Freitag, 30. Oktober 2015

„BERGAUF BERGAB – 10.000 Jahre Bergbau in den Ostalpen“

Die selten erzählte Geschichte einer uralten Bergbauregion

„BERGAUF BERGAB – 10.000 Jahre Bergbau in den Ostalpen“, Blick in die Ausstellung

Wer heute an Traditionen in den Alpen und ihre Kultur denkt, der hat schnell das Bild der Sennerin oder des Alp-Öhi vor Augen. Viehzüchter und Bauern seien die Menschen der Alpen stets gewesen, so die häufige Vorstellung. Eine Sonderausstellung im Deutschen Bergbau-Museum Bochum zeigt eine gänzlich andere Geschichte.

Helm, Replik, Bronze, Pass Lueg, Salzburger Land, Österreich, Spätbronzezeit/Urnenfelderzeit

Millionen Urlauber zieht es jedes Jahr in die Alpen. Sie fahren Skipisten hinunter oder erklimmen Gipfel. Was vielen Touristen, aber auch Einheimischen häufig nicht bewusst ist: Sie bewegen sich auf 10.000 Jahren Bergbaugeschichte, die mit den Jägern der letzten Eiszeit ihren Anfang nahm. Später folgten die Kelten, die Römer und die Fugger. Sie alle kamen mit dem Verlangen nach Rohstoffen wie Feuerstein, Kupfer, Salz oder Gold.

„BERGAUF BERGAB – 10.000 Jahre Bergbau in den Ostalpen“, Blick in die Ausstellung

Die Geschichte der Alpen als uralte Bergbauregion wird selten erzählt. Ab dem 31. Oktober 2015 widmet das Deutsche Bergbau-Museum Bochum (DBM) ihr die Sonderausstellung „BERGAUF BERGAB – 10.000 Jahre Bergbau in den Ostalpen“.

„BERGAUF BERGAB – 10.000 Jahre Bergbau in den Ostalpen“, Blick in die Ausstellung

Entstanden ist die Ausstellung in Kooperation mit dem vorarlberg museum in Bregenz, das sie ab dem 11. Juni 2016 zeigen wird. Teil der Ausstellung sind aufwendige Aufnahmen von unter und über Tage. Sie entstanden während der jahrelangen und noch andauernden Forschungen und Ausgrabungen der Ausstellungsmacher.

Nicht nur wandern und Ski fahren: Die Alpen sind eine uralte Bergbauregion. Sportgastein, Nassfeld (Kärnten). © Deutsches Bergbau-Museum Bochum, „BERGAUF BERGAB“

Eine Besonderheit des Deutschen Bergbau-Museums und großer Vorteil bei der Entwicklung von Präsentationen dieser Größe ist die Vielzahl an Fachleuten, die hier zusammenarbeiten. Von den Forschungen über die Idee bis zum Design und Bau entstand auch diese Ausstellung unter dem Dach des Museums. Ganz ohne Unterstützung von Externen konnte die Ausstellung jedoch nicht realisiert werden. Hinter den etwa 650 gezeigten Exponaten stehen neben dem DBM auch 25 Leihgeber.


Rohstoffe, Transfer, Kultur

Die Anfänge des Bergbaus in den Alpen waren beschwerlich. Die ersten Menschen kamen vor mehr als 10.000 Jahren. Als die Gletscher schmolzen, zogen sie als Jäger und Sammler in die eisfreien Alpentäler. Hier entdeckten sie wertvolles Gestein, insbesondere den „Stahl der Steinzeit“: Feuer- und Hornsteine.

Bergkristallbeil, Bergkristall, Olperer, Finkenberg, Zillertal, Österreich, Jungneolithikum (4400 – 3500 v. Chr.)

Zu den ältesten Objekten, die die Ausstellung zeigt, gehören auch Bergkristalle, die zu jener Zeit bereits die Aufmerksamkeit der Menschen in der Steinzeit weckten. Dabei sammelten sie sie nicht allein, um Schmuck aus ihnen herzustellen – sie fertigten etwa auch Beile aus dem glänzenden Mineral.

Tragsack, Holz, Leder, Grünerwerk, Nordgruppe, Hallstatt, Österreich, Spätbronzezeit/Urnenfelderzeit

Vor etwa 7.000 bis 8.000 Jahren sollte der Bergbau für die folgenden Jahrtausende eine treibende Kraft für die Besiedlung der Alpen werden. Drei Aspekte stellt die Ausstellung besonders heraus: Rohstoffe, Transfer und Kultur.


