Samstag, 22. August 2015

„Von Kuzorra bis Özil“

LWL-Industriemuseum Zeche Hannover beleuchtet Geschichte und Alltag von Fußball und Migration im Revier

„Von Kuzorra bis Özil“ im LWL-Industriemuseum Zeche Hannover

Das Ruhrgebiet steht für Migration – und Fußball. Vor allem polnische und türkische Zuwanderer und ihre Nachkommen haben den Ballsport im Revier geprägt. Idealtypisch dafür stehen Ernst Kuzorra (* 16. Oktober 1905 in Gelsenkirchen, † 1. Januar 1990 in Gelsenkirchen) und Mesut Özil (* 15. Oktober 1988 in Gelsenkirchen), der eine Sohn masurischer, der andere türkischer Einwanderer. Beide sind in Gelsenkirchen geboren, standen beim FC Schalke 04 auf dem Platz und wurden zu Schlüsselspielern der deutschen National­mannschaft. Jetzt sind sie Namensgeber einer Ausstellung, die der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) vom 21. August bis 1. November 2015 in seinem Industriemuseum Zeche Hannover in Bochum präsentiert. „Von Kuzorra bis Özil“ richtet am Beispiel von Kickern aus Amateur- und Profiligen einen erfrischenden Blick auf die Geschichte und den Alltag von Fußball und Migration im Ruhrgebiet. „Und sie ist ein weiterer Baustein auf dem Weg zu unserem hier auf der Zeche Hannover angedachten 'Forum für Migration‘“, erklärte Dirk Zache, Direktor des LWL-Industriemuseums, Freitag (21.8.) in Bochum.

„Von Kuzorra bis Özil“, Blick in die Ausstellung

Mehr als 150 Exponate und zahlreiche Videostationen mit Porträts von bekannten Fußballspielern und Mannschaften geben lebendige Einblicke in das Thema. Zu den Highlights der Ausstellung zählen Fußballstiefel aus den 1920er-Jahren, der NRW-Pokal für Gastarbeitermannschaften, den der griechische FC Fortuna Dortmund 1966 errang, der Duisburger Integrationspreis für den SV Rhenania Hamborn, zahlreiche Trophäen aus den Pokalwettbewerben im Revier und Leihgaben von Nationalspieler Mesut Özil, darunter sein WM-Trikot und Schuhe von 2014.

Fußballstiefel mit Lederriegeln, Deutschland, 1920er-Jahre

Hintergrund
Seit über 100 Jahren bewegen die beiden Themen Fußball und Einwanderung das Ruhrgebiet: Im Schatten der Fördertürme und Hochöfen entwickelte sich im Revier bereits um 1900 eine dichte Fußballlandschaft, die bis heute einzigartig ist. Dabei ist der Fußballsport selbst ein Migrant. „Aus England wanderte er ins Revier ein und war zunächst getragen von der Begeisterung einer kleinen bürgerlichen Schicht. Erst nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte er sich zum massenhaft verbreiteten Sport, der in den 1920er-Jahren mehr und mehr von den Arbeitern geprägt wurde“, erklärte LWL-Museums­leiter Dietmar Osses am Freitag (21.8.) in Bochum.

AOK Fairplay Pokal zum 13. Republic Cup

Bei der Vorbereitung der Ausstellung hat das LWL-Museum eng mit den Vereinen und Fans zusammengearbeitet. So stellen die Spielerinnen und Spieler dreier Mannschaften aus Bochum, Duisburg und Gelsenkirchen ihre Erfahrungen auf dem Fußballplatz und im Alltag in Videoclips vor, die sie im Rahmen von Workshops zur Ausstellung erstellt haben. „Der Fußball ist eine wichtige Kontaktarena der Einwanderungsgesellschaft des Ruhrgebiets. Woche für Woche begegnen sich tausende Spieler und Ehrenamtliche. Gerade im Amateurfußball machen sie Erfahrungen gegenseitiger Wertschätzung und Solidarität, die in anderen Lebensbereichen oftmals vermisst werden“, so der Sozialwissenschaftler Stefan Metzger. Er und der Dokumentarfilmer Daniel Huhn hatten vor drei Jahren den Anstoß für das Projekt des LWL-Industriemuseums gegeben.

