Dienstag, 21. Juli 2015

Staatstheater Kassel: „The Who´s Tommy“

„The Who´s Tommy“ – Musik, Gesangstexte: Pete Townshend; Libretto: Pete Townshend und Des McAnuff; Ergänzende Musik: John Entwistle und Keith Moon; Inszenierung: Patrick Schlösser; Choreografie: Michael Langeneckert; Bühne: Ulrike Obermüller; Kostüme: Wiebke Meier; Licht: Christian Franzen; Video Mapping: Stefan Pfeifer; Dramaturgie: Thorsten Teubl, Michael Volk; Musikalische Leitung: Thorsten Drücker. Darsteller: Peter Elter (Tommy), Agnes Mann (Mrs. Walker), Franz Josef Strohmeier, Alexander Weise, Rémi Benard, Ákos Dózsa, Martin Durov, Victor Adrian Marinus Andreas Rottier, Shafiki Sseggayi (Captain Walker), Aljoscha Langel (Uncle Ernie), Bernd Hölscher (Lover & (ehemaliger) Pinball Wizard), Sabrina Ceesay, Eva-Maria Keller, Eva Maria Sommersberg, Natalie Farkas, Laja Field, Gotaute Kalmataviciute, Ann-Christin Zimmermann (Krankenschwester & Acid Queen) u. a. Uraufführung der konzertanten Fassung: 9. Mai 1969, Grande Ballroom, Detroit, Michigan. Uraufführung als Bühnenstück: 1. Juli 1992, Mandell Weiss Theatre, La Jolla Playhouse, San Diego. Broadway Premiere: 22. April 1993, St. James Theatre, New York City. Deutsche Erstaufführung: 28. April 1995, Capitol, Offenbach. Deutschsprachige Erstaufführung: 2. Juli 1999, Stadttheater Lübeck. Premiere: 17. Juli 2015, Staatstheater Kassel, Schauspielhaus, Kassel.



„The Who´s Tommy“


Die Rockoper am Staatstheater Kassel


Am 23. Mai 1969 veröffentlichte die britische Rockgruppe The Who ihr Konzeptalbum „Tommy“, das weltweit über 20 Millionen Mal verkauft wurde. The Who hatten von Anfang an geplant, „Tommy“ live aufzuführen, am 1. Mai 1969 gab die Gruppe in Ronny Scott’s Jazz Club in London ein Preview Konzert für die Presse, und am 9. Mai 1969 fand schließlich der erste Gig im Grande Ballroom in Detroit, Michigan statt. Bereits vom 28. April bis 16. Mai 1971 zeigte die Seattle Opera unter der Intendanz von Richard Pearlman „Tommy“ zum ersten Mal als komplettes Bühnenstück mit Steve Curry in der Titelrolle am Moore Theater, Bette Midler spielte die Rolle der Acid Queen und Mrs. Walker. Ken Russel verfilmte die Geschichte mit dem Leadsänger von The Who, Roger Daltrey in der Titelrolle, und Stars wie Ann-Margret Olsson als Nora Walker Hobbs, Tina Turner als Acid Queen, Elton John als Pinball Wizard, Eric Clapton als Prediger und Jack Nicholson als Spezialist. Am 19. März 1975 kam der Film in die amerikanischen Kinos, Ann-Margret wurde 1976 mit dem Golden Globe Award in der Kategorie „Best Actress – Motion Picture Musical or Comedy“ ausgezeichnet. 24 Jahre sollten nach der Veröffentlichung des Konzeptalbums bis zur Broadway Premiere der Rock-Oper „The Who´s Tommy“ in der Fassung von Pete Townshend und dem künstlerischen Leiter des „La Jolla Playhouse“ in San Diego, Des McAnuff am 22. April 1993 vergehen, verschiedene Versuche, das Werk in Großbritannien auf die Bühne zu bringen, blieben in den Jahren 1975 bis 1978 erfolglos. Am Broadway wurde das Stück dann in 899 regulären Vorstellungen bis 17. Juni 1995 gezeigt und mit 5 Tony Awards ausgezeichnet, u. a. für die Beste Originalmusik für Pete Townshend. Am 28. April 1995 erlebte „The Who´s Tommy“ in der zu einem Musicaltheater umgebauten ehemaligen Synagoge in Offenbach seine deutsche Erstaufführung und wurde dort bis 16. Juni 1996 aufgeführt, das Projekt endete in der Insolvenz. Daraufhin erstellte Anthony Gebler eine deutsche Fassung, die am 2. Juli 1999 am Stadttheater Lübeck mit Sven Olaf Denkinger in der Titelrolle ihre Erstaufführung erlebte.

