Sonntag, 7. Februar 2016

Entdecke die Kunst – erlebe die Veränderung

Emscherkunst 2016 zwischen Holzwickede und Herne

Die Ausstellung Emscherkunst wird im Sommer vom 4. Juni bis 18. September 2016 bereits zum dritten Mal zeitgenössische Kunst entlang der Ufer der Emscher zeigen. Der rund 50 Kilometer lange Ausstellungsparcours wird sich diesmal im östlichen Ruhrgebiet in Stadt und Natur zwischen den Städten Holzwickede, Dortmund, Castrop-Rauxel, Recklinghausen und Herne erstrecken. Zum ersten Mal wird mit „Dortmund Urban“ – einem der sieben Ausstellungsräume – auch ein Schwerpunkt mitten in der Stadt gesetzt.

Die Kunstroute der Emscherkunst 2016
© Karte: KoeperHerfurth; Illustration: Daniel Edelmeier

Nachdem mir im Besucherzentrum Ruhr in der ehemaligen Kohlenwäsche der Zeche Zollverein ein Folder zur Emscherkunst 2016 in die Hände gefallen war, dessen Informationen teilweise bereits weit über das hinausgehen, was augenblicklich auf der von der Emschergenossenschaft herausgegebenen Website zur Emscherkunst zu finden ist, beschlich mich ein klein wenig der Eindruck, dass die althergebrachte Übertragung von Informationen mitunter eben doch verlässlicher ist als das „Neuland“ Internet. Aber sei’s drum, bis zur Eröffnung der Emscherkunst 2016 sind noch 118 Tage Zeit für’s Feintuning.

2016 rückt das östliche Ruhrgebiet in den Fokus der Emscherkunst, die von Holzwickede, Dortmund und Castrop-Rauxel bis nach Recklinghausen und Herne reichen wird. Sieben Ausstellungsräume liegen entlang der 51 km langen Kunstroute, die man am besten mit dem Fahrrad erfährt: In Holzwickede liegt der Ausstellungsraum „Emscherquelle“ – sowohl der Hixterwald als auch der historische Emscher­quell­hof werden zur Ausstellungs­fläche für Ai Weiwei (* 1957 in Peking), Janet Cardiff (* 1957 in Brussels, Kanada) und George Bures Miller (* 1960 Vegreville, Kanada) aus Kanada mit ihrer Audioarbeit „Forest (for a thousand years…)“ und den Schweden Henrik Håkansson (* 1968 in Helsingborg, Schweden). Am Emscherquellhof wird ein Zeltplatz mit Zelten des chinesischen Künstlers Ai Weiwei entstehen („Aus der Aufklärung“, 2013). Eindeutiger Schwerpunkt liegt auf dem Stadtgebiet Dortmund mit vier Ausstellungsräumen: So werden der Phoenix See, „Dortmund Urban“ (Dortmunder U, Rheinische Straße) und die Kokerei Hansa zu Spielorten der Ausstellung. Direkt auf der Stadtgrenze von Dortmund und Castrop-Rauxel liegt der Bereich des Hochwasser­rückhalte­beckens Mengede-Ickern. Ebenfalls in Castrop-Rauxel liegt das spannende Areal des Wasserkreuzes von Emscher und Rhein-Herne-Kanal. In Recklinghausen/Herne bildet der Bereich des Museums Strom und Leben sowie des Stadt­hafens das westliche Ende des Ausstellungsraumes der Emscherkunst 2016.

Am Phoenix See werden Benjamin Bergmann (* 1968 in Würzburg), Natalie Jeremijenko (* 1966 in Australien), Erik van Lieshout (* 1968 in Deurne, Niederlande), Rainer Maria Matysik (* 1967 in Duisburg) sowie Lucy (* 1966 in Sutton Coldfield, UK) und Jorge Orta (* 1953 in Rosario, Argentinien) ihre Arbeiten zeigen. Der Niederländer Erik van Lieshout hat seine Beobachtungen und Erfahrungen im Dortmunder Stadtteil Hörde in Form der filmischen Installation „Die Insel“ verarbeitet, die während der Ausstellung in der Nähe des Sees gezeigt wird. „Fluss wird Wolke“ von Rainer Maria Matysik war 2013 bereits an der Emschermündung in Dinslaken zu sehen.

Mit der Kunstakademie Münster (Leitung Prof. Ferdinand Ullrich) gibt es erneut ein regionales Kunstprojekt im Ausstellungsraum „Dortmund Urban“. Jorge Pardo (* 1963 in Havanna, Kuba) wird ebenfalls im Bereich des Dortmunder U ausstellen, und Tobias Zielony (* 1973 in Wuppertal) plant hier sein Filmprojekt.

