Sonntag, 12. Juli 2015

„Lotte – Ein Wetzlarer Musical“

„Lotte – Ein Wetzlarer Musical“ – basierend auf dem Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ von Johann Wolfgang von Goethe; Musik: Marian Lux; Buch und Liedtexte: Kevin Schröder; Inszenierung: Christoph Drewitz; Choreografie: David Hartland; Bühnenbild: Miriam Reihardt, Raphael Schumann; Kostüme: Verna Polkowski; Lichtdesign: Phil Kong; Tondesign: Simon Böttler; Dramaturgie: N. N.; Musikalische Leitung: Martin N. Spahr. Darsteller: Anne Hoth (Lotte), Oliver Arno (Werther), David Wehle (Albert) sowie Karen Helbing (Erna, Karoline, Mutter u. a.), Ekaterini Tsapanidou (Lenchen, Hanna, Blumenmädchen u. a.) und Tobias Weis (Fritz, Medicus, Amtmann, Vater u. a.). Uraufführung: 10. Juli 2015, Wetzlarer Festspiele, Lottehof, Wetzlar.



„Lotte – Ein Wetzlarer Musical“


Uraufführung im Wetzlarer Lottehof


Im Mai 1772 hatte sich Johann Wolfgang Goethe auf Drängen seines Vaters als Praktikant beim Reichskammergericht in Wetzlar eingeschrieben, wo auch Johann Christian Kestner als kurhannoverscher Legationssekretär tätig war. Im Juni lernte er dessen Verlobte Charlotte Buff bei einem ländlichen Tanzvergnügen kennen und verliebte sich in die lebensfrohe 19-jährige „Lotte“, die sich um ihre Geschwister und den Haushalt kümmerte, da ihre Mutter Magdalena Ernestina, geb. Feyler, am 13. März 1771 gestorben war. Goethe wurde regelmäßiger und willkommener Gast im Haus der Familie Buff, dem heutigen Lottehaus, ehemals Verwalterhaus der Deutschordenritter. Nachdem Charlotte ihm erklärt hatte, dass er lediglich auf ihre Freundschaft hoffen dürfe und Goethe die Hoffnungslosigkeit seiner Liebe zu Charlotte erkannt hatte, reiste er im September 1772 überstürzt aus Wetzlar ab. Charlotte heiratete am 4. April 1773 Johann Christian Kestner, und Goethe verarbeitete seine eigenen Erfahrungen sowie den Suizid des braunschweigischen Legationssekretärs Karl Wilhelm Jerusalem, der sich wegen einer unglücklichen Liebe zu Elisabeth Herd mit einer von Johann Christian Kestner geliehenen Pistole am 30. Oktober 1772 erschoss, in dem Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“, den er Anfang 1774 innerhalb von vier Wochen niederschrieb.

