Freitag, 13. November 2015

„Das Phantom der Oper“

„Das Phantom der Oper“ – nach dem Roman „Le Fantôme de l'Opéra“ (1911) von Gaston Leroux; Musik: Andrew Lloyd Webber; Gesangstexte: Charles Hart, Richard Stilgoe; Buch: Andrew Lloyd Webber, Richard Stilgoe; Deutsche Bearbeitung: Michael Kunze; Inszenierung: Harold Prince; Choreografie: Gillan Lynne; Lichtdesign: Andrew Bridge; Sounddesign: Mick Potter; Ausstattung: Maria Björnson; Musikalische Leitung: Martin Gallery. Darsteller: David Arnsperger (Das Phantom der Oper), Elizabeth Welch (Christine Daaé), Max Niemeyer (Raoul, Vicomte de Chagny), Susan Gouthro (Carlotta Guidicelli, Primadonna der Pariser Oper), Michaela Christl (Madame Giry, Ballettmeisterin), Ilenia Azzato (Meg Giry, ihre Tochter, Tänzerin), Anton Rattinger (Monsieur Richard Firmin), Guido Gottenbos (Monsieur Gilles André), Dietmar Ziegler (Monsieur Reyer, Korrepetitor), Raymond Sepe (Ubaldo Piangi, erster Tenor der Pariser Oper), Marc Schlapp (Monsieur Lefèvre, früherer Besitzer der Pariser Oper), Milan van Weelden (Joseph Buquet, alter Bühnenarbeiter), Joana Estebanell-Milian, Marco Fahrland-Jadue, Marcel Jonker (Don Attilio/Auktionator), Mark Luykx, Annemarijn Maandag, Katharina Meissner (Confidante), Esther Puzak, Una Reynolds, Joan Ribalta (Passarino), Joseph Stewart, Christian Theodoridis, Elpiniki Zervou. Ensemble Tanz: Gabriele Ceriotti, Giulia Cresci, Juliette Fehrenbach, Christina Gibbs, Yukina Hasebe, Elena Lucas, Anastasia Stojko, Andrew Zubchevskyi (Swing). Uraufführung: 9. Oktober 1986, Her Majesty´s Theatre, London. Deutsch­sprachige Erstaufführung: 20. Dezember 1988, Theater an der Wien, Wien. Deutsche Erstaufführung: 29. Juni 1990, Neue Flora, Hamburg. Premiere: 12. November 2015, Metronom Theater, Oberhausen.



„Das Phantom der Oper“


Das weltweit erfolgreichste Musical kehrt nach NRW zurück


Metronom Theater

Mehr als 140 Millionen Zuschauer hat „The Phantom of the Opera“ (Premiere 9. Oktober 1986, Her Majesty´s Theatre, London) seit seiner Premiere weltweit in seinen Bann gezogen. Das Stück, das auf der literarischen Vorlage „Le Fantôme de l´Opéra“ von Gaston Leroux basiert, wird seit seiner Uraufführung ununterbrochen vor ausverkauftem Haus am Londoner West End (10.000. Vorstellung am 23. Oktober 2010) und am New Yorker Broadway (bis 13. November 2015 11.565 Vorstellungen) gespielt. Dort gewann „The Phantom of the Opera“ 1988 sieben der begehrten Tony Awards. Darüber hinaus wurde dieses Musicalphänomen mit mehr als 50 der wichtigsten internationalen Theaterpreise ausgezeichnet. Die musikalische Einspielung der britischen Premierenbesetzung mit Sarah Brightman (Christine Daaé), Michael Crawford (The Phantom of the Opera) und Steve Barton (Raoul, Vicomte de Chagny) ist bis heute mit über 40 Millionen verkauften Exemplaren das erfolgreichste Cast-Album aller Zeiten.

