Montag, 16. November 2015

„Klein Zaches, genannt Zinnober“

„Klein Zaches, genannt Zinnober“ – Steampunk-Oper von „Coppelius“ und Sebastian Schwab nach der gleichnamigen Erzählung von E. T. A. Hoffmann aus dem Jahre 1819. Komposition und Arrangements: „Coppelius“ und Thomas Rimes; Songtexte: Comte Caspar, Max Coppella und Graf Lindorf; Libretto, Inszenierung: Sebastian Schwab; Ausstattung: Britta Tönne; Licht: Sebastian Schwab, Jürgen Rudolph; Sounddesign: Jörg Debbert; Dramaturgie: Juliane Schunke; Musikalische Leitung: Thomas Rimes. Mitwirkende: Rüdiger Frank (E. T. A. Hoffmann, Klein Zaches), Ulrike Schwab (Fräulein von Rosenschön/Fee Rosabelverde, Candida) und „Coppelius“: Bastille (Balthasar), Comte Caspar (Fabian), Graf Lindorf (Liese, Prosper Alpanaus), Max Coppella (Pfarrer, Sbiocca), Sissy Voss (Mosch Terpin), Nobusama (Gehilfe von Prosper Alpanus). Neue Philharmonie Westfalen. Uraufführung: 14. November 2015, Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen.



„Klein Zaches, genannt Zinnober“


Uraufführung der womöglich ersten Steampunk-Oper am Musiktheater im Revier


Ulrike Schwab, Rüdiger Frank und „Coppelius“

Bereits seit 2012 existiert der Plan, gemeinsam mit der Berliner Band „Coppelius“, deren Mitglieder sich allesamt dem Phänomen des Steampunk verpflichtet fühlen, ein Opernprojekt der besonderen Art auf die Bühne des Musiktheaters im Revier zu bringen. Die Namen der Herren (Max Coppella, Comte Caspar, Nobusama, Graf Lindorf, Sissy Voss und Bastille) lassen auf eine große Affinität zu Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (* 24. Januar 1776 in Königsberg, † 25. Juni 1822 in Berlin) schließen, und so konnten sich alle Beteiligten schnell für das Kunstmärchen „Klein Zaches, genannt Zinnober“ aus dem Jahr 1819 erwärmen, das E. T. A. Hoffmann erst drei Jahre vor seinem Tod verfasst hat. In Sebastian Schwab fand Generalintendant Michael Schulz einen Librettisten und Regisseur, der sich für die Idee begeistern ließ, und nach zweijähriger Vorbereitungszeit kann man sich seit 14. November 2015 das Ergebnis auf der Bühne des Großen Hauses anschauen.

Ulrike Schwab (Fee Rosabelverde); Foto Pedro Malinowski

Klein Zaches ist der missgestaltete Sohn der armen Bauersfrau Liese, der weder sprechen noch laufen kann und seiner Mutter ständig zur Last fällt. Fräulein von Rosenschön, die niemand anderer als die bekannte Fee Rosabelverde ist, hat Mitleid mit der Mutter und ihrem Sohn. Sie kämt dem missgestalteten Jungen das Haar, wodurch er fortan allen Menschen schön, liebenswert und in allen Dingen begabt erscheint und alle Taten, die in seiner Gegenwart ein anderer vollbringt, ihm zugerechnet werden. Jahre später macht sich Klein Zaches auf den Weg zur Universitätsstadt Kerepes und wird im Haus des Professors der Naturkunde, Mosch Terpin als der junge Herr Zinnober vorgestellt. Die Gesellschaft ist völlig begeistert – bis auf Balthasar, ein Student und junger Dichter, der vor allem die Natur und Mosch Terpins schöne Tochter Candida liebt. Das Gedicht „Von der Liebe der Nachtigal zur Rose“, das Balthasar dort vorträgt, um Candida zu beeindrucken, wird jedoch Zinnober zugeschrieben. Balthasar schwört, den verruchten Zauber zu brechen und Zinnobers dreistes Spiel zu beenden. Als sich der zum Spezialrat aufgestiegene Zinnober mit Candida verlobt, macht sich Balthasar mit seinem Freund Fabian auf den Weg zu Doktor Prosper Alpanus, der zur Erkenntnis kommt, dass es sich bei Zinnober weder um ein Wurzelmännlein noch um einen Erdgeist handelt, sondern um einen ganz normalen Menschen, der lediglich unter einem geheimen Zauber stehe. Im Garten von Zinnobers Anwesen beobachten Balthasar, Fabian und Prosper Alpanus, wie Zinnober von der Fee Rosabelverde mit einem Zauberkamm gekämmt wird, der bei der folgenden wilden Verfolgungsjagd zerstört wird. Damit ist der Zauber gebrochen, und Balthasar und Fabian können Candidas und Zinnobers Hochzeit noch rechtzeitig verhindern…

