Montag, 12. Oktober 2015

„Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin“

„Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin“ – nach „Leben? oder Theater? ein Singespiel“ von Charlotte Salomon; Komposition: Michelle DiBucci; Inszenierung, Choreografie: Bridget Breiner; Ausstattung, Masken: Jürgen Kirner; Lichtdesign: Bonnie Beecher; Videodesign: Philipp Contag-Lada; Dramaturgie: Juliane Schunke; Musikalische Leitung: Valtteri Rauhalammi. Mitwirkende: Bridget Breiner (Charlotte Kann), Jiří Jelínek (Der Tod), Junior Demitre (Amadeus Daberlohn, Gesangspädagoge), Ayako Kikuchi (Paulinka Bimbam, Sängerin), Tänzerinnen: Francesca Berruto, Rita Duclos, Tessa Vanheusden, Sara Zinna; Tänzer: Carlos Contreras, Valentin Juteau, Louiz Rodrigues, Ledian Soto, José Urrutia; eine Frau: Anke Sieloff; fünf Männerstimmen: Michael Dahmen, Thomas Diestler, Joachim Gabriel Maaß, Piotr Prochera, Lars-Oliver Rühl. Uraufführung: 14. März 2015, Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen. Wiederaufnahme: 10. Oktober 2015.



„Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin“


Wiederaufnahme am Musiktheater im Revier


Charlotte Salomon (* 16. April 1917 in Berlin, † 10. Oktober 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau) wurde von ihren Eltern wegen ihrer jüdischen Abstammung gedrängt, vor ihrem 22. Geburtstag das Land zu verlassen, und so emigrierte sie im Januar 1939 zu ihren Großeltern nach Villefranche-sur-Mer bei Nizza. Im Sommer 1940 wurden sie und ihr Großvater Ludwig Grunwald für etwa zwei Monate im Lager Gurs interniert, nachdem ihre Großmutter im März aus dem Fenster gesprungen war und sich das Leben genommen hatte, wie bereits ihre Mutter Franziska, als Charlotte acht Jahre alt war. Nach der Entlassung aus Gurs entschied sich Charlotte zu einer künstlerischen Autobiografie. Musik war ihre Inspiration, und so notierte sie zunächst die Musik und malte auf der anderen Seite der Blätter die Szenen ihrer Biografie. Die meisten Lieder stammten aus dem Repertoire der Mezzosopranistin Paula Lindberg, der zweiten Frau ihres Vaters Albert. In den Jahren 1940 bis 1942 entstanden über 1.000 Gouachen, die sie später selber sortierte und nummerierte. Unter dem Titel „Leben? oder Theater? ein Singespiel“ entstand so ein beispielloses Kunstwerk. Im September 1943 wurde sie verhaftet, zusammen mit ihrem Mann Alexander Nagler, den sie im Juni 1943 geheiratet hatte, in das Durchgangslager Drancy verschleppt und schließlich im Oktober 1943 in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert, wo sie dem Holocaust zum Opfer fiel. Kurz vor ihrer Deportation nach Auschwitz übergab sie ihre künstlerischen Arbeiten dem Dorfarzt Dr. Moridis in Villefranche-sur-Mer mit den Worten: „Heben Sie das gut auf, das ist mein ganzes Leben!“ zur Verwahrung. Der Arzt hält sich an Charlotte Salomons Worte und übergibt das Vermächtnis 1947 an Charlottes Vater Albert Salomon, seit 1971 ist es im Besitz des „Joods Historisch Museum“ in Amsterdam und wurde bereits weltweit in Ausstellungen gezeigt.

Ballett im Revier, Anke Sieloff; Foto Costin Radu

Bereits 1990 hatte Michelle DiBucci das autobiographische Singspiel in 769 Bildern im Strand Bookstore entdeckt und sich entschieden, es zu vertonen. In Marie Zimmermann (* 27. Dezember 1955 in Simmerath, † 18. April 2007 in Hamburg), Schauspieldirektorin der Wiener Festwochen und designierte Intendantin der RuhrTriennale, fand sie eine Fürsprecherin und Interessentin für ihr Werk. Doch nachdem sich Marie Zimmermann, die an einer bipolaren Störung litt, in einer psychiatrischen Klinik das Leben nahm, war die RuhrTriennale nicht länger an einer Oper über Charlotte Salomon interessiert, so dass Michelle DiBucci 2007 die Arbeit an dem Stoff aussetzte. 2012 wurde sie schließlich von Ballettdirektorin Bridget Breiner kontaktiert, die den Stoff als Ballett auf die Bühne bringen wollte, da Tanz abstrakter sei als Gesang. Sie entfernt sich damit ein Stück weit von der ursprünglichen Intention Charlotte Salomons, aber man kann es natürlich auch als künstlerische Freiheit interpretieren. Das Ballett ist bewusst nicht als Handlungsballett gestaltet, es gibt eher Impulse, aber nicht die Biografie von Charlotte Salomon wieder, die sie in ihrem Werk „Leben? oder Theater? ein Singespiel“ festgehalten hat. Ein Teil der Bilder von Charlotte Salomon rauschen in Windeseile in einer Videoinstallation auf der Bühne an den Zuschauern und Tänzern vorüber – „500 Bilder in zwei Minuten“, wie sich Projektionist Philipp Contag-Lada beim „Premierenfieber“ ausdrückte. „Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin“ ist keineswegs die erste Opernadaption von Charlotte Salomons Gouachen, Luc Bondy hat „Charlotte Salomon“ von Marc-André Dalbavie bei den Salzburger Festspielen 2014 inszeniert (Uraufführung 28. Juli 2014).

