Freitag, 29. Januar 2016

Theater Hagen: Richard O´Brien´s „The Rocky Horror Show“

Richard O´Brien´s „The Rocky Horror Show“; Musik, Gesangstexte und Buch: Richard O´Brien; Inszenierung: Holger Hauer; Choreografie: Ricardo Fernando; Ausstattung: Sandra Fox; Lichtdesign: Achim Köster; Dramaturgie: Thilo Borowczak; Musikalische Leitung: Steffen Müller-Gabriel. Besetzung: Klaus Nierhoff (Erzähler), Jan Schuba (Brad Majors), Tanja Schun (Janet Weiss), Henrik Wager (Frank´n´Furter), Guildo Horn (Riff Raff), Marilyn Bennett (Magenta), Ellen Kärcher (Columbia), Tillmann Schnieders (Rocky Horror), Richard van Gemert (Eddie), Werner Hahn (Dr. Everett Scott), Opernchor des theaterhagen, balletthagen, Statisterie des theaterhagen, Die Orthopädischen Strümpfe. Uraufführung: 19. Juni 1973, The Royal Court Theatre Upstairs, London. Deutschsprachige Erstaufführung: 20. Januar 1980, Grillo-Theater, Essen. Premiere: 14. Januar 2012, Wiederaufnahme: 26. Januar 2016, Theater Hagen, Großes Haus



Richard O´Brien´s „The Rocky Horror Show“


„Let´s do the Time Warp again“ and again and again…


Sechs Jahre nach „Hair“ (Uraufführung 17. Oktober 1967, Anspacher Theatre, New York) entstand in London die makaber-unkonventionelle Show „The Rocky Horror Show“ – eine irrwitzige Parodie auf Horror- und Science-Fiction-Filme, Transvestiten, kleinbürgerliches Spießbürgertum und Rock´n´Roll-Musik der 1950er und 1960er Jahre. Und obwohl diese stellenweise die Grenzen des guten Geschmacks überschritt, wurde sie nach der Premiere auf der Studiobühne des Royal Court Theatres in London und mehrfachem Theaterwechsel allein in England 2.960 Mal aufgeführt. Am Broadway (Premiere 10. März 1975, Belasco Theatre) geriet das Werk mit nur 45 Vorstellung zu einem veritablen Flop, obwohl es zuvor am Roxy Theatre in Los Angeles (Premiere 24. März 1974) neun Monate erfolgreich gezeigt wurde, entwickelte sich aber seit der Verfilmung als „The Rocky Horror Picture Show“ (1975) zu einem international erfolgreichen Kult-Musical, das Dank seiner unverhohlenen Botschaft und der exzessiv-voyeuristischen Präsentation eine vorwiegend jüngere Fangemeinde gefunden hat. Seine Faszination und Wirkung auf das Publikum sind unvergleichlich. Auch bei Theateraufführungen kommt es immer wieder vor, dass nach ihren Vorbildern bizarr kostümierte und geschminkte Fans mit ihren Kommentaren und Mitmach-Aktionen die Show zu einem übermütigen Bühnen-Spektakel werden lassen.

Tanja Schun (Janet Weiss) und Jan Schuba (Brad Majors). Foto Klaus Lefebvre, © theaterhagen

Den Wissenschaftler Dr. Frank N. Furter als exzentrisch zu bezeichnen, wäre noch untertrieben. Die Wirkung seiner hemmungslosen Gier nach seelischer und körperlicher Erfüllung erleben die frisch und vorerst glücklich verlobten Brad Majors und Janet Weiss nach einer schicksalhaften Reifenpanne an einem verregneten Herbstabend. In dem Schloss, in dem sie nach Hilfe suchen, erleben sie statt des erhofften Telefongesprächs die Nacht ihres Lebens. Kaum haben sie sich mit der verstörenden Tatsache arrangiert, von Außerirdischen des Planeten Transsexual aus der Galaxie Transylvania umgeben zu sein, müssen sie die Geburt des unwiderstehlichen Retortenwesens Rocky miterleben. Im Laufe der folgenden Feierlichkeiten erlebt das Paar Verführungen, die jede Vorstellung sprengen, die ihr Bewusstsein in ungeahnte Galaxien schicken, sie zu neuen Menschen machen. Als der an den Rollstuhl gefesselte Wissenschaftler Dr. Everett Scott auf der Suche nach seinem vermissten Neffen Eddie im Schloss auftaucht, wittert Frank ein Komplott gegen ihn, fesselt die drei Besucher elektronisch an den Boden und inszeniert ein groteskes Bühnen-Happening. Das makabere Geschehen kommt zu einem abrupten Ende, als Riff Raff als Oberhaupt der Außerirdischen und Magenta in Raumanzügen auftauchen und Frank wegen seiner übermäßigen Dekadenz töten. Während die Außerirdischen bereits ins galaktische Transylvanien abheben, können Brad und Janet soeben noch entkommen.