Bronzezeitliche Großbergwerke

Es gibt zahlreiche Rohstoffe in den Alpen. Eine besondere Bedeutung hatte in der Bronzezeit das Kupfer, der Hauptbestandteil der Bronze. Im Mitterberger Gebiet im Salzburger Land erlebte der Bergbau auf Kupfer vor etwa 4.000 Jahren einen regelrechten Boom. Es entstanden Großbergwerke und in ihrer Nähe große Betriebe zur Aufbereitung der Erze. Einen Teil des Metalls nutzten die Menschen in den Alpen selbst, den anderen verhandelten sie. Durch den Transfer wurden die Alpen zum Kommunikationsraum für ganz Europa. Überall auf dem Kontinent entdecken Archäologinnen und Archäologen Bronze aus jener Zeit, in der alpines Kupfer steckt.

Verzierte Omphalosschale, Keramik, Vorderramsau, Hallein, Österreich, Ältere Latènezeit


Mit den Archäologen durch Zeit und Raum

Im Mitterberger Gebiet waren die Archäologinnen und Archäologen des DBM besonders aktiv und ließen ihre Arbeit von einem Foto- und Filmteam begleiten. Davon profitiert die Ausstellung, in der sich die Aufnahmen an verschiedenen Stellen wiederfinden. Installationen, spitzzulaufend wie Berggipfel, zeigen großformatig die Landschaft der Alpen und Aufnahmen von Grabungen in bis zu 200 Metern Tiefe in den Bergen. In der Mitte des Ausstellungsraums befindet sich ein großer Aufbau, in den die Besucher hinein gehen, nach unter Tage. Sie hören Bergleute, die über alltägliche Probleme sprechen. Wie haben die Bergleute unter Tage gelebt? Wie haben sie sich mit Nahrung, Luft und Wasser versorgt? Wie hat es dort gerochen? Wie haben sich die Menschen tief im Berg gefühlt?

Doch waren nicht nur Männer den schwierigen Verhältnissen in den Bergwerken ausgesetzt. Bei Dürrnberg wurde in einem Salzbergwerk ein auffällig kleiner Schuh gefunden, der nur einem Kind gehört haben kann. Brachten Kinder unter Tage Werkzeuge zu den Arbeitsplätzen oder hielten sie Leuchtspäne und sorgten so für Licht?

Aber auch Tiere fanden sich in Bergwerken. Aus einem Silberbergwerk aus Oberzeiring stammt das Skelett eines Hundes aus dem Mittelalter. 1361 starben bei einem Wassereinbruch mehr als tausend Bergleute, womöglich war auch der Grubenhund ein Opfer dieser Katastrophe. Aber wieso waren Hunde unter Tage? Zogen sie in einem Geschirr wie Schlittenhunde Erze oder Abraum aus den Bergwerken?

Archäologin des Deutschen Bergbau-Museums vor einem Fund in einem Kupferbergwerk der Bronzezeit. © Deutsches Bergbau-Museum Bochum, „BERGAUF BERGAB“

Kristalle, Erze, Kupferbarren oder Werkzeuge aus dem historischen Bergbau finden sich zwischen riesigen Panoramen aus den Bergen und den Bildern von den archäologischen Grabungen unter Tage. So führt die Ausstellung die Besucher durch Raum und Zeit. Sie „begleiten“ die Archäologen zu ihren Grabungen in die Alpen und gewinnen über die Exponate unmittelbar einen Einblick in das Leben und die Kultur der Menschen der Bronzezeit oder des Mittelalters.


Auf und Ab einer Bergbauregion

Im Mittelalter hatte der Kupferbergbau in den Alpen seine Bedeutung längst verloren. Andere Rohstoffe und andere Regionen der Alpen erlebten ihre Blüte. Bereits um die Zeitenwende interessierten sich die Römer für alpines Gold und Eisen. Im Mittelalter bauten die Fürsten Silber ab und prägten damit ihre Münzen. Die Fugger waren im 15. und 16. Jahrhundert an Tiroler Bergwerken beteiligt und mehrten so Macht und Reichtum.

Barren, Replik, Gold, Goldfabrica, Magdalensberg, Österreich, Ältere römische Kaiserzeit

Axt, Eisen, Magdalensberg, Österreich, Ältere römische Kaiserzeit

Bergeisen, Eisen, Alpe Netza, Montafon, Österreich, Spätmittelalter (13. – 15. Jahrhundert)

Stadtwappen, Siegel; Abdruck, Replik, Silikonkautschuk, Hallein, Österreich, Spätmittelalter (13. – 15. Jahrhundert)

In dieser Zeit erlebte der alpine Bergbau noch einmal eine Hochkonjunktur. Durch Silbervorkommen erhielt Schwaz, heute eine kleine Tiroler Gemeinde von etwas mehr als 10.000 Einwohnern, enorme Bedeutung für ganz Europa. 1515 war Schwaz nach Wien die zweitgrößte Stadt im habsburgischen Erbland. Großfinanziers stiegen in den alpinen Bergbau ein, wie etwa die Augsburger Händlerdynastie Fugger in Tirol. Alpine Metalle wurden in dieser Zeit bis nach Afrika und Indien verkauft.