Fanschal „FC Polonia Hagen 2002“, Holzkohle, Bieflasche „Tyskie“ und „Magenbitter-Wodka“

Die Ausstellung spannt einen Bogen von den Anfängen des Fußballsports bis zu den ethnisch geprägten Vereinen der Gegenwart. Wichtige Stationen bilden die Geschichte der polnischen und masurischen Spieler in den Fußball­mannschaften der 1920er-Jahre und der Nationalitätenstreit um die Schalker Meistermannschaft von 1934. Dietmar Osses: „Während das gesamte Ruhrgebiet – auch Dortmund – damals jubelte, spielte die Sportpresse die nationalistische Karte aus. Polnische Zeitungen sahen die deutsche Meisterschaft in den Händen der Polen. Deutsche Zeitungen wie der Kicker druckten eine Gegendarstellung der Schalker Vereinsführung. Sie sollte belegen, dass die Spieler alle deutsche Jungs waren, die überwiegend in Gelsenkirchen geboren wurden.“

Offizielles FIFA-Fußball-Kopftuch

Die Ausstellung zeigt darüber hinaus Spuren der Flüchtlinge und Vertriebenen in der Zeit von Wiederaufbau und Wirtschaftswunder sowie die Anfänge des Frauenfußballs und der ersten Gastarbeitermannschaften in den 1950er- und 1960er-Jahren. Alltag und Erfolge von Spielerinnen und Spielern aus Einwanderer-Familien des Ruhrgebiets von der Kreisliga bis zur Weltspitze bilden jeweils den Kern der Präsentation.

Stahlbuch von Rot-Weiss Essen

Besonders stolz sind die Ausstellungsmacher auf die Trophäen, die Nationalspieler Mesut Özil zur Verfügung gestellt hat. So sind sein erstes Profi-Trikot vom FC Schalke 04, einige Medaillen aus verschiedenen europäischen und internationalen Wettbewerben sowie das „Silberne Lorbeerblatt“, das Bundespräsident Joachim Gauck den Spielern der deutschen Nationalmannschaft nach der gewonnenen WM überreichte, bis 1. November in Bochum zu sehen. Über die Ausstellung sagt der Fußballstar: „Ich freue mich, dass es diese Ausstellung rund um Fußball und Migration im Ruhrgebiet gibt. Fußball war für mich und meine Freunde damals in Gelsenkirchen nicht nur Zeitvertreib, sondern auch eine Möglichkeit, bestimmte Tugenden zu lernen wie Zusammenhalt und Teamgeist. Das sind Dinge, die man auch im späteren Leben benötigt. Ich unterstütze die Ausstellung gerne mit einigen Leihgaben.“

Bundesverdienstkreuz am Bande für Cafer Kaya

Sammelspardose für Jugendmannschaften, S. C. Croatia Mülheim e. V.

Fußball aus Bananenschalen

Begleitprogramm
Das umfangreiche Begleitprogramm zur Ausstellung reicht von Vorträgen und Führungen über ein interkulturelles Fußballturnier bis hin zu einer Podiumsdiskussion. Es greift aktuelle Fragen der Integrationskraft von Vereinen auf. Ein strittiges Thema: „Während die einen die Organisation von Mannschaften wie Polonia Bottrop, Türkspor Dortmund, Bosna Hagen oder Croatia Mülheim nach Herkunft ihrer Mitglieder als Parallelgesellschaft anprangern, sehen andere dies als Zeichen von Selbstorganisation, Engagement und Integration“, weiß Osses. Alle Termine im Internet unter www.lwl-industriemuseum.de.

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