Dienstag, 21. Juli 2015

„Die Schatzinsel – Das Musical“

„Die Schatzinsel – Das Musical“ – nach dem Roman „Die Schatzinsel“ von Robert L. Stevenson; Musik: Dennis Martin; Buch und Liedtexte: Christoph Jilo und Wolfgang Adenberg; Inszenierung: Stanislav Slovák; Choreografie: Michael Matej; Bühnenbild: Jaroslav Milfajt; Kostüme: Andrea Kucherová; Lichtdesign: David Kachlír; Tondesign: Milan Vorlíček; Dramaturgie, Adaptionsregie: Christoph Jilo; Musikalische Leitung: Maximilian Klakow. Darsteller: Friedrich Rau (Robert Louis Stevenson/Dr. David Livesey), Anna Thorén (Fanny Osbourne/Mrs. Hawkins), Claudius Ruppel/Benjamin Klein/Paula Weber als Llyod Osbourne, Fannys Sohn aus erster Ehe mit Samuel Osbourne/Jim Hawkins), Andreas Lichtenberger (Long John Silver), Norbert Lamla (Thomas Stevenson, Roberts Vater/Kapitän Smollett), Frank Logemann (Israel Hands/Billy Bones, Long John Silver alternierend), Lutz Standop (Squire John Trelawny), Olaf Meyer (Blind Pew), Dietmar Ziegler (Cover Thomas Stevenson, Roberts Vater/Kapitän Smollett, Cover Squire John Trelawny, Steward), Sascha Kurth (Walk-In Cover Robert Louis Stevenson/Dr. David Livesey, Walk-In Cover Israel Hands/Billy Bones), Linda Stark (Cover Fanny Osbourne/Mrs. Hawkins, Swing), Robert Schmelcher (Swing), Michael Beck, Tamina Ciskowski, Tabea Grün, Carolin Koch, Sascha Laue, Claus Opitz, Philipp Phung und Yasuko Sunaba. Jörg Alt, Katharina Brehl, Kristin Heil, Torsten Paul (Extraensemble). Uraufführung: 16. Mai 2015, Městské divadlo Brno (Brünner Stadttheater), Brno-Černá Pole, Tschechische Republik. Premiere: 17. Juli 2015, Schlosstheater Fulda.



„Die Schatzinsel – Das Musical“


Deutsche Erstaufführung im Schlosstheater Fulda


Andreas Lichtenberger, Ensemble; © spotlight musicals GmbH

Nachdem vom 19. Juni bis 5. Juli 2015 „Die Päpstin – Das Musical“ (Uraufführung 3. Juni 2011) im vierten Jahr in Folge auf dem Spielplan des Schlosstheaters Fulda stand, sollte daselbst am 17. Juli 2015 die „Welt-Uraufführung“ der neuen Produktion „Die Schatzinsel – Das Musical“ über die Bühne gehen. So ist es zumindest auf den Plakaten in Fulda und auf den dort ausliegenden Foldern zu lesen. Nun ist das mit „Welt-Uraufführungen“ so eine Sache, zum einen handelt es sich dabei um einen Pleonasmus, auf der anderen Seite gibt es eine Uraufführung eben nur einmal auf der Welt, und da „Ostrov pokladů“ („Schatzinsel“) von Dennis Martin, Christoph Jilo und Wolfgang Adenberg bereits am 16. Mai 2015 in der Inszenierung von Stanislav Slovák in einer Übersetzung von Mikuláš Bryan am Městské divadlo Brno (Brünner Stadttheater) aufgeführt wurde, wäre deutschsprachige Erstaufführung, deutsche Erstaufführung oder einfach Premiere die bessere Wahl gewesen, und genau diese Bezeichnung hat Produktionsleiter Peter Scholz bei seiner Ansprache vor der Premiere auf der Bühne des Schlosstheaters Fulda auch genutzt. „Die Schatzinsel – Das Musical“ ist nach „Bonifatius – Das Musical“, „Elisabeth – Die Legende einer Heiligen“, „Die Päpstin – Das Musical“, „Friedrich – Mythos und Tragödie“ und „Kolpings Traum“ die sechste Produktion der spotlight musicals GmbH, deren Intention es ist, Musicals mit historischem Hintergrund am Originalschauplatz zu spielen. Was den schottische Schriftsteller Robert Louis Stevenson (* 13. November 1850 in Edinburgh, † 3. Dezember 1894 in Vailima, Samoa) mit Fulda verbinden soll, will sich mir nicht so recht erschließen, aber man kann schwerlich erwarten, dass das deutsche Musicalpublikum nach Edinburgh, Paris oder womöglich sogar Samoa reist, um die Vorstellung am Originalschauplatz zu erleben. Die Lebensumstände von Robert Louis Stevenson von 1862 bis zu seiner endgültigen Abreise aus Europa bilden mehr oder weniger den historischen Hintergrund der neuerlichen Produktion, die mit seinem 1883 bei Cassel & Company in London veröffentlichter Roman „Treasure Island“ auf der fiktiven Ebene geschickt verwoben ist. Tatsächlich heirateten Fanny Osbourne und Robert Louis Stevenson am 19. Mai 1880 und kehrten am 7. August 1880 nach England zurück, um sich mit Robert Stevensons Eltern zu versöhnen. Nachdem Thomas Stevenson, Roberts Vater, am 8. Mai 1887 in Edinburgh verstorben war, siedelte die Familie mit Margaret Isabella Stevenson, Roberts Mutter, nach Amerika über. Robert Louis Stevenson hat vor seiner endgültigen Abreise aus Europa auch die Schauernovelle „Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde“ verfasst, die dem geneigten Musicalbesucher ebenfalls ein Begriff sein dürfte.