Rüdiger Frank (E. T. A. Hoffmann); Foto Pedro Malinowski

Wer vorab niemals mit dem Phänomen Steampunk in Berührung gekommen war und auch keine Gelegenheit hatte, sich dazu beim „Premierenfieber“ am 5. November 2015 im Rahmen der Ausstellung „Steampunk – Vorwärts in die Vergangenheit“ von Katharina Holzer, Clara Lina Wirz und Carolin Glaser im oberen Foyer des Großen Hauses zu informieren, dürfte womöglich überrascht gewesen sein, auf Gäste in Steampunk-Outfits mit Krinoline, Korsett und Goggles zu treffen, die zur Uraufführung der „weltersten Steampunk-Oper“ zusammengekommen waren. Es handelte sich dabei um Anhänger der Steampunk-Bewegung und Fans der Berliner Kammercore-Band „Coppelius“, die ihrer Leidenschaft frönten. Zumindest vom Erfolg dieses Teilaspekts des Projekts, nämlich völlig neue Interessenten für die Oper zu gewinnen, konnte man sich noch vor Beginn der Vorstellung überzeugen.

Sissy Voss am Kontrabass und Comte Caspar an der Klarinette; Foto Pedro Malinowski

Was hat man sich nun also unter der Steampunk-Oper „Klein Zaches, genannt Zinnober“ vorzustellen? Auf jeden Fall besser keine Oper im klassischen Sinn, auch wenn die Neue Philharmonie Westfalen unter der Musikalischen Leitung von Thomas Rimes an der Umsetzung beteiligt ist. Zwar werden bei den Songs munter Anleihen bei Wolfgang Amadeus Mozart („Porgi, amor, qualche ristoro“ aus „Le nozze di Figaro“) oder Richard Strauss („Also sprach Zarathustra“) gemacht, ohne deren Kompositionen auch nur mit einer Silbe im Programmheft zu erwähnen, und die klassisch ausgebildete Sopranistin Ulrike Schwab, Sebastian Schwabs jüngere Schwester, die beim 33. Bundeswettbewerb Gesang Berlin 2004 im Juniorwettbewerb die dritte Förderprämie der Walter Kaminsky-Stiftung gewonnen hat, ist bei ihren Auftritten für die klassischen Töne zuständig. Doch in weiten Teilen ähnelt der Abend einem Rockkonzert, oder haben Sie schon jemals erlebt, dass in einer Oper die Musiker namentlich und mit Instrumental-Soli vorgestellt wurden oder Sänger Headbangenderweise die Bühne rocken, wie dies bei „Klein Zaches, genannt Zinnober“ im zweiten Teil der Fall ist? Dass dabei „We Will Rock You“ von Brian May mit „Diese schöne Melodie ist gräslich und nervt“ verballhornt wird, ist natürlich bitter. Musikalisch bietet der Abend tatsächlich einen Mix aus Klassik und modernen Tönen, wobei sich diese harmonischer anhören als manche zeitgenössische Oper – gegen als zu groß empfundene Lautstärke hilft der am Einlass erhältliche Gehörschutz. Dann ist da aber auch noch die von Sebastian Schwab und „Coppelius“ dramatisierte Geschichte von E. T. A. Hoffmann, in der E. T. A. Hoffmann (dargestellt von Rüdiger Frank) sogar persönlich als Erzähler in Erscheinung tritt, also ein Stück weit Erzähltheater. Oder aber man bezeichnet es der Einfachheit halber als Spektakel, denn spektakulär ist es auf jeden Fall, und 1759 soll Kaiserin Maria Theresia zu ihrem Hoftheaterdirektor gesagt haben „Spektakel müssen sein“… Besser man versucht sich gar nicht erst an einer Kategorisierung und belässt es bei der von den „Makern“ gewählten Bezeichnung Steampunk-Oper, weil die sich doch „so gut anhört“ (Sebastian Schwab), fast so gut wie der Pleonasmus Welturaufführung.