David Arnsperger (Das Phantom der Oper) und Elizabeth Welch (Christine Daaé). Foto Brinkhoff/Mögenburg; © Stage Entertainment

Die Deutschlandpremiere von „Das Phantom der Oper“ am 29. Juni 1990 wurde zu einem Stück Hamburger Zeitgeschichte. Mit dem Argument der drohenden Kommerzialisierung ihres Stadtteils gingen die Bewohner des Schanzenviertels seinerzeit gegen den Neubau des Theaters Neue Flora auf die Barrikaden. Die Eröffnungs-Premiere fand unter massivem Polizeischutz statt, vermummte Demonstranten bewarfen die Premierengäste mit Farbbeuteln, Eiern und verfaultem Gemüse. Dies alles tat dem Erfolg von „Das Phantom der Oper“ in Deutschland keinen Abbruch. Gut acht Millionen Gäste besuchten das Musical in Hamburg, bis im Juni 2001 der Vorhang zum vorerst letzten Mal fiel. Nach weiteren Aufführungsserien im Palladium Theater Stuttgart vom 1. November 2002 bis 23. Mai 2004, Colosseum Theater Essen vom 29. September 2005 bis 10. März 2007 und Theater Neue Flora vom 29. November 2013 bis 30. September 2015 (angekündigt war eine „begrenzte Spielzeit von 10 Monaten“) kehrt „Das Phantom der Oper“ nun für neun Monate nach NRW zurück, wo es ab 12. November 2015 im Metronom Theater in der Neuen Mitte Oberhausen zu sehen ist. Während die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft bei der Wiederaufnahme im November 2013 vor dem Theater Neue Flora noch mit einer Brass-Band gegen den Ersatz von Live-Musikern durch Technologie demonstriert hat, ist die auf 14 Musiker reduzierte Orchestrierung inzwischen Normalität. Derweil ist seit 15. Oktober die Fortsetzung „Liebe stirbt nie – Phantom II“ am Operettenhaus Hamburg zu sehen.

Elizabeth Welch (Christine Daaé) und Max Niemeyer (Raoul Vicomte des Chagny). Foto Brinkhoff/Mögenburg; © Stage Entertainment

„Das Phantom der Oper“ entführt die Zuschauer nach Paris ins Jahr 1881. Es geht unheimlich zu in der Pariser Oper. Die Operndirektoren bekommen mysteriöse Briefe, in denen ein Unbekannter fordert, man solle ihm „seine“ Loge reservieren. Der Legende nach werden diese Briefe vom geheimnisvollen Phantom der Oper geschrieben. Ein bemitleidenswertes Wesen, das tief unten in den Katakomben der Oper sein einsames Dasein fristet. Von den Menschen gefürchtet, verbirgt die mystische Gestalt ihr entstelltes Gesicht hinter einer Maske. Bei den Proben zur „Hannibal“ von Chalumeau schlägt das Phantom dann zu. Die Primadonna Carlotta Giudicelli entgeht nur knapp dem Tod durch einen herabstürzenden Bühnenprospekt. Geschockt von diesem Vorfall ist sie nicht in der Lage, die Abendvorstellung zu singen. An ihrer Stelle bekommt das junge Ballettmädchen Christine Daaé eine Chance. Mit ihrer wundervollen Stimme verzaubert Christine das Publikum und die Vorstellung wird ein triumphaler Erfolg. Ihren größten Bewunderer aber hat Christine jetzt in dem Phantom der Oper gefunden. Er hat Christine Gesangsunterricht gegeben und verliebt sich unsterblich in die junge Tänzerin. Er fordert von der Opernleitung, dass in der nächsten Produktion Christine anstelle von Carlotta singen solle. Falls seine Forderungen nicht erfüllt werden, droht großes Unglück. Christine, deren Herz eigentlich Raoul, dem Vicomte de Chagny, gehört, hält das Phantom für den „Engel der Muse“. Einen Förderer, den ihr ihr verstorbener Vater angekündigt hat. In diesem Glauben folgt sie dem Phantom hinunter in die Katakomben der Pariser Oper. In einem unbedachten Moment demaskiert sie das Phantom. Nun ist sie hin- und hergerissen zwischen Ekel und Mitleid, hat Mitgefühl mit der ausgestoßenen Kreatur, aber Abscheu vor der hässlichen Fratze, die nur von einer Maske verborgen wird. Nachdem Christine vom Phantom wieder in die irdische Welt entlassen wird, gesteht sie Raoul ihre Liebe. Tief enttäuscht von dieser Zurückweisung nimmt das Phantom der Oper Rache: Es lässt den riesigen Opern-Kronleuchter dramatisch auf die Bühne herabstürzen, als eindeutige Warnung direkt vor die Füße von Christine. Daraufhin beschließen die Operndirektoren, das Phantom endgültig aus dem Weg zu schaffen. Ein folgenschwerer Entschluss, wie sich schon bald herausstellt: Das Phantom ermordet den Tenor Ubaldo Piangi und entführt seine geliebte Christine. In der Unterwelt der Pariser Oper stellt es Christine dann vor eine grausame Entscheidung: Entweder sie bleibt für immer bei ihm oder aber Raoul muss sterben…