Claudius Ruppel; © spotlight musicals GmbH

Zum Inhalt:
Im Traum sieht sich Robert Louis Stevenson als Kind, wie ihm sein Vater eine Piratengeschichte erzählt. Von einem Hustenanfall geschüttelt – Robert Louis Stevenson litt sein Leben lang an Atemwegserkrankungen – erwacht er und in seinem Elternhaus in Edinburgh kommt es zu einer heftigen Auseinandersetzung mit seinem Vater um seine berufliche Zukunft. Unvermittelt reist er nach Frankreich ab und sucht in einer Künstlerkolonie in Fontainebleau Inspiration für seine Schriftstellerei. Dort quartiert sich auch die Amerikanerin Fanny Osbourne mit ihrem 12-jährigen Sohn Lloyd ein, um sich der Malerei zu widmen. Robert Louis und Lloyd entdecken ihre gemeinsame Begeisterung für Piratengeschichten und Robert Louis spinnt die Szene, von der er anfangs geträumt hat, zu der Geschichte von einer geheimnisvollen Schatzinsel weiter. In einer Szene in der Hafenkneipe „Zum Admiral Benbow“ übernimmt Fanny die Rolle der verwitweten Wirtin Mrs. Hawkins, Lloyd wird zu ihrem Sohn Jim, der gerade von Doktor Livesey – personifiziert von Robert Louis – unterrichtet wird. Bei einem Streit zwischen dem Piraten Billy Bones und dem blinden Bettler Pew um den Nachlass des verstorbenen Captain Flint kann Jim unbemerkt Flints legendäre Schatzkarte an sich nehmen. Der vermögende Friedensrichter Squire Trelawney entschließt sich, eine Expedition zu der darauf verzeichneten Insel zu finanzieren, und Jim – als Besitzer der Karte – überredet seine Mutter, zusammen mit Doktor Livesey dorthin mitreisen zu dürfen. Als die Piratengeschichte wegen eines erneuten Hustenanfalls von Robert Louis abbricht, überredet Fanny ihn, zu seinem vertrauten Arzt nach Edinburgh zurückzureisen. In Edinburgh stößt er erneut auf die Verständnislosigkeit seines Vaters und wird von seiner Mutter für die aufkeimende Liebesbeziehung zu einer verheirateten Mutter gerügt. Robert Louis setzt die Erzählung von der „Schatzinsel“ unverdrossen fort, bei der der Friedensrichter auf der Suche nach Schiff und Besatzung ist. Jim lernt den einbeinigen Seemann Long John Silver kennen, der ihn aus einem Hinterhalt rettet und genau derjenige ist, der für den Friedensrichter die Besatzung für die Expedition zur Schatzinsel zusammengestellt hat, die – wie sich später herausstellen wird – zum großen Teil aus Captain Flints ehemaliger Piraten-Crew besteht, die sich noch immer um den Schatz betrogen fühlt. Während sich Robert Louis auf der „Indiana“ nach New York einschifft, um der zwischenzeitlich nach San Francisco zurückgekehrten Fanny hinterher zu reisen, bricht Doktor Livesey auf der „Hispaniola“ zur Schatzinsel auf. Das Abenteuer nimmt sowohl auf der biografischen wie auf der fiktiven Ebene seinen Lauf.

