Samstag, 16. Januar 2016

Theater Oberhausen: „Lulu. Eine Mörderballade“

„Lulu. Eine Mörderballade“ – nach den Dramen „Erdgeist“ (1895), „Die Büchse der Pandora“ (1902) und „Lulu“ (1913) von Frank Wedekind; Musik, Songtexte: Martyn Jacques (The Tiger Lillies); Inszenierung: Stef Lernous; Bühne, Lichtdesign: Sven van Kuijk; Kostüme: Marina Sell Cajueiro, Stef Lernous; Dramaturgie: Rüdiger Bering; Musikalische Leitung: Otto Beatus. Mit Susanne Burkhard (Shig), Laura Angelina Palacios (Lulu), Anja Schweitzer (Jack the Ripper), Torsten Bauer (Dr. Goll), Moritz Peschke (Alwa), Eike Weinreich (Schwartz), Michael Witte (Shunning). Band: Otto Beatus (Klavier), Peter Engelhardt (Gitarre, Banjo, Mandoline), Volker Kamp (Bass, Posaune), Jan Klare (Saxofon, Trompete), Stefan Lammert (Schlagzeug, Percussion), Oliver Siegel (Akkordeon, Keyboards). Uraufführung: 20. Januar 2014, West Yorkshire Playhouse, Leeds. Deutsche Erst­auf­führung: 15. Januar 2016, Theater Oberhausen, Großes Haus.



„Lulu. Eine Mörderballade“


Deutsche Erstaufführung am Theater Oberhausen


Schöning, Redakteuer einer Berliner Zeitung, hat die minderjährige Lulu von der Straße geholt, zu seiner Geliebten gemacht und, um sich selbst gut bürgerlich vermählen zu können, mit dem greisen Medizinalrat Dr. Goll verkuppelt, der sie Ellie nennt und vom Kunstmaler Schwarz porträtieren lässt. Als der bislang asexuelle Schwarz über Lulu herfällt, trifft den hinzukommenden Medizinalrat Dr. Goll buchstäblich der Schlag. Schwarz heiratet Lulu, nennt sie Eva und wird durch seine Bilder von ihr reich und berühmt. Als er von Schöning erfährt, dass Lulu nach wie vor dessen Geliebte ist, bringt er sich um. Schöning heiratet nun selbst die zweifache Witwe und nennt sie – in Anlehnung an Johann Wolfgang Goethes Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ – Mignon. Auch ihn plagt bald die Eifersucht… auf den Athleten Rodrigo Quast, auf die lesbische Gräfin Geschwitz und auf seinen eigenen Sohn Alwa. Schöning fordert Lulu zum Selbstmord auf. Stattdessen tötet sie ihn und wird inhaftiert. Lulu wird von der in sie verliebten lesbischen Gräfin Geschwitz aus dem Gefängnis befreit und entkommt nach Paris. Als sie vor der Polizei nach London flieht, endet sie schließlich als Opfer des Frauenmörders Jack the Ripper.

Laura Angelina Palacios (Lulu) und Susanne Burkhard (Shig). © Birgit Hupfeld

Eine „Monstre-Tragödie“ nannte Frank Wedekind (* 24. Juli 1864 in Hannover; † 9. März 1918 in München) seine 1894 vollendete Urfassung der „Lulu“, die Hauptfigur, verkörpert den Konflikt zwischen Sexualität und bürgerlicher Moral. An eine Aufführung des Werkes war im wilhelminischen Deutschland angesichts der unverklemmten, unverschämten Darstellung von sexueller Lust und Abhängigkeit, von lesbischer Liebe und Prostitution nicht zu denken. Wie in einer lüsternen und blutigen Moritat lässt Wedekind die Herren der Gesellschaft dem „schönen wilden Tier“ Lulu verfallen, scheitert deren bürgerliche (Doppel-) Moral an Lulus unbedingter Lebensgier und ihrer Sehnsucht nach geistiger wie sexueller Freiheit. Täter und Opfer lassen sich in der Tragödie nicht klar voneinander unterscheiden. Peter Zadek brachte 1988 erstmals die vollständige Urfassung des Stückes am Schauspielhaus Hamburg auf die Bühne.