Max Niemeyer (Raoul Vicomte de Chagny) und Elizabeth Welch (Christine Daaé). Foto Brinkhoff/Mögenburg; © Stage Entertainment

Anders als bei Andrew Lloyd Webbers „Starlight Express“, für das in den 27 Jahren seit der deutschsprachigen Erstaufführung am 12. Juni 1988 in Bochum regelmäßig neue Songs geschrieben und die Kostüme überarbeitet wurden, erinnert die fünfte deutsche Großproduktion von „Das Phantom der Oper“ doch sehr stark an die deutsche Erstaufführung im Theater Neue Flora. Die opulenten Kostüme und die beeindruckende Ausstattung von Maria Björnson, das stimmungsvolle Lichtdesign von Andrew Bridge, der „Maskenball“, die Bootsfahrt über den unterirdischen See oder die Kopie des Pariser Opern-Kronleuchters, der Christine als Warnung vor die Füße stürzt, bestechen auch 25 Jahre später, wenngleich ein hinter dem Garderobenspiegel erscheinendes Phantom heute wohl niemanden mehr in Staunen versetzen wird. Wer das „Geheimnis“ der Bootsfahrt über den unterirdischen See bisher noch nicht kannte, wurde bei der Premiere in Oberhausen auch noch dieser Illusion beraubt, bei der David Arnsperger mit Elizabeth Welch teilweise über die blanke Bühne fuhr. Bei der Inszenierung im Original von Harold Prince im Stil der 1980er-Jahre hat man sich ebenfalls auf Bewährtes verlassen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen handelt es sich bei den Großproduktionen um Klone der Uraufführung, weshalb sie von Veranstaltern auch gern als das „Original von Andrew Lloyd Webber“ bezeichnet werden. Mithilfe einer Orchester Enhancement Software hört sich die reduzierte Orchestrierung im Metronom Theater zumindest für das ungeübte Ohr ohne Vergleichsmöglichkeit auch ähnlich wie bei der deutschen Erstaufführung im Theater Neue Flora an, so dass den meisten Zuschauern die Reduzierung des künstlerischen Personals gar nicht auffallen wird. Für mein Empfinden ist der bei früheren Produktionen im Metronom Theater häufig kritisierte Sound bei „Das Phantom der Oper“ sogar erfreulich gut und ausgewogen, was aber womöglich auch vom Platz im Auditorium abhängig sein mag.

David Arnsperger (Das Phantom der Oper). Foto Brinkhoff/Mögenburg; © Stage Entertainment

