Donnerstag, 22. Oktober 2015

„Die Macht der Mode. Zwischen Kaiserreich, Weltkrieg und Republik“

LVR-Industriemuseum Textilfabrik Cromford in Ratingen zeigt die Mode als Spiegel gesellschaftlichen Wandels

In der Ausstellung „1914 – Mitten in Europa“ dienten Kleidungsstücke vor allem dazu, die Gesellschaften des Kaiserreichs und der Weimarer Republik gegenüberzustellen. Das Bekleidungsverhalten in dieser Zeit wurde jedoch nicht weiter thematisiert. Dagegen steht der radikale Wandel der Mode zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Ausdruck gesellschaftlicher Umbrüche ab dem 25. Oktober 2015 bis 30. Oktober 2016 im Mittelpunkt der Ausstellung „Die Macht der Mode. Zwischen Kaiserreich, Weltkrieg und Republik“ in der Textilfabrik Cromford in Ratingen. Mehr als 130 Originalkostüme und viele weitere historische Exponate warten auf die Besucherinnen und Besucher und lassen die Zeit zwischen 1900 und 1930 wieder lebendig werden. Die Klassiker der Mode der 1920er-Jahre, der so genannte ‚Stresemann‘ und Charlestonkleider sind ebenso vertreten, wie die Reformkleider der 1910er-Jahre, Sportbekleidung für Frauen und ein ausgefallener Staubmantel für Autofahrerinnen.

„Revolution der Mode“

Eine nie gekannte Modernisierung aller Lebensbereiche hielt die Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg in Atem. Straßenbahnen, Automobile und Fahrräder versprachen eine neue Form der Mobilität, um aus den Vorstädten und vom Land in die neuen urbanen Zentren der Städte zu gelangen. Hier entstanden mit den Warenhäusern neue Konsumtempel, in denen es alles zu kaufen gab, was das Herz begehrte, wenn man es sich leisten konnte. Auch die Arbeitswelt war in den Strudel der rasanten Veränderungen einbezogen. Immer mehr Frauen arbeiteten nicht nur in den Fabriken, sondern auch in den Telefonzentralen, Kaufhäusern oder Büros, als Lehrerin oder Laborantin. Ob am Arbeitsplatz, beim Einstieg in die Straßenbahn oder auf der Rolltreppe im Warenhaus, vor allem die Frauen waren für die neuen Lebensumstände alles andere als passend gekleidet. Die großen Roben des Kaiserreichs passten nicht mehr in die modernisierte Welt.

„Revolution der Mode“ in der Unterbekleidung

Die Schleppkleider verschmutzen schnell und erschwerten beispielsweise den Ein- und Ausstieg in die Straßenbahn, da sich die Röcke in den Rädern und Speichen verfangen konnten. Neue Kleidung und ein neues Bekleidungsschema mussten her und Ideen wurden in den unterschiedlichsten Bereichen entwickelt. Mediziner, Gesundheitsreformer und Vertreterinnen der Frauenbewegung kritisierten schon lange das Korsett als gesundheitsgefährdend. Die Kleiderreform umfasste den Verzicht auf das Korsett und die zahlreichen, schweren Unterröcke. Die Oberbekleidung wurde zweckmäßiger, sachlicher und ließ den Trägerinnen und Trägern mehr Bewegungsfreiheit.

„Gegen die Natur – Die Sans-Ventre-Linie“

Kleidung als Gefahrenquelle in der Großstadt

Der Erste Weltkrieg erschütterte die Gesellschaft, führte zu neuen Verhältnissen in der ersten deutschen Republik und hatte ebenso seinen Anteil an den großen Veränderungen des Bekleidungsmusters. Wie bei der Lebensmittelversorgung unterlag auch der gesamte Bereich der Textilien und Kleidung der Kriegswirtschaft, alle Ressourcen wurden für das Militär beschlagnahmt. Der extreme Mangel an Textilien führte zu einem neuen, puristischen Modestil. Auch nach dem Krieg blieb es bei dem sparsamen Einsatz von Stoff in der Modebranche und so avancierte das kleine, kurze Charlestonkleid zu einem modischen „must-have“.

„Mode im Krieg“

Das LVR-Industriemuseum präsentiert Originalkostüme aus seiner umfangreichen Sammlung zur Geschichte der Mode und Bekleidung. Accessoires, Objekte aus dem Alltag sowie zahlreiche Fotografien ergänzen die Schau. Die Ausstellung zeigt auf, wie die Mode und Kleidung in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts auf die rasanten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen reagierten. Die Mode passte sich der sich wandelnden Gesellschaft an, fand neue Formen für einen vereinfachten Kleidungsstil, der den Anforderungen des modernen Lebens entsprach.

Fahrradkostüm für Damen, um 1900. Unter dem Rock konnte auch eine Hose getragen werden. Fahrrad Marke Hurtu, 1898

„Ende der Notzeit“

„Ende der Notzeit“

Badeanzüge

Sportbekleidung

„Charlestonlook der Zwanziger Jahre“

„Das Warenhaus als Konsumtempel“

farbechtes Glanzstickgarn „Negergarn“ aus der Zwirnerei Gebr. Wolf in Neukirchen bei Crimmitschau

„Kindkeit im Matrosenanzug“

Bekleidung der Wandervogel-Bewegung

„Mit Stolz geschwellter Brust“

Mythos „Neue Frau“

„Die Macht der Mode. Zwischen Kaiserreich, Weltkrieg und Republik“ im LVR-Industriemuseum Textilfabrik Cromford ist vom 25. Oktober 2015 bis 30. Oktober 2016 dienstags bis freitags von 10 bis 17 Uhr und samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintrittspreis beträgt 5,50 Euro, ermäßigt 4 Euro, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre haben freien Eintritt. Ein Kombiticket für die Dauer- und Sonderausstellung ist zum Preis von 8 Euro erhältlich. Weitere Informationen unter www.industriemuseum.lvr.de.

Die Ausstellung „Die Macht der Mode. Zwischen Kaiserreich, Weltkrieg und Republik“ entstand in Kooperation mit dem LWL-Industriemuseum TextilWerk Bocholt, wo sie im Anschluss zu sehen sein wird, d. h. frühestens in der Spinnerei-Saison 2017. Zur Ausstellung ist ein 96-seitiger Katalog mit zahlreichen Abbildungen zum Preis von 10 € erschienen, ISBN 978-3-9813700-3-4.

1 Kommentar:

Anne Henk-Hollstein hat gesagt…

Freue mich auf die Ausstellungseröffnung am Sonntag!