Freitag, 4. Dezember 2015

Opernhaus Wuppertal: „West Side Story“

„West Side Story“ – nach einer Idee von Jerome Robbins und nach Shakespeares „Romeo and Julia“; Musik: Leonard Bernstein; Liedtexte: Stephen Sondheim; Buch: Arthur Laurents; Deutsche Fassung: Frank Tannhäuser, Nico Rabenald; Inszenierung: Katja Wolff; Choreografie: Christopher Tölle; Bühne: Cary Gayler; Kostüme: Heike Seidler; Lichtdesign: Pia Virolainen; Musikalische Leitung: Christoph Wohlleben. Darsteller: Gero Wendorff (Tony), Martina Lechner (Maria), Sarah Bowden (Anita), Christopher Brose (Riff), Andres Esteban (Action), Martin Ruppel (A-Rab), Benjamin A. Merkl (Baby John), Patrick Stauf (Snow Boy), Benny Tyas (Big Deal), Alex Hyne (Diesel), Fanny Hoffmann (Graziella), Veronika Enders (Velma), Julia Waldmayer (Minnie), Sanne Buskermolen (Clarice), Vicki Douglas (Pauline), Sabrina Reischl (Anybodys), Vladimir Korneev (Bernardo), Kevin Reichmann (Chino), Tim McFarland (Pepe), Oriol Sanchez i Tula (Indio), János Harót (Luis), Michael Sattler (Anxious), Andrea Sanchez del Solar (Rosalia), Joana Henrique (Consuela), Theano Makariou (Teresita), Ahou Nikazar (Estella), Lara de Toscano (Margarita), Stefan Gossler (Doc), Dietmar Nieder (Lt. Schrank), Claus Renzelmann (Officer Krupke), Vanni Viscusi (Dance Captain, Swing), Jane Reynolds (Swing). Broadway-Premiere: 26. September 1957, Winter Garden Theatre, New York. West-End-Premiere: 12. Dezember 1958, Her Majesty’s Theatre, London. Deutsche Erstaufführung: 16. Juni 1961, Deutsches Theater, München. Deutschsprachige Erstaufführung: 25. Februar 1968, Volksoper, Wien. Premiere: 2. Dezember 2015, Opernhaus, Wuppertal.



„West Side Story“


Der Broadway-Klassiker am Opernhaus Wuppertal


„The Dance At The Gym“: Ensemble; Foto Uwe Stratmann, © Wuppertaler Bühnen

Die „West Side Story“, nicht nur die bekannteste Vertonung von William Shakespeares „Romeo und Julia“, sondern auch eines der größten Werke des amerikanischen Musiktheaters, behandelt am Beispiel zweier rivalisierender Jugendbanden die Schwierigkeiten und Gegensätze zwischen den ein­ge­wan­derten Puertoricanern (‚Sharks‘) und den Einheimischen der New Yorker West Side (‚Jets‘) um 1955. Aus diesen rivalisierenden Banden verlieben sich Tony und Maria ineinander, doch angesichts der Feindseligkeiten ist ihre Liebe zum Scheitern verurteilt. Die Produktion erlebte am 26. September 1957 ihre Broadway Premiere am Winter Garden Theatre und wurde mit zwei Tony Awards ausgezeichnet, Jerome Robbins erhielt die Auszeichnung für seine Choreografie, und Oliver Smith für das Bühnenbild. Nach 732 Vorstellungen und einer daran anschließenden Tournee kehrte das Stück am 27. April 1960 für weitere 249 Aufführungen an den Broadway zurück. Es gab bisher zwei weitere Broadway Revivals, 1980 wurde die „West Side Story“ vom 14. Februar bis 30. November am Minskoff Theatre gezeigt, und die Neuinszenierung von Arthur Laurents am Palace Theatre wurde in 748 Vorstellungen vom 19. März 2009 bis 2. Januar 2011 gespielt. Das Stück wurde 1961 verfilmt; der Film wurde für elf Oscars nominiert, wovon er immerhin zehn tatsächlich erhalten hat. Bei der „West Side Story“ verschmelzen Musik, Schauspiel und Tanz in nahezu unübertrefflicher Form, und die in der von Robert E. Griffith und Harold S. Prince produzierten Uraufführung von Jerome Robbins choreographierten Tanzsequenzen gerieten zum beinahe wichtigsten Stilmittel. Robbins erarbeitete mit jedem Tänzer ein individuelles Repertoire an Gesten und schuf damit ein stilisiertes Tanztheater, das die bedrohlichen Auseinandersetzungen der Jugendlichen überzeugender auf die Bühne brachte als jede realistische Darstellung.

Martina Lechner (Maria) und Gero Wendorff (Tony); Foto Uwe Stratmann, © Wuppertaler Bühnen

Nachdem der zum Ende der Spielzeit 2015/2016 scheidende Opernintendant Toshiyuki Kamioka das feste Ensemble der Oper komplett entlassen und Opern-Produktionen mit Gästen nur noch im „Stagione“-Betrieb gespielt hat, melden sich die Wuppertaler Bühnen nun mit dem Broadway-Klassiker „West Side Story“ beim Musical-Publikum zurück. Wie bei kommerziellen Musical-Produktionen üblich mussten auch hier eine ganze Reihe von Musical-Darstellern engagiert werden, das Sinfonieorchester Wuppertal wurde in der Zwischenzeit glücklicherweise nicht entlassen, sondern für die „West Side Story“ sogar noch um zusätzliche Musiker ergänzt, woraus man messerscharf schlussfolgern darf, dass genau dieses Orchester eines der großen Pfründe ist, mit denen die Produktion wuchern kann: Leonhard Bernsteins facettenreiche Partitur mit den unvergesslichen Melodien „Maria“, „America“, „Somewhere“, „Tonight“ u. a. ist beim Sinfonieorchester Wuppertal unter der Musikalischen Leitung von Christoph Wohlleben bestens aufgehoben.