Guildo Horn (Riff-Raff), Henrik Wager (Frank´n´Furter), Ellen Kärcher (Columbia), Marilyn Bennett (Magenta). Foto Klaus Lefebvre, © theaterhagen

Vier Jahre nach der Premiere am 14. Januar 2012 am Theater Hagen feierte Richard O´Brien´s „The Rocky Horror Show“ mit Guildo Horn und seiner Band „Die Orthopädischen Strümpfe“ am 26. Januar 2016 daselbst mit lediglich marginalen Umbesetzungen Wiederaufnahme, Klaus Nierhoff spielt anstelle von Orlando Mason den Erzähler, Jan Schuba anstelle von Jeffery Krueger (Brad Majors), und Ellen Kärcher anstelle von Susanna Mucha (Columbia). Ein gut gefülltes Auditorium rechtfertigt die Entscheidung, das Kultmusical auch in der vierten Spielzeit an sieben Terminen auf den Spielplan zu setzen. Unabhängig vom Geschehen auf der Bühne scheint es in Hagen viele Wiederholungstäter zu geben, die den Theaterbesuch nutzen, um exzessiv dem Anarchismus zu frönen und den Theatersaal in einen richtigen Saustall zu verwandeln: In der Ansage vor Beginn der Vorstellung wird explizit zum Gebrauch von Wasserpistolen und Toilettenpapier sowie zum Werfen von Reis aufgefordert, wofür der „The Transylvanian Observer“ betitelte Programmzettel zwar keine Gebrauchsanweisung bereithält, aber Fans wissen natürlich traditionell, an welchen Stellen der Show Reis zu werfen ist, und an welcher ganze Rollen Toilettenpapier. In Hagen scheint man offensichtlich keine Angst um den altehrwürdigen Theatersaal zu haben, und so kann man bereits vor der Vorstellung beobachten, wie im Rang mächtig aufgerüstet wird und das Parkett dementsprechend bereits zur Pause wie ein Schlachtfeld aussieht. Beim „Time Warp“ scheint dagegen selbst in der vierten Spielzeit erheblicher Nachhilfebedarf zu bestehen, lediglich ganz vereinzelt wird im Auditorium mitgetanzt. Möglicherweise liegt das ja einfach an der fehlenden visuellen Anleitung durch den Erzähler in der Hagener Produktion. So mag zwar mit dem „Time Warp“ der größte Hit des Musicals für Guildo Horn (Riff Raff) zu bleiben, aber der Funke springt einfach nicht über. Dessen scheint man sich womöglich auch bewusst zu sein, denn als Zugabe gibt es nicht nochmals den „Time Warp“, sondern „I´m Going Home“ von Henrik Wager (Frank´n´Furter).

Tillmann Schnieders (Rocky) und Ensemble. Foto Klaus Lefebvre, © theaterhagen

Tatsächlich hat man in der Inszenierung von Holger Hauer häufig den Eindruck, der Regisseur wolle mit seinem Kreativteam eine eigene Handschrift entwickeln und sich ganz bewusst von der übermächtigen Vorlage des Originals distanzieren, leider nicht immer zum Vorteil des Geschehens auf der Bühne. Das Bühnenbild von Ausstatterin Sandra Fox wird von schwarzen und weißen Streifen dominiert, und ihre Kostüme im Look der 1970er-Jahre – ursprünglich hatte Richard O´Brien die Handlung in den fünfziger Jahren angesiedelt – passen zwar zur Entstehungszeit des Musicals, sind aber für mein Empfinden eine Spur zu bieder ausgefallen. Den Appell zur sexuellen Befreiung („Don’t dream it – be it!“) sucht man hier vergebens. Ebenfalls nicht besonders mutig wirkt die Choreografie von Ricardo Fernando, in der das Ballett des Theaters Hagen in Erscheinung tritt, wobei auf eben jene Stepptanz-Nummer im „Time Warp“ verzichtet wird, in der Columbia solistisch im Vordergrund steht. Das alles kann dem Mitmach-Spaß nicht allzu viel anhaben, und von der Regie hinzugefügte Pointen wie beispielsweise die Bohr­maschine, die Orlando Mason (Erzähler) als Reaktion auf die „Boring“-Masche im zweiten Akt voller Unverständnis hervorholt, sind allemal für einen Lacher gut.

Guildo Horn (Riff-Raff) und Marilyn Bennett (Magenta). Foto Klaus Lefebvre, © theaterhagen

Im gesamten Ensemble sind glücklicherweise keine Ausfälle zu verzeichnen. Ohne damit die Leistung der übrigen Darsteller schmälern zu wollen, seien an dieser Stelle Henrik Wager als dekadenter Transvestit Frank´n´Furter, Jan Schuba und Tanja Schun als Brad Majors und Janet Weiss, Guildo Horn als Butler Riff Raff und Tillmann Schnieders als Rocky Horror genannt. Henrik Wager erinnert mit der gewaltigen Haarpracht im Afro-Look an den jungen Michael Jackson und spielt seine Rolle deutlich weniger schrill als Tim Curry, Jan Schuba und Tanja Schun geben ein herrlich spießiges Paar ab, Janet erinnert nach ihrer Verwandlung allerdings eher an Sandy Dumbrowski aus „Grease“ als an einen sexbesessenen Vamp, Tillmann Schnieders kann – anders als Peter Hinwood, der Darsteller des Rocky in der „Rocky Horror Picture Show“, dessen Part vom australischen Sänger Trevor White synchronisiert wurde – auch gesanglich in seiner Rolle überzeugen. Guildo Horn lässt als grau geschminkte Butler von Anfang an erkennen, wie sehr Riff Raff das unmoralische Treiben im Schloss anwidert.

Henrik Wager (Frank´n´Furter). Foto Klaus Lefebvre, © theaterhagen

Der unterhaltsame Abend „funktioniert“ mit tollen Haupt­darstellern auch in der vierten Spielzeit am Theater Hagen, und das Publikum feiert diese nach zwei­ein­halb­stündiger Aufführung mit langanhaltendem Applaus. Richard O´Brien´s „The Rocky Horror Show“ steht am Theater Hagen noch bis zum 2. Juli 2016 mit sechs Folgevorstellungen auf dem Spielplan. Man darf gespannt sein, wie Johannes Reitmeier mit der übermächtigen Vorlage umgeht, dessen Inszenierung am 20. Februar 2016 im Musiktheater im Revier Premiere feiern wird.

Haben Sie selbst Richard O´Brien´s „The Rocky Horror Show“ am Theater Hagen schon gesehen? Wie hat Ihnen die Vorstellung gefallen?

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