Das 31-köpfige Ensemble wird von David Arnsperger, Elizabeth Welch und Max Niemeyer angeführt. David Arnsperger, der die Rolle des Phantoms der Oper bereits alternierend in Hamburg gespielt hat und zuletzt an der Welsh National Opera sein Debüt als Sweeney Todd in dem gleichnamigen Musical gegeben hat, hat die Titelrolle bei der Premiere für seinen verletzten Kollegen Brent Barrett übernommen. Gesanglich hervorragend überzeugt der Bariton mit großem Stimmumfang als klassisches Phantom, schauspielerisch lebt er die Gefühle des in Christine verliebten Phantoms geradezu, und man bekommt im ersten Akt unweigerlich Mitleid mit dem Phantom, wie es mit ansehen muss, wie sich Christine und Raoul auf dem Dach der Pariser Oper ihre Liebe gestehen. Ebenso nachvollziehbar ist der Hass auf seinen Nebenbuhler Raoul, dem er nach dem Leben trachtet. David Arnsperger weiß in der Tat mit allen Facetten der vielschichtigen Partie für sich einzunehmen. Ihm zur Seite steht Elizabeth Welch, die an der Austrian American Mozart Academy in Salzburg die Susanna in „Figaros Hochzeit“ und am Theaterhof Humbach in Dietramszell (Oberbayern) die Féodora in „Der Opernball“ und die Adina in „L’Elisir d’Amore“ gesungen hat und als alternierende Christine Daaé ihr Broadway-Debüt gegeben hat. Bedenkt man, dass Sarah Brightman (* 14 August 1960 in Berkhamsted, Hertfordshire, England), für die Andrew Lloyd Webber die Rolle der Christine Daaé geschrieben hat, bei der Uraufführung von „The Phantom of the Opera“ erst 26 Jahre alt war, Michael Crawford (* 19 January 1942 in Salisbury, England) dagegen 18 Jahre älter, so ist dieser Altersunterschied im Spielalter zwischen Elizabeth Welch und David Arnsperger eindeutig nicht vorhanden. Man sollte sich nicht zu sehr an diesem Punkt verbeißen, Elizabeth Welchs Christine ist eben von Anfang an kein naives Mädchen mehr, sondern eine erwachsene Frau, die sich bereits beim ersten Vorsingen vor den neuen Operndirektoren zunehmend zu behaupten weiß. Durchweg gut verständlich weiß sie mit bestechendem Schauspiel zu überzeugen. Als Raoul, Vicomte de Chagny wurde Max Niemeyer verpflichtet, der zuletzt als Swing in der Hamburger Produktion von „Das Phantom der Oper“ zu sehen war. In Wien kennt man ihn u. a. aus den Produktionen „Elisabeth“, „Ich war noch niemals in New York“ oder „Rudolf – Affaire Mayerling“ im Raimund Theater, in denen er ebenfalls als Swing mitgewirkt hat. Die Erstbesetzung als Raoul ist meines Wissens die bisher größte Verpflichtung seine Karriere, als Christines glühender Verehrer und Freund aus Kindertagen versucht er dem Phantom Paroli zu bieten. An David Arnsperger, der 2010 den zweiten Platz im Lotte Lenya Wettbewerb der Kurt Weill Foundation for Music für besonders talentierte Sänger/Schauspieler belegt hat, reichte der Baritenor bei der Premiere allerdings noch nicht heran. Die kanadische Sopranistin Susan Gouthro hat die Rolle der Primadonna Carlotta Giudicelli schon gegen Ende der Spielzeit in Hamburg von Rachel Anne Moore (Christine Daaé in „Liebe stirbt nie – Phantom II“) übernommen und gibt die eigensinnige Operdiva herrlich überdreht. Ihre beiden neuen Operndirektoren Anton Rattinger und Guido Gottenbos, die bereits seit der Wiederaufnahme der Hamburger Produktion im November 2013 als Monsieur Richard Firmin und Monsieur Gilles André zu sehen sind, sorgen mit trockenem Humor für heitere Situationen in der ansonsten hochdramatischen Aufführung. Michaela Christl entspricht in der Rolle der strengen, autoritären Ballettmeisterin Madame Giry dem althergebrachten Klischee dieses Berufsstandes, geheimnisvoll gibt sie als Vertraute des Phantoms nur die allernötigsten Informationen zu dessen Herkunft preis. Als ihre Tochter Meg ist in Oberhausen Ilenia Azzato zu sehen, die bereits in Hamburg als Ballettmädchen zum Ensemble gehörte.

„Maskenball“ mit Elizabeth Welch (Christine Daaé) und Max Niemeyer (Raoul Vicomte des Chagny). Foto Brinkhoff/Mögenburg; © Stage Entertainment

Auch 29 Jahre nach der Uraufführung und 25 Jahre nach der deutschen Erstaufführung zieht das weltweit populärste Musical auch in Oberhausen das Publikum in seinen Bann, das die Beteiligten nach etwa dreistündiger Premiere begeistert mit Stehapplaus bedachte. „Das Phantom der Oper“ soll bis August 2016 im Metronom Theater in der Neuen Mitte Oberhausen zu sehen sein, Tickets ab 54,90 Euro (Kategorie 4 unter der Woche) bis 144,90 Euro (Kategorie 0 am Samstagabend) zzgl. Service- und Versandkosten sind bis 21. August 2016 im Verkauf.

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