José Urrutia, Nora Brown, Valentin Juteau; Foto Costin Radu

Nach dem Erfolg in der letzten Spielzeit kehrt der in der Presse als „sensibles Gesamtkunstwerk“ gefeierte Ballettabend von Bridget Breiner auf die Bühne des großen Hauses zurück. Bridget Breiner ist für die Choreografie zu „Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin“ für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST nominiert, außerdem ist die Schweizerin Kusha Alexi in der Kategorie Darstellerin Tanz vorgeschlagen, die in der letzten Spielzeit in der Titelpartie dieser Produktion am Musiktheater im Revier zu erleben war. In der vielseitigen Komposition der amerikanischen Komponistin Michelle DiBucci machen die Tänzer des Ballett im Revier und sechs Sänger des Musiktheater im Revier den beeindruckenden, alle künstlerischen Disziplinen überspannenden Lebenskosmos Charlotte Salomons in seiner Gesamtheit fassbar. Das Ballett ist – wie Charlotte Salomons Gouachen – eher abstrakt, dennoch werden einige Personen aus dem Leben der Malerin explizit hervorgehoben: Hinter Amadeus Daberlohn (getanzt von Junior Demitre), einer der zentralen Figuren aus Charlotte Salomons „Leben? oder Theater“, steht der Stimmlehrer Alfred Wolfsohn (* 23 September 1896 in Berlin, † 5 Februar 1962 in London), Begründer einer Schule der Stimmentwicklung, die unter seinem Namen und dem seines Schülers Roy Hart heute fast weltweit unterrichtet wird. Paula Salomon-Lindberg (* 21. Dezember 1897 in Frankenthal, † 17. April 2000 in Amsterdam) heiratete am 4. September 1930 den Chirurgen Albert Salomon, Charlottes Vater, und nahm ab 1935 bei Alfred Wolfsohn Gesangsunterricht. Durch ihre Stiefmutter, der sie in ihrem Werk den Namen Paulinka Bimbam (getanzt von Ayako Kikuchi) gab, lernte Charlotte Salomon Alfred Wolfsohn kennen, und die beiden entwickelten eine enge Freundschaft. Er war eine der wenigen Bezugspersonen, mit dem sie über ihre künstlerischen Arbeiten sprach und bei dem sie Rat suchte. Daneben wird Charlotte im Ballett von Beginn an vom personifizierten Tod begleitet: Zahlreiche Mitglieder der Familie mütterlicherseits, ihre Urgroßmutter, ihr Großonkel und der Neffe ihrer Großmutter, ihre Großmutter († 1940), ihre Tante Charlotte Grunwald († 1913), und ihre Mutter Franziska († 1926) haben Selbstmord begangen – was Charlotte allerdings erst nach einem Selbstmordversuch der Großmutter von ihrem Großvater erfahren hat. Der Selbstmord ihrer Großmutter und die Lagererfahrung in Gurs waren letztendlich die entscheidende Triebfeder für die Entstehung der künstlerischen Autobiografie „Leben? oder Theater? ein Singespiel“. Bestimmte Szenen des Balletts lassen sich an historischen Ereignissen festmachen, beispielsweise das „1933“-Solo von Valentin Juteau an der Machtergreifung am 30. Januar 1933 und das „Kristallnacht“-Solo von Francesca Berrutio an der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938, andere greifen konkrete Ereignisse in Charlottes Umfeld auf wie das Solo von Rita Duclos den Selbstmordversuch ihrer Großmutter.

Jiří Jelínek und Bridget Breiner; Foto Gabriella Limatola

Aus den unterschiedlichsten Gründen bekommt das Publikum in der Wiederaufnahme jedoch nicht die komplette Besetzung aus der letzten Spielzeit zu sehen, Kusha Alexi kuriert augenblicklich noch eine Verletzung aus, weshalb Ballettdirektorin Bridget Breiner „Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin“ zur „Chefsache“ gemacht und die Titelpartie übernommen hat. In der Rolle des Todes debütiert der tschechische Tänzer Jiří Jelínek am Musiktheater im Revier, der als Solist in den führenden Compagnien der Welt gefragt ist und mit dem Bridget Breiner in Stuttgart bereits häufig gemeinsam getanzt hat, wo er 2004 zum Ersten Solisten ernannt wurde (u. a. „Edward II.“, „Gambling X 5“, „Hamlet“, „Lady of the Camellias“, „Le Sacre du Printemps“, „Onegin“, „Romeo &Julia“, „Schwanensee“). Beide geben ein tänzerisch ausdrucksstarkes Rollenporträt ab und wissen auch in ihrem Pas de deux für sich einzunehmen. Am Ende der zweieinviertelstündigen Wiederaufnahme der Ballett-Oper gab es verdienten Beifall für alle Beteiligten.

Jiří Jelínek und Bridget Breiner; Foto Gabriella Limatola

„Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin“ ist nochmals am 18. Oktober und 20. November 2015 zu sehen.

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