Laura Angelina Palacios (Lulu). © Birgit Hupfeld

Wedekinds „Lulu“ hat immer wieder Musiker zu Vertonungen inspiriert, von Alban Berg – seine unvollendete Oper „Lulu“ wurde am 2. Juni 1937 am Opernhaus Zürich uraufgeführt – bis Lou Reed, der die Musik ursprünglich für Robert Wilsons Inszenierung des Dramas am Berliner Ensemble geschrieben hatte. Bei der englischen Theaterband The Tiger Lillies – in Deutschland sorgte vor allem ihr „Shockheaded Peter“ für Furore – wird die „Monstre-Tragödie“ zur „Mörderballade“: „Lulu – A Murder Ballad“ wurde von der im nordenglischen Leeds ansässigen Opera North in Auftrag gegeben und dort am 20. Januar 2014 mit The Tiger Lillies und Laura Caldow am West Yorkshire Playhouse uraufgeführt. Ebenfalls im Januar 2014 erschien das Album „Lulu – A Murder Ballad“ mit 17 brandneuen Songs von The Tiger Lillies und der Coverversion von Cole Porters „My Heart Belongs to Daddy“ aus dem Musical „Leave It to Me!“. Die von Martyn Jacques komponierten und bei der Uraufführung von Martyn Jacques (Gesang, Akkordeon, Klavier, Ukulele), Adrian Stout (Bass, Singende Säge, Theremin, Hintergrundgesang) und Mike Pickering (Schlagzeug, Perkussion, Hintergrundgesang) performten Songs wurden für die deutsche Erstaufführung von Otto Beatus, der für diese Produktion als Musikalischer Leiter ans Theater Oberhausen zurückkehrt, für sechs Musiker neu arrangiert, wodurch Martyn Jacques’ Kompositionen ein breiteres Spektrum an Klangfarben bekommen. Die Band macht einen guten Job, aber bedauerlicherweise ist die Abmischung zwischen Band und Gesang der Darsteller bei den rockigeren Songs ein wenig unglücklich ausgefallen (Ton Philipp Schmidt), der Gesang wurde nämlich im Rang bei diesen Songs von der Band völlig überdeckt und war dadurch leider nicht zu verstehen. Dies sei im Parkett nicht der Fall gewesen, berichteten Zuschauer im Anschluss an die Vorstellung, die im Parkett gesessen haben. Glücklicherweise sind die Songs übertitelt, so dass man auch im Rang jederzeit mitbekommt, wovon sie handeln.

Anja Schweitzer, Moritz Peschke, Michael Witte und Susanne Burkhard (Shig). © Birgit Hupfeld

Regie führt der 1973 geborene Belgier Stef Lernous, mit dessen Theater „Abattoir Fermé“ („geschlossener Schlachthof“) das Theater Oberhausen „Lulu. Eine Mörderballade“ als Koproduktion realisiert. In seiner zwischen Brüssel und Antwerpen gelegenen Heimatstadt Mechelen entstehen seit gut fünfzehn Jahren äußerst ungewöhnliche und faszinierende Theaterabende, die in Belgien und den Niederlanden Kult sind: Stef Lernous kreiert in seinen Arbeiten auf verblüffende Weise und mit zugleich raffinierten wie einfachen Theatermitteln an Horrorfilme erinnernde Atmosphären und betörende, verstörende Bilderwelten. Frank Wedekinds „Lulu“ auf seine Weise zu adaptieren war ein seit fünfzehn Jahren gehegtes Lieblingsprojekt von Stef Lernous – genauso wie ein Abend mit Musik der Tiger Lillies. Stef Lernous siedelt die Handlung in und vor einer herunter­ge­kommenen Fleischerei an, Sven van Kuijk hat hierfür das adäquate Bühnenbild entworfen, welches eben genau an einen geschlossenen Schlachthof erinnert, sowie das vortreffliche Lichtdesign. Die Grenzen zwischen betörenden und verstörenden Bilderwelten wird sicher jeder individuell ziehen. Wenn Lulus Verehrer in der Fleischerei mit einem Fleischerbeil gleich reihenweise einen Kopf kürzer gemacht werden und die Köpfe im Anschluss auf der Fensterbank aufgereiht werden, so dürfte dies bei zartbesaiteten Gemütern womöglich ein gewisses Unbehagen auslösen, wohingegen einen durch Horrorfilme abgestumpften Zuschauer in Lernous’ Inszenierung wahrscheinlich gar nichts mehr schockieren kann. Wobei Martyn Jacques’ Songtexte, die am Theater Oberhausen im englischen Original zu hören sind, nicht ganz ohne sind… Aber von Provokation kann beileibe nicht die Rede sein, das Porträt von Lulu, das lediglich ihre Vagina zeigt, da mag womöglich Gottfried Helnweins Plakat zu Peter Zadeks Inszenierung Pate gestanden haben, daran kann sich wohl nur Schwartz ergötzen, bevor er es durch die Reihen im Auditorium gehen lässt. Frank Wedekinds Kritik an der bürgerlichen Sexualmoral seiner Zeit, von der in der Aufführung nicht mehr viel zu sehen ist, dürfte durch den tiefgreifenden Wandel der Sexualmoral ohnehin längst überholt sein.

