Freitag, 26. Februar 2016

„RESET“ – Musical Eigenarbeit

„RESET“ – Musical Eigenarbeit der Studierenden der Folkwang Universität der Künste Essen; Musik, Liedtexte: verschiedene Komponisten und Librettisten; Buch: who knows; Regie: who cares; Choreografie: who knows about; Lichtdesign: existing. Darsteller: Alina Grzeschick (Annika Heinrichs, Globetrotterin), Florentine Kühne (Franziska Frisch), Eva Löser (Kerstin Krämer, Informatikerin), Karen Müller (Elisabeth Ludmilla Maria Wagner, Anhängerin von Jehovas Zeugen), Philipp Nowicki (Paul Schmidt, Abteilungsleiter in in der Pharmaindustrie), Jan Rogler (Johannes Krämer, Rocker). 25. & 26. Februar 2016. Pina Bausch Theater, Essen.



„RESET“


Nichts ist so schlimm, dass es nicht noch schlimmer kommen könnte


„2005 wurde erstmals ein Jahrgang aufgefordert, zum Ende des 6. Semesters ein Projekt in Eigenregie auf den Weg zu bringen. Vorgabe: Findet eine dramturgische Klammer, die erlernten Ausdruckselmente zu einer Stunde Theater zusammenzufügen! Und es schien ein schöner Ausblick, damit nicht nur das Ende eines Ausbildungsjahres, sondern auch die für alle gleichermaßen aufregende und anstrengende Aufnahmeprüfungswoche abzurunden. … Inzwischen hat sich die Eigenarbeit zum geheimen und vielleicht sogar aussagekräftigeren Abschlussstück der Klassen entwickelt. Wozu die Studierenden in der Lage sind, wenn man sie lässt und ihnen vertraut, ist absolut erstaunlich und ein Spiegel unser aller Arbeit, in den zu schauen jedes Jahr noch größere Freude bereitet.“ (Prof. Gil Mehmert, „Eigenarbeit“ in 20 Jahre Folkwang Musical: Musik, Theater, Tanz – drei Disziplinen, ein Studiengang. Folkwang Hochschule, Hrsg., 2009) Im Gegensatz zum offiziellen Abschlussprojekt 2016, welches noch immer geheim ist, ist an der Eigenarbeit des 3. Jahrgangs im Studiengang Musical überhaupt nichts geheim, außer dass sie nicht im Veranstaltungskalender der Folkwang Universität aufgeführt ist. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda und Ankündigung in sozialen Netzwerken ist die Veranstaltung wie immer so gut besucht, dass das Pina Bausch Theater aus allen Nähten platzt… Dies ist insofern nicht verwunderlich, als man dort auch regelmäßig die übrigen Studierenden, Alumni und natürlich die Anwärter auf einen Studienplatz im Studiengang Musical trifft. In diesem Jahr hatten Alina Grzeschick, Florentine Kühne, Eva Löser, Karen Müller, Philipp Nowicki und Jan Rogler zum „RESET“ eingeladen, wobei natürlich nicht das Zurücksetzen auf einen definierten Anfangszustand zu Beginn des Studiums gemeint war. Musikalisch begleitet wurden sie an diesem Abend von einer fünfköpfigen Combo, womöglich waren befreundete Musiker aus der Jazz-Abteilung der Folkwang Universität darunter…

