die unter die Haube zu bekommen sind. Doch die eigenwilligen Heiratspläne seiner erwachsenen Töchter bringen sein festgefügtes Weltbild voller traditioneller Familienwerte, nach der der Vater den heiratsvermittelten Männern den Zuschlag gibt, mächtig ins Wanken. Seine älteste Tochter Zeitel hat sich mit dem armen Schneider Mottel Kamzoil verlobt, Hodel, die zweitälteste Tochter, verliebt sich in den Studenten Perchik, und Chava, die drittälteste Tochter, möchte gar den nicht-jüdischen jungen Russen Fedja heiraten. Das sorgt für rege familiäre und dörfliche Turbulenzen. Doch dann kommt der Befehl des Zaren, dass die Juden Anatevka innerhalb von drei Tagen verlassen müssen…

Regisseur Karl Absenger erzählt die Geschichte von Tevje, dem einfachen Milchmann, seiner Frau Golde und den fünf Töchtern als Familiengeschichte, in der die erwachsenen Töchter das Haus verlassen und nur glücklich werden können, wenn ihnen der Vater entgegen alter Traditionen den Weg in die Unabhängigkeit erlaubt. Die Vertreibung der Juden aufgrund des von Zar Alexander III. (von 1881 bis 1894 Kaiser von Russland) in den so genannten Maigesetzen (im Mai 1882 offiziell als „zeitlich begrenzte Verordnungen“ als Reaktion auf die Pogrome in Kraft gesetzt) festgelegten Aufenthaltsverbots in Ortschaften mit weniger als 10.000 Einwohnern erscheint hier eher wie ein Abschied von liebgewonnenen jüdischen Traditionen als ein Aufbruch in eine neue Welt. Trotz dieser eher bedrückenden Sichtweise bleibt die Familie am Ende erhalten, auch seiner Tochter Chava, die er nach der Hochzeit mit dem nicht-jüdischen jungen Russen Fedja verstoßen hat, gibt Tevje schließlich leise seinen Segen. Das Bühnenbild von Karin Fritz wird von rustikalen Bretterwänden dominiert, die den bescheidenen Lebensstil der jüdischen Bevölkerung unterstreichen, den auch ihre traditionellen Kostüme veranschaulichen. Das Beethoven Orchester bringt die in Jerry Bocks Kompositionen gleichzeitig zum Ausdruck gebrachte Freude und Trauer unter der Musikalischen Leitung von Stephan Zilias souverän zu Gehör.

Der gebürtige Wiener Gerhard Ernst erlangte durch die Verkörperung des Fleischhauers Hofstädter in der gleichnamigen Werbekampagne Kultstatus und ist seit 2001 Ensemblemitglied der Volksoper Wien. Er spielte die Rolle des Milchmanns Tevje bereits 1978/79 bei den Vereinigten Städtischen Bühnen Krefeld und Mönchengladbach und zuletzt 2014 unter der Regie von Karl Absenger bei den Mörbischer Seefestspielen. Mit der nötigen Prise Humor versehen verkörpert er glaubhaft den Vater mit traditionellen Familienwerten, der sich von den Heiratsplänen seinen beiden ältesten Töchtern zwar noch überzeugen lässt, dem die Heirat seiner drittältesten Tochter mit einem nicht-jüdischen jungen Russen bei aller Liebe dann aber doch zu weit geht. Als seine seit mehr als 25 Jahren treusorgende Ehefrau Golde ist Anjara I. Bartz zu sehen, die Ehe von Tevje und Golde wurde traditionell von einer Heiratsvermittlerin gestiftet, und Anjara I. Bartz verleiht der in Traditionen verhafteten Ehefrau überzeugend Gestalt, erst nach Jahrzehnten fragen sich die Eheleute zum ersten Mal „Ist es Liebe?“ Die Töchter Zeitel, Hodel und Chava sind bei Sarah Laminger, Maria Ladurner und Lisenka Kirkcaldy sowohl gesanglich als auch darstellerisch in guten Händen, alle drei harmonieren in dem Song „Jente, o Jente“ sehr gut miteinander. Daneben sind Christian Georg als armer Schneider Mottel Kamzoil, Dennis Laubenthal als Student Perchik mit revolutionären Ideen, Jeremias Koschorz als junger Russe Fedja, Martin Tzonev als Metzger Lazar Wolf und Maria Mallé als Heiratsvermittlerin Jente zu erwähnen. Unterstützt wird das Ensemble von sechs eigens für die Produktion engagierten Tänzern – das Theater Bonn verfügt über kein eigenes Tanz-Ensemble – die Choreografien von Vladimir Snizek fügen sich mit traditionellen Elementen homogen in den Handlungsablauf. Hier ist besonders die Hora – ein traditioneller Reigen – bei der Hochzeit von Zeitel und Mottel Kamzoil zu erwähnen, der mit dem „Flaschentanz“ umgesetzt wird, einem alten Brauch der jemenitischen Juden, der als Wettbewerb bei festlichen Anlässen aufgeführt wird. Aber auch die Traumsequenz, in der Tevje seine Frau Golde von der Hochzeit von Zeitel mit Mottel Kamzoil zu überzeugen versucht, steht dem mit phantasievoller Umsetzung in nichts nach.

Mit „Anatevka“ ist dem Theater Bonn überzeugende Unterhaltung an der Grenze zwischen Schauspiel und Musical gelungen, die auch bei 200 Minuten Aufführungsdauer nie langatmig wirkt. Darsteller und Kreative wurde bei der Premiere mit beinahe zehnminütigem Stehapplaus frenetisch gefeiert. „Anatevka“ steht am Theater Bonn bis 22. Juni 2016 mit insgesamt 12 Vorstellungen auf dem Spielplan.

Bedauerlicherweise stellt das Theater Bonn keine Produktionsfotos zur Verfügung, mit denen kostenfrei für die Aufführung geworben werden kann – nichts anderes stellt eine im Netz frei verfügbare Besprechung schließlich dar.

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