Dienstag, 6. Oktober 2015

„Philemon“ und „Baucis“: Römisches Schiffsbauprojekt verbindet Kultur und Inklusion

Kooperationsprojekt des LVR bereitet junge Menschen mit Behinderung auf Ausbildung vor

Die römische Schiffsflotte im LVR-Archäologischen Park Xanten (APX) wächst: Nachdem im letzten Jahr ein originalgetreuer Nachbau der Rheinfähre „Nehalennia“ fertiggestellt wurde, stehen nun zwei Einbäume namens „Philemon“ und „Baucis“ kurz vor ihrem Abschluss. Das Besondere bei diesem Kulturprojekt ist der inklusive Aspekt: Junge Erwachsene mit unterschiedlichen Behinderungen werden in Form eines Langzeitpraktikums an die Grundlagen der Holzbearbeitung herangeführt. Bereits beim Bau der „Nehalennia“ waren junge Menschen mit Behinderung maßgeblich involviert. Aufgrund des Erfolges entschlossen sich die beiden LVR-Dezernate „Kultur und Landschaftliche Kulturpflege“ und „Schulen und Integration“ zu einer neuen und langfristig angelegten Kooperation.

Praktikant David Janssen (r.) und Schiffsbaumeister Kees Sars bei der Arbeit am Einbaum „Philemon“. (Foto: LVR)

LVR-Kulturdezernentin Milena Karabaic ist auf diese Zusammenarbeit stolz: „Der römische Schiffsbau im APX ist ein Projekt mit Signalwirkung! Wir haben ein in Europa einmaliges Vorhaben gestartet, denn langfristig wollen wir alle Schiffstypen der römischen Rheinflotte im Originalmaßstab rekonstruieren und in einer eigenen Ausstellung präsentieren. Darüber hinaus haben wir in diesem Projekt die Dimensionen Kultur und Inklusion hervorragend miteinander verbunden. Für junge Menschen mit Behinderung ist es enorm wichtig, einen Arbeitsplatz zu finden. Dass wir dieses spezielle Angebot im LVR-Kulturdezernat mit dezernatsübergreifender Unterstützung des LVR-Schul- und Integrationsdezernats auf die Beine gestellt haben, steht für unsere gemeinsame Kreativität und Innovationskraft.“

Auch Prof. Dr. Angela Faber, LVR-Dezernentin für Schulen und Integration, stellte die Zugkraft des Projektes heraus: „Der Übergang von der Schule in den Beruf ist für junge Menschen mit Behinderung eine wichtige Schnittstelle. Im Kampf um die ohnehin knappen Ausbildungsplätze haben die Jugendlichen ein zusätzliches Handicap und müssen mitunter auch gegen Vorurteile ankämpfen. Erst eine betriebliche Ausbildung ebnet den Weg auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Für das LVR-Integrationsamt ist dies ein wichtiges Handlungsfeld. Denn mit der entsprechenden Unterstützung oder einer theoriereduzierten Ausbildung ist eine Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt sehr wohl möglich. In diesem Projekt eröffnen wir jungen Menschen mit Behinderung eine Chance auf ihren Traumjob.“

Schiffsbaumeister Kees Sars (r.) und Praktikant Stefan Achterberg (2. v. r.) zeigen Dr. Martin Müller, Leiter des APX, LVR-Schul- und Integrationsdezernentin Prof. Dr. Angela Faber und LVR-Kulturdezernentin Milena Karabaic ihre Arbeit am Einbaum „Philemon“. (Foto: LVR)

Ziel des Projektes ist es, dass junge Menschen mit einer Beeinträchtigung durch ein Langzeitpraktikum trainiert, fachlich und individuell qualifiziert und dadurch an eine betriebliche Ausbildung herangeführt werden. Dazu fördert das LVR-Integrationsamt das Schiffsbauprojekt in diesem Jahr im Rahmen des regionalen Arbeitsmarktprogramms aktion5 mit 100.000 Euro. Weitere 100.000 Euro stammen aus Mitteln der Regionalen Kulturförderung.

Auch im kommenden Jahr wird das Projekt in Form eines Langzeitpraktikums fortgeführt, um die jungen Menschen noch intensiver vorzubereiten und langfristig inklusive Ausbildungsplätze zu installieren.


Die Rekonstruktion der „Nehalennia“

„Nehalennia“, Lastkahn aus Xanten-Wardt, um 100 nach Christus, im LVR-RömerMuseum

Die „Nehalennia“ ist die wissenschaftliche Rekonstruktion eines römischen Plattbodenschiffs aus der Zeit um 100 n. Chr. im Originalmaßstab. Das antike Original wurde 1991 bei Auskiesungsarbeiten in der Nähe des römischen Hafens der Colonia Ulpia Traiana (heute APX) in außergewöhnlich gutem Erhaltungs­zustand geborgen. Es ist im LVR-RömerMuseum ausgestellt. In der Zeit von Februar bis November 2014 entstand die Rekonstruktion der „Nehalennia“ unter der Leitung des auf historischen Bootsbau spezialisierten Schiffsbaumeisters Kees Sars gemeinsam mit Praktikanten verschiedener Bildungseinrichtungen. Dafür wurde eigens eine Werft neben dem LVR-RömerMuseum eingerichtet. Im Projekt zur Rekonstruktion römischer Schiffe arbeitet der LVR-Archäologischer Park mit zahlreichen Partnern aus unterschiedlichen Bereichen zusammen.