Wer kennt nicht die Geschichte des Jungen Tommy, der durch einen Spiegel beobachten muss, wie sein aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrter Vater seine Mutter mit ihrem neuen Liebhaber vorfindet, und Captain Walker diesen im Verlauf einer Prügelei erschießt? Seine Eltern beschwören ihn, nichts gesehen oder gehört zu haben und auch auf keinen Fall darüber zu sprechen. Auf tragische Weise soll ihr Wunsch in Erfüllung gehen, der traumatisierte Junge reagiert fortan nicht mehr und ist blind, stumm und taub. Doch für Regisseur Patrick Schlösser steht nicht die Geschichte des Jungen Tommy im Vordergrund, er hat sich die Beschreibung „… eigentlich geht es darum, dass der Junge in einer Welt der Schwingungen und Vibrationen lebt“ aus der Autobiografie „Who I am“ von Pete Townshend zu eigen gemacht und verzichtet folglich darauf, die Geschichte des traumatisierten Jungen nachvollziehbar auf die Bühne zu bringen. Wir können daher an dieser Stelle auch getrost auf eine Zusammenfassung des Inhalts verzichten. Patrick Schlösser zeigt auf der Bühne Pete Townshends Eigentlich, Tommys Gefühlsleben, vibrations… Hinzu kommt, dass die englische Rockband The Who in den ersten Jahren eine im Vergleich zu den Beatles und den Rolling Stones aggressivere Variante der britischen Rockmusik vertreten hat. All dies sind letztlich natürlich nur eigene Interpretationsansätze, wie die am Schauspielhaus in Kassel gezeigte Inszenierung von „The Who’s Tommy“ zustande gekommen sein könnte.