Claudius Ruppel und Norbert Lamla; © spotlight musicals GmbH

Während sich die beiden Erzählstränge parallel entwickeln, zieht Long John Silver, da er die Schatzkarte in dessen Besitz weiß, Jim Hawkins weiter in sein Vertrauen. Mit der Zeit verkörpert Long John Silver für den Jungen eine Vaterfigur, die weder Jim in der Erzählung der „Schatzinsel“ noch Lloyd in San Francisco hat. Als die Schatzinsel in Sicht kommt, schlagen die Piraten das Kommando um Kapitän Smollett nieder, Jim kann sich jedoch unentdeckt samt Schatzkarte zur Insel absetzen. Die Piraten folgen ihm und lassen den angeschossenen Doktor Livesey an Bord der „Hispaniola“ zurück. Auch Robert Louis Stevenson kommt in schlechtem Gesundheitszustand in New York an, setzt jedoch seine Reise in Richtung San Francisco fort. Dort wird er zwar überschwänglich von Lloyd begrüßt, doch Fanny weist ihn konsterniert ab. Robert Louis überträgt seinen Schmerz auf den Verlauf der Piratengeschichte, indem er in die Rolle des anfänglich niedergeschossenen Ben Gunn schlüpft, der auf der Schatzinsel überlebt hat und dort auf Rache sinnt, als seine ehemaligen Kameraden auf die Insel zurückkehren. Erst als Long John Silver den Friedensrichter mit einem glühenden Holzscheit bedroht und dieser laut schreit, händigt Jim dem Piraten die Schatzkarte aus. Doch die Suche nach dem Schatz gestaltet sich schwierig. Als sich die Piraten in einer Höhle am Ziel der Schatzsuche wähnen, zeigt sich der totgeglaubte Ben Gunn den erschrockenen Männern. Der habgierige Friedenrichter, der einem der Piraten eine Pistole entrissen hat, schießt Israel Hands nieder, um sodann mitsamt dem Gold im gerade ausbrechenden Vulkan zu versinken, womit Ben Gunns Racheplan aufgegangen ist. In New York will der Schriftsteller Robert Louis Stevenson seine Rückreise nach England antreten, wo sich Fanny und ihr Sohn Lloyd gemeinsam mit im einschiffen, nachdem sich Fanny schließlich für ein Leben an seiner Seite entschieden hat. Als Lloyd vom Untergang des Schatzes auf der „Schatzinsel“ erfährt, fordert er von Robert Louis, ein neues Ende zu schreiben und die Geschichte gut enden zu lassen. Nach Edinburgh zurückgekehrt, muss Robert Louis Stevenson feststellen, dass die Gesellschaft seine Beziehung zu Fanny nicht akzeptiert. Er versöhnt sich mit seinem Vater und verabschiedet sich von seinen Eltern, um gemeinsam mit Fanny und Lloyd die Freiheit in der Ferne zu suchen. Vor der Abfahrt geht es noch einmal an Bord der „Hispaniola“, wo sich Lloyd von seinem leiblichen Vater verabschieden und sich ebenfalls mit ihm versöhnen kann.

Claudius Ruppel und Andreas Lichtenberger; © spotlight musicals GmbH

„Die Schatzinsel – Das Musical“ verbindet auf geschickte Art und Weise die reale Biografie des Schriftstellers Robert Louis Stevenson mit dessem erfolgreichen Roman „Treasure Island“ auf der fiktiven Ebene, über die von den Autoren propagierte zwingende Notwendigkeit dieser Verbindung mag sich jeder sein eigenes Urteil bilden. Dass beide Ebenen zum Ende hin mehr oder weniger von der realen Biografie von Robert Louis Stevenson bzw. dessen Romanvorlage abweichen, stört nicht weiter. Piratengeschichten kommen beim Publikum immer gut an, das ist nicht erst seit „Fluch der Karibik“ so, Liebesgeschichten mit Herzschmerz ebenso, eine fiktive Piratengeschichte mit einer wahren Liebesgeschichte auf der Bühne zu verbinden, das hat man jedoch noch nicht so häufig gesehen. Regisseur Stanislav Slovák, der für die Inszenierung der Uraufführung am Brünner Stadttheater verantwortlich zeichnet, hat die beiden Handlungsebenen deutlich nachvollziehbar herausgearbeitet. Christoph Jilo hat in Fulda die Adaptionsregie übernommen, was mit Ausnahme der Kampfszene im zweiten Akt, dessen Kampfchoreografie in Brünn Josef Jurásek erarbeitet hat und die auf mich in Fulda ein wenig klischeehaft und gekünstelt wirkte, auch ausgezeichnet funktioniert. Wobei die wahre Liebe zwischen Fanny Osbourne und Robert Louis Stevenson zum Ende auf der Bühne eher propagiert wird denn wirklich zu spüren ist, meines Erachtens eine Frage der Personenführung. Auf der anderen Seite, wen interessiert schon wahre Liebe, „die Freiheit ist der Schatz, den es sich zu finden lohnt“. Beim Bühnenbild von Jaroslav Milfajt, den Kostümentwürfen von Andrea Kučerová, dem Lichtdesign von David Kachlíř und der Videoanimation von Petr Hloušek hat das Kreativteam des Brünner Stadttheaters wieder einmal ganz hervorragende Arbeit geleistet, was „Die Schatzinsel – Das Musical“ zu einer wirklich ansehnlichen Produktion macht. Die Musik mit eingängigen Up-tempo-Nummern und Balladen lässt deutlich die Handschrift von Dennis Martin erkennen und knüpft nahezu nahtlos an die Vorgängerproduktionen an. Der Vollständigkeit halber: Bei den Musical-Produktionen der spotlight musicals GmbH gibt es kein Live-Orchester, hat es bisher noch nie gegeben, damit kann man auch durchaus leben. Der Orchestergraben im Schlosstheater Fulda ist mit zusätzlichen Sitzreihen geschlossen, was sicherlich auch aus Kostengründen geschehen sein dürfte. Allerdings bekommt man zu ähnlichen Ticketpreisen Sommer-Musicalaufführungen mit 18- („Cats“ in Koblenz) bzw. 19-köpfigem Live-Orchester („Cabaret“ in Bad Hersfeld) geboten, so dass sich das Argument der höheren Produktionskosten deutlich relativiert.