„Nehalennia“, vollständiger Nachbau eines römischen Lastkahns in der Schiffswerft

„Beim Bau der „Nehalennia“ haben wir von Anfang an gemerkt, mit welcher Freude die jungen Leute bei der Sache sind und wie unkompliziert die Zusammenarbeit ist“, so Projektleiterin Dr. Gabriele Schmidhuber-Aspöck über den Beginn des Projektes im vergangenen Jahr. Denn bereits 2014 haben Auszubildende und Praktikanten des Theodor-Brauer-Hauses sowie junge Menschen, die im Haus Freudenberg in Kleve arbeiten, an der Fertigung der „Nehalennia“ mitgewirkt. Schülerinnen und Schüler des Stiftsgymnasiums Xanten und der Marienschule Xanten haben Arbeitsgemeinschaften für die Mitarbeit am Schiffsbau gebildet. Erstmals in Deutschland wurde ein römisches Schiff von den ersten Planken bis zur Abdichtung live vor den Augen der Besucherinnen und Besucher gefertigt. Dem Baubeginn ging eine schwierige Suche nach geeigneten Hölzern voraus. Das beste Holz für den traditionellen Schiffsbau wächst heute in Dänemark, wo schon die niederländische Ostindien-Kompanie im 17. Jahrhundert Eichenwälder für den Schiffsbau pflanzte. Im dänischen Køge fand der Schiffsbaumeister schließlich die seltenen Krummhölzer, die von ca. 125 Jahre alten Eichen stammen.

Abdichtung der Plankennähte auf der Unterseite des Schiffsbodens (Kalfaterung)

Im Mai 2015 erfolgte die sogenannte Kalfaterung (Abdichtung) des Schiffsrumpfes mit Hanftau, das in Holzteer getränkt wurde, und über 2.000 handgeschmiedeten Kalfaternägelchen. Bei der Testfahrt stellte sich schnell heraus, dass sich die neu entstandene „Nehalennia“ problemlos mithilfe von Seilen „gieren“ lässt. Mit Gieren wird das Kurs halten sowie das Drehen und Wenden des Schiffs in der Strömung des Flusses bezeichnet. Die „Nehalennia“ ist derzeit in einem provisorischen Zelt neben dem eigentlichen Werftzelt untergebracht.

Die „Nehalennia“ auf der Lippe


Historischer Rahmen

Zu den Stärken Roms gehörte es, Menschen und Material schnell an die Zielorte des Imperiums zu bringen. Dabei waren die Schifffahrt und somit auch das Wissen um den Schiffsbau von enormer Bedeutung für die Expansion des römischen Reiches. Grenzsicherung und militärische Blitzeinsätze der römischen Marine lenkten den Blick schnell ab von der zivilen Bedeutung der Schifffahrt in der Antike: die Beförderung von Handels- und Versorgungsgütern sowie Baumaterialien. Der Transport zu Wasser mit Lastschiffen war in der Regel schneller und günstiger als der Weg über Land. Für die Colonia Ulpia Traiana hatte deshalb der Hafen eine besonders hohe Bedeutung. Die römische Hafenanlage der Colonia ist als Bodendenkmal besonders gut erhalten und erforscht. Funde von Lastkähnen, Prahme genannt, die in verlandeten Rheinabschnitten zutage kamen, bezeugen im Hinblick auf die Bauform die große Effektivität römischer Schiffsbautechnik: Bis in das 20. Jahrhundert hat sich an der Konstruktion kaum etwas geändert, da der flache Boden mit kastenartigen Schiffsenden ein Maximum an Beladung bei einem Minimum von Tiefgang ermöglicht.

Im Verhältnis zu den tausenden solcher Schiffe, die in römischer Zeit gebaut werden mussten, um den stetigen Transport aufrecht zu erhalten, wurden bisher wenige Lastschiffe entdeckt. Dies liegt einerseits an der Vergänglichkeit des Baumaterials Holz und andererseits an der (in antiker Zeit) Wiederverwendbarkeit desselben. Nach den vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnissen handelt es sich bei der „Nehalennia“ um eine sogenannte Gierseilfähre. Am Original lässt sich ablesen, dass dieser Schiffstyp auch dazu geeignet war, Wagen mit Tieren über den Fluss zu setzen. Es gibt keine Schriftquellen, die Aussagen dazu treffen, wie viele Personen zum Steuern eines solchen Schiffes benötigt wurden. Informationen liefern lediglich bildliche Darstellungen. Doch die unterliegen mutmaßlich künstlerischer Freiheit, denn sie wurden von Bildhauern oder Malern angefertigt, nicht jedoch von Schiffsbauern oder Schiffern. Auch stimmen bei diesen Darstellungen die Größenverhältnisse nicht. Neben den genannten Quellen verspricht eine bestimmte Methode zahlreiche neue Erkenntnisse: der original- und maßstabsgetreue Nachbau von Schiffsfunden.

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