Das unkonventionelle Bühnenkonzept von Ulrike Obermüller sieht vor, dass sich die Akteure auf einem Steg von der Bühnenrückwand bis zur letzten Reihe in den Zuschauerraum bewegen können, wo sich ein Kabuff mit darauf angebrachten Leuchtbuchstaben T O M M Y befindet. In Höhe des Proszeniums verzweigt sich dieser Steg zu beiden Seiten, so dass er letzten Endes die Form eines Kreuzes annimmt, auf dem Peter Elter (Tommy) tatsächlich im Verlauf der 90-minütigen Vorstellung einen Bilderrahmen schleppt wie Jesus auf dem Kreuzweg sein Kreuz. Zusätzlich gibt es neben diesem Steg auf der Bühne Zuschauerplätze, und wenn man unversehens in der ersten Reihe auf der Bühne landet und 90 Minuten in das Auditorium blickt, so fühlt man sich schon ein klein wenig wie im Zoo… nicht vor dem Affenkäfig, sondern darin. Entkommen unmöglich, denn es wird ohne Pause gespielt. Die Bühnenrückwand in Form einer Hausfassade wird mit einem darauf abgestimmten Videoprojektionsmapping von Stefan Pfeifer bespielt, das womöglich ganz toll aussieht, wenn man aus dem Auditorium etwas davon sieht. Was aber bei den Zuschauerplätzen auf der Bühne eben nicht der Fall ist. Ich würde die Plätze auf der Bühne allein schon aus den beiden genannten Gründen meiden. Hinzu kommt noch, dass die Stimmen der Darsteller auf der Bühne nur schwer bis gar nicht zu verstehen sind, was möglicherweise aber auch den räumlichen Gegebenheiten anzulasten ist, denn die Tontechnik mischt typischerweise für die Zuschauer im Auditorium ab und nicht für Plätze auf der Bühne. So macht es auf der Bühne eher den Eindruck, als wolle die vierköpfige Band unter der Musikalischen Leitung von Thorsten Drücker unter Beweis stellen, warum The Who anfänglich als „Radau Combo“ galt. Oder strebt man womöglich einfach nur den Schalldruckpegel von 120 dB an, wie er bei einem Auftritt von The Who auf dem Charlton Football Ground gemessen wurde? Vielleicht sollte man dann aber auch im Anschluss an die Vorstellung Instrumente zertrümmern, damit das Ganze wie ein realistisches Konzert von The Who wirkt. T-Shirts mit den stilisierten Konterfeis der vier Gründungsmitglieder Pete Townshend, Roger Daltrey, John Entwistle und Keith Moon (Kostüme Wiebke Meier) haben die Musiker Thorsten Drücker (Gitarre, Electronic), Vincent Hammel (Gitarre, Synthesizer), Heiko Pape (Bass, Klavier) und Andy Pilger (Schlagzeug) jedenfalls schon an. Einen realen oder zumindest stilisierten Flipperautomaten gibt es auf der Bühne nicht, dafür wird der gesamte Zuschauerraum und die Bühne, die ja ebenfalls als Zuschauerraum fungiert, mit überdimensionalen, leuchtenden Bällen zu einem Flipperautomaten, in dem die Zuschauer die „Flipperkugeln“ fangen und zurückwerfen dürfen. Zuschauerbeteiligung kommt immer gut an, der Zuschauer fühlt sich als Teil der Inszenierung.

Mitglieder des Schauspiel- und Tanztheater-Ensembles stehen gemeinsam mit Agnes Mann (Mrs. Walker) als Gast auf der Bühne, rennen vom einen Ende des Steges zum anderen, als seien sie auf der Flucht, tanzen wie auf Drogen (Choreografie Michael Langeneckert) und erzeugen damit eine Bilderflut, die womöglich Tommys Innerstes symbolisieren soll. Der Schauspieler Peter Elter verabschiedet sich mit seiner Darstellung des Tommy Walker vom Schauspielensemble des Staatstheaters Kassel, die Aussage „endlich frei“ auf seiner Homepage lässt – wie seine Rollenauslegung auf der Bühne – Interpretationsspielraum. Agnes Mann ist als mit der Situation überforderte Mrs. Walker zu sehen, ihr neuer Liebhaber wird von Bernd Hölscher verkörpert, der im weiteren Verlauf der Handlung auch als ehemaliger Flipperchampion wie ein in die Jahre gekommener Wrestler in Erscheinung tritt, der von Tommy „aus dem Ring geworfen wird“. Aljoscha Langel kann als Tommys homosexueller Onkel Ernie im dunklen Anzug mit Hochwasser und Tennissocken dessen Song „Fiddle about“ zum Besten geben, Tommys sadistischer Cousin Kevin tritt in Kassel ebenso wenig in Erscheinung wie Sally Simpson, ein fanatischer Fan von Tommy.

Nach 80 Minuten hat sich Tommy in der Kasseler Inszenierung befreit, sitzt inmitten eines Kreises der übrigen Darsteller im Mittelpunkt des Bühnensteges, einem Happening à la „Hair“ nicht ganz unähnlich. Die meisten Zuschauer lassen sich ohne weiteres mitreißen, bei den beiden Zugaben Teil dieses Happenings zu werden und mitzufeiern. „The Who’s Tommy“ ist im Rahmen des Sommertheaters noch bis zum 2. August 2015 am Schauspielhaus des Staatstheaters Kassel zu sehen.

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