Susanne Burkhard (Shig), Laura Angelina Palacios (Lulu), Anja Schweitzer. © Birgit Hupfeld

Susanne Burkhard erzählt als ausbeuterischer Zuhälter Shig auf unheimliche Art wie ein Conférencier aus der Hölle Lulus Geschichte, angeblich ist Shig auch Lulus Vater. Während in der Uraufführung Lulus Entwicklung von der Lolita zur femme fatale durch eine Tanzperformance von Laura Caldow sichtbar gemacht wurde, treten in Stef Lernous’ Adaption Lulu, ihre Verehrer Shunning, Dr. Goll, Schwartz, Alwa und ihr Mörder Jack the Ripper in persona in Erscheinung, verkörpert von Laura Angelina Palacios, Michael Witte, Torsten Bauer, Eike Weinreich, Moritz Peschke und Anja Schweitzer. In der Uraufführung hat Martyn Jacques mit seinem Falsettgesang bei allen Songs den Part des Leadsängers übernommen, in Oberhausen sind die Songs auf die Darsteller verteilt, und so kommt Laura Angelina Palacios als Lulu – von Anfang an eher Opfer als Täter – die Aufgabe zu, den Abend mit der zynischen Coverversion von Cole Porters „My Heart Belongs to Daddy“ zu beschließen, in der Lulu tatsächlich zu glauben scheint, ihr Daddy habe sie so gut behandelt. Mary Martin wurde übrigens mit diesem einen Song im zweiten Akt von „Leave It to Me!“ (Premiere 9. November 1938, Imperial Theatre, New York City) über Nacht zum Star.

Moritz Peschke (Alwa), Anja Schweitzer, Michael Witte (Shunning) und Laura Angelina Palacios (Lulu). © Birgit Hupfeld

Ist „Lulu. Eine Mörderballade“ nun ein Musical? Martyn Jacques hat Frank Wedekinds Drama in einem 18 Lieder umfassenden Songzyklus verarbeitet, den Stef Lernous bildgewaltig als szenisches Konzert auf die Bühne gebracht hat. Wer eine klassische Musicalproduktion erwartet, könnte womöglich sehr enttäuscht werden, weshalb ich in diesem Zusammenhang mit dem Begriff „Musical“ extrem vorsichtig umgehen würde. „Musikalisches Unterhaltungstheater“ träfe es eindeutig besser, auch wenn sich ein „Musical“ besser vermarkten ließe.

„Lulu. Eine Mörderballade“ wurde am Theater Oberhausen nach der 95-minütigen, ohne Pause gespielten Aufführung vom Premierenpublikum enthusiastisch gefeiert. Warum? Womöglich aus dem gleichem Grund, aus dem Stef Lernous’ Theaterabende in Belgien und den Niederlanden Kult sind. Folge­vor­stellungen stehen am 16., 20. und 22. Januar, 5. und 13. Februar, 12. März und 13. April 2016 auf dem Spielplan. Das „Kunstencentrum NONA“ in Mechelen bietet am 22. Januar 2016 sogar eine Bustour nach Oberhausen mit Besuch der Vorstellung von „Lulu. Eine Mörderballade“ an.

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