Freitag, 14. August 2015

Ruhrtriennale 2015: „Nomanslanding“

Begehbare Installation im ehemaligen Eisenbahnhafen in Duisburg-Ruhrort

Eisenbahnhafen Duisburg-Ruhrort

„Nomanslanding“ ist eine öffentliche multimediale Installation der fünf international renommierten Künstler Robyn Backen (Australien), Andre Dekker von der Künstlergruppe Observatorium (Niederlande), Graham Eatough (United Kingdom), Nigel Helyer and Jennifer Turpin (beide Australien). Kuratiert von Katja Aßmann (Urbane Künste Ruhr, Deutschland), Michael Cohen (Sydney Harbour Foreshore Authority, Australien) und Lorenzo Mele (Merchant City Festival, United Kingdom) will „Nomanslanding“ eine sinnliche Erfahrung des Übergangs sein und führt die Besucher an den Punkt der Ungewissheit zwischen dem Eigenen und dem Fremden. „Die Installation ist ein Versuch, metaphorisch die uns vom Fremden trennende Kluft zu überbrücken und eine Begegnung auf gemeinsamen Terrain zu ermöglichen. Es entsteht ein Raum mit einzigartiger Atmosphäre, in dem miteinander über Geschichte, Erinnerungen und Erfahrungen reflektiert werden kann“, so Katja Aßmann, künstlerische Leiterin von Urbane Künste Ruhr. Nach der ersten Station in der Cockle Bay in Darling Harbour, Sydney, New South Wales, Australien (2. April bis 3. Mai 2015) wird „Nomanslanding“ im Rahmen der Ruhrtriennale 2015 vom 15. August bis 13. September 2015 im ehemaligen Eisenbahnhafen in Duisburg-Ruhrort zu erleben sein, bevor die Installation im Juli 2016 auf dem Clyde in Glasgow, Schottland schwimmen wird.

Eisenbahnhafen Duisburg-Ruhrort

Die Multimedia-Performance „Nomanslanding“ spielt mit historischen Zitaten und Assoziationen auf die kollektive Geschichte der jeweiligen Hafenorte an und holt die teils belastende Vergangenheit der Hafenregion während der beiden Weltkriege und des Industriezeitalters ins Bewusstsein der Besucher. Durch die symbolische Überbrückung der urbanen Gewässer wird die Wahrnehmung auf das Wasser als verbindendes Element gelenkt und ein kollektives Nachdenken über die Gegenwart und die Zukunft dieser Orte angeregt. Die Geschichte und Geografie des Kunstwerks dienen als Ausgangspunkt für die Entstehung eines poetischen und monumentalen Kunstwerks. Wer es eher mit griechischer Mythologie hält, mag sich auch vorstellen, von Charon über den Totenfluss Acheron gebracht zu werden, oder die Lethe oder den Styx.

„Nomanslanding“

„Nomanslanding“ ist über zwei auf dem Wasser schwimmende Stege aus zugänglich. Die Installation umfasst zwei bewegliche Plattformen, die sich auf der Wasserfläche zu einer Kuppel in Form einer Halbkugel (Durchmesser 10 Meter) vereinigen. In Armeezelten (das „in den Krieg ziehen“ findet sich auch in der Sound-Collage in der offenen Kuppel wieder) werden die Besucher auf „Nomanslanding“ vorbereitet. Dort müssen die Besucher durch ihre Unterschrift ihr Einverständnis mit den 22 Punkten der Allgemeinen Geschäftsbedingungen bestätigen, in denen es beispielsweise heißt: „7. Der Teilnehmer … Er akzeptiert außerdem, dass während seiner Teilnahme die Möglichkeit einer Verletzung oder eines Unfalls besteht. … 14. Der Besucher erkennt an, dass die Möglichkeit einer Verletzung während der Benutzung der Sicherheitsaurüstung besteht. … 17. Urbane Künste Ruhr hat jederzeit das Recht, Teilnehmer von der Installation zu entfernen … 20. Urbane Künste Ruhr behält sich das Recht vor, die Taschen der Teilnehmer jederzeit aus Sicherheitsgründen zu kontrollieren.“ (Anmerkung: Bei der Sicherheitsausrüstung handelt es sich um eine Rettungsweste, die die Person im Wasser selbständig in die Rückenlage dreht und den Kopf über Wasser hält, um die Atemwege freizuhalten.)

„Nomanslanding“

Im allmählich sich verdunkelnden Innenraum der sich schließenden Halbkugel ist eine Sound-Collage von Nigel Helyer und Robyn Backen zu hören, die nach dem kompletten Zusammenschluss der beiden Teile in einem live von Emily Dilewski/Katharina Thienel/Sookwang Cho/Stefanie Koch von der Folkwang Universität der Künste gesungenen, multilingualen Klagelied gipfelt, welches eigens für „Nomanslanding“ von Ben Fink und Cora Schmeiser (Musik) sowie Andre Dekker und Graham Eatough (Text) geschrieben wurde. Der Refrain „Spare us your tears“ wird auf Englisch, Französisch („Epargnez-nous vos larmes“), Deutsch („Erspare uns die Tränen“), Italienisch („Risparmia le lacrime“), Tschechisch („Nedavej vase slzy“), Flämisch („Bespaar ons de tranen“) und Türkisch („Bicim icin aglama“) gesungen.

„Nomanslanding“

„Nomanslanding“ ist täglich von 14 bis 23 Uhr bei freiem Eintritt zu erleben. Ein Durchgang durch die Installation dauert etwa 30 Minuten. In der Installation können sich gleichzeitig bis zu 40 Personen aufhalten. Somit können täglich 720 Personen „Nomanslanding“ auf einer „first-come, first-served“-Basis erleben, im gesamten Veranstaltungs­zeitraum maximal 21.600 Personen.

„Nomanslanding“

Die Standortwahl für die Installation „Nomanslanding“ rückt eine der Vorzeigeecken in Duisburg-Ruhrort in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit: Die Freitreppe am Ostrand des Hafenbeckens – Wurde die womöglich schon im 60-Millionen-Euro-Projekt „Waterfront – Marina & Life“ errichtet? – erinnert unweigerlich an die ebenso nutzlose große Treppenanlage am Duisburger Innenhafen, einst gedacht als aufregender Aufgang zum „Eurogate“, und das ehemalige Wohn- und Bürogebäude der „Gebrüder Luwen Schiffahrt und Handelsgesellschaft mbH & Co“ an der Friedrich-Ebert-Straße/Am Eisenbahnbassin, in dem es offensichtlich auch schon gebrannt hat, dürfte augenblicklich den Höhepunkt herber Schönheit am Eisenbahnhafen darstellen. 2008 hat die Familie Luwen das Grundstück und das Eck-Gebäude bereits zurückgegeben, seither ist dort nichts passiert, wenn man vom Verfall des Gebäudes absieht. Aber von der jüngsten belastenden Vergangenheit des Eisenbahnhafens erfährt man bei „Nomanslanding“ nichts, da dürften nämlich einigen Leuten auch die Tränen in den Augen stehen. Da dürfte die Skyline von Sydney die weitaus interessantere Location für „Nomanslanding“ gewesen sein, aber wer auf „lost places“ steht, wird sich auch am Eisenbahnhafen wohl fühlen.

„Nomanslanding“

„Nomanslanding“

„Nomanslanding“: Stefanie Koch, Studiengang Gesang/Musiktheater der Folkwang Universität der Künste

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