Freitag, 8. Januar 2016

Neanderthal Museum

Ausflug in die Geschichte der Menschheit von den Anfängen vor mehr als vier Millionen Jahren bis in die Gegenwart

Neanderthal Museum

Der Mensch stamme vom Affen ab, so hört man bisweilen, wenn man den Gesprächen von Besuchern in Zoologischen Gärten lauscht. Doch spätestens seit Charles Darwin, seinen Beiträgen zur Evolutionstheorie und seinem am 24. November 1859 veröffentlichten Werk „On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life“ wissen wir, dass alle heute existierenden Lebewesen von gemeinsamen Vorfahren abstammen. Sowohl Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans als auch Menschen haben also gemeinsame Vorfahren. Wer es gern etwas genauer wissen möchte, der ist im Neanderthal Museum in Mettmann genau richtig: Hier wird die Geschichte der Menschheit von den Anfängen vor über vier Millionen Jahren bis in die Gegenwart hinein vorgestellt.

1856 im Neandertal aufgefundene Knochenfragmente.
© Stiftung Neanderthal Museum

Im August 1856 fanden Arbeiter in der „Feldhofer Grotte“ im Neandertal bei Kalkabbauarbeiten die Knochen, die der Elberfelder Gymnasialprofessor Johann Carl Fuhlrott (* 31. Dezember 1803 in Leinefelde, † 17. Oktober 1877 in Elberfeld) als Skelettreste eines eiszeitlichen Menschen identifizierte. Später bestätigten Funde des gleichen Typs, dass er Recht hatte; so entstand der Name Neanderthaler für diesen Menschentyp, wissenschaftlich Homo neanderthalensis. Auf Beschluss der Orthographischen Konferenz von 1901 in Berlin entfiel das „h“ offiziell aus dem Namen, sowohl das Neanderthal Museum als auch der Bahnhof Neanderthal verwenden jedoch weiterhin die traditionelle Schreibweise. Das Neandertal und sein Museum sind weltbekannt. 1921 wurde das Gebiet zum ersten Naturschutzgebiet Preußens. Unweit des Fundorts des Eiszeit-Menschen eröffnete 1937 ein urzeitgeschichtliches Museum in den heutigen Räumen der Steinzeitwerkstatt. 1962 wurde das Museum umgestaltet. Anbau-Pläne scheiterten 1982 wegen des Naturschutzes. 1991 verpflichteten sich der Förderverein Neanderthal Museum und der Kreis Mettmann dazu, ein neues Museum zu bauen und zu betreiben. Das heutige Neanderthal Museum an der Verbindungsstraße zwischen Erkrath und Mettmann wurde 1995/96 nach einem Entwurf von Günter Zamp Kelp, Julius Krauss und Arno Brandlhuber errichtet und am 10. Oktober 1996 eröffnet.

„Neanderthaler 1“, Kalotte, Original im Rheinischen Landesmuseum, Bonn

Den längsovalen, geschlossenen Betonkörper, dem eine Fassade aus Japanglas vorgehängt ist, kennzeichnet eine langsam aus der Erde ansteigende Rampe, die sich über vier Ebenen erstreckt – eine Spirale als Sinnbild der Evolution. Auf der 400 Meter langen Rampe, die bis zu sieben Meter breit ist, liegen das Auditorium, die Ausstellungsflächen und das Foyer mit dem Museumsshop. Tageslicht gelangt nur durch Oberlichter im Dach, die das zentrale Treppenhaus beleuchten, in das Gebäude. Darüber hinaus öffnet sich die Fassade am Ende der Rampe im Café zu einem Glaskörper, der den Blick in den Museumsgarten sowie auf das Düsseltal in Richtung der Fundstelle des Neanderthalers freigibt. Über die Elemente der klassischen Museumspräsentation (Exponat, Bild und Lesetext) hinaus erzählt das Neanderthal Museum als Erlebnismuseum durch multimediale Inszenierungen und Hörerlebnisse den Besuchern die Geschichte ihrer Entwicklung. Die Ausstellung wurde im Jahr 2006 überarbeitet und am 10. Oktober 2006 neu eröffnet.