Graf Lindorf (Liese), Max Coppella (Pfarrer) und Rüdiger Frank (Klein Zaches); Foto Pedro Malinowski

Dass die Darsteller alle Instrumente selbst spielen, kennt man aus Musicals wie „School of Rock“ von Andrew Lloyd Webber (Musik), Glenn Slater (Lyrics) und Julian Fellowes (Buch) (Uraufführung 6. Dezember 2015, Winter Garden Theater) oder „Once: a new musical“ von Glen Hansard, Markéta Irglová (Musik, Lyris) und Enda Walsh (Buch) (Broadway-Premiere 18. März 2012, Bernard B. Jacobs Theatre), der umgekehrte Fall kommt eher selten vor, zumindest hatte ich es bisher noch nicht erlebt. Den meisten Musikern dürfte auch die erforderliche Schauspielausbildung fehlen, um auf professionellen Bühnen bestehen zu können. Bei „Klein Zaches, genannt Zinnober“ ist man dieses Wagnis dennoch eingegangen, den Herren von „Coppelius“ neben Rüdiger Frank als E. T. A. Hoffmann und Klein Zaches und Ulrike Schwab als Fräulein von Rosenschön/Fee Rosabelverde und Candida die übrigen Rollen der Inszenierung anzuvertrauen, wobei diese nun gezwungenermaßen ständig in einem Wahnsinnstempo zwischen ihren Rollen auf der Bühne und ihrer Funktion als Musiker wechseln. Allein schon aus diesem Grund musste man sich in der Anzahl der handelnden Personen gegenüber der Vorlage von E. T. A. Hoffmann deutlich beschränken.

Comte Caspar (Bastian), Graf Lindorf (Prosper Alpanus), Nobusama (Prosper Alpanus’ Gehilfe) und Bastille (Balthasar); Foto Pedro Malinowski

Der kleinwüchsige Rüdiger Frank ist natürlich die Idealbesetzung für Klein Zaches, der an Widerlichkeit und Abscheulichkeit wohl schwer zu überbieten ist, als E. T. A. Hoffmann jedoch sein ganzes Herz in dieses Projekt steckt und am Ende, nachdem seine Märchenfigur Klein Zaches moralisch verwerflich und politisch völlig inkorrekt von allen ausgelacht wurde, seine Aufzeichnungen von heftiger Wut ergriffen verbrennt. Ulrike Schwab kann in ihrer Doppelrolle der leichtgläubigen Candida und Fräulein von Rosenschön/Fee Rosabelverde Wandlungsfähigkeit beweisen und sorgt obendrein auf Rollschuhen und einem Tretroller für Lacher im Publikum, wenn sie sich mit Graf Lindorf als Prosper Alpanus auf dem Hochrad eine wilde Hatz um den Zauberkamm liefert. Bastille ist als feingeistiger Balthasar zu sehen, der trotz des verruchten Zaubers nicht müde wird, um seine Liebe zu kämpfen. Comte Caspar agiert als dessen Freund Fabian zwar weitaus rationaler, lässt ihm aber dennoch die erforderliche freundschaftliche Unterstützung zukommen, um den Zauber zu brechen. Ein weiterer „Hauptdarsteller“ an diesem Abend ist die aufwendige Bühne von Britta Tönne mit den überdimensionalen Zahnrädern und dem Dampfkessel, die dem Spektakel mitsamt den fantasievollen Kostümen die entsprechend Steampunk-Ästhetik verleiht.

Ulrike Schwab (Candida) mit Max Coppella, Nobusama und Comte Caspar; Foto Pedro Malinowski

Am Ende der etwa zweieinhalbstündigen Aufführung gab es beinahe zehnminütigen Stehapplaus für alle Beteiligten, doch trotz emphatischer „Da Capo!“-Rufe aus dem Auditorium verweigerte man die gewünschte Zugabe. „Klein Zaches, genannt Zinnober“ steht nochmals am 21. und 29. November 2015 auf dem Spielplan, weiterhin am 22. April, 10., 11. und 12. Mai 2016. Die Ausstellung „Steampunk – Vorwärts in die Vergangenheit“ wird bis zum 4. Dezember 2015 im Ostfoyer des Musiktheaters im Revier zu sehen sein.

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