Alina Grzeschick aus Bonn war in folgenden Produktionen zu sehen:
  • Werner Kriegler, Schauspieler/Luther Kingsley, Alauras Ehemann/Sonny in „City of Angels“ am Theater im Rathaus, Essen (Premiere 8. Mai 2015, Regie Henner Kallmeyer) sowie auf Tournee im deutschsprachigen Raum
  • Rosie in „Cabaret“ am Grillo-Theater, Essen (Premiere 13. Dezember 2014, Regie Reinhardt Friese)
Florentine Kühne aus Dresden war in folgenden Produktionen zu sehen:
  • Avril Rains, Starlet/Mallory Kingsley, Alauras Stieftochter in „City of Angels“ am Theater im Rathaus, Essen (Premiere 8. Mai 2015, Regie Henner Kallmeyer) sowie auf Tournee im deutschsprachigen Raum
  • Texas in „Cabaret“ am Grillo-Theater, Essen (Premiere 13. Dezember 2014, Regie Reinhardt Friese)
Eva Löser aus Leipzig stand in folgenden Rollen auf der Bühne:
  • Pancho Vargas, Schauspieler/Lieutenant Muñoz, Kriminalbeamter in „City of Angels“ am Theater im Rathaus, Essen (Premiere 8. Mai 2015, Regie Henner Kallmeyer) sowie auf Tournee im deutschsprachigen Raum
  • Lulu in „Cabaret“ am Grillo-Theater, Essen (Premiere 13. Dezember 2014, Regie Reinhardt Friese)
Karen Müller aus Dernbach (Westerwald) wurde im 44. Bundeswettbewerb Gesang Berlin 2015 im Hauptwettbewerb Musical mit dem Preis der Walter Kaminsky-Stiftung ausgezeichnet und spielte in folgenden Produktionen mit:
  • Gene, Regieassistent/Margaret, Dienstmädchen der Kingleys/Big Six in „City of Angels“ am Theater im Rathaus, Essen (Premiere 8. Mai 2015, Regie Henner Kallmeyer) sowie auf Tournee im deutschsprachigen Raum
  • Hildegard in „Cabaret“ am Grillo-Theater, Essen (Premiere 13. Dezember 2014, Regie Reinhardt Friese)
Der gebürtige Essener Philipp Nowicki stand in folgenden Produktionen auf der Bühne:
  • Jimmy Powers, Schlagersänger/Dr. Mandril, Esoteriker in „City of Angels“ am Theater im Rathaus, Essen (Premiere 8. Mai 2015, Regie Henner Kallmeyer) sowie auf Tournee im deutschsprachigen Raum
  • Bobby in „Cabaret“ am Grillo-Theater, Essen (Premiere 13. Dezember 2014, Regie Reinhardt Friese)
Jan Rogler aus Marktredwitz im oberfränkischen Landkreis Wunsiedel im Fichtelgebirge ist/war in folgenden Produktionen zu sehen:
  • Butler James/Passant/Pete/Lord Winterbottom in „My fair Lady“ am Grillo-Theater, Essen (Premiere 5. Dezember 2015, Regie Robert Gerloff)
  • Gerald Pierce, Schauspieler/Peter Kingsley, Alauras Stiefsohn in „City of Angels“ am Theater im Rathaus, Essen (Premiere 8. Mai 2015, Regie Henner Kallmeyer)
  • Victor in „Cabaret“ am Grillo-Theater, Essen (Premiere 13. Dezember 2014, Regie Reinhardt Friese)
  • Luigi Gaudi u. a. in „Lucky Stiff – tot, aber glücklich“ am Theater Hof (Premiere 28. Februar 2014, Regie Florian Bänsch)

Als George Orwell 1948 seine düstere Zukunfts-Dystopie „Nineteen Eighty-Four“ verfasste, in der kritisch auf die totale Überwachung hingewiesen wird, konnte noch niemand ahnen, dass sich viele Menschen im 21. Jahrhundert völlig freiwillig einer totalen Überwachung unterziehen: Seit 2014 gibt es mehr aktive SIM-Karten auf der Erde als Menschen, in allen seit dem 1. November 2005 ausgestellten deutschen Reisepässen sowie ab dem 1. November 2010 in allen Personalausweisen sind RFID-Chips enthalten, seit November 2004 ist in den USA der Einsatz des „VeriChip“ am Menschen erlaubt. Ausgehend von diesem Szenario „stranden“ in „RESET“ sechs Personen mit völlig unterschiedlichen Charakteren, denen ein solcher Chip implantiert wurde, nach dem Ausfall des „Aufzuges der Zeit“ in einem Store – bezeichnenderweise werden dort auch Äpfel verkauft, aber niemand hat von einem „Apple Store“ gesprochen, das haben Sie jetzt assoziiert – und werden von „Big Brother“ einer Versuchsreihe unterzogen, wobei den Probanden erst nach und nach bewusst wird, in welche Abhängigkeit sie sich durch die totale Überwachung begeben haben und wozu Gleichschaltung führen kann. Da reißt sich mit einem Mal eine Anhängerin von Jehovas Zeugen ihre Kleider vom Leib, wo sie doch vorher erklärt hat, dass vorehelicher Geschlechtsverkehr eine Sünde sei. Nach einem Reset scheint alles wieder wie zuvor…

Mit Gesang, Tanz – besonders eindrucksvoll sind bei dieser Produktion IMHO die dynamischen Choreografien ausgefallen – und Schauspiel, viel Humor und einem Augenzwinkern wussten die Studierenden das vorwiegend jüngere Publikum im übervoll besetzten Pina Bausch Theater für sich einzunehmen, das nach gut einer Stunde Aufführungsdauer begeistert nach Zugabe verlangte. Die Musical Eigenarbeit gibt natürlich einen guten Einblick in den Ausbildungsstand der Studierenden, aber sie zeigt auch deutlich, dass es auch ohne bombastischen Aufwand möglich ist, kurzweiliges, ansprechendes unterhaltendes Musiktheater auf die Bühne zu bringen. Das Thema könnte durchaus zum Nachdenken anregen, aber ob danach auch nur ein einziger Zuschauer sein Smartphone nicht wieder einschaltet und die SIM-Karte unbrauchbar macht, darf bezweifelt werden, nichts ist so schlimm, dass es nicht noch schlimmer kommen könnte…

Hinweis:
Am 2. Juni 2016 wird es wieder den jährlichen RockPopSoul-Abend der Musical- & Jazzstudierenden in der Neuen Aula der Folkwang Universität der Künste in Essen geben, dieses Jahr unter dem Motto „Chuva de Sombrinhas“. Am 17. Juni 2016 werden die Studierenden damit im Theater Oberhausen gastieren.

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