Donnerstag, 21. Januar 2016

„Tõnis Käo: ‚Design als Experiment‘, Retrospektive“

Sonderausstellung über Tõnis Käo im Red Dot Design Museum Essen

Designer prägen mit ihrer Arbeit unseren Alltag wie kaum eine andere Berufsgruppe. Einer von ihnen ist Tõnis Käo, dessen Leistungen das Red Dot Design Museum und die Folkwang Universität der Künste nun in ihrem ersten gemeinsamen Projekt würdigen: in der Sonderausstellung „Tõnis Käo: ‚Design als Experiment‘, Retrospektive“. Die 2014 vom Estnischen Designmuseum (Estonian Museum of Applied Art and Design) in Tallinn kuratierte Ausstellung zeigt ab dem 22. Januar 2016 einen Überblick über das Lebenswerk des Systemdesign-Pioniers. Bis zum 3. April 2016 ist die Sonderausstellung über Tõnis Käo im Red Dot Design Museum auf dem UNESCO Welterbe Zollverein zu sehen.

Tõnis Käo, 2007. Foto: The Estonian Museum of Applied Art and Design

Besucherinnen und Besucher erhalten einen Einblick in das Schaffen von Tõnis Käo. Mit seiner Arbeit feierte der Industriedesigner große Erfolge und trug zum internationalen zeitgenössischen Design und seiner Vermittlung bei. Er zählt zu einer Generation von Designern mit Allround-Fähigkeiten. Dabei liegen seine Stärken vor allem in der interdisziplinären Arbeit und seinem Ansatz, Design als Experiment zu verstehen. Davon zeugen seine Entwürfe von Haushaltsprodukten und elektronischen Geräten ebenso wie seine Ausstellungsdesigns und grafischen Arbeiten.

Tastentelefon „Fernsprechtischapparat 751“, Deutsche Bundespost, Design Tõnis Käo und Herbert Krämer, 1970; © Red Dot Design Museum

Tastentelefon „Fernsprechtischapparat 751“, Deutsche Bundespost, Design Tõnis Käo und Herbert Krämer, 1970

Seine Tätigkeit konzentrierte sich stets auf die Gestaltung der Zukunft. „Mit seinen zahlreichen innovativen Entwürfen, die Designgeschichte geschrieben haben, hat Tõnis Käo gezeigt, dass es letztlich doch so etwas wie die Avantgarde im Industriedesign gibt.“, erklärt Prof. Dr. Peter Zec, Initiator und CEO von Red Dot. Daher zählt zu den Arbeiten, die in der Ausstellung zu sehen sind, auch das erste Tastentelefon, das Tõnis Käo 1970 gemeinsam mit Herbert Krämer für die Deutsche Bundespost entwarf. Der Meilenstein des Industriedesigns wurde 1975 als Schreibtischtelefon eingeführt und löste die bis dahin etablierte Wählscheibe ab. Die Tastatur wurde zum neuen Standard, der noch heute unsere Objektbeziehung zu Telefonen prägt.

Idee für das Modell eines Haartrockners, 1976. Foto: The Estonian Museum of Applied Art and Design

Idee für das Modell eines Haartrockners, 1976, und Siemens Haartrockner, 1976

Ebenso smart und wegweisend erwies sich seine Lösung für die Gestaltung eines Haartrockners. Das bis dahin röhrenförmig und linear gestaltete Gerät erhielt eine neue Form: Indem Tõnis Käo es auf die grundlegendsten geometrischen Formen reduzierte und den Griff diagonal ansetzte, machte er den Haartrockner für seine Nutzer wesentlich leichter in der Handhabung. Sein Gestaltungsansatz hat bis heute Bestand.

Staubsauger Siemens Super 511 electronic, 1978

Bereits 1982 entwickelte Tõnis Käo das visionäre Modell eines Mobiltelefons in Scheckkartengröße sowie eines DIN-A-4-großen Computers. Sie sind in der Pinakothek der Moderne in München zu sehen und wurden in deren permanente Sammlung aufgenommen. Über 30 Jahre später – in Zeiten von handlichen Smartphones und schlanken Notebooks – sind diese visionären Entwürfe längst bekannte Realität.

Siemens Mobiltelefon, 1982

Den langfristigen Erfolg seiner Arbeiten erklärt Prof. Anke Bernotat, die bei Tõnis Käo studierte, heute selbst Industrial Design an der Folkwang Universität der Künste lehrt und das Ausstellungsprojekt leitet: „Prägend sind Käos analytisches Denken kombiniert mit seiner systematischen Vorgehensweise und deutlich künstlerischen Haltung. In seinem Wirken – sei es im Bereich der Produktgestaltung, im Kommunikations- oder Ausstellungsdesign – wird deutlich, dass er Gesamt­ver­antwortung übernimmt.“ Tõnis Käo hat mit seinem vielfach experimentellen und vorausblickenden Schaffen zur Entwicklung unserer Industriekultur beigetragen – und das auf globaler Ebene.

Übungsaufgabe 2. Semester an der Folkwangschule für Gestaltung, 1962

Über Tõnis Käo:
Tõnis Käo (* 3. Februar 1940 in Kuressaare, Estland) studierte von 1962 bis 1967 an der Folkwangschule für Gestaltung in Essen. Im Anschluss war er als Fotograf am Institut für Grundlagen der Architektur in Karlsruhe tätig. Nur zwei Jahre nach seinem Abschluss wurde er 1969 als Industriedesigner für Siemens in München tätig, ab 1983 leitete Tõnis Käo das Designstudio der Siemens AG. Von 1992 bis 2005 lehrte Tõnis Käo als Professor für Industrial Design an der Bergischen Universität Wuppertal. Von 2004 bis 2007 war er wissenschaftlicher Direktor des Bergischen Institutes für Produktentwicklung und Innovationsmanagement in Solingen, von 2005 bis 2007 zudem Direktor des Alu-Scout Innovation Awards. Mit seiner Expertise hat er in den 1990er-Jahren mehrfach als Jurymitglied zum Red Dot Design Award beigetragen. Tõnis Käo lebt in München.

Ausstellungseröffnung: Harry Liivrand, Kulturattaché der Botschaft der Republik Estland, Kai Lobjakas, Direktorin des Estonian Museum of Applied Art and Design, Prof. Kurt Mehnert, Rektor der Folkwang Universität der Künste, Prof. Anke Bernotat, Folkwang Universität der Künste, Tõnis Käo, Prof. Dr. Peter Zec, Initiator und CEO Des Red Dot, und Vito Oražem, Geschäftsführender Vorstand des Design Zentrums Nordrhein Westfalen

Bei der Ausstellungseröffnung würdigte Prof. Dr. Peter Zec in seiner Einführung das Schaffen von Tõnis Käo – in Anlehnung an das Zitat „Wenn Siemens wüsste was Siemens weiß, dann wären unsere Zahlen noch besser“ von Heinrich von Pierer – mit den Worten „Wenn Siemens wüsste was Tõnis Käo weiß.“

Ausstellungseröffnung: Prof. Anke Bernotat, Folkwang Universität der Künste, Tõnis Käo und Prof. Kurt Mehnert, Rektor der Folkwang Universität der Künste

Das Red Dot Design Museum Essen ist Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr geöffnet, vom 7. März bis 31. Oktober 2016 ist es täglich von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Das Museum ist „Eintritt frei“-Partner der RUHR.TOPCARD 2016 und bietet den Inhabern der Erlebniskarte für das Ruhrgebiet einmalig freien Eintritt.

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