Mittwoch, 20. Januar 2016

Trau, schau, wem

Augen auf beim Autokauf!

Wer diesen Weblog ein wenig länger/genauer verfolgt hat, wird an dieser Stelle wohl keinen persönlichen Erfahrungs­bericht erwarten, sondern sachliche Informationen. Letztere sind aber eigentlich jedem bekannt, oder sollten es zumindest sein, und daher wird dies eben doch ein völlig subjektiv gefärbter Erfahrungsbericht, den ich auch „Von einem der auszog, sich über’s Ohr hauen zu lassen“ hätte überschreiben können.

Alles fing eigentlich vor zwei Jahren schon an, als klar wurde, dass es bei Hauptuntersuchungen bei Kraftfahrzeugen nicht nur um die Verkehrssicherheit geht, aber das ist ein anderes Thema, auf das ich an dieser Stelle nicht näher eingehen möchte. Jedenfalls wäre nunmehr an meinem vorherigen PKW der Austausch von Teilen fällig gewesen, dessen Kosten den Zeitwert des Fahrzeugs überschritten hätten, sprich, ein wirtschaftlicher Totalschaden, ohne dass tatsächlich ein Schaden vorgelegen hätte. Man könnte es auch als den sanften Zwang bezeichnen, sich nach 11 Jahren doch nun bitteschön ein neues Fahrzeug zuzulegen, schließlich schadet man doch andernfalls nur der Autoindustrie. Die schadet sich zwar mit Manipulation der Abgaswerte und anderen Skandalen schon selbst genug, aber dafür folgt die gerechte Strafe hoffentlich noch auf dem Fuße. Am Ende sind sowieso die Verbraucher die Gelackmeierten, denn die zahlen bekanntlich die Zeche.

Also musste ein neues Fahrzeug her, aber woran orientiert man sich bei der Anschaffung? An Aussehen, Ausstattung, Farbe und Proll-Faktor? Oder doch eher an Fahrleistungen, Schadstoffausstoß und Anschaffungspreis? Das entscheidet sicher jeder individuell nach anderen Gesichtspunkten. Aber wer sich am Schadstoffausstoß und damit verbundenem Verbrauch orientiert, steht vor einem riesigen Problem: Die Erhebung von Schadstoffausstoß und Verbrauch erfolgt in Europa seit 1992 im Neuen Europäischen Fahrzyklus (NEFZ), der einen Realitätsbezug vermissen lässt und dement­sprechend kritisiert wird, da er häufig zu niedrige Werte für Verbrauch und Emissionen misst. Das Worldwide Harmonized Light-Duty Vehicles Test Procedure (WLTP) genannte Testverfahren würde zu realistischeren Angaben führen, aber es handelt sich immer noch um einen Prüfstandstest, wirklich realistische Angaben liefert nur die Messung im realen Verkehr.

Das International Council on Clean Transportation (ICCT) untersucht als unabhängige Non-Profit-Organization u. a. die Umweltverträglichkeit und Energieeffizienz des Straßen­verkehrs, einen größeren Bekanntheitsgrad erlangte das ICCT im September 2015 im Rahmen der Aufdeckung des VW-Abgasskandals. Bei einer Untersuchung des ICCT treten Abweichungen zwischen realem und offiziellem – im NEFZ gemessenem – Verbrauch auf, die seit der Einführung von Obergrenzen für den CO2-Ausstoß und damit den Spritverbrauch von Fahrzeugen durch die EU-Verordnung Nr. 443/2009 vom 23. April 2009 besonders signifikant sind. Seither ist nicht der reale Verbrauch gesunken, sondern die Hersteller verbesserten lediglich ihre Tricks, um bei den Abgasmessungen auf dem Prüfstand besonders gut abzuschneiden.

Vor diesem Hintergrund kann man sich augenblicklich beim Neuwagenkauf sicher sein, über’s Ohr gehauen zu werden, wenn man sich auf die Angaben zur CO2-Emission und zum Verbrauch verlässt, die Frage ist nur, wie dolle man über’s Ohr gehauen wird. Noch heute kommt mir das bekannte Zitat „Seh’ ich das Kind, packt mich die Wut“ in den Sinn, wenn ich an der Tankstelle mal wieder feststellen muss, dass der bereits im vergangenen Jahr neu angeschaffte PKW einen um 43 % höheren Durchschnittsverbrauch aufweist als der Hersteller als Durchschnittswert angibt. Der zuvor 11 Jahre gefahrene PKW brauchte selbst nach über 200.000 km Laufleistung im Durchschnitt lediglich 3,8 % mehr als vom Hersteller angegeben. Das neue Fahrzeug, das offiziell einen um 9,6 % geringeren Verbrauch haben soll als der 11 Jahre alte Diesel, hat aber tatsächlich einen um 24 % höheren realen Verbrauch als dieser. Wo machen sich da 11 Jahre Entwicklungsarbeit bemerkbar, sind die wirklich vollständig in die Trickserei auf dem Prüfstand geflossen? Wahrscheinlich werden die 43 % Mehrverbrauch gegenüber den Hersteller­angaben auch als Parfüm und reiner Sauerstoff an die Umwelt abgegeben, denn andernfalls müsste man sich eingestehen, durch die Neuanschaffung des angeblich sparsameren Fahrzeugs die Umwelt noch stärker zu belasten als zuvor. Einige hundert Euro Mehrkosten, die durch den Mehrverbrauch jährlich entstehen, schmerzen natürlich auch, denn schließlich ist Motorenbenzin obendrein um 27 % teurer als Dieselkraftstoff, zumindest augenblicklich.

Merke: Traue niemandem, und schon gar nicht den Herstellerangaben der Autohersteller, und rechne immer mit dem Schlimmsten, dann kann es nicht noch schlimmer kommen.

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