„BERGAUF BERGAB – 10.000 Jahre Bergbau in den Ostalpen“, Blick in die Ausstellung

Grabstein Christian Tänzel, Replik, Marmor, Schwaz, Österreich, Frühe Neuzeit (16. Jahrhundert)

Schinzeug zur Vermessung im Bergwerk, Holz, Messing, Elfenbein, Fundort unbekannt, Neuzeit (17. – 18. Jahrhundert)

Henkelschale, Zementkupfer, Herrengrund (Špania Dolina), Slowakei, Neuzeit (17. – 18. Jahrhundert)

Granatstufe, Granat, Glimmerschiefer, Rossrücken, Finkenberg, Zillertal, Österreich


Eine Jahrtausende alte Kultur des Bergbaus

Im späten Mittelalter bedeutete das für die Alpen Wohlstand, der sich auch in der Kultur niederschlug. Die Spuren dieses Reichtums finden sich noch heute an vielen Orten. Das Goldene Dachl in Innsbruck stammt aus jener Zeit, aber auch das Vortragekreuz aus der Bergbaukirche Bartholomäberg. Es zeigt, zu welchem Reichtum es auch kleine Gemeinden zu jener Zeit in den Alpen brachten. Motive aus dem Bergbau im Spätmittelalter finden sich auf Münzen, Häuser und Kirchen, wie Schlägel und Eisen auf der Tür des Rathauses in Schwaz. Diese Identifikation mit dem Bergbau ist jedoch nichts Neues in den Alpen. So bestatteten beispielsweise die steinzeitlichen Bergleute ihre Toten in stillgelegten Schächten.

Schlägel und Eisen auf der Tür des Rathauses in Schwaz (Tirol) (1500 – 09). Foto Matthias Dehling; © Deutsches Bergbau-Museum Bochum, „BERGAUF BERGAB“


10.000 Jahre bewegte Bergbaugeschichte der Alpen

Im 19. Jahrhundert setzte der bisher letzte Niedergang des alpinen Bergbaus ein, der bis in die Gegenwart anhält. Heute fördern moderne Unternehmen nur spezielle Produkte wie Scheelit, ein Wolframerz, das sich etwa in Glühbirnen wiederfindet.

Ammoniumparawolframat-Pulver (APW), Wolfram Gelboxid und Wolfram-Metallpulver

Im Alltag der Menschen spielt der Bergbau in den Alpen kaum mehr eine Rolle. Dennoch prägten Rohstoffe die Alpen über 10.000 Jahre und machen sie zu einer Bergbauregion mit eigener Identität und Tradition. Durch Inszenierungen, mehrere hundert Exponate, großformatige Bilder und Videos auf einer sechs Meter breiten Leinwand tauchen die Besucherinnen und Besucher von BERGAUF BERGAB ein in 10.000 Jahre bewegte Bergbaugeschichte der Alpen.

Archäologen im Salzbergwerk am Dürrnberg, Hallein, Salzburger Land. Foto Klaus Stange; © Deutsches Bergbau-Museum Bochum, „BERGAUF BERGAB“

Zur Ausstellung liegt ein wissenschaftlicher Begleitband (34,50 Euro) vor, sowie das von Thomas Stöllner und Peter Thomas herausgegebene, 144-seitige, reich bebilderte Begleitbuch für die interessierte Öffentlichkeit, ISBN 978-3-86757-007-7 (9,90 Euro).

Die Sonderausstellung „BERGAUF BERGAB – 10.000 Jahre Bergbau in den Ostalpen“ ist vom 31. Oktober 2015 bis 24. April 2016 im „Schwarzen Diamanten“ des Deutschen Bergbau-Museums Bochum zu sehen und kann während der regulären Öffnungszeiten des Museums besucht werden. Das Deutsche Bergbau-Museum Bochum ist Dienstag bis Freitag von 8.30 bis 17 Uhr geöffnet, Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 10 bis 17 Uhr. Der Neubau für Sonderausstellungen schließt bereits um 16.45 Uhr. Der Eintrittspreis beträgt 6,50 Euro für Erwachsene, 3 Euro ermäßigt. Das Deutsche Bergbau-Museum Bochum ist „Eintritt frei“-Partner der RUHR.TOPCARD 2015 und bietet den Inhabern der Erlebniskarte für das Ruhrgebiet ganzjährig einmalig freien Eintritt in das Museum mit dem Anschauungsbergwerk, Hallen, „Schwarzer Diamanten“ und Turmfahrt.

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