Rekonstruktion des Neanderthalers aus der „Feldhofer Grotte“, Adrie und Alfons Kennis, Arnheim, 2006

Nach einer Einführung, in der die Geschichte des Neandertals und die Fundgeschichte des Neanderthalers präsentiert werden, wird in den fünf Themenbereichen
  • Leben und Überleben
  • Werkzeug und Wissen
  • Mythos und Religion
  • Umwelt und Ernährung
  • Kommunikation und Gesellschaft
ein chronologischer Abriss der Menschheitsentwicklung gegeben. Neanderthaler – verkörpert durch Dermoplastiken – bilden jeweils einen Schwerpunkt der Präsentation. Neanderthalerfrauen, -männer und -kinder unterschiedlichen Alters sitzen und stehen dem Besucher in Lebensgröße gegenüber. Im Neanderthal Museum ist das größte Ensemble rekonstruierter Neanderthaler weltweit zu finden. Die dort ausgestellten, lebensechten Rekonstruktionen entsprechen dem letzten Stand der Wissenschaft. So ist seit Mai 2012 die Rekonstruktion des Neandertalers „Mr. 4 %“ zu sehen, nachdem Forscher 2010 entdeckten, dass alle Menschen außerhalb Afrikas bis zu 4 % Neandertaler-DNS in sich tragen. Das von den renommierten niederländischen Künstlern und Präparatoren Adrie und Alfons Kennis rekonstruierte Neanderthaler-Mädchen „Kina“ mit einer Körpergröße von etwa 120 Zentimetern sitzt seit Juni 2015 im Themenbereich „Kommunikation und Gesellschaft“.

Rekonstruktion des Neanderthalers aus der „Feldhofer Grotte“ mit neuzeitlicher Freundin. © Stiftung Neanderthal Museum

Viele multimediale Inszenierungen und Hörerlebnisse vermitteln zusammen mit den Exponaten und Lesetexten einen spannenden Einblick in die Archäologie und Paläoanthropologie. Der Audioguide steht für Kinder in einer separaten Ausführung zur Verfügung. Für Besuchergruppen werden – nach vorheriger Anmeldung – Führungen durch das Museum angeboten. Für Schulklassen wurden verschiedene Führungskonzepte entwickelt, die auf die Lehrpläne der Schulen abgestimmt sind. Jährlich werden weit über 2.000 Gruppen durch das Museum geführt. Mit rund 170.000 Besuchern im Jahr gehört das Neanderthal Museum zu den erfolgreichsten archäologischen Museen in Deutschland.

„Eine Reise durch die Zeit“

„Etappen der Menschwerdung“, Rekonstruktionen

Homo erectus, Rekonstruktion nach dem Schädel einer erwachsenen Frau von Koobi Fora, Kenia, Elisabeth Daynès, Paris, 1996

Homo sapiens sapiens, Rekonstruktion nach dem Schädel von Bonn-Oberkassel, Elisabeth Daynès, Paris, 1996

„Die Neanderthaler und wir“

„Mr. 4 %“, realistisch wirkende Nachbildung des Neanderthalers aus der „Feldhofer Grotte“, Adrie und Alfons Kennis, Arnheim, 2012.
© Stiftung Neanderthal Museum

„Mr. 4 %“, realistisch wirkende Rekonstruktion des Neanderthalers aus der „Feldhofer Grotte“, Adrie und Alfons Kennis, Arnheim, 2012

„Werkzeuge für Werkzeuge“, Homo sapiens neanderthalensis, Rekonstruktion nach dem Schädel von La Chapelle-aux-Saints, Frankreich, Elisabeth Daynès, Paris, 1996

„Mythos und Religion“, Beerdigung, Homo sapiens neanderthalensis, Rekonstruktion nach dem Schädel aus dem Kalksteinbruch Forbes’ Quarry, Gibraltar, Elisabeth Daynès, Paris, 1996