Lottehaus

Dem Trend zu historischen Stoffen mit Lokalbezug folgend machten sich Christoph Drewitz (Regie und Mitentwicklung), Kevin Schröder (Buch und Liedtexte) und Marian Lux (Musik) als Autorenteam auf der Grundlage der Biografie von Charlotte Buff, Goethes Wetzlarer Zeit sowie seines Briefromans „Die Leiden des jungen Werthers“ daran, ein Musical zu schreiben, das sich mit der Frauenfigur aus Goethes Briefroman beschäftigen und die bekannten Themen aus einer anderen Perspektive betrachten sollte. Nach beinahe dreijähriger Stückentwicklung kam „Lotte – Ein Wetzlarer Musical“ am 10. Juli 2015 im Wetzlarer Lottehof zur Uraufführung, man darf jedoch keinesfalls eine wahrheitsgemäße Wiedergabe der historischen Fakten oder des Inhalts aus Goethes Briefroman erwarten, vielmehr handelt es sich um eine fiktive Geschichte, in der sich Lotte in Werther verliebt und noch vor seiner Abreise aus Wetzlar seinem Werben erliegt. Doch Werthers Entschluss, abzureisen, ist unumstößlich, und so heiratet Lotte ihren Verlobten Albert, wobei ihr sogar noch vor dem Traualter Werther erscheint. Als Werther auf Lottes Einladung hin nach Wetzlar zurückkehrt, gesteht sie Albert, dass sie Werther genauso liebe wie ihn, während Werther durch seinen Burschen eine von Alberts Jagdpistolen erbitten lässt. Doch sie will Werther nicht sterben lassen, in Werthers Kammer kommt es schließlich zum äußersten: Lotte gesteht Werther ihre Liebe, und zunächst scheint es, als wollten beide gemeinsam aus dem Leben scheiden, doch dann reißt sich Lotte los, schießt auf ihren Geliebten, um schließlich ihrem in der Zwischenzeit herbeigeeilten Mann in die Arme zu sinken. Goethe lässt in seinem Briefroman keinen Zweifel an der Selbsttötung Werthers: „Über dem rechten Auge hatte er sich durch den Kopf geschossen… Aus dem Blut auf der Lehne des Sessels konnte man schließen, er habe sitzend vor dem Schreibtische die Tat vollbracht…“

Regisseur Christoph Drewitz bezieht den gesamten Deutschordenshof (Lottehof) mit dem ehemaligen Verwalterhaus („Lottehaus“) und der ehemaligen Zehntscheune der Marburger Deutschordensniederlassung in Wetzlar in seine Inszenierung ein, die Zuschauer sitzen vor der ehemaligen Ordensherberge, dem heutigen Stadt- und Industriemuseum. Die Topografie des Hofes bietet zwar einen guten Überblick, aber bedingt durch die flache Neigung des Hofes sieht man aus den hinteren Reihen – etwa ⅔ der Plätze waren bei der Uraufführung für Ehrengäste reserviert – oftmals nur die Oberkörper der Darsteller, ich weiß beim besten Willen nicht zu sagen, ob beim Prolog Albert und der Medicus bei Werthers Leiche auftauchen, derweil der Boden für mich nicht zu sehen war. Hinzu kommt, dass einige dieser „Ehrengäste“ im Oberstufenalter unmittelbar vor uns insbesondere während des ersten Aktes ständig mit Fotografieren und Statusmeldungen auf dem Smartphone Checken und Kommentieren beschäftigt waren, was ungemein stört und vom Geschehen ablenkt. Jeder, der schon einmal eine „Twitter-Vorstellung“ erlebt hat, weiß, wie störend das ist, wenn die Twitterati unmittelbar vor einem sitzen. Dummerweise war die Vorstellung gar nicht öffentlich für die Allgemeinheit als „Twitter-Vorstellung“ ausgewiesen… Man möge mir also verzeihen, wenn ich womöglich das ein oder andere Detail gar nicht gesehen oder aber verpasst habe und daher an dieser Stelle auch nicht besprechen kann. Verena Polkowskis Kostümentwürfe lassen Anleihen bei der Kleidermode des Rokoko erkennen, Miriam Reinhardt und Raphael Schumann nutzen für ihr Bühnenbild die natürlichen Gegebenheiten des Deutschordenshofs bestmöglich aus, vor den Bäumen gegenüber der ehemaligen Ordensherberge ist eine kleine „Bretterbühne“ aufgebaut, auf der im zweiten Akt eine Gauklertruppe auftritt. Die Szene wirkte auf mich eher befremdlich, aber bitte, das ist eben künstlerische Freiheit. Die sechsköpfige Band unter der Musikalischen Leitung von Martin N. Spahr am Piano/Akkordeon ist links von den Zuschauern auf einem stilisierten Marktplatz platziert und bringt Marian Lux’ moderne Partitur – bitte keine Anklänge an Spätbarock oder Wiener Klassik erwarten – zeitgemäß zu Gehör. Zu Beginn des zweiten Aktes verbrennt Lotte in einer Art Grillkamin auf eben jenem stilisierten Marktplatz Werthers Briefe, der Rauch zog bedauerlicherweise unmittelbar zu den Zuschauern und brannte mir unangenehm in den Augen.