Sarah Bowden (Anita), Martina Lechner (Maria) und Vladimir Korneev (Bernado); Foto Uwe Stratmann, © Wuppertaler Bühnen

Da der Konflikt unterschiedlicher ethnischer Gruppen aktueller denn je sei, wollte Regisseurin Katja Wolff das Geschehen in ihrer Inszenierung im ‚Hier und Jetzt‘ ansiedeln. Was IMHO ein schwieriges Unterfangen darstellt, denn auch bei ihr handelt es sich bei den ‚Sharks‘ um eingewanderte Puertoricaner, ‚Hier‘ – in der Metropole Ruhr – liest man dagegen eher von Provokationen und Schießereien zwischen verfeindeten Libanon-Clans. An der generellen Problematik ändert dies natürlich nichts. Zu Beginn des zweiten Akts lässt Katja Wolff sich Maria und die Girls mangels Perspektive die Welt schöntrinken („I Feel Pretty“), doch die Ernüchterung folgt auf dem Fuß, als Chino die Nachricht überbringt, dass Tony ihren Bruder Bernado getötet hat. Bühnenbildnerin Cary Gayler siedelt den Schauplatz mit ihrem Einheitsbühnenbild unter einer grauen Autobahnbrücke an, die sich überall befinden könnte, das Haus, in dem Maria mit ihren Eltern wohnt, ist in der Mitte der Bühne im Hintergrund als graues Gebäude nur angedeutet, der obligatorische Balkon, auf dem sich Tony und Maria üblicherweise ihre Liebe gestehen, fehlt. Auf der linken Seite ist Doc’s Drugstore als mit einem Rollladen verschlossener Lagerschuppen zu sehen, der mit Graffiti besprüht ist. Womit bereits der erste Bezug zur Gegenwart hergestellt ist. In Verbindung mit den Projektionen (bei „The Dance At The Gym“ und im Finale) und dem stimmungsvollen Lichtdesign von Pia Virolainen ergeben sich stimmige Szenenbilder. Kostümbildnerin Heike Seidler stellt mit der Kleidung der ‚Jets‘ mit T-Shirts und Kapuzenpullovern im alltäglichen Schlabberlook einen weiteren Bezug zur Gegenwart her; die Mädchen der ‚Jets‘ sind in Leggings unterwegs, wohingegen die Mädchen der ‚Sharks‘ mit knappen Röcken und bauchfreien Tops bekleidet sind.

Christopher Brose (Riff), Ensemble; Foto Uwe Stratmann, © Wuppertaler Bühnen

Für die Produktion wurde eine junge Darstellerriege gecastet, die den darzustellenden Charakteren eine natürliche Authentizität verleiht. Die jungen Darsteller überzeugen vom getanzten Prolog bis zum Finale, von Beginn an wird klar, dass hier besonderer Wert auf die Tanzsequenzen gelegt wird, die mit beeindruckender Leichtigkeit umgesetzt werden. Die von Christopher Tölle erarbeiteten ansprechenden Choreografien erinnern sowohl an das ursprünglich von Jerome Robbins entwickelte Tanzrepertoire (bei den ‚Sharks‘) als auch an moderne Bewegungsformen (bei den ‚Jets‘). Neben Gero Wendorff (Mönch im Augustinerorden/Scherge/Stadtpfarrer Bugenhagen/Sohn in Stephans Theatertruppe/Kardinal Adrian von Utrecht in „LUTHER! Rebell wider Willen“) und Martina Lechner in den Rollen des jungen Liebespaares weiß auch Sarah Bowden als emotionale Puertoricanerin Anita im Zusammenspiel mit den Mädchen der ‚Sharks‘ bei „America“ sowie im Duett „A Boy Like That“ mit Martina Lechner für sich einzunehmen. In den Rollen der Anführer der ‚Jets‘ und ‚Sharks‘ können Christopher Brose (Galileo Figaro in „We Will Rock You“) als Riff und Vladimir Korneev (Costa Antonidis in „Ich war noch niemals in New York“) als aggressiver Bernardo überzeugen. Dem gesamten Ensemble mit 30 Darstellern ist die Spielfreude auf der Bühne anzumerken.

Sarah Bowden (Anita) und Martina Lechner (Maria); Foto Uwe Stratmann, © Wuppertaler Bühnen

Das Premierenpublikum belohnte nach etwa zwei­ein­halb­stündiger Aufführung Darsteller und Kreative mit wohlverdientem, lang anhaltendem Stehapplaus. Die „West Side Story“ steht bis zum 6. Januar 2016 mit insgesamt 22 Vorstellungen auf dem Spielplan des Opernhauses Wuppertal. In vier Vorstellungen (5., 26. und 27. Dezember 2015, 2. Januar 2016) wird Christian Alexander Müller die Rolle des Tony übernehmen, das dürfte für zusätzliches Interesse in entsprechenden Fankreisen sorgen.

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