Unmittelbar auf dem Gelände der Kokerei Hansa sowie in fußläufiger Entfernung entlang der Ufer der Emscher werden die Kunstwerke von atelier le balto, Sujin Do (* 1977 in Seoul, Süd-Korea), M+M (Martin De Mattia, * 1963 in Duisburg, und Marc Weis, * 1965 in Daun), Lucy und Jorga Orta und dem Berliner Kollektiv raumlabor angesiedelt sein. atelier le balto (Frankreich/Berlin) realisieren in einem nahe gelegenen Haselnusshain die Arbeit „Kunstpause“. Landschafts­gärtnerisch wird dieses inselartige Areal zu einem neuen Verweilort mit Stegen, Sitzmöglichkeiten und heimischen, aber auch exotischen Pflanzen umgestaltet. Die „Schutzhelme“ von Sujin Do waren 2010 bereits am Stadthafen Recklinghausen und 2013 im Landschaftspark Duisburg-Nord zu sehen. Die Filmproduktion „Schlagende Wetter“ des Künstlerduos M+M war 2010 im Faulturm der ehemaligen Kläranlage in Herne und 2013 im Landschaftpark Duisburg-Nord zu sehen.

Skizze der „Kunstpause“ von atelier le balto für die Emscherkunst 2016
© atelier le balto

Nevin Aladağ (* 1972 in Van, Türkei) wird auf dem Gelände des Hochwasserrückhaltebecken mit 60 über zwei Meter großen Wellenbrechern in Form von Beton-Tetrapoden metaphorisch den Abdruck der Arche Noah nachzeichnen, über deren vermeintlichen Fund in einer Höhe von etwa 2150 Metern auf dem Gebirge des Ararat – etwa 20 Meilen südlich vom eigentlichen Berg Ararat – am 5. September 1960 im Life Magazine mit Luftaufnahmen berichtet wurde. Es handelt sich dabei um die geologische Formation Durupınar, die nach dem türkischen Luftwaffen-Kapitän İlhan Durupınar benannt ist, der sie 1959 entdeckte. Die Arbeit von Massimo Bartolini (* 1962 in Cecina, Italien) wird in diesem Kunstareal ebenso zu sehen sein wie die begehbare „Forschungsstation“ „Gesellschaft der Amateur-Ornithologen“ von Mark Dion (* 1961 in New York).

Im Sommer 2016 wird die begeh- und bewohnbare Brücken­skulptur „Warten auf den Fluss“ der Rotterdamer Künstler­gruppe Observatorium an das Wasserkreuz wandern. Die dänische Künstlergruppe Superflex wird eine neue Arbeit zeigen, und seit 2010 ist in fußläufiger Entfernung zum Wasserkreuz „Walkway and Tower“ von Tadashi Kawamata (* 1953 in Hokkaido, Japan) zu finden.

„Warten auf den Fluss“ der Rotterdamer Künstlergruppe Observatorium

Das Museum Strom und Leben am Stadthafen Recklinghausen wird für die Dauer der Emscherkunst eines von insgesamt vier Besucherzentren beherbergen. Roman Signer (* 1938 in Appenzell, Schweiz) wird in diesem Areal eine Skulptur realisieren, die Parameter wie Zeit, Beschleunigung und Veränderung in den skulpturalen Prozess einbezieht. Am Ende der Mole am „Herner Meer“ zwischen Rhein-Herne-Kanal und Jachthafen befindet sich seit 2010 Projekt „reemrenreh (kaum Gesang) und Leben“ von Bildhauer Bogomir Ecker (* 1950 in Maribor). Auf dem Faulturm der benachbarten ehemaligen Kläranlage Herne befindet sich ebenfalls seit 2010 das monumentale Wandmosaik „Glückauf. Bergarbeiterproteste im Ruhrgebiet“ von Silke Wagner (* 1968 in Göppingen).

„Glückauf. Bergarbeiterproteste im Ruhrgebiet“ von Silke Wagner, 2010

Das Künstlerinnenduo Stracke & Seibt (Verena Seibt, * 1980 in Dachau, und Clea Stracke, * 1982 in Berlin) plant mit „Water Color“ ein alle sieben Ausstellungsräume umfassendes Projekt. Ein Studio auf Rädern dient als mobile Forschungs­station, die sich alle zwei Wochen in einem anderen Ausstellungsareal aufhält und von der aus die Besucher (unter Anleitung der Künstlerinnen) die umliegende Gegend in Form von „klassischen“ Aquarellkursen in den Blick nehmen und unmittelbar erforschen. Die Streifzüge der Malkurse untersuchen unter Bezugnahme von heroischer Land­schafts­malerei, naturwissenschaftlicher Zeichnung sowie Sonntagsmalerei das Emscher-Areal auf unübersehbare Brüche im idealisierten Bild-Sujet der ungestörten Landschaft.

Gemeinsam mit Katja Aßmann, künstlerischer Leiterin von Urbane Künste Ruhr, und Dr. Simone Timmerhaus, Emschergenossenschaft, kuratiert Prof. Dr. Florian Matzner die Ausstellung Emscherkunst 2016 unter dem Motto „Entdecke die Kunst – erlebe die Veränderung.“ Prof. Dr. Florian Matzner betonte bei der Vorstellung des Konzepts und der Entwürfe für die Emscherkunst 2016 im November letzten Jahres, dass die künstlerischen Positionen für 2016 im Vergleich zu den beiden vorherigen Ausstellungen durchaus radikaler und hintergründiger sein werden: „Ich wünsche mir eine stärkere Diskussion um die Kunst selbst! Die Besucher sollen auf andere Fährten gesetzt werden, neue Blickwinkel eröffnet bekommen, die man so vielleicht in dieser Landschaft nicht erwartet.“

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