Zu den Auditions für die sechs Rollen in „Lotte – Ein Wetzlarer Musical“ sollen sich über 500 MusicaldarstellerInnen beworben haben, und im Januar 2015 stand schließlich die Besetzung für die Uraufführung im Sommer fest. Aus dem sechsköpfigen Ensemble sticht Oliver Arno als Werther deutlich heraus. Ob er sich nun auf dem Tanzvergnügen mit seinem Song „Hosen runter“ im Kilt für alle zum Trottel macht, während eines Picknicks mit Lottes Geschwistern herumtobt oder aber die Hoffnungslosigkeit seiner Liebe zu Lotte in „So kann’s nicht weitergehen“ zum Ausdruck bringt, Oliver Arnos einnehmende Art und Bühnenpräsenz lenkt die Aufmerksamkeit der Zuschauer unweigerlich auf die tragische Figur des Werther, da kann sich Anne Hoth als Lotte mit ihren Gefühlen noch so sehr zwischen zwei Männern hin- und hergerissen fühlen. Anne Hoth spielt Lotte als selbstbewusste Frau, für das 18. Jahrhundert ein wenig zu selbstbewusst und vor allem zu fortschrittlich, die sich auf der anderen Seite aber rührend und pflichtbewusst um ihre Geschwister kümmert. David Wehle stellt Lottes Verlobten und späteren Ehemann Albert als Gegenpol zu Werther dar: Er liebt Lotte auf seine Weise, muss diesem Gefühl aber nicht durch große Gesten Ausdruck verleihen, will stets nur das Beste für sie und kann ihr keinen Wunsch abschlagen. Als sie ihm allerdings ihre Liebe zu Werther gesteht, überlässt er nur zu bereitwillig Werthers Burschen eine seiner Jagdpistolen, sehr wohl ahnend, dass dieser sich damit erschießen wolle, hatte es doch zuvor bereits bei einer Jagd Streit zwischen beiden um die Möglichkeit der Selbsttötung gegeben, die für Albert nie und nimmer infrage käme. Karen Helbing (Erna, Karoline, Mutter u. a.), Ekaterini Tsapanidou (Lenchen, Hanna, Blumenmädchen u. a.) und Tobias Weis (Fritz, Medicus, Amtmann, Vater u. a.) komplettieren das sechsköpfige Ensemble und sorgen mit dem Song „Willkommen in Wetzlar“ und diversen Reprisen musikalisch dafür, dass es auch jeder mitbekommt, auch diejenigen, die kontinuierlich mit anderen Dingen beschäftigt sind, dass es sich hier um ein Musical mit lokalem Bezug handelt. Durch unterschiedliche Kleidungsaccessoires wird deutlich gemacht, welche Rolle die Darsteller in der jeweiligen Szene verkörpern, ob beispielsweise Tobias Weis Lottes Vater oder ihren jüngeren Bruder Fritz darstellt.

Nach gut zweieinviertelstündiger Vorstellung hielt es keinen der über 300 Zuschauer auf seinem Sitz und es gab verdient langanhaltenden Stehapplaus für Darsteller und Kreative. Wer sich jetzt erst entschließt, Karten für das Musical zu ordern, hat eh schlechte Karten, denn bereits einen Monat vor der Uraufführung meldeten die Wetzlarer Festspiele, dass alle 12 Aufführungstermine bis zum 1. August 2015 bereits ausgebucht seien, da half offensichtlich auch die Erhöhung des Sitzplatzkontingents von 300 Plätzen im Lottehof um 20 Plätze nicht entscheidend weiter.

Bedauerlicherweise wurden von den Wetzlarer Festspielen keine Produktionsfotos zur Verfügung gestellt, die an dieser Stelle gezeigt werden dürften.

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