„Überall und Unterwegs“, Frauenfigur, Kalkstein, Willendorf, Österreich, 25.000 Jahre alt, Original: Naturhistorisches Museum Wien

„Sammeln und Jagen – ein perfektes Paar“. Homo sapiens neanderthalensis, Rekonstruktion nach dem Schädel aus dem Kalksteinbruch Forbes’ Quarry, Gibraltar, und Rekonstruktion nach dem Schädel von La Chapelle-aux-Saints, Frankreich, Elisabeth Daynès, Paris, 1996

„Erzählen als älteste Kunst“, Homo sapiens neanderthalensis, Rekonstruktion nach dem Schädel von La Quina, Frankreich, Elisabeth Daynès, Paris, 1996

Neanderthaler-Mädchen „Kina“ mit neuzeitlicher Freundin.
© Stiftung Neanderthal Museum

Homo sapiens neanderthalensis, Rekonstruktion nach einem Schädelfund aus La Quina, Frankreich, Adrie und Alfons Kennis, Arnheim, 2015

Neanderthal Museum, zentrales Treppenhaus

Das Neanderthal Museum ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, es ist „Eintritt frei“-Partner der RUHR.TOPCARD 2016 und bietet den Inhabern der Erlebniskarte für das Ruhrgebiet ganzjährig einmalig freien Eintritt in die Dauerausstellung. Gilt nicht bei Sonder­veranstaltungen. Weitere Informationen unter www.neanderthal.de.


Fundstelle im Neandertal

Rabenstein und Eingang zur Fundstelle

Seit dem 10. Juli 2002 steht die Fundstelle des Neanderthalers Besuchern als archäologische Erinnerungslandschaft offen. Die Landschaftsarchitekten Jan Wehberg und Cornelia Müller haben als Preisträger eines internationalen Wettbewerbs den Ort erfahrbar gemacht. Der Fundort galt als verschollen und konnte durch Ausgrabungen des Rheinischen Amtes für Bodendenkmalpflege in den Jahren 1997 und 2000 wiederentdeckt werden. Die historischen und natürlichen Zeugnisse des Ortes wurden im Rahmen der EUROGA 2002plus mit erklärenden architektonischen Elementen zu einer außergewöhnlichen Inszenierung zusammengefügt.

Erinnerungstafel am Rabenstein

Teil der Inszenierung sind mächtige Steinkreuze, die das Messnetz der Welt sichtbar machen und den Fundort markieren. Eine 200 Meter lange Zeitachse mit kulturellen Meilensteinen symbolisiert 2,5 Mio. Jahre Geschichte der Gattung Homo. Zwei Botanika berichten von der Umwelt des Eiszeitalters und Klimakreuze dokumentieren den Klimaverlauf. Das Ausgrabungsareal ist ebenso ausgewiesen wie die ehemalige Lage der Feldhofer Grotte. Große Steinliegen laden zum Ausruhen und zur Reflexion über den verloren gegangenen Ort ein. Infokreuze mit Lese- und Hörtexten bieten entscheidende Hinweise zum Verständnis der Talgeschichte.

Ereignis auf der „Raum Zeit Achse“

Der Weg zur Fundstelle und ihrem archäologischen Parcours beginnt am Museum mit der Raumachse. Wie im Museum wird die Geschichte des Ortes in eine große Erzählung eingebunden, die über ein Audiosystem hörbar wird. In den Texten kommen historische Zeugen, die das Tal in seiner ursprünglichen Form kannten, in Zitaten zu Wort und machen Geschichte erlebbar.

Fundstelle

Fundstelle

Südlich vom Neanderthal Museum befindet sich der Kunstweg „MenschenSpuren“, der sich dem Spannungsfeld Mensch-Natur widmet, und das Eiszeitliche Wildgehe Neandertal mit Tarpanen, Auerochsen und Wisenten. Sicher ein schöner Anreiz, das Neandertal im Frühjahr/Sommer nochmals zu besuchen.

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