Claudius Ruppel und Anna Thorén; © spotlight musicals GmbH

Friedrich Rau gibt sowohl in der Rolle des Schriftstellers Robert Louis Stevenson als auch als Doktor Livesey in der Piratengeschichte, sowie schließlich, nachdem der Schriftsteller von Fanny Osbourne zurückgewiesen wurde, als totgeglaubter Ben Gunn eine überzeugende Vorstellung ab. Fest entschlossen, Schriftsteller werden zu wollen, lässt er sich weder vom Vater noch von Krankheit oder Konventionen unterkriegen. Auch der 14-jährige Claudius Ruppel, der sich die tragende Doppelrolle von Llyod Osbourne, Fannys Sohn aus erster Ehe mit Samuel Osbourne, und Jim Hawkins mit Benjamin Klein und Paula Weber teilt, weiß am Premierenabend im souveränen Zusammenspiel mit den erwachsenen Darstellern für sich einzunehmen und meistert seinen Part mit Bravour. Die gebürtige Schwedin Anna Thorén verzaubert als emanzipierte Amerikanerin Fanny Osbourne und verwitwete Wirtin Mrs. Hawkins das Publikum mit ihrer schönen Stimme, wobei ihr Solo „Übers weite Meer“ durchaus zu den musikalischen Höhepunkten des Abends zu zählen ist. Andreas Lichtenberger scheint die Rolle des zwiespältigen, einbeinigen Piraten Long John Silver als „Hansdampf in allen Gassen“ wie auf den Leib geschrieben zu sein, der aber durchaus auch väterliche Gefühle für Jim Hawkins an den Tag legt, was ihm sicherlich zusätzliche Sympathiepunkte beim Publikum einträgt, und zum Ende – für den ein oder anderen womöglich zu pathetisch – an Bord der „Hispaniola“ tatsächlich die Figur von Llyods leiblichem Vater Samuel Osbourne verkörpert. Norbert Lamla stellt in der festen Überzeugung, am besten zu wissen, was gut und richtig ist, als Thomas Stevenson, Roberts strenger Vater/Kapitän Smollett hohe Anforderungen an seinen Sohn/die Mannschaft der „Hispaniola“, was er auch gesanglich mit seinem Solo „Ich bin das Kommando“ unterstreicht. Lutz Standop als Friedensrichter Squire Trelawney und Frank Logemann als Israel Hands/Billy Bones sollen an dieser Stelle ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Ein spielfreudiges, auf hohem Niveau agierendes Ensemble macht in Verbindung mit den Choreografien von Michael Matej auch die Ensembleszenen in Bristol und auf See zu einem echten Hingucker.

Friedrich Rau; © spotlight musicals GmbH

Am Ende der zweidreiviertelstündigen Premiere gab es vom begeisterten Publikum, das dem Geschehen auf der Bühne vom ersten Augenblick an beinahe euphorisch gefolgt ist, lang anhaltenden Stehapplaus für Darsteller und Kreative, von denen lediglich Dennis Martin und Christoph Jilo auf die Bühne kamen. Bis zum 16. August 2015 stehen beim Musicalsommer Fulda insgesamt 36 Vorstellungen von „Die Schatzinsel – Das Musical“ auf dem Spielplan. Für den Musicalsommer Fulda 2016 ist die Uraufführung von „Der Medicus – Das Musical“ nach dem gleichnamigen Weltbestseller von Noah Gordon geplant, eine Wiederaufnahme von „Die Schatzinsel – Das Musical“ ist bisher